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ERSTER AKT


(Zimmer im Wohnhause Palestrinas. Der Raum ist nicht gross, ziemlich dunkel; dunkelbraune alte Möbel. Alles einfach, fast ärmlich. In der Mitte der Arbeitstisch, darauf unbeschriebenes Notenpapier. An der Hinterwand ein grosses Bild, eine schöne Frau in mittleren Jahren darstellend: Lukrezia, Palestrinas verstorbene Gemahlin. Rechts ein grosses (das einzige) Fenster mit Blick auf Rom in ziemlicher Entfernung. Am Fenster ein Stuhl mit Lehne. Es ist gegen Abend; im Verlaufe der ersten Szene, zumal der dritten und vierten, wird es ganz dunkel)

Erste Szene

(Beim Aufgehen des Vorhanges sitzt in dem grossen Lehnstuhl am Tisch Silla, ein 17jähriger Mensch. Er verschwindet fast in dem geräumigen Sitz; das rechte Bein liegt mit dem Knöchel auf dem linken Knie, in den Händen hält er eine grosse Geige in einer der willkürlichen Formen jener Zeit. Er probiert, sich oft unterbrechend, eine eigene Komposition)

SILLA
(Proben mit leiser Stimme)
„Schönste, ungnäd’ge Dame…“

(unterbricht sich)

Lang bleib’ ich nimmermehr beim alten Meister;
das steht nun fest.

(fährt wieder fort)

„Nymphe mit Sternenaugen.
Des treuesten Schäfers Klagen
Lass erweichen... lass erweichen...“

(unterbricht sich wieder)

Ighino merkt noch nichts;
Ob ich’s ihm heut’ wohl sage?

(spielt weiter)

„Von Hyazinthen ein Regen
Fliesse auf dich...“

(bricht wieder ab)

Dass mich der Alte willig lässt,
Das ist doch sehr die Frage!

(fährt wieder fort)

„Schönste, ungnäd’ge Dame,
Nymphe mit Sternenaugen...“

(hält wieder ein)

Er hat mich wahrlich gern,
fast tut mir’s leid –

(er wirft Geige und Bogen auf den Tisch und steht vom Stuhl auf)

Welch herrlich freier Zug
Geht doch durch unsre Zeit!

(durchmisst das Zimmer mit elastisch- Hoffnungsfreudigen Bewegungen)

Ist’s nicht bei dem Gedanken schon
Ans heitere Florenz,
Als dürfte sich mein eig’nes Wesen
Vom dummen Joch der Allgemeinheit lösen
Und die höchste Stufe erklimmen.
Wie in meiner lieben Kunst
die Singestimmen,
Abhängig von jeher, erbärmlich polyphon,
Sich dort befrei’n zur Einzelexistenz. –

(steht jetzt vor dem Fenster und sieht hinaus)

Da liegt mein Rom! –
Ehrwürd’ges Nest, behalte
Alt, wie du selber bist, getrost das Alte!
Bewach’ mit Feu’r und Schwert, wie deine Religion,
So in der schönen Kunst die alte Tradition.
Die lass vom alten Palestrina hüten,
Da treibt sie gar noch neue Blüten.
Mich aber zieht es fort nach
all dem Schönen, Neuen,
Und wie ich Ruhm und Leben
leuchtend vor mir seh,
So steigt gewiss in stetigem Befreien
Die ganze Menschheit noch zu ungeahnter Höh!

(Ighino tritt ein; er scheint traurig)

Zweite Szene

SILLA
Ighino, gut, dass ich dich seh’!
Muss dir was Neues sagen –
Doch erst ein heiteres Gesicht!

IGHINO
Soll ich erst lange fragen?

SILLA
Wenn mein Ighino mir verspricht,
Dem Vater nichts zu klagen –

IGHINO
(schnell und besorgt)
Schlimm für den Vater ist’s doch nicht?

SILLA
Für mich ist’s sicherlich nur schön!

IGHINO
So freu’ ich mich und wünsch’ dir Glück.

(er setzt sich auf den Schemelsitz am großen Stuhl)

SILLA
Sag – ist für sich allein zu stehn
Nicht schöner, denn als kleines Stück
Von einem Ganzen sich zu sehn?

