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VIERTE SZENE
Eva ist auf die Strasse getreten, hat sich schüchtern der Werkstatt genähert und steht jetzt unbemerkt an der Tür bei Sachs

EVA
Gut'n Abend, Meister! Noch so fleissig?

SACHS
fährt angenehm überrascht auf
Ei, Kind!
Lieb Evchen! Noch so spät?
Und doch, warum so spät noch, weiss ich:
die neuen Schuh'?

EVA
Wie fehl er rät!
Die Schuh' hab ich noch gar nicht probiert;
sie sind so schön und reich geziert,
dass ich sie noch nicht an die Füss' mir getraut.
Sie setzt sich dicht neben Sachs auf den Steinsitz

SACHS
Doch sollst sie morgen tragen als Braut?

EVA
Wer wäre denn Bräutigam?

SACHS
Weiss ich das?

EVA
Wie wisst Ihr dann, dass ich Braut?

SACHS
Ei was! - Das weiss die Stadt.

EVA
Ja, weiss es die Stadt,
Freund Sachs gute Gewähr dann hat.
Ich dacht', er wüsst' mehr.

SACHS
Was sollt' ich wissen?

EVA
Ei seht doch! Werd ich's ihm sagen müssen?
Ich bin wohl recht dumm?

SACHS
Das sag ich nicht.

EVA
Dann wärt Ihr wohl klug?

SACHS
Das weiss ich nicht.

EVA
Ihr wisst nichts? Ihr sagt nichts? Ei, Freund Sachs,
jetzt merk' ich wahrlich, Pech ist kein Wachs.
Ich hätt' Euch für feiner gehalten.

SACHS
Kind,
beid', Wachs und Pech, vertraut mir sind.
Mit Wachs strich ich die seid'nen Fäden,
damit ich dir die zieren Schuh' gefasst:
heut fass ich die Schuh' mit dicht'ren Drähten,
da gilt's mit Pech für den derb'ren Gast.

EVA
Wer ist denn der? Wohl was Recht's?

SACHS
Das mein' ich!
Ein Meister, stolz auf Freiers Fuss,
denkt morgen zu siegen ganz alleinig:
Herrn Beckmessers Schuh' ich richten muss.

EVA
So nehmt nur tüchtig Pech dazu:
da kleb' er drin und lass' mir Ruh'!

SACHS
Er hofft dich sicher zu ersingen.

EVA
Wieso denn der?

SACHS
Ein Junggesell:
‘s gibt deren wenig dort zur Stell'.

EVA
Könnt's einem Witwer nicht gelingen?

SACHS
Mein Kind, der wär' zu alt für dich.

EVA
Ei, was! Zu alt? Hier gilt's der Kunst,
wer sie versteht, der werb' um mich!

SACHS
Lieb' Evchen! Machst mir blauen Dunst?

EVA
Nicht ich! Ihr seid's; Ihr macht mir Flausen!
Gesteht nur, dass Ihr wandelbar;
Gott weiss, wer Euch jetzt im Herzen mag hausen,
glaubt' ich mich doch drin so manches Jahr.

SACHS
Wohl, da ich dich gern auf den Armen trug?

EVA
Ich seh', ‘s war nur, weil Ihr kinderlos.

SACHS
Hatt' einst ein Weib und Kinder genug.

EVA
Doch starb Eure Frau, so wuchs ich gross.

SACHS
Gar gross und schön!

EVA
Da dacht' ich aus,
Ihr nähmt mich für Weib und Kind ins Haus.

SACHS
Da hätt' ich ein Kind und auch ein Weib!
‘s wär ein lieber Zeitvertreib!
Ja, ja! Das hast du dir schön erdacht.

EVA
Ich glaub', der Meister mich gar verlacht?
Am End' auch liess' er sich gar gefallen,
dass unter der Nas' ihm weg vor allen
der Beckmesser morgen mich ersäng'?

