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DRITTER AKT

FÜNFTES BILD
Im Hintergrund, Mitte, Sessel des Hauptrichters mit Tisch. Links und rechts Sessel für Beisitzer. In der Mitte über dem Sessel Gobelin mit dem Bildnis des fünfklauigen Drachen. Rechts und links daneben schmale Fahnen mit chinesischem Schriftzeichen. Vor dem Sessel des Richters ist ein Kreidekreis gezogen, in den die Angeklagte zu knien hat. Links und rechts im Vordergrund der Raum für Zeugen und Publikum, vom Mittelraum durch Barrieren getrennt. Tschu-tschu, der Richter, sitzt auf dem Richterstuhl und frühstückt

TSCHU-TSCHU
Mein Name ist Tschu-tschu. Ich bin der von Seiner Kaiserlichen Himmlischen Majestät
erhebt sich, setzt sich wieder
eingesetzte oberste Richter von Tscheu-kong. Das Publikum erwarte deshalb nicht, von mir mit der üblichen Devotion begrüsst zu werden. Ich neige weder meine Knie noch meine Stirn vor einer derartigen Gesellschaft miserabler Kreaturen, wie ich sie hier zu meinem Abscheu versammelt sehe. Um neun Uhr sollen die Gerichtsverhandlungen beginnen, jetzt will ich erst einmal in Ruhe frühstücken.
Er knabbert an Früchten, beisst in ein Brot.
Das Frühstück gehört zu den angenehmsten Dingen des Lebens. Mit vollem Magen kann man einen Angeklagten, einen Dieb etwa, der aus Hunger gestohlen, nochmal so leicht und mit doppelt gutem Gewissen zum Galgen verurteilen. - Heute bin ich leider ein wenig verkatert. Ich habe Kopfweh. Ich habe die Nacht im Hause des Herrn Tong verbracht in Gemeinschaft mit drei reizenden Mädchen Yü, Yei, Yau. Sie haben mich mit Gong, Flöte und Geige in den Schlaf musiziert, nachdem wir Reiswein in erheblichen Portionen zu uns genommen und die reizende Yau mir mit Seele und Leib, besonders Leib, hihi, angehört hatte. Ich habe hier eine kleine, farbige Tuschzeichnung, welche die drei Mädchen völlig unbekleidet in allerlei verfänglichen Stellungen zeigt. Die will ich mir jetzt in Musse betrachten, indem ich mich würdig auf den heutigen Abend vorbereite. Der Nacken von Yü, alle Achtung! Aber die Schenkel von Yau, auch nicht zu verachten! Aber erst die kleinen Brüste von Yei, ihnen muss ich doch den Preis zuerkennen!

Tschao tritt ein

TSCHAO
Ich bitte um Vergebung, wenn ich Sie in Ihrer Meditation störe, Exzellenz. Frau Ma, die Klägerin in dem ersten der heute angesagten Prozesse, beauftragt mich, Ihnen als Zeichen ihrer devotesten Unterwürfigkeit unter Eurer Exzellenz richterliche Einsicht diesen kleinen Beutel übersenden zu dürfen.
Überreicht ihm einen Beutel mit Gold und zieht sich zurück

TSCHU-TSCHU
lässt das Gold über den Tisch rollen
Gold - Gold - keine schönere Musik, als wenn Gold über den harten Tisch rollt. Es klingt wie Pagodenglocken. Beim Geläut des Goldes werde ich förmlich fromm. Frau Ma ist eine überaus freigebige Dame. Sie dürfte ihr Recht finden. Jetzt will ich mich aber noch ein wenig in das Strafgesetzbuch vertiefen
packt das Gold und sein Frühstückszeug zusammen
und mich in das Beratungszimmer zurückziehen. Die Paragraphen über Beamtenbestechung werden mir keine Kopfschmerzen machen. Ich entferne sie einfach, ritsch, ratsch,
reisst Blätter beraus
aus meinem Buch. Da ich jedesmal dieses Buch, Gesetze und Verordnungen des Herrscherhauses der Mantschu, beschwöre, danach Recht zu sprechen, so werde ich keinen Meineid leisten, und mein Herz ist rein wie die Wolle eines jungen Lämmchens.
Ab durch eine Tapetentür im Hintergrunde

Der Raum hinter der Barriere füllt sich ganz allmählich. Frau Ma erscheint. Sie winkt einer dicken Frau, der Hebamme; zieht sie in die Mitte des Raumes

FRAU MA
Vorsicht, treten Sie nicht in den Kreidekreis, sonst werden Sie selbst angeklagt, oder der Zauberkreis bannt Sie.

HEBAMME
O je, o je, wie hab ich's nur verdient, aufs Gericht zu kommen. Die Schande, die Schande! O je, o je, mein Herz schlägt, als sollt' es mir die Brust zerschlagen. Ich habe solche Angst, Frau Ma. Was wird mit mir geschehen? Wird man mich foltern?

FRAU MA
Reden Sie keinen Unsinn. Sie sind hier nur als Zeugin geladen. Sie sollen Zeugnis ablegen, dass der Knabe Li m e i n Kind ist, und nicht das der Haitang.

HEBAMME
Aber wie soll ich Zeugnis ablegen, da es doch nicht wahr ist?

FRAU MA
Pst!

HEBAMME
War ich es doch selbst, die die Nabelschnur zwischen dem Kinde und der Frau Haitang trennte.

FRAU MA
Frau Lien, Sie irren sich! Hier haben Sie zwanzig Goldtaels, um Ihrem Gedächtnis auf die richtige Spur zu helfen.

Die Hebamme sieht das Geld lange an

HEBAMME
Frau Ma sind zu gnädig zu einer armen, alten Frau. Ja, ja, ja, ja, jetzt dämmert es mir, mir ist da in der Dämmerung eine Verwechslung unterlaufen - ich habe Sie und Haitang verwechselt! Diese Haitang ist eine stolze und hochmütige Person, und obwohl sie aus dem gleichen niedrigen Stande wie ich, hat sie nie ein freundliches Wort für mich gehabt. Immer von oben herab!

FRAU MA
Da ist es ja wohl kein Wunder, dass sie Herrn Ma,
schluchzend
meinen geliebten Mann, vergiftet hat.

HEBAMME
Vergiftet? Was Sie nicht sagen! Ja, es gibt böse Menschen auf der Welt. Da kann ja auch wohl das Kind nicht von ihr sein.

FRAU MA
Kommen Sie nach dem Prozess zu mir nach Haus, ich habe abgelegte Kleider, glänzend erhalten, es wird sich gewiss noch ein Staatskleid für Sie darunter finden.

HEBAMME
Meinen innigsten Dank, Frau Ma.
Küsst Frau Ma die Hand, ab. Frau Ma zieht zwei Kulis, verkommene Individuen, nach vorn

FRAU MA
Ihr seid doch Männer, die wissen, was sich schickt?

ZWEI KULIS
Das wollen wir meinen!
Spucken in den Saal und sprechen immer gleichzeitig

FRAU MA
Die der Gerechtigkeit zum Siege verhelfen wollen?

ZWEI KULIS
Gerechtigkeit, was ist das?

FRAU MA
Gerechtigkeit ist, wenn ich Euch hier ein paar Taels gebe und ein Päckchen Kautabak, und Ihr sagt hier als Zeugen vor Gericht das aus, was ich Euch vorsagen werde.

ZWEI KULIS
Wir haben in der Schule immer gut auswendig gelernt. Also schiessen Sie nur los.

FRAU MA
Ihr werdet also bezeugen, dass Ihr Nachbarn von Herrn Ma seid, der, als ich seinerzeit den Knaben Li gebar, ein Fest für das ganze Stadtviertel gab. Ihr müsst beschwören, dass der Knabe mein Kind, und nicht das Kind Haitangs ist.

ZWEI KULIS
Heben grinsend die Finger zum Schwur
Der Eid wird geschworen, darauf können Sie das Gift nehmen, das, wie wir hören, Haitang Herrn Ma in den Tee gerührt hat.

FRAU MA
Sie ist eine Mörderin, vergesst das nicht!
Kulis zurück in den Haufen

Die Gerichtsglocke ertönt. Die Tapetentür öffnet sich, und es erscheinen in gemessenem Zug: Tschu-tschu, Tschao und drei Richter. Sie nehmen ihre Plätze ein, bleiben stehen. Zwei Gerichtsdiener halten Zeugen und Publikum, darunter Tschang-Ling, in Schach

TSCHU-TSCHU
Im Namen Seiner Kaiserlichen Himmlischen Majestät
brabbelt unverständliches Zeug
eröffne ich die heutige Sitzung.
Die Richter setzen sich
Gerichtsdiener, führen Sie die Angeklagte herein.

Gerichtsdiener führt aus einer zweiten Tür im Hintergrund Haitang herein

TSCHU-TSCHU
Angeklagte, nehmen Sie Ihren Platz dort innerhalb des Kreidekreises.
Haitang macht einen dreimaligen Kotau und steht dann wieder aufrecht da

TSCHU-TSCHU
Herr Tschao, Sie protokollieren?