IGHINO
Du weisst, ich bin so weit zurück
Im klugen Denken gegen dich,
Weiss deiner Frage nicht Bescheid.
Das eine doch empfinde ich:
Die liebliche Gemeinsamkeit
Von guten Menschen unter sich
Ist doch das Schönste allezeit.

SILLA
(lächelnd)
Gut ist, mein Jung’ dein Sprüchelein
Für sanfte Kinder oder Greise.

IGHINO
Ist denn nicht jeder doch allein
Nur eben auf seine Weise?

SILLA
Des Starken Art ist: Herrscher sein
Und Mittelpunkt im Kreise!

(sitzt in der Nähe Ighino auf dem Stuhl)

Ighino – wenn im Chor wir singen,
– Den Altus ich, du den Diskant,
Und schwitzen bei den schweren Dingen,
Die die Gelehrsamkeit erfand:
Ist’s nicht, als ob die Esel gingen
Gemeinsam in ein Joch gespannt?

IGHINO
Das kann mein Herz nicht so empfinden.
Just für den Starken ist’s doch schön,
Wenn viele, innig sich verbinden,
In einem Ganzen aufzugehn,
Der Arbeit und des Opfers wert.
Sind wir durch Vater des nicht belehrt?
Und nichts mag mehr den Sinn erheben,
Gibt mehr auf Erden Heimlichkeit,
Als in dem All, dem Ganzen zu leben,
Nicht bloss im gegenwärt’gen „Heut“.
Die Mühen werden meine Freuden,
Wenn das Gefühl mich ganz entzückt,
Dass junges Leben alter Zeiten
Uns wie durch Zauber nahe rückt.
Ja, Silla, – lässt du das nicht gelten,
So musst du auch den Vater schelten;
Denn was ich sprach, das meint auch er. –

SILLA
(lächelnd)
Das zu bemerken war nicht schwer!
’s ist aber doch ein Unterschied:
Wir sind noch jung, der Meister alt.
Das gäbe keinen lust’gen Wald,
Pfiff jeder Vogel dasselbe Lied!

IGHINO
(nach einigem Schweigen)
Warum tun deine Worte mir
So weh? und, Silla, sprich, was ist’s,
Das du mir sagen wolltest und
Der Vater nicht erfahren soll?

SILLA
(ausweichend, steht vom Stuhl auf)
Das ist nichts Wichtiges!

IGHINO
(lebhaft)
Nein, nein, Du musst’s mir sagen!

SILLA
Sag mir lieber
Zuerst, was dich bedrückt; du scheinst
Mir trüb gestimmt und gar nicht froh.

IGHINO
Ach, Silla! – Kann ich dir’s denn sagen?
Du wirst mich sicher nicht verstehn.

SILLA
(ungeduldig)
So sprich!

IGHINO
(mit Tränen kämpfend)
Der Gram des alten Vaters –
Ich kann ihn nicht so leiden sehn!

SILLA
Ist er denn krank?

IGHINO
Nein, nein; das ist es nicht.

SILLA
Was ist’s denn sonst? Ein Unglück –

IGHINO
(schüttelt den Kopf)
Weiss ich’s denn?
Ich seh nur, wie er stumm verzweifelt ist.

(steht vom Schemel auf)

SILLA
(im Zimmer gehend)
Ich glaub’, Ighino, das siehst du allein!
Bei Gott – ich hab noch nichts davon gemerkt.

(Ighino zuckt die Achseln)

Und wenn du selbst den Grund davon
nicht weisst –
Die Trauer muss doch eine Ursach haben.

IGHINO
(schüchtern)
Ist dir sein Lebenslauf nicht Grund genug?

SILLA
Das ist nun beinah Sünde, lieber Junge,
Von Unglück da zu sprechen:
ein jeder Mensch Hat auf der Welt
sein kleines Kreuz zu tragen.
Er ist nicht krank, er leidet keine Not,
Und hat vor andern Menschen noch voraus:
Er ist berühmt! was will er denn noch mehr?
Wenn ich’s bedenk, so ist er selten glücklich.

IGHINO
(ruhig und schmerzlich)
Ich wusste wohl, du würdest also reden;
Drum sprach ich nie ein Wort mit dir davon,
Wie sehr ich mich auch sehnte, einer Seele