SACHS
Wer sollt's ihm wehren, wenn's ihm geläng'?
Dem wüsst' allein dein Vater Rat.

EVA
Wo so ein Meister den Kopf nur hat!
Käm' ich zu Euch wohl, fänd' ich's zu Haus?

SACHS
trocken
Ach ja! Hast recht! ‘s ist im Kopf mir kraus.
Hab heut manch' Sorg' und Wirr' erlebt:
da mag's dann sein, dass was drin klebt.

EVA
wieder näher rückend
Wohl in der Singschul'? ‘s war heut Gebot.

SACHS
Ja, Kind! Eine Freiung machte mir Not.

EVA
Ja, Sachs! Das hättet Ihr gleich soll'n sagen;
quält Euch dann nicht mit unnützen Fragen.
Nun sagt, wer war's, der Freiung begehrt?

SACHS
Ein Junker, Kind, gar unbelehrt.

EVA
wie heimlich
Ein Ritter? Mein, sagt!
Und ward er gefreit?

SACHS
Nichts da, mein Kind! ‘s gab gar viel Streit.

EVA
So sagt! Erzählt, wie ging es zu?
Macht's Euch Sorg', wie liess' mir es Ruh'?
So bestand er übel und hat vertan?

SACHS
Ohne Gnad' versang der Herr Rittersmann.

MAGDALENE
kommt zum Hause heraus und ruft leise
Pst! Evchen! Pst!

EVA
eifrig zu Sachs gewandt
Ohne Gnade? Wie?
Kein Mittel gäb's, das ihm gedieh?
Sang er so schlecht, so fehlervoll,
dass nichts mehr zum Meister ihm helfen soll?

SACHS
Mein Kind, für den ist alles verloren,
und Meister wird der in keinem Land;
denn wer als Meister geboren,
der hat unter Meistern den schlimmsten Stand.

MAGDALENE
vernehmlicher rufend
Der Vater verlangt.

EVA
immer dringender zu Sachs
So sagt mir noch an,
ob keinen der Meister zum Freund er gewann?

SACHS
Das wär' nicht übel! Freund ihm noch sein!
Ihm, vor dem sich alle fühlten so klein?
Den Junker Hochmut, lasst ihn laufen,
mag er durch die Welt sich raufen;
was wir erlernt mit Not und Müh',
dabei lasst uns in Ruh' verschnaufen:
hier renn' er uns nichts über'n Haufen,
sein Glück ihm anderswo erblüh'!

EVA
erhebt sich zornig
Ja, anderswo soll's ihm erblühn
als bei euch garst'gen, neid'schen Mannsen;
wo warm die Herzen noch erglühen,
trotz allen tück'schen Meister Hansen! -
zu Magdalene
Gleich, Lene, gleich! Ich komme schon!
Was trüg' ich hier für Trost davon?
Da riecht's nach Pech, dass Gott erbarm'!
Brennt' er's lieber, da würd' er doch warm!

Sie geht sehr aufgeregt mit Magdalene über die Strasse hinüber und verweilt in grosser Unruhe unter der Tür des Hauses

SACHS
sieht ihr mit bedeutungsvollem Kopfnicken nach
Das dacht' ich wohl. Nun heisst's:
schaff Rat!
Er ist während des Folgenden damit beschäftigt, auch die obere Ladentüre so weit zu schiessen dass sie nur ein wenig Licht noch durchlässt er selbst verschwindet so fast gänzlich

MAGDALENE
Hilf Gott! Wo bliebst du nur so spat? Der Vater rief.

EVA
Geh zu ihm ein:
ich sei zu Bett im Kämmerlein.

MAGDALENE
Nicht doch! Hör mich! Komm ich dazu?
Beckmesser fand mich, er lässt nicht Ruh',
zur Nacht sollst du dich ans Fenster neigen,
er will dir was Schönes singen und geigen,
mit dem er dich hofft zu gewinnen, das Lied,
ob das dir nach Gefallen geriet.

EVA
Das fehlte auch noch! - Käme nur er!