TSCHAO
Sehr wohl, Exzellenz.

TSCHU-TSCHU
Angeklagte, Sie heissen?

HAITANG
Tschang Haitang, Tochter des Tschang, Frau des hochgeborenen Herrn Ma.

FRAU MA
unterbrechend
N e b e n f r a u des hochgeborenen Herrn Ma, seine blosse Beischläferin, Konkubine sozusagen, aus einem Freudenhause aufgelesen, die Gattin ersten Ranges bin ich.

HAITANG
Ich war Herrn Ma rechtlich angetraut. Da ich ihm einen Knaben geboren hatte, der Schoss seiner ersten Gattin unfruchtbar geblieben war, gedachte er, mich in den Rang der Hauptfrau zu erheben und sich von Frau Ma zu scheiden.

FRAU MA
Sie lügt wie eine Elster. Sie hat ihm ein Kind geboren? Ei, wann denn?

SCHU-TSCHU
Beruhigen Sie sich, Frau Ma. Im Laufe der Verhandlung wird sich alles der Wahrheit gemäss herausstellen. Wer erhebt die Anklage?

FRAU MA
Ich, Yü-pei, rechtmässige Hauptgattin des verewigten Herrn Ma, klage Haitang des versuchten Kindesraubes und des vollendeten Giftmordes an Herrn Ma an.
Bewegung im Zuschauerraum

TSCHU-TSCHU
Angeklagte, was haben Sie zu dieser ausserordentlich präzisen Anklage zu bemerken?

HAITANG
leise
Ich bedaure, diese Frau Lügen strafen zu müssen. Aber es geht um mein Leben, Herr Richter, es geht um mein Kind. Herr Richter, man hat mir im Gefängnis mein Kind verweigert! Man hat mich ohne Nachricht von ihm gelassen! Li, mein Knabe, erkennst du mich?

FRAU MA
Sie heuchelt. Wie kann sie Muttergefühle vortäuschen, da ihr Schoss verdorrt ist wie ein Baum in der Wüste Gobi ohne Wasser?

HAITANG
Mein Schoss verdorrt? Ich unbegnadet? Das heiligste Recht des Weibes mir nicht verliehen? Trug ich doch unter diesem meinem Herzen meinen Knaben Li, die Erfüllung meiner Sehnsucht, die Hoffnung meines Alters. Ich blühte nur, damit ich eine Frucht trüge, die Blüte fiel ab. Die Frucht reifte in Sonne und Sturmgewitter, in Wollust und Schmerzen, Ich, die ich keine Wollust empfunden, da ich ihn empfing, ich verging vor Wollust, da ich ihn gebar. Fo hat mich begnadet, gesegnet,

TSCHU-TSCHU
Wir wollen zu diesem Punkt die Hebamme vernehmen, die der Mutter bei der Geburt des Knaben Li in ihren Wehen behilflich war. Treten Sie vor, Frau Lien!

HEBAMME
O je, o je, womit habe ich das verdient, vor dem hohen Gerichtshof erscheinen zu müssen.

TSCHAO
Fürchten Sie sich nicht. Also wie war der Hergang?

HEBAMME
Der Hergang war damals ein grosser Hin- und Hergang, als der Knabe Li geboren ward.

TSCHU-TSCHU
Frau Lien, erkennen Sie die Angeklagte?

HEBAMME
Ich kenne die Angeklagte schon. Es ist Haitang, die Nebenfrau des verstorbenen hochgeborenen Herrn Ma, Fo hab ihn selig!

TSCHU-TSCHU
Und ist sie die Mutter des Knaben Li?

HEBAMME
Sie hat den Knaben wohl oft auf den Armen getragen, gewartet und in den Schlaf gewiegt, wie es die Pflicht der Nebenfrauen ist; aber die Mutter dieses Knaben ist jene dort!
Zeigt auf Frau Ma
Obwohl das Zimmer der Wöchnerin wie üblich verhängt war, und man in der Dunkelheit die Mutter vom Kinde kaum unterscheiden konnte, so ist doch kein Zweifel, dass Frau Ma den Knaben geboren hat.

HAITANG
Frau Lien, die Wahrheit, die Wahrheit, dies Kind ist mein!

FRAU MA
Das listige Weib macht sich der Beeinflussung der Zeugin schuldig.

TSCHU-TSCHU
Man schlage die Angeklagte wegen ungebührlichen Benehmens vor Gericht. Im Wiederholungsfalle werden ihr Heisswasserschlangen angedroht. Sie wird auf Glassplittern knien, und man wird ihr die Knöchel zerquetschen.
Zwei Soldaten schlagen sie mit Ruten

HAITANG
Wie Feuer brennt mein Rücken,
Wie Sturm weht mein Atem.
Verfloge doch meines Lebens Hauch
Der Nachtschmetterling.
Das Kind beginnt zu weinen

TSCHU-TSCHU
Still! Ich rufe das Kind zur Ordnung!
zu Frau Lien
Können Sie Ihre Aussagen beschwören?

HEBAMME
Das will ich meinen!

TSCHU-TSCHU
Die Zeugin wird vereidigt. Sprechen Sie die Worte nach:
Ich schwöre bei den Gebeinen meiner Ahnen -

HEBAMME
Beinen meiner Ahnen -

TSCHU-TSCHU
Dass ich die reine Wahrheit gesagt -

HEBAMME
Keine Wahrheit gesagt -

TSCHU-TSCHU
So wahr mir Fo helfe!

HEBAMME
So wahr mir Fo helfe!

TSCHAO
Die Zeugen Gebrüder Sang!

ZWEI KULIS
die immer gleichzeitig sprechen, treten vor und leiern sofort herunter
Hoher Gerichtshof, Herr Ma war ein vermöglicher, womöglicher und vielvermögender Mann. Wir konnten uns natürlich nicht schmeicheln, zu seinem näheren Umgang zu gehören. Aber als seine erste hochgeborene Gattin einen Knaben gebar, gab er seinem Stadtviertel, in dem auch wir die Ehre haben zu wohnen, ein Fest, eine Festivität, wo es so lustig herging, dass wir beide noch heute betrunken sind, wenn wir daran denken.

HAITANG
Ihr lügt, bestochen von Frau Ma.

TSCHU-TSCHU
Können die Zeugen die Wahrheit ihrer Aussagen beschwören?

ZWEI KULIS
Und ob!

TSCHU-TSCHU
So sprechen Sie den Schwur nach.
Zeremonie wie oben
Die Zeugenvernehmung über den geplanten Kindesraub wird geschlossen. Es bleibt die Frage des Giftmordes. Wer hat gesehen, dass die Angeklagte ihrem verewigten Gatten statt Zucker Gift in den Tee schüttete, um sich unrechtmässig Knabe und Erbteil anzueignen?

FRAU MA
Ich!

HAITANG
Himmlisches Licht, du hast dich ganz vermummt.
Wo leuchtest du?
Himmlische Glocke, du bist verstummt.
Wann läutest du?
Kommt es nie an den Tag, bleibt es in Nacht,
Wer Herrn Ma zu Tod gebracht?
Ich bin wehrlos, ehrlos ganz,
Trag auf meinem armen Kopf einen Brennesselkranz.

TSCHU-TSCHU
zu Frau Ma
Können Sie Ihre Wahrnehmung beschwören?

FRAU MA
Ich beschwöre bei den Gebeinen meiner Ahnen, dass die, die nicht die Mutter des Kindes ist, ihren Gatten mit Gift aus dem Weg geräumt hat, um sich unrechtmässig Knabe und Erbteil anzueignen.

HAITANG
schreit entsetzt auf
Sie schwört die Wahrheit!

TSCHU-TSCHU
Die Inkulpatin hat gestanden! Die Zeugenaussagen werden geschlossen. Das Gericht wird nunmehr das Urteil beraten.
Tschu, Tschao usw. besprechen sich leise

TSCHU-TSCHU
erhebt sich
Im Namen Seiner Himmlischen Majestät
brabbelt
erkennt der hohe Gerichtshof als zu Recht folgendes Urteil: Die Angeklagte Tschang Haitang wird wegen versuchten Kindesraubes und vollzogenen Giftmordes an ihrem Gatten Ma zum Tod durch des Henkers Schwert verurteilt. Gerichtsdiener, legt ihr den neunpfündigen Block um den Hals.
Diener legt Haitang den Block um

HAITANG
Mein Recht! Mein Kind!

TSCHU-TSCHU
Unverschämtes Geschöpf! Ich sollte dich mit dem Pantoffel ins Gesicht schlagen. Merke Dir eines! Wenn ich ein Urteil spreche, so ist es gerecht, die Verhandlung führe ich streng unparteiisch, und alles geht objektiv und absolut gesetzmässig her.

Ein Kurier tritt auf. Haitang wird abgeführt

KURIER
Stafette aus Peking.