MAGDALENE
Hast David gesehn?

EVA
Was soll mir der?
Sie späht aus

MAGDALENE
für sich
Ich war zu streng; er wird sich grämen.

EVA
Siehst du noch nichts?

MAGDALENE
tut, als spähe sie
‘s ist, als ob Leut' dort kämen.

EVA
Wär' er's?

MAGDALENE
Mach und komm jetzt hinan!

EVA
Nicht eh'r, bis ich sah den teuersten Mann!

MAGDALENE
Ich täuschte mich dort, er war es nicht.
Jetzt komm, sonst merkt der Vater die Geschicht'!

EVA
Ach, meine Angst!

MAGDALENE
Auch lass uns beraten, wie wir des Beckmessers uns entladen.

EVA
Zum Fenster gehst du für mich.
Sie lauscht

MAGDALENE
Wie, ich? -
für sich
Das machte wohl David eiferlich?
Er schläft nach der Gassen! Hihi, ‘s wär' fein!

EVA
Da hör' ich Schritte.

MAGDALENE
zu Eva
Jetzt komm, es muss sein!

EVA
Jetzt näher!

MAGDALENE
Du irrst! ‘s ist nichts, ich wett'.
Ei, komm! Du musst, bis der Vater zu Bett.

POGNERS STIMME
von innen
He! Lene! Eva!

MAGDALENE
‘s ist höchste Zeit!
Hörst du's? Komm! Dein Ritter ist weit.
Sie zieht die sich sträubende Eva am Arm die Stufen zur Tür hinauf


FÜNFTE SZENE
Walther ist die Gasse heraufgekommen; jetzt biegt er um die Ecke herum: Eva erblickt ihn, reisst sich von Magdalene los und stürzt Walther auf die Strasse entgegen

EVA
Da ist er!

MAGDALENE
Da haben wir's! Nun heisst's:
gescheit!
Sie geht eilig in das Haus

EVA
ausser sich
Ja, Ihr seid es! Nein, du bist es!
Alles sag' ich, denn Ihr wisst es;
alles klag' ich, denn ich weiss es;
Ihr seid beides, Held des Preises
und mein einz'ger Freund!

WALTHER
leidenschaftlich
Ach, du irrst! Bin nur dein Freund, doch des Preises
noch nicht würdig, nicht den Meistern ebenbürtig.
Mein Begeistern fand Verachten,
und, ich weiss es, darf nicht trachten
nach der Freundin Hand!

EVA
Wie du irrst! Der Freundin Hand,
erteilt nur sie den Preis,
wie deinen Mut ihr Herz erfand,
reicht sie nur dir das Reis.

WALTHER
Ach nein, du irrst! Der Freundin Hand,
wär' keinem sie erkoren;
wie sie des Vaters Wille band,
mir war sie doch verloren.
»Ein Meistersinger muss er sein,
nur wen Ihr krönt, den darf sie frein!«
So sprach er festlich zu den Herr'n,
kann nicht zurück, möcht' er auch gern!
Das eben gab mir Mut;
wie ungewohnt mir alles schien,
ich sang voll Lieb' und Glut,
dass ich den Meisterschlag verdien'.
Doch diese Meister!
wütend
Ha, diese Meister!
Dieser Reim-Gesetze Leimen und Kleister!
Mir schwillt die Galle,
das Herz mir stockt,
denk' ich der Falle,
darein ich gelockt!
Fort in die Freiheit!
Da hin gehör' ich,
da, wo ich Meister im Haus!
Soll ich dich frei'n heut,
dich nun beschwör' ich,
komm und folg mir hinaus!
Nichts steht zu hoffen;
keine Wahl ist offen!
Überall Meister,
wie böse Geister
seh' ich sich rotten,
mich zu verspotten:
mit den Gewerken,
aus den Gemerken,
aus allen Ecken,
auf allen Flecken
seh' ich zu Haufen
Meister nur laufen,
mit höhnendem Nicken
frech auf dich blicken,
in Kreisen und Ringeln
dich umzingeln,
näselnd und kreischend
zur Braut dich heischend,
als Meisterbuhle
auf dem Singestuhle,
zitternd und bebend,
hoch dich erhebend!
Und ich ertrüg' es, sollt' es nicht wagen,
gradaus tüchtig d'rein zu schlagen?
Man hört den starken Ruf eines Nachtwächterhorns
Ha! ...

Er hat mit emphatischer Gebärde die Hand an das Schwert gelegt und starrt wild vor sich hin

EVA
fasst ihn besänftigend bei der Hand
Geliebter, spare den Zorn!
‘s war nur des Nachtwächters Horn.
Unter der Linde birg dich geschwinde;
hier kommt der Wächter vorbei.

MAGDALENE
ruft leise unter der Tür
Evchen! ‘s ist Zeit:
mach dich frei!

WALTHER
Du fliehst?

EVA
lächelnd
Muss ich denn nicht?

WALTHER
Entweichst?

EVA
mit zarter Bestimmtheit
Dem Meistergericht.

Sie verschwindet mit Magdalene im Hause

Der NACHTWÄCHTER
ist währenddem in der Gasse erschienen, kommt singend nach vorn, biegt um die Ecke von Pogners Haus und geht nach links ab
Hört, ihr Leut', und lasst euch sagen,
die Glock' hat zehn geschlagen:
bewahrt das Feuer und auch das Licht,
damit niemand kein Schad' geschicht!
Lobet Gott den Herrn!

SACHS
welcher hinter der Ladentür dem Gespräche gelauscht, öffnet jetzt, bei eingezogenem Lampenlicht, ein wenig mehr
Üble Dinge, die ich da merk':
eine Entführung gar im Werk!
Aufgepasst! Das darf nicht sein!

WALTHER
hinter der Linde
Käm' sie nicht wieder? o der Pein! -
Eva kommt in Magdalenes Kleidung aus dem Hause; die Gestalt gewahrend
Doch ja, sie kommt dort! -
Weh mir, nein! Die Alte ist's! -
Eva erblickt Walther und eilt auf ihn zu
Doch aber - ja!

EVA
Das tör'ge Kind:
da hast du's! Da!
Sie wirft sich ihm heiter an die Brust

WALTHER
hingerissen
O Himmel! Ja, nun wohl ich weiss,
dass ich gewann den Meisterpreis!

EVA
Doch nun kein Besinnen! Von hinnen! Von hinnen!
o wären wir schon fort!

WALTHER
Hier durch die Gasse:
dort
finden wir vor dem Tor Knecht und Rosse vor.
Nachtwächterhorn entfernt. Als sich beide wenden, um in die Gasse einzubiegen, lässt Sachs, nachdem er die Lampe hinter eine Glaskugel gestellt, durch die ganz wieder geöffnete Ladentür einen grellen Lichtschein quer über die Strasse fallen, so dass Eva und Walther sich plötzlich hell beleuchtet sehen

EVA
Walther hastig zurückziehend
O weh, der Schuster!
Wenn er uns säh'!
Birg dich! Komm ihm nicht in die Näh'!

WALTHER
Welch and'rer Weg führt uns hinaus?

EVA
Dort durch die Strasse:
doch der ist kraus,
ich kenn' ihn nicht gut;
auch stiessen wir dort auf den Wächter.

WALTHER
Nun denn:
durch die Gasse!

EVA
Der Schuster muss erst vom Fenster fort.

WALTHER:
Ich zwing' ihn, dass er's verlasse.

EVA
Zeig dich ihm nicht:
er kennt dich!

WALTHER
Der Schuster?

EVA
‘s ist Sachs!

WALTHER
Hans Sachs? Mein Freund!

EVA
Glaub's nicht! Von dir Übles zu sagen nur wusst' er.