TSCHU-TSCHU
erbricht sie und liest
Ich bin erschüttert. Ich ersuche alle Anwesenden, mit der Stirn die Erde zu berühren. Seine Himmlische Majestät ist im hohen Alter von fünfundsiebzig Jahren an Altersschwäche verschieden. Zum Nachfolger wurde durch das Los Prinz Pao erkürt, der den kaiserlichen Thron bestiegen hat. Alle Todesurteile werden suspendiert und kraft seiner Machtvollkommenheit Richter und Gerichtete nach Peking berufen. Denn seine erste AmtshandIung soll im Zeichen der Gerechtigkeit stehen.
Wischt sich den Angstschweiss von der Stirn
Grosser Fo, im Zeichen der Gerechtigkeit!

TSCHANG-LING
im Zuschauerraum des Gerichtes
Was fürchtest du alter Narr? Der neue Kaiser wird nicht besser sein als der alte. Wir Armen werden auch unter seinem Drachenbanner rechtlos am Strassenrand verrecken. Haitang ist schuldlos. Sie soll nicht sterben. Mit meinen Fäusten will ich dem Henker das Beil aus der Hand reissen.

TSCHU-TSCHU
Wer ist der Kerl, der die Majestät lästert? Auch mit ihm in den Block. Seine Majestät wird sich mir erkenntlich zeigen. Auf nach Peking!

Vorhang
ZWISCHENSPIELSECHSTES BILD
Schneesturmlandschaft. Man hört einen Soldaten hinter der Szene singen

EIN SOLDAT
Soldat, du bist mein Kamerad,
Marschierest mir zur Seite.
Der Kaiser, der befehligt uns,
Kein Mädchen mehr beseligt uns,
Soldat, du bist mein Kamerad,
Marschierest mir zur Seite.
Soldat, du bist mein Kamerad,
Wenn du das Schwert verloren,
So deck' ich dich mit meinem Schild
Und bin als Bruder Dir gewillt.
Soldat, du bist mein Kamerad,
Wenn du das Schwert verloren.

Haitang, gefesselt und im Holzblock, von zwei Soldaten eskortiert, die sie prügeln

ERSTER SOLDAT
He, vorwärts, Tochter einer Schildkröte! Ich werde deine Mutter schänden, wenn du deine Beine nicht flinker bewegst. Meinst du, es ist ein Vergnügen, dich durch den Schneesturm zu eskortieren?

HAITANG
Erbarmen, lieber Herr, ich sterbe.

ERSTER SOLDAT
Ein guter Tod ist das halbe Leben. Vorwärts!

HAITANG
Die Knie brechen mir.

ERSTER SOLDAT
Wer ein Verbrechen begangen hat, muss es auch büssen. Warum hast du deinen dicken Mann umgebracht und der ersten Frau das Kind rauben wollen?

HAITANG
Ich habe keinen rechtschaffenen Richter gefunden. Der Herr der hundert Zeichen mag es bezeugen. Er wird gnädiger sein als die Menschen. Mein Kind - wo ist mein Kind?

ERSTER SOLDAT
Bei seiner Mutter, verstocktes Weib, das selbst der Holzblock nicht zur Busse und Einkehr zwingt.

HAITANG
Da kein Mensch mehr hört, will ich meine Klage in den Schneesturm schreien. Höre mich, Sturm! Ich klage es dir, Schnee! Ihr Sterne hinter den Wolken, lauscht! Ich rufe euch, ihr Toten, zum Gericht über mich. In euch, die ihr allen Flitter der Welt abgeworfen, selbst euer Fleisch, ist kein Falsch. Ihr toten Mörder, kommt und sagt, ob ich gemordet! Ihr toten Lügner, kommt und sagt, ob ich log! Ihr toten Mütter, alle Mütter der Welt, schreit, ob ich mein Kind nicht mit Recht von den Räubern fordere! Seht doch, die Erde selbst trauert, sie hat ein weisses Gewand angelegt mir zu Ehren. - Es schneit - es schneit - weiss - immer weisser, der Schnee fällt, Flocke um Flocke. Meine Tränen fallen wie die Flocken. Wo meine Tränen in den Schnee fallen, färbt sich der Schnee rot. Ich weine Blut. Ich bitte Euch, liebe Herren, nehmt Eure Schwerter und schlagt ein Loch in das Eis, und lasst mich in die nassen, kalten Fluten sinken, versinken!

ERSTER SOLDAT
Zu lang schon haben wir dein Quäken mitangehört, Wasserfrosch. Vorwärts jetzt! Vorwärts!
Wie ein Echo von der andern Seite: Vorwärts mit dir, du Lump!
Hörtest du nicht Stimmen im Dunkel?

ZWEITER SOLDAT
Mir war so, als riefe uns jemand zu.
Von rechts kommt Tschang-Ling, ebenfalls von zwei Soldaten eskortiert, die hölzerne Krause um den Hals

DRITTER SOLDAT
Vorwärts, du Schwerverbrecher, du Revolutionär, dir wird man es eintränken.

VIERTER SOLDAT
Begehrt gegen die Staatsgewalt auf, die sich in uns verkörpert.

HAITANG
aufschreiend
Bruder!

TSCHANG-LING
Schwesterseele!

ERSTER SOLDAT
Kamerad, wenn es dir recht ist, so wollen wir, da unsere Transporte ja doch den gleichen Weg nach Peking haben, die Verbrecher zusammenbinden. Nun werden sie leichter vorwärts zu treiben sein.

DRITTER SOLDAT
Vorwärts nun, zum Kaiser!

ERSTER SOLDAT
im Abgehen
Soldat, du bist mein Kamerad,
Wenn unsre Knochen bleichen,
Mond fällt auf uns wie gelber Rauch,
Der Affe schreit im Bambusstrauch.
Soldat, du bist mein Kamerad,
Wenn unsre Knochen bleichen.

Vorhang


SIEBENTES BILD
Die Bühne stellt den Thronsaal vor, im Hintergrund der Thronsessel des Kaisers. Das versammelte Volk, die Würdenträger fallen im Kotau nieder, während der Kaiser langsam zum Thron schreitet, auf den er sich niederlässt

KAISER
Hier auf den Stufen meines Tribunales steht Ti-sching gemalt: Rede leise, handle leise, denke leise!
Ein jeder gehe mit sich selbst zu Rat,
Der hier das Wort ergreift.
zu Tschang-Ling
Du da an jenes Weib gebunden - sage mir,
Warum bist Du im Block, und was ist Dein Verbrechen?
Was bleibst Du stehn und fällst nicht in die Knie?

TSCHANG-LING
Gäb es Gerechtigkeit in diesem Land,
Ich stünde nicht im Block vor dir!
Wer so viel litt, wie ich, der kniet
vor keinem Menschen mehr.

KAISER
Der Richter.
Tschu tritt vor. Kotau
Was verbrach der Mann?

TSCHU-TSCHU
Er lästerte des Himmels Sohn, die geheiligte Majestät. Keine Strafe ist zu hoch für ihn.

KAISER
Er lästerte die Majestät, mit welchen Worten?

TSCHU-TSCHU
Untertänigst zu vermelden: - die Zähne weigern sich, sie freizulassen - der neue Kaiser wird auch nicht besser sein als der alte.

KAISER
Dies sagte er?

TSCHAN-LING
Und dieses noch dazu:
Wir Armen werden unter seinem Banner
Rechtlos am Strassenrand verrecken wie bisher.
Er weint

KAISER
Du weinst, weinst Du um Dein Geschick?

TSCHAN-LING
Ich wein um mein Vaterland.

KAISER
Nehmt ihm den Halsblock ab! Er sei befreit!
Wer solche Tränen weint, ist kein Verbrecher.
Sie netzen
Die Blumen seines Herzens,
Wie Tau.
Dass er mich lästerte, verzeih ich ihm.
Er lästerte aus einem edlen Willen,
Die schlechte Welt zu bessern.
Uns eint das gleiche hohe Ziel. Komm, sei mein Freund.
Ich lese hier einen
in den Akten blätternd
mir vom Richter zu Tscheu-kong
Tschu Kotau
eingereichten Bericht. Es handelt sich darin um eine Frau zweiten Grades namens Tschang Haitang.
Haitang hebt den Blick, den sie bisher gesenkt gehalten. Kaiser und Haitang erkennen sich
Diese Dame soll ihren Mann ermordet und sich aus Erbschaftsgründen des Kindes der ersten Frau haben bemächtigen wollen?

TSCHU-TSCHU
So ist es.
Haitang in die Knie sinkend

KAISER
Tschang Haitang, ist es wahr, dass Du Deinen Mann vergiftet und der ersten Frau das ihr gehörige Kind geraubt hast?
Haitang schweigt

TSCHAO
schnell
Eure Majestät ist ein Spiegel, der sie blendet...

TSCHU-TSCHU
Eure Majestät ist die Sonne, die uns alle blendet.

KAISER
Tschang Haitang, welchem Beruf gingst Du nach, ehe Du Herrn Ma heiratetest?

HAITANG
Am Ufer hinter Weiden steht ein Haus!
Ein kleines Mädchen sieht zur Tür hinaus.
An der Volière steht der Mandarin,
Ein kleiner Vogel singt und hüpft darin.
Verschliess den Käfig, hüte gut das Haus,
Sonst fliegt der Vogel in den Wald hinaus.