WALTHER
Wie, Sachs? Auch er? Ich lösch' ihm das Licht.
VIERTE SZENE
Eva ist auf die Strasse getreten, hat sich schüchtern der Werkstatt genähert und steht jetzt unbemerkt an der Tür bei Sachs

EVA
Gut'n Abend, Meister! Noch so fleissig?

SACHS
fährt angenehm überrascht auf
Ei, Kind!
Lieb Evchen! Noch so spät?
Und doch, warum so spät noch, weiss ich:
die neuen Schuh'?

EVA
Wie fehl er rät!
Die Schuh' hab ich noch gar nicht probiert;
sie sind so schön und reich geziert,
dass ich sie noch nicht an die Füss' mir getraut.
Sie setzt sich dicht neben Sachs auf den Steinsitz

SACHS
Doch sollst sie morgen tragen als Braut?

EVA
Wer wäre denn Bräutigam?

SACHS
Weiss ich das?

EVA
Wie wisst Ihr dann, dass ich Braut?

SACHS
Ei was! - Das weiss die Stadt.

EVA
Ja, weiss es die Stadt,
Freund Sachs gute Gewähr dann hat.
Ich dacht', er wüsst' mehr.

SACHS
Was sollt' ich wissen?

EVA
Ei seht doch! Werd ich's ihm sagen müssen?
Ich bin wohl recht dumm?

SACHS
Das sag ich nicht.

EVA
Dann wärt Ihr wohl klug?

SACHS
Das weiss ich nicht.

EVA
Ihr wisst nichts? Ihr sagt nichts? Ei, Freund Sachs,
jetzt merk' ich wahrlich, Pech ist kein Wachs.
Ich hätt' Euch für feiner gehalten.

SACHS
Kind,
beid', Wachs und Pech, vertraut mir sind.
Mit Wachs strich ich die seid'nen Fäden,
damit ich dir die zieren Schuh' gefasst:
heut fass ich die Schuh' mit dicht'ren Drähten,
da gilt's mit Pech für den derb'ren Gast.

EVA
Wer ist denn der? Wohl was Recht's?

SACHS
Das mein' ich!
Ein Meister, stolz auf Freiers Fuss,
denkt morgen zu siegen ganz alleinig:
Herrn Beckmessers Schuh' ich richten muss.

EVA
So nehmt nur tüchtig Pech dazu:
da kleb' er drin und lass' mir Ruh'!

SACHS
Er hofft dich sicher zu ersingen.

EVA
Wieso denn der?

SACHS
Ein Junggesell:
‘s gibt deren wenig dort zur Stell'.

EVA
Könnt's einem Witwer nicht gelingen?

SACHS
Mein Kind, der wär' zu alt für dich.

EVA
Ei, was! Zu alt? Hier gilt's der Kunst,
wer sie versteht, der werb' um mich!

SACHS
Lieb' Evchen! Machst mir blauen Dunst?

EVA
Nicht ich! Ihr seid's; Ihr macht mir Flausen!
Gesteht nur, dass Ihr wandelbar;
Gott weiss, wer Euch jetzt im Herzen mag hausen,
glaubt' ich mich doch drin so manches Jahr.

SACHS
Wohl, da ich dich gern auf den Armen trug?

EVA
Ich seh', ‘s war nur, weil Ihr kinderlos.

SACHS
Hatt' einst ein Weib und Kinder genug.

EVA
Doch starb Eure Frau, so wuchs ich gross.

SACHS
Gar gross und schön!

EVA
Da dacht' ich aus,
Ihr nähmt mich für Weib und Kind ins Haus.

SACHS
Da hätt' ich ein Kind und auch ein Weib!
‘s wär ein lieber Zeitvertreib!
Ja, ja! Das hast du dir schön erdacht.

EVA
Ich glaub', der Meister mich gar verlacht?
Am End' auch liess' er sich gar gefallen,
dass unter der Nas' ihm weg vor allen
der Beckmesser morgen mich ersäng'?