KAISER
Du warst Blumenmädchen?
Haitang nickt
Wer waren die Besucher des Hauses hinter den Weiden?

HAITANG
Herr Ma holte mich aus dem Haus.

KAISER
Hat niemand sonst Dich dort besucht?

HAITANG
Ein junger Herr besuchte mich.

KAISER
Wer war der junge Herr?

HAITANG
Ich nenne seinen Namen nicht. Ich fordere Gerechtigkeit, sonst nichts.
Schweigen. Der Kaiser blättert in den Akten weiter

KAISER
Die beschworenen Zeugenaussagen hier in den Akten besagen, dass das Kind, das Du für dich in Anspruch nimmst, nicht Dein Kind ist.
Haitang schweigt

TSCHAN-LING
Die Zeugen sagten falsch aus. Sie sind bestochen von der ersten Frau.

FRAU MA
Er lügt.

KAISER
Der Richter ist dazu bestellt, wahres und falsches Zeugnis zu scheiden.

TSCHANG-LING
Der Richter war bestochen wie die Zeugen -

TSCHU-TSCHU
Er lügt.

KAISER
Die erste Frau des Mandarinen ist im Saal,
wo ist sie?
Frau Ma tritt vor. Kotau
Weib, sprich, wer ist die Mutter des Kindes,
das Du auf dem Arme trägst?

FRAU MA
Ich bin es, Majestät. -

KAISER
Gut. - Zeremonienmeister!
Zeremonienmeister tritt vor
Nehmt ein Stück Kreide, zieht einen Kreis hier auf dem Boden vor meinem Thron, legt den Knaben in den Kreis,
Zeremonienmeister tut es
Und nun, Ihr beiden Frauen
Versucht, den Knaben aus dem Kreis zu ziehen
Zu gleicher Zeit. Die eine packe ihn am linken,
Die andere am rechten Arm. Es ist gewiss,
Die rechte Mutter wird die rechte Kraft besitzen,
Den Knaben aus dem Kreis zu ziehen.
Die Frauen tun wie geheissen. Haitang fasst den Knaben nur sanft an, Frau Ma zieht ihn brutal zu sich hinüber
Es ist augenscheinlich, dass diese
zu Haitang
nicht die Mutter sein kann. Sonst wäre es ihr wohl gelungen, den Knaben aus dem Kreis zu ziehen. Die Frauen sollen den Versuch wiederholen.
Wieder zieht Frau Ma den Knaben zu sich
Haitang, ich sehe, dass Du nicht die mindeste Anstrengung machst, das Kind aus dem Kreis zu Dir herüberzuziehen. Was bedeutet das?

HAITANG
Ich hab das Kind unter meinem Herzen getragen. Neun Monate hab ich mit ihm gelebt. Ich habe alles Süsse mit ihm genossen, alles Bittere mit ihm gelitten. Wenn er fror, wärmte ich seine Gliederchen, sie sind so zart und zerbrechlich, ich würde sie ihm ausdrehen, wenn ich daran zerren wollte wie jene Frau. Wenn ich mein Kind nur dadurch bekommen kann, dass ich ihm die Arme ausreisse, so soll nur jene, die nie die Schmerzen einer Mutter um ihr Kind gespürt hat, es aus dem Kreis ziehen.

KAISER
erhebt sich
Erkennt die ungeheure Macht, die in dem Kreidekreis beschlossen liegt! Jene Frau
auf Frau Ma zeigend
trachtete sich des gesamten Vermögens des Herrn Ma zu bemächtigen und raubte darum das Kind. Da nun die wahre Mutter erkannt ist, wird auch die wahre Mörderin zu finden sein. Ich lese in den Akten den Wortlaut des Schwures, den Frau Ma gesprochen. Frau Ma, wiederholen Sie den Schwur!

FRAU MA
Ich - schwöre - bei - den Gebeinen -
gebrochen
meiner - Ahnen, dass die, die nicht die Mutter des Kindes ist - Herrn Ma vergiftet hat.

KAISER
Ihr schwurt den entsetzlichen Schwur, dass Ihr selbst die Mörderin des Herrn Ma seid -

FRAU MA
So - ist - es -

KAISER
Werft ihr die hölzerne Krause über.
Dies geschieht, während ein Soldat ihr das Kind aus den Armen nimmt

FRAU MA
Doch hat mich jener angestiftet, der mich liebt.

TSCHAO
Ich dich lieben? Ich dich angestiftet? Wer hat die falschen Zeugen bestochen -
die Hebamme, die zwei Kulis? Wie hätte ich das Geld aufgebracht, den Nimmersatt Exzellenz Tschu, Oberrichter von Tscheu-kong, mit hundert Taels zu bestechen?

TSCHU-TSCHU
Ich hätte mich bestechen lassen, ich, der unbestechlichste Richter weit und breit?

TSCHAO
Drückt ich selbst Euer Exzellenz dem goldgreifenden Tiger nicht den Beutel mit Gold in die Hand, den jene mir für Euch eingehändigt?

KAISER
Genug des unwürdigen Gekeifes und Gezänkes! Fort mit den Dreien! Sie werden gerichtet!
Frau Ma, Tschao und Tschu-Tschu werden von den Soldaten abgeführt, Tschan-Ling später auf einen freundlichen Wink des Kaisers nach einer anderen Seite ab. Alle übrigen Anwesenden ab. Es bleiben Haitang und der Kaiser zurück. Der Kaiser nimmt das Kind einem Soldaten ab und reicht es Haitang

HAITANG
Mein Kind! Mein Kind! Mein Pantherköpfchen, mein Luchsäuglein, mein Alprikosenwänglein! Wie süss du duftest, wenn man dich küsst! Du hast auch einen schönen Namen bekommen! Li heisst du; das bedeutet Licht, Licht meines Lebens! Leuchte der Nacht! Du wirst einst im hellen Glanz erstrahlen, die Sonne wird sich beschämt verkriechen, und der Mond sich mit seinem goldenen Krummschnabel den Bauch aufschlitzen. Doch du wirst leuchtend auf dem Turm der azurnen Wolken stehn. Ich bin so froh und beglückt um dich. Ich danke dem höchsten Wesen, dass es mich erschaffen, den Eltern, dass sie mich erzogen, der Erde, dass sie mich ernährt hat.
Sie will gehen.

KAISER
Haitang -

HAITANG
Mein kaiserlicher Freund?

KAISER
Noch auf ein Wort, bevor ich Dich entlasse.

HAITANG
Entlasst Ihr mich? Verlasst Ihr mich so bald?

KAISER
In jener Nacht, da Ma im Hause Tongs Dich kaufte, Du erinnerst dich?

HAITANG
Wie könnt' ich jene Nacht vergessen, da ich zum erstenmal Euch sah.

KAISER
Sag, was geschah in jener Nacht im Hause Mas?

HAITANG
Man brachte mich in ein Zimmer zu ebener Erde, dessen Türen nach dem Garten hinausgingen. Ich weinte, bat um Ruhe. Herr Ma liess mich allein. Es war so drückend heiss, dass ich die Türe zum Garten offen liess. Als ich mich niederlegte, da hatte ich einen wunderlichen Traum.

KAISER
Was träumtest du?

HAITANG
Ich träumte, es käme ein junger Herr durch den Park geschlichen, leise, wie der Panther schleicht. Er trat in mein Zimmer, setzte sich auf das Kang, auf dem ich lag, legte sich zu mir, liebte mich, umarmte mich wie ein Ehemann sein Eheweib umarmt.

KAISER
Wie kommt es, dass Du diesen Traum so treu bewahrt hast im Gedächtnis?

HAITANG
Ei, lieber Herr, ich träumte von Euch, dass Ihr zu mir gekommen.

KAISER
Dies alles träumtest Du?

HAITANG
Ich träumt' es nur.

KAISER
Haitang, was Du geträumt, es hat in Wahrheit sich begeben. Ich folgte Dir in jener Nacht, stieg übern Bambuszaun, schlich in Dein Schlafgemach, und derart schön erschienst Du mir, dass ich entzündet wurde und meiner Sehnsucht und Begier nicht widerstand. Ich liebte Dich, die Schlafende, die einmal nur im Schlafe leise seufzte. Kannst du verzeih'n, was ich aus allzu grosser Liebe gewagt?

HAITANG
Verzeihen will ich Dir, wenn Du dies Kind
Als Deines erkennst, denn also muss es sein.
Gezeugt hat es der Sturm, geboren der Wind,
sein Pate war der gelbe Mondenschein.

KAISER
Noch heute verkünd' ich Dich dem Volk als meine Gattin!

HAITANG, KAISER
Mein Mondkind! Mein Sonnenkind!
Mein Schmerzenskind! Mein Herzenskind!
Ich hab alles Leid auf mich genommen,
Das je Dich könnte überkommen.
Dir werden alle Glocken Freude läuten!
Dir werden alle Tage Glück bedeuten.
G e r e c h t i g k e i t, sie sei Dein höchstes Ziel,
Denn also lehrt's des Kreidekreises Spiel.