SACHS
Wer sollt's ihm wehren, wenn's ihm geläng'?
Dem wüsst' allein dein Vater Rat.

EVA
Wo so ein Meister den Kopf nur hat!
Käm' ich zu Euch wohl, fänd' ich's zu Haus?

SACHS
trocken
Ach ja! Hast recht! ‘s ist im Kopf mir kraus.
Hab heut manch' Sorg' und Wirr' erlebt:
da mag's dann sein, dass was drin klebt.

EVA
wieder näher rückend
Wohl in der Singschul'? ‘s war heut Gebot.

SACHS
Ja, Kind! Eine Freiung machte mir Not.

EVA
Ja, Sachs! Das hättet Ihr gleich soll'n sagen;
quält Euch dann nicht mit unnützen Fragen.
Nun sagt, wer war's, der Freiung begehrt?

SACHS
Ein Junker, Kind, gar unbelehrt.

EVA
wie heimlich
Ein Ritter? Mein, sagt!
Und ward er gefreit?

SACHS
Nichts da, mein Kind! ‘s gab gar viel Streit.

EVA
So sagt! Erzählt, wie ging es zu?
Macht's Euch Sorg', wie liess' mir es Ruh'?
So bestand er übel und hat vertan?

SACHS
Ohne Gnad' versang der Herr Rittersmann.

MAGDALENE
kommt zum Hause heraus und ruft leise
Pst! Evchen! Pst!

EVA
eifrig zu Sachs gewandt
Ohne Gnade? Wie?
Kein Mittel gäb's, das ihm gedieh?
Sang er so schlecht, so fehlervoll,
dass nichts mehr zum Meister ihm helfen soll?

SACHS
Mein Kind, für den ist alles verloren,
und Meister wird der in keinem Land;
denn wer als Meister geboren,
der hat unter Meistern den schlimmsten Stand.

MAGDALENE
vernehmlicher rufend
Der Vater verlangt.

EVA
immer dringender zu Sachs
So sagt mir noch an,
ob keinen der Meister zum Freund er gewann?

SACHS
Das wär' nicht übel! Freund ihm noch sein!
Ihm, vor dem sich alle fühlten so klein?
Den Junker Hochmut, lasst ihn laufen,
mag er durch die Welt sich raufen;
was wir erlernt mit Not und Müh',
dabei lasst uns in Ruh' verschnaufen:
hier renn' er uns nichts über'n Haufen,
sein Glück ihm anderswo erblüh'!

EVA
erhebt sich zornig
Ja, anderswo soll's ihm erblühn
als bei euch garst'gen, neid'schen Mannsen;
wo warm die Herzen noch erglühen,
trotz allen tück'schen Meister Hansen! -
zu Magdalene
Gleich, Lene, gleich! Ich komme schon!
Was trüg' ich hier für Trost davon?
Da riecht's nach Pech, dass Gott erbarm'!
Brennt' er's lieber, da würd' er doch warm!

Sie geht sehr aufgeregt mit Magdalene über die Strasse hinüber und verweilt in grosser Unruhe unter der Tür des Hauses

SACHS
sieht ihr mit bedeutungsvollem Kopfnicken nach
Das dacht' ich wohl. Nun heisst's:
schaff Rat!
Er ist während des Folgenden damit beschäftigt, auch die obere Ladentüre so weit zu schiessen dass sie nur ein wenig Licht noch durchlässt er selbst verschwindet so fast gänzlich

MAGDALENE
Hilf Gott! Wo bliebst du nur so spat? Der Vater rief.

EVA
Geh zu ihm ein:
ich sei zu Bett im Kämmerlein.

MAGDALENE
Nicht doch! Hör mich! Komm ich dazu?
Beckmesser fand mich, er lässt nicht Ruh',
zur Nacht sollst du dich ans Fenster neigen,
er will dir was Schönes singen und geigen,
mit dem er dich hofft zu gewinnen, das Lied,
ob das dir nach Gefallen geriet.

EVA
Das fehlte auch noch! - Käme nur er!

MAGDALENE
Hast David gesehn?

EVA
Was soll mir der?
Sie späht aus

MAGDALENE
für sich
Ich war zu streng; er wird sich grämen.

EVA
Siehst du noch nichts?

MAGDALENE
tut, als spähe sie
‘s ist, als ob Leut' dort kämen.

EVA
Wär' er's?

MAGDALENE
Mach und komm jetzt hinan!

EVA
Nicht eh'r, bis ich sah den teuersten Mann!

MAGDALENE
Ich täuschte mich dort, er war es nicht.
Jetzt komm, sonst merkt der Vater die Geschicht'!

EVA
Ach, meine Angst!

MAGDALENE
Auch lass uns beraten, wie wir des Beckmessers uns entladen.

EVA
Zum Fenster gehst du für mich.
Sie lauscht

MAGDALENE
Wie, ich? -
für sich
Das machte wohl David eiferlich?
Er schläft nach der Gassen! Hihi, ‘s wär' fein!

EVA
Da hör' ich Schritte.

MAGDALENE
zu Eva
Jetzt komm, es muss sein!

EVA
Jetzt näher!

MAGDALENE
Du irrst! ‘s ist nichts, ich wett'.
Ei, komm! Du musst, bis der Vater zu Bett.

POGNERS STIMME
von innen
He! Lene! Eva!

MAGDALENE
‘s ist höchste Zeit!
Hörst du's? Komm! Dein Ritter ist weit.
Sie zieht die sich sträubende Eva am Arm die Stufen zur Tür hinauf


FÜNFTE SZENE
Walther ist die Gasse heraufgekommen; jetzt biegt er um die Ecke herum: Eva erblickt ihn, reisst sich von Magdalene los und stürzt Walther auf die Strasse entgegen

EVA
Da ist er!

MAGDALENE
Da haben wir's! Nun heisst's:
gescheit!
Sie geht eilig in das Haus

EVA
ausser sich
Ja, Ihr seid es! Nein, du bist es!
Alles sag' ich, denn Ihr wisst es;
alles klag' ich, denn ich weiss es;
Ihr seid beides, Held des Preises
und mein einz'ger Freund!

WALTHER
leidenschaftlich
Ach, du irrst! Bin nur dein Freund, doch des Preises
noch nicht würdig, nicht den Meistern ebenbürtig.
Mein Begeistern fand Verachten,
und, ich weiss es, darf nicht trachten
nach der Freundin Hand!

EVA
Wie du irrst! Der Freundin Hand,
erteilt nur sie den Preis,
wie deinen Mut ihr Herz erfand,
reicht sie nur dir das Reis.

WALTHER
Ach nein, du irrst! Der Freundin Hand,
wär' keinem sie erkoren;
wie sie des Vaters Wille band,
mir war sie doch verloren.
»Ein Meistersinger muss er sein,
nur wen Ihr krönt, den darf sie frein!«
So sprach er festlich zu den Herr'n,
kann nicht zurück, möcht' er auch gern!
Das eben gab mir Mut;
wie ungewohnt mir alles schien,
ich sang voll Lieb' und Glut,
dass ich den Meisterschlag verdien'.
Doch diese Meister!
wütend
Ha, diese Meister!
Dieser Reim-Gesetze Leimen und Kleister!
Mir schwillt die Galle,
das Herz mir stockt,
denk' ich der Falle,
darein ich gelockt!
Fort in die Freiheit!
Da hin gehör' ich,
da, wo ich Meister im Haus!
Soll ich dich frei'n heut,
dich nun beschwör' ich,
komm und folg mir hinaus!
Nichts steht zu hoffen;
keine Wahl ist offen!
Überall Meister,
wie böse Geister
seh' ich sich rotten,
mich zu verspotten:
mit den Gewerken,
aus den Gemerken,
aus allen Ecken,
auf allen Flecken
seh' ich zu Haufen
Meister nur laufen,
mit höhnendem Nicken
frech auf dich blicken,
in Kreisen und Ringeln
dich umzingeln,
näselnd und kreischend
zur Braut dich heischend,
als Meisterbuhle
auf dem Singestuhle,
zitternd und bebend,
hoch dich erhebend!
Und ich ertrüg' es, sollt' es nicht wagen,
gradaus tüchtig d'rein zu schlagen?
Man hört den starken Ruf eines Nachtwächterhorns
Ha! ...