Vorhang
DRITTER AKT

FÜNFTES BILD
Im Hintergrund, Mitte, Sessel des Hauptrichters mit Tisch. Links und rechts Sessel für Beisitzer. In der Mitte über dem Sessel Gobelin mit dem Bildnis des fünfklauigen Drachen. Rechts und links daneben schmale Fahnen mit chinesischem Schriftzeichen. Vor dem Sessel des Richters ist ein Kreidekreis gezogen, in den die Angeklagte zu knien hat. Links und rechts im Vordergrund der Raum für Zeugen und Publikum, vom Mittelraum durch Barrieren getrennt. Tschu-tschu, der Richter, sitzt auf dem Richterstuhl und frühstückt

TSCHU-TSCHU
Mein Name ist Tschu-tschu. Ich bin der von Seiner Kaiserlichen Himmlischen Majestät
erhebt sich, setzt sich wieder
eingesetzte oberste Richter von Tscheu-kong. Das Publikum erwarte deshalb nicht, von mir mit der üblichen Devotion begrüsst zu werden. Ich neige weder meine Knie noch meine Stirn vor einer derartigen Gesellschaft miserabler Kreaturen, wie ich sie hier zu meinem Abscheu versammelt sehe. Um neun Uhr sollen die Gerichtsverhandlungen beginnen, jetzt will ich erst einmal in Ruhe frühstücken.
Er knabbert an Früchten, beisst in ein Brot.
Das Frühstück gehört zu den angenehmsten Dingen des Lebens. Mit vollem Magen kann man einen Angeklagten, einen Dieb etwa, der aus Hunger gestohlen, nochmal so leicht und mit doppelt gutem Gewissen zum Galgen verurteilen. - Heute bin ich leider ein wenig verkatert. Ich habe Kopfweh. Ich habe die Nacht im Hause des Herrn Tong verbracht in Gemeinschaft mit drei reizenden Mädchen Yü, Yei, Yau. Sie haben mich mit Gong, Flöte und Geige in den Schlaf musiziert, nachdem wir Reiswein in erheblichen Portionen zu uns genommen und die reizende Yau mir mit Seele und Leib, besonders Leib, hihi, angehört hatte. Ich habe hier eine kleine, farbige Tuschzeichnung, welche die drei Mädchen völlig unbekleidet in allerlei verfänglichen Stellungen zeigt. Die will ich mir jetzt in Musse betrachten, indem ich mich würdig auf den heutigen Abend vorbereite. Der Nacken von Yü, alle Achtung! Aber die Schenkel von Yau, auch nicht zu verachten! Aber erst die kleinen Brüste von Yei, ihnen muss ich doch den Preis zuerkennen!

Tschao tritt ein

TSCHAO
Ich bitte um Vergebung, wenn ich Sie in Ihrer Meditation störe, Exzellenz. Frau Ma, die Klägerin in dem ersten der heute angesagten Prozesse, beauftragt mich, Ihnen als Zeichen ihrer devotesten Unterwürfigkeit unter Eurer Exzellenz richterliche Einsicht diesen kleinen Beutel übersenden zu dürfen.
Überreicht ihm einen Beutel mit Gold und zieht sich zurück

TSCHU-TSCHU
lässt das Gold über den Tisch rollen
Gold - Gold - keine schönere Musik, als wenn Gold über den harten Tisch rollt. Es klingt wie Pagodenglocken. Beim Geläut des Goldes werde ich förmlich fromm. Frau Ma ist eine überaus freigebige Dame. Sie dürfte ihr Recht finden. Jetzt will ich mich aber noch ein wenig in das Strafgesetzbuch vertiefen
packt das Gold und sein Frühstückszeug zusammen
und mich in das Beratungszimmer zurückziehen. Die Paragraphen über Beamtenbestechung werden mir keine Kopfschmerzen machen. Ich entferne sie einfach, ritsch, ratsch,
reisst Blätter beraus
aus meinem Buch. Da ich jedesmal dieses Buch, Gesetze und Verordnungen des Herrscherhauses der Mantschu, beschwöre, danach Recht zu sprechen, so werde ich keinen Meineid leisten, und mein Herz ist rein wie die Wolle eines jungen Lämmchens.
Ab durch eine Tapetentür im Hintergrunde

Der Raum hinter der Barriere füllt sich ganz allmählich. Frau Ma erscheint. Sie winkt einer dicken Frau, der Hebamme; zieht sie in die Mitte des Raumes

FRAU MA
Vorsicht, treten Sie nicht in den Kreidekreis, sonst werden Sie selbst angeklagt, oder der Zauberkreis bannt Sie.

HEBAMME
O je, o je, wie hab ich's nur verdient, aufs Gericht zu kommen. Die Schande, die Schande! O je, o je, mein Herz schlägt, als sollt' es mir die Brust zerschlagen. Ich habe solche Angst, Frau Ma. Was wird mit mir geschehen? Wird man mich foltern?

FRAU MA
Reden Sie keinen Unsinn. Sie sind hier nur als Zeugin geladen. Sie sollen Zeugnis ablegen, dass der Knabe Li m e i n Kind ist, und nicht das der Haitang.

HEBAMME
Aber wie soll ich Zeugnis ablegen, da es doch nicht wahr ist?

FRAU MA
Pst!

HEBAMME
War ich es doch selbst, die die Nabelschnur zwischen dem Kinde und der Frau Haitang trennte.

FRAU MA
Frau Lien, Sie irren sich! Hier haben Sie zwanzig Goldtaels, um Ihrem Gedächtnis auf die richtige Spur zu helfen.

Die Hebamme sieht das Geld lange an

HEBAMME
Frau Ma sind zu gnädig zu einer armen, alten Frau. Ja, ja, ja, ja, jetzt dämmert es mir, mir ist da in der Dämmerung eine Verwechslung unterlaufen - ich habe Sie und Haitang verwechselt! Diese Haitang ist eine stolze und hochmütige Person, und obwohl sie aus dem gleichen niedrigen Stande wie ich, hat sie nie ein freundliches Wort für mich gehabt. Immer von oben herab!

FRAU MA
Da ist es ja wohl kein Wunder, dass sie Herrn Ma,
schluchzend
meinen geliebten Mann, vergiftet hat.

HEBAMME
Vergiftet? Was Sie nicht sagen! Ja, es gibt böse Menschen auf der Welt. Da kann ja auch wohl das Kind nicht von ihr sein.

FRAU MA
Kommen Sie nach dem Prozess zu mir nach Haus, ich habe abgelegte Kleider, glänzend erhalten, es wird sich gewiss noch ein Staatskleid für Sie darunter finden.

HEBAMME
Meinen innigsten Dank, Frau Ma.
Küsst Frau Ma die Hand, ab. Frau Ma zieht zwei Kulis, verkommene Individuen, nach vorn

FRAU MA
Ihr seid doch Männer, die wissen, was sich schickt?

ZWEI KULIS
Das wollen wir meinen!
Spucken in den Saal und sprechen immer gleichzeitig

FRAU MA
Die der Gerechtigkeit zum Siege verhelfen wollen?

ZWEI KULIS
Gerechtigkeit, was ist das?

FRAU MA
Gerechtigkeit ist, wenn ich Euch hier ein paar Taels gebe und ein Päckchen Kautabak, und Ihr sagt hier als Zeugen vor Gericht das aus, was ich Euch vorsagen werde.

ZWEI KULIS
Wir haben in der Schule immer gut auswendig gelernt. Also schiessen Sie nur los.

FRAU MA
Ihr werdet also bezeugen, dass Ihr Nachbarn von Herrn Ma seid, der, als ich seinerzeit den Knaben Li gebar, ein Fest für das ganze Stadtviertel gab. Ihr müsst beschwören, dass der Knabe mein Kind, und nicht das Kind Haitangs ist.

ZWEI KULIS
Heben grinsend die Finger zum Schwur
Der Eid wird geschworen, darauf können Sie das Gift nehmen, das, wie wir hören, Haitang Herrn Ma in den Tee gerührt hat.

FRAU MA
Sie ist eine Mörderin, vergesst das nicht!
Kulis zurück in den Haufen

Die Gerichtsglocke ertönt. Die Tapetentür öffnet sich, und es erscheinen in gemessenem Zug: Tschu-tschu, Tschao und drei Richter. Sie nehmen ihre Plätze ein, bleiben stehen. Zwei Gerichtsdiener halten Zeugen und Publikum, darunter Tschang-Ling, in Schach

TSCHU-TSCHU
Im Namen Seiner Kaiserlichen Himmlischen Majestät
brabbelt unverständliches Zeug
eröffne ich die heutige Sitzung.
Die Richter setzen sich
Gerichtsdiener, führen Sie die Angeklagte herein.

Gerichtsdiener führt aus einer zweiten Tür im Hintergrund Haitang herein

TSCHU-TSCHU
Angeklagte, nehmen Sie Ihren Platz dort innerhalb des Kreidekreises.
Haitang macht einen dreimaligen Kotau und steht dann wieder aufrecht da

TSCHU-TSCHU
Herr Tschao, Sie protokollieren?