Er hat mit emphatischer Gebärde die Hand an das Schwert gelegt und starrt wild vor sich hin

EVA
fasst ihn besänftigend bei der Hand
Geliebter, spare den Zorn!
‘s war nur des Nachtwächters Horn.
Unter der Linde birg dich geschwinde;
hier kommt der Wächter vorbei.

MAGDALENE
ruft leise unter der Tür
Evchen! ‘s ist Zeit:
mach dich frei!

WALTHER
Du fliehst?

EVA
lächelnd
Muss ich denn nicht?

WALTHER
Entweichst?

EVA
mit zarter Bestimmtheit
Dem Meistergericht.

Sie verschwindet mit Magdalene im Hause

Der NACHTWÄCHTER
ist währenddem in der Gasse erschienen, kommt singend nach vorn, biegt um die Ecke von Pogners Haus und geht nach links ab
Hört, ihr Leut', und lasst euch sagen,
die Glock' hat zehn geschlagen:
bewahrt das Feuer und auch das Licht,
damit niemand kein Schad' geschicht!
Lobet Gott den Herrn!

SACHS
welcher hinter der Ladentür dem Gespräche gelauscht, öffnet jetzt, bei eingezogenem Lampenlicht, ein wenig mehr
Üble Dinge, die ich da merk':
eine Entführung gar im Werk!
Aufgepasst! Das darf nicht sein!

WALTHER
hinter der Linde
Käm' sie nicht wieder? o der Pein! -
Eva kommt in Magdalenes Kleidung aus dem Hause; die Gestalt gewahrend
Doch ja, sie kommt dort! -
Weh mir, nein! Die Alte ist's! -
Eva erblickt Walther und eilt auf ihn zu
Doch aber - ja!

EVA
Das tör'ge Kind:
da hast du's! Da!
Sie wirft sich ihm heiter an die Brust

WALTHER
hingerissen
O Himmel! Ja, nun wohl ich weiss,
dass ich gewann den Meisterpreis!

EVA
Doch nun kein Besinnen! Von hinnen! Von hinnen!
o wären wir schon fort!

WALTHER
Hier durch die Gasse:
dort
finden wir vor dem Tor Knecht und Rosse vor.
Nachtwächterhorn entfernt. Als sich beide wenden, um in die Gasse einzubiegen, lässt Sachs, nachdem er die Lampe hinter eine Glaskugel gestellt, durch die ganz wieder geöffnete Ladentür einen grellen Lichtschein quer über die Strasse fallen, so dass Eva und Walther sich plötzlich hell beleuchtet sehen

EVA
Walther hastig zurückziehend
O weh, der Schuster!
Wenn er uns säh'!
Birg dich! Komm ihm nicht in die Näh'!

WALTHER
Welch and'rer Weg führt uns hinaus?

EVA
Dort durch die Strasse:
doch der ist kraus,
ich kenn' ihn nicht gut;
auch stiessen wir dort auf den Wächter.

WALTHER
Nun denn:
durch die Gasse!

EVA
Der Schuster muss erst vom Fenster fort.

WALTHER:
Ich zwing' ihn, dass er's verlasse.

EVA
Zeig dich ihm nicht:
er kennt dich!

WALTHER
Der Schuster?

EVA
‘s ist Sachs!

WALTHER
Hans Sachs? Mein Freund!

EVA
Glaub's nicht! Von dir Übles zu sagen nur wusst' er.

WALTHER
Wie, Sachs? Auch er? Ich lösch' ihm das Licht.



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