TSCHAO
Sehr wohl, Exzellenz.

TSCHU-TSCHU
Angeklagte, Sie heissen?

HAITANG
Tschang Haitang, Tochter des Tschang, Frau des hochgeborenen Herrn Ma.

FRAU MA
unterbrechend
N e b e n f r a u des hochgeborenen Herrn Ma, seine blosse Beischläferin, Konkubine sozusagen, aus einem Freudenhause aufgelesen, die Gattin ersten Ranges bin ich.

HAITANG
Ich war Herrn Ma rechtlich angetraut. Da ich ihm einen Knaben geboren hatte, der Schoss seiner ersten Gattin unfruchtbar geblieben war, gedachte er, mich in den Rang der Hauptfrau zu erheben und sich von Frau Ma zu scheiden.

FRAU MA
Sie lügt wie eine Elster. Sie hat ihm ein Kind geboren? Ei, wann denn?

SCHU-TSCHU
Beruhigen Sie sich, Frau Ma. Im Laufe der Verhandlung wird sich alles der Wahrheit gemäss herausstellen. Wer erhebt die Anklage?

FRAU MA
Ich, Yü-pei, rechtmässige Hauptgattin des verewigten Herrn Ma, klage Haitang des versuchten Kindesraubes und des vollendeten Giftmordes an Herrn Ma an.
Bewegung im Zuschauerraum

TSCHU-TSCHU
Angeklagte, was haben Sie zu dieser ausserordentlich präzisen Anklage zu bemerken?

HAITANG
leise
Ich bedaure, diese Frau Lügen strafen zu müssen. Aber es geht um mein Leben, Herr Richter, es geht um mein Kind. Herr Richter, man hat mir im Gefängnis mein Kind verweigert! Man hat mich ohne Nachricht von ihm gelassen! Li, mein Knabe, erkennst du mich?

FRAU MA
Sie heuchelt. Wie kann sie Muttergefühle vortäuschen, da ihr Schoss verdorrt ist wie ein Baum in der Wüste Gobi ohne Wasser?

HAITANG
Mein Schoss verdorrt? Ich unbegnadet? Das heiligste Recht des Weibes mir nicht verliehen? Trug ich doch unter diesem meinem Herzen meinen Knaben Li, die Erfüllung meiner Sehnsucht, die Hoffnung meines Alters. Ich blühte nur, damit ich eine Frucht trüge, die Blüte fiel ab. Die Frucht reifte in Sonne und Sturmgewitter, in Wollust und Schmerzen, Ich, die ich keine Wollust empfunden, da ich ihn empfing, ich verging vor Wollust, da ich ihn gebar. Fo hat mich begnadet, gesegnet,

TSCHU-TSCHU
Wir wollen zu diesem Punkt die Hebamme vernehmen, die der Mutter bei der Geburt des Knaben Li in ihren Wehen behilflich war. Treten Sie vor, Frau Lien!

HEBAMME
O je, o je, womit habe ich das verdient, vor dem hohen Gerichtshof erscheinen zu müssen.

TSCHAO
Fürchten Sie sich nicht. Also wie war der Hergang?

HEBAMME
Der Hergang war damals ein grosser Hin- und Hergang, als der Knabe Li geboren ward.

TSCHU-TSCHU
Frau Lien, erkennen Sie die Angeklagte?

HEBAMME
Ich kenne die Angeklagte schon. Es ist Haitang, die Nebenfrau des verstorbenen hochgeborenen Herrn Ma, Fo hab ihn selig!

TSCHU-TSCHU
Und ist sie die Mutter des Knaben Li?

HEBAMME
Sie hat den Knaben wohl oft auf den Armen getragen, gewartet und in den Schlaf gewiegt, wie es die Pflicht der Nebenfrauen ist; aber die Mutter dieses Knaben ist jene dort!
Zeigt auf Frau Ma
Obwohl das Zimmer der Wöchnerin wie üblich verhängt war, und man in der Dunkelheit die Mutter vom Kinde kaum unterscheiden konnte, so ist doch kein Zweifel, dass Frau Ma den Knaben geboren hat.

HAITANG
Frau Lien, die Wahrheit, die Wahrheit, dies Kind ist mein!

FRAU MA
Das listige Weib macht sich der Beeinflussung der Zeugin schuldig.

TSCHU-TSCHU
Man schlage die Angeklagte wegen ungebührlichen Benehmens vor Gericht. Im Wiederholungsfalle werden ihr Heisswasserschlangen angedroht. Sie wird auf Glassplittern knien, und man wird ihr die Knöchel zerquetschen.
Zwei Soldaten schlagen sie mit Ruten

HAITANG
Wie Feuer brennt mein Rücken,
Wie Sturm weht mein Atem.
Verfloge doch meines Lebens Hauch
Der Nachtschmetterling.
Das Kind beginnt zu weinen

TSCHU-TSCHU
Still! Ich rufe das Kind zur Ordnung!
zu Frau Lien
Können Sie Ihre Aussagen beschwören?

HEBAMME
Das will ich meinen!

TSCHU-TSCHU
Die Zeugin wird vereidigt. Sprechen Sie die Worte nach:
Ich schwöre bei den Gebeinen meiner Ahnen -

HEBAMME
Beinen meiner Ahnen -

TSCHU-TSCHU
Dass ich die reine Wahrheit gesagt -

HEBAMME
Keine Wahrheit gesagt -

TSCHU-TSCHU
So wahr mir Fo helfe!

HEBAMME
So wahr mir Fo helfe!

TSCHAO
Die Zeugen Gebrüder Sang!

ZWEI KULIS
die immer gleichzeitig sprechen, treten vor und leiern sofort herunter
Hoher Gerichtshof, Herr Ma war ein vermöglicher, womöglicher und vielvermögender Mann. Wir konnten uns natürlich nicht schmeicheln, zu seinem näheren Umgang zu gehören. Aber als seine erste hochgeborene Gattin einen Knaben gebar, gab er seinem Stadtviertel, in dem auch wir die Ehre haben zu wohnen, ein Fest, eine Festivität, wo es so lustig herging, dass wir beide noch heute betrunken sind, wenn wir daran denken.

HAITANG
Ihr lügt, bestochen von Frau Ma.

TSCHU-TSCHU
Können die Zeugen die Wahrheit ihrer Aussagen beschwören?

ZWEI KULIS
Und ob!

TSCHU-TSCHU
So sprechen Sie den Schwur nach.
Zeremonie wie oben
Die Zeugenvernehmung über den geplanten Kindesraub wird geschlossen. Es bleibt die Frage des Giftmordes. Wer hat gesehen, dass die Angeklagte ihrem verewigten Gatten statt Zucker Gift in den Tee schüttete, um sich unrechtmässig Knabe und Erbteil anzueignen?

FRAU MA
Ich!

HAITANG
Himmlisches Licht, du hast dich ganz vermummt.
Wo leuchtest du?
Himmlische Glocke, du bist verstummt.
Wann läutest du?
Kommt es nie an den Tag, bleibt es in Nacht,
Wer Herrn Ma zu Tod gebracht?
Ich bin wehrlos, ehrlos ganz,
Trag auf meinem armen Kopf einen Brennesselkranz.

TSCHU-TSCHU
zu Frau Ma
Können Sie Ihre Wahrnehmung beschwören?

FRAU MA
Ich beschwöre bei den Gebeinen meiner Ahnen, dass die, die nicht die Mutter des Kindes ist, ihren Gatten mit Gift aus dem Weg geräumt hat, um sich unrechtmässig Knabe und Erbteil anzueignen.

HAITANG
schreit entsetzt auf
Sie schwört die Wahrheit!

TSCHU-TSCHU
Die Inkulpatin hat gestanden! Die Zeugenaussagen werden geschlossen. Das Gericht wird nunmehr das Urteil beraten.
Tschu, Tschao usw. besprechen sich leise

TSCHU-TSCHU
erhebt sich
Im Namen Seiner Himmlischen Majestät
brabbelt
erkennt der hohe Gerichtshof als zu Recht folgendes Urteil: Die Angeklagte Tschang Haitang wird wegen versuchten Kindesraubes und vollzogenen Giftmordes an ihrem Gatten Ma zum Tod durch des Henkers Schwert verurteilt. Gerichtsdiener, legt ihr den neunpfündigen Block um den Hals.
Diener legt Haitang den Block um

HAITANG
Mein Recht! Mein Kind!

TSCHU-TSCHU
Unverschämtes Geschöpf! Ich sollte dich mit dem Pantoffel ins Gesicht schlagen. Merke Dir eines! Wenn ich ein Urteil spreche, so ist es gerecht, die Verhandlung führe ich streng unparteiisch, und alles geht objektiv und absolut gesetzmässig her.

Ein Kurier tritt auf. Haitang wird abgeführt

KURIER
Stafette aus Peking.

TSCHU-TSCHU
erbricht sie und liest
Ich bin erschüttert. Ich ersuche alle Anwesenden, mit der Stirn die Erde zu berühren. Seine Himmlische Majestät ist im hohen Alter von fünfundsiebzig Jahren an Altersschwäche verschieden. Zum Nachfolger wurde durch das Los Prinz Pao erkürt, der den kaiserlichen Thron bestiegen hat. Alle Todesurteile werden suspendiert und kraft seiner Machtvollkommenheit Richter und Gerichtete nach Peking berufen. Denn seine erste AmtshandIung soll im Zeichen der Gerechtigkeit stehen.
Wischt sich den Angstschweiss von der Stirn
Grosser Fo, im Zeichen der Gerechtigkeit!

TSCHANG-LING
im Zuschauerraum des Gerichtes
Was fürchtest du alter Narr? Der neue Kaiser wird nicht besser sein als der alte. Wir Armen werden auch unter seinem Drachenbanner rechtlos am Strassenrand verrecken. Haitang ist schuldlos. Sie soll nicht sterben. Mit meinen Fäusten will ich dem Henker das Beil aus der Hand reissen.

TSCHU-TSCHU
Wer ist der Kerl, der die Majestät lästert? Auch mit ihm in den Block. Seine Majestät wird sich mir erkenntlich zeigen. Auf nach Peking!

Vorhang
ZWISCHENSPIELSECHSTES BILD
Schneesturmlandschaft. Man hört einen Soldaten hinter der Szene singen

EIN SOLDAT
Soldat, du bist mein Kamerad,
Marschierest mir zur Seite.
Der Kaiser, der befehligt uns,
Kein Mädchen mehr beseligt uns,
Soldat, du bist mein Kamerad,
Marschierest mir zur Seite.
Soldat, du bist mein Kamerad,
Wenn du das Schwert verloren,
So deck' ich dich mit meinem Schild
Und bin als Bruder Dir gewillt.
Soldat, du bist mein Kamerad,
Wenn du das Schwert verloren.

Haitang, gefesselt und im Holzblock, von zwei Soldaten eskortiert, die sie prügeln

ERSTER SOLDAT
He, vorwärts, Tochter einer Schildkröte! Ich werde deine Mutter schänden, wenn du deine Beine nicht flinker bewegst. Meinst du, es ist ein Vergnügen, dich durch den Schneesturm zu eskortieren?

HAITANG
Erbarmen, lieber Herr, ich sterbe.

ERSTER SOLDAT
Ein guter Tod ist das halbe Leben. Vorwärts!

HAITANG
Die Knie brechen mir.

ERSTER SOLDAT
Wer ein Verbrechen begangen hat, muss es auch büssen. Warum hast du deinen dicken Mann umgebracht und der ersten Frau das Kind rauben wollen?

HAITANG
Ich habe keinen rechtschaffenen Richter gefunden. Der Herr der hundert Zeichen mag es bezeugen. Er wird gnädiger sein als die Menschen. Mein Kind - wo ist mein Kind?

ERSTER SOLDAT
Bei seiner Mutter, verstocktes Weib, das selbst der Holzblock nicht zur Busse und Einkehr zwingt.

HAITANG
Da kein Mensch mehr hört, will ich meine Klage in den Schneesturm schreien. Höre mich, Sturm! Ich klage es dir, Schnee! Ihr Sterne hinter den Wolken, lauscht! Ich rufe euch, ihr Toten, zum Gericht über mich. In euch, die ihr allen Flitter der Welt abgeworfen, selbst euer Fleisch, ist kein Falsch. Ihr toten Mörder, kommt und sagt, ob ich gemordet! Ihr toten Lügner, kommt und sagt, ob ich log! Ihr toten Mütter, alle Mütter der Welt, schreit, ob ich mein Kind nicht mit Recht von den Räubern fordere! Seht doch, die Erde selbst trauert, sie hat ein weisses Gewand angelegt mir zu Ehren. - Es schneit - es schneit - weiss - immer weisser, der Schnee fällt, Flocke um Flocke. Meine Tränen fallen wie die Flocken. Wo meine Tränen in den Schnee fallen, färbt sich der Schnee rot. Ich weine Blut. Ich bitte Euch, liebe Herren, nehmt Eure Schwerter und schlagt ein Loch in das Eis, und lasst mich in die nassen, kalten Fluten sinken, versinken!

ERSTER SOLDAT
Zu lang schon haben wir dein Quäken mitangehört, Wasserfrosch. Vorwärts jetzt! Vorwärts!
Wie ein Echo von der andern Seite: Vorwärts mit dir, du Lump!
Hörtest du nicht Stimmen im Dunkel?

ZWEITER SOLDAT
Mir war so, als riefe uns jemand zu.
Von rechts kommt Tschang-Ling, ebenfalls von zwei Soldaten eskortiert, die hölzerne Krause um den Hals

DRITTER SOLDAT
Vorwärts, du Schwerverbrecher, du Revolutionär, dir wird man es eintränken.

VIERTER SOLDAT
Begehrt gegen die Staatsgewalt auf, die sich in uns verkörpert.

HAITANG
aufschreiend
Bruder!

TSCHANG-LING
Schwesterseele!

ERSTER SOLDAT
Kamerad, wenn es dir recht ist, so wollen wir, da unsere Transporte ja doch den gleichen Weg nach Peking haben, die Verbrecher zusammenbinden. Nun werden sie leichter vorwärts zu treiben sein.

DRITTER SOLDAT
Vorwärts nun, zum Kaiser!

ERSTER SOLDAT
im Abgehen
Soldat, du bist mein Kamerad,
Wenn unsre Knochen bleichen,
Mond fällt auf uns wie gelber Rauch,
Der Affe schreit im Bambusstrauch.
Soldat, du bist mein Kamerad,
Wenn unsre Knochen bleichen.

Vorhang


SIEBENTES BILD
Die Bühne stellt den Thronsaal vor, im Hintergrund der Thronsessel des Kaisers. Das versammelte Volk, die Würdenträger fallen im Kotau nieder, während der Kaiser langsam zum Thron schreitet, auf den er sich niederlässt

KAISER
Hier auf den Stufen meines Tribunales steht Ti-sching gemalt: Rede leise, handle leise, denke leise!
Ein jeder gehe mit sich selbst zu Rat,
Der hier das Wort ergreift.
zu Tschang-Ling
Du da an jenes Weib gebunden - sage mir,
Warum bist Du im Block, und was ist Dein Verbrechen?
Was bleibst Du stehn und fällst nicht in die Knie?

TSCHANG-LING
Gäb es Gerechtigkeit in diesem Land,
Ich stünde nicht im Block vor dir!
Wer so viel litt, wie ich, der kniet
vor keinem Menschen mehr.

KAISER
Der Richter.
Tschu tritt vor. Kotau
Was verbrach der Mann?

TSCHU-TSCHU
Er lästerte des Himmels Sohn, die geheiligte Majestät. Keine Strafe ist zu hoch für ihn.

KAISER
Er lästerte die Majestät, mit welchen Worten?

TSCHU-TSCHU
Untertänigst zu vermelden: - die Zähne weigern sich, sie freizulassen - der neue Kaiser wird auch nicht besser sein als der alte.

KAISER
Dies sagte er?

TSCHAN-LING
Und dieses noch dazu:
Wir Armen werden unter seinem Banner
Rechtlos am Strassenrand verrecken wie bisher.
Er weint

KAISER
Du weinst, weinst Du um Dein Geschick?

TSCHAN-LING
Ich wein um mein Vaterland.

KAISER
Nehmt ihm den Halsblock ab! Er sei befreit!
Wer solche Tränen weint, ist kein Verbrecher.
Sie netzen
Die Blumen seines Herzens,
Wie Tau.
Dass er mich lästerte, verzeih ich ihm.
Er lästerte aus einem edlen Willen,
Die schlechte Welt zu bessern.
Uns eint das gleiche hohe Ziel. Komm, sei mein Freund.
Ich lese hier einen
in den Akten blätternd
mir vom Richter zu Tscheu-kong
Tschu Kotau
eingereichten Bericht. Es handelt sich darin um eine Frau zweiten Grades namens Tschang Haitang.
Haitang hebt den Blick, den sie bisher gesenkt gehalten. Kaiser und Haitang erkennen sich
Diese Dame soll ihren Mann ermordet und sich aus Erbschaftsgründen des Kindes der ersten Frau haben bemächtigen wollen?

TSCHU-TSCHU
So ist es.
Haitang in die Knie sinkend

KAISER
Tschang Haitang, ist es wahr, dass Du Deinen Mann vergiftet und der ersten Frau das ihr gehörige Kind geraubt hast?
Haitang schweigt

TSCHAO
schnell
Eure Majestät ist ein Spiegel, der sie blendet...

TSCHU-TSCHU
Eure Majestät ist die Sonne, die uns alle blendet.

KAISER
Tschang Haitang, welchem Beruf gingst Du nach, ehe Du Herrn Ma heiratetest?

HAITANG
Am Ufer hinter Weiden steht ein Haus!
Ein kleines Mädchen sieht zur Tür hinaus.
An der Volière steht der Mandarin,
Ein kleiner Vogel singt und hüpft darin.
Verschliess den Käfig, hüte gut das Haus,
Sonst fliegt der Vogel in den Wald hinaus.

KAISER
Du warst Blumenmädchen?
Haitang nickt
Wer waren die Besucher des Hauses hinter den Weiden?

HAITANG
Herr Ma holte mich aus dem Haus.

KAISER
Hat niemand sonst Dich dort besucht?

HAITANG
Ein junger Herr besuchte mich.

KAISER
Wer war der junge Herr?

HAITANG
Ich nenne seinen Namen nicht. Ich fordere Gerechtigkeit, sonst nichts.
Schweigen. Der Kaiser blättert in den Akten weiter

KAISER
Die beschworenen Zeugenaussagen hier in den Akten besagen, dass das Kind, das Du für dich in Anspruch nimmst, nicht Dein Kind ist.
Haitang schweigt

TSCHAN-LING
Die Zeugen sagten falsch aus. Sie sind bestochen von der ersten Frau.

FRAU MA
Er lügt.

KAISER
Der Richter ist dazu bestellt, wahres und falsches Zeugnis zu scheiden.

TSCHANG-LING
Der Richter war bestochen wie die Zeugen -

TSCHU-TSCHU
Er lügt.

KAISER
Die erste Frau des Mandarinen ist im Saal,
wo ist sie?
Frau Ma tritt vor. Kotau
Weib, sprich, wer ist die Mutter des Kindes,
das Du auf dem Arme trägst?

FRAU MA
Ich bin es, Majestät. -

KAISER
Gut. - Zeremonienmeister!
Zeremonienmeister tritt vor
Nehmt ein Stück Kreide, zieht einen Kreis hier auf dem Boden vor meinem Thron, legt den Knaben in den Kreis,
Zeremonienmeister tut es
Und nun, Ihr beiden Frauen
Versucht, den Knaben aus dem Kreis zu ziehen
Zu gleicher Zeit. Die eine packe ihn am linken,
Die andere am rechten Arm. Es ist gewiss,
Die rechte Mutter wird die rechte Kraft besitzen,
Den Knaben aus dem Kreis zu ziehen.
Die Frauen tun wie geheissen. Haitang fasst den Knaben nur sanft an, Frau Ma zieht ihn brutal zu sich hinüber
Es ist augenscheinlich, dass diese
zu Haitang
nicht die Mutter sein kann. Sonst wäre es ihr wohl gelungen, den Knaben aus dem Kreis zu ziehen. Die Frauen sollen den Versuch wiederholen.
Wieder zieht Frau Ma den Knaben zu sich
Haitang, ich sehe, dass Du nicht die mindeste Anstrengung machst, das Kind aus dem Kreis zu Dir herüberzuziehen. Was bedeutet das?

HAITANG
Ich hab das Kind unter meinem Herzen getragen. Neun Monate hab ich mit ihm gelebt. Ich habe alles Süsse mit ihm genossen, alles Bittere mit ihm gelitten. Wenn er fror, wärmte ich seine Gliederchen, sie sind so zart und zerbrechlich, ich würde sie ihm ausdrehen, wenn ich daran zerren wollte wie jene Frau. Wenn ich mein Kind nur dadurch bekommen kann, dass ich ihm die Arme ausreisse, so soll nur jene, die nie die Schmerzen einer Mutter um ihr Kind gespürt hat, es aus dem Kreis ziehen.

KAISER
erhebt sich
Erkennt die ungeheure Macht, die in dem Kreidekreis beschlossen liegt! Jene Frau
auf Frau Ma zeigend
trachtete sich des gesamten Vermögens des Herrn Ma zu bemächtigen und raubte darum das Kind. Da nun die wahre Mutter erkannt ist, wird auch die wahre Mörderin zu finden sein. Ich lese in den Akten den Wortlaut des Schwures, den Frau Ma gesprochen. Frau Ma, wiederholen Sie den Schwur!

FRAU MA
Ich - schwöre - bei - den Gebeinen -
gebrochen
meiner - Ahnen, dass die, die nicht die Mutter des Kindes ist - Herrn Ma vergiftet hat.

KAISER
Ihr schwurt den entsetzlichen Schwur, dass Ihr selbst die Mörderin des Herrn Ma seid -

FRAU MA
So - ist - es -

KAISER
Werft ihr die hölzerne Krause über.
Dies geschieht, während ein Soldat ihr das Kind aus den Armen nimmt

FRAU MA
Doch hat mich jener angestiftet, der mich liebt.

TSCHAO
Ich dich lieben? Ich dich angestiftet? Wer hat die falschen Zeugen bestochen -
die Hebamme, die zwei Kulis? Wie hätte ich das Geld aufgebracht, den Nimmersatt Exzellenz Tschu, Oberrichter von Tscheu-kong, mit hundert Taels zu bestechen?

TSCHU-TSCHU
Ich hätte mich bestechen lassen, ich, der unbestechlichste Richter weit und breit?

TSCHAO
Drückt ich selbst Euer Exzellenz dem goldgreifenden Tiger nicht den Beutel mit Gold in die Hand, den jene mir für Euch eingehändigt?

KAISER
Genug des unwürdigen Gekeifes und Gezänkes! Fort mit den Dreien! Sie werden gerichtet!
Frau Ma, Tschao und Tschu-Tschu werden von den Soldaten abgeführt, Tschan-Ling später auf einen freundlichen Wink des Kaisers nach einer anderen Seite ab. Alle übrigen Anwesenden ab. Es bleiben Haitang und der Kaiser zurück. Der Kaiser nimmt das Kind einem Soldaten ab und reicht es Haitang

HAITANG
Mein Kind! Mein Kind! Mein Pantherköpfchen, mein Luchsäuglein, mein Alprikosenwänglein! Wie süss du duftest, wenn man dich küsst! Du hast auch einen schönen Namen bekommen! Li heisst du; das bedeutet Licht, Licht meines Lebens! Leuchte der Nacht! Du wirst einst im hellen Glanz erstrahlen, die Sonne wird sich beschämt verkriechen, und der Mond sich mit seinem goldenen Krummschnabel den Bauch aufschlitzen. Doch du wirst leuchtend auf dem Turm der azurnen Wolken stehn. Ich bin so froh und beglückt um dich. Ich danke dem höchsten Wesen, dass es mich erschaffen, den Eltern, dass sie mich erzogen, der Erde, dass sie mich ernährt hat.
Sie will gehen.

KAISER
Haitang -

HAITANG
Mein kaiserlicher Freund?

KAISER
Noch auf ein Wort, bevor ich Dich entlasse.

HAITANG
Entlasst Ihr mich? Verlasst Ihr mich so bald?

KAISER
In jener Nacht, da Ma im Hause Tongs Dich kaufte, Du erinnerst dich?

HAITANG
Wie könnt' ich jene Nacht vergessen, da ich zum erstenmal Euch sah.

KAISER
Sag, was geschah in jener Nacht im Hause Mas?

HAITANG
Man brachte mich in ein Zimmer zu ebener Erde, dessen Türen nach dem Garten hinausgingen. Ich weinte, bat um Ruhe. Herr Ma liess mich allein. Es war so drückend heiss, dass ich die Türe zum Garten offen liess. Als ich mich niederlegte, da hatte ich einen wunderlichen Traum.

KAISER
Was träumtest du?

HAITANG
Ich träumte, es käme ein junger Herr durch den Park geschlichen, leise, wie der Panther schleicht. Er trat in mein Zimmer, setzte sich auf das Kang, auf dem ich lag, legte sich zu mir, liebte mich, umarmte mich wie ein Ehemann sein Eheweib umarmt.

KAISER
Wie kommt es, dass Du diesen Traum so treu bewahrt hast im Gedächtnis?

HAITANG
Ei, lieber Herr, ich träumte von Euch, dass Ihr zu mir gekommen.

KAISER
Dies alles träumtest Du?

HAITANG
Ich träumt' es nur.

KAISER
Haitang, was Du geträumt, es hat in Wahrheit sich begeben. Ich folgte Dir in jener Nacht, stieg übern Bambuszaun, schlich in Dein Schlafgemach, und derart schön erschienst Du mir, dass ich entzündet wurde und meiner Sehnsucht und Begier nicht widerstand. Ich liebte Dich, die Schlafende, die einmal nur im Schlafe leise seufzte. Kannst du verzeih'n, was ich aus allzu grosser Liebe gewagt?

HAITANG
Verzeihen will ich Dir, wenn Du dies Kind
Als Deines erkennst, denn also muss es sein.
Gezeugt hat es der Sturm, geboren der Wind,
sein Pate war der gelbe Mondenschein.

KAISER
Noch heute verkünd' ich Dich dem Volk als meine Gattin!

HAITANG, KAISER
Mein Mondkind! Mein Sonnenkind!
Mein Schmerzenskind! Mein Herzenskind!
Ich hab alles Leid auf mich genommen,
Das je Dich könnte überkommen.
Dir werden alle Glocken Freude läuten!
Dir werden alle Tage Glück bedeuten.
G e r e c h t i g k e i t, sie sei Dein höchstes Ziel,
Denn also lehrt's des Kreidekreises Spiel.

Vorhang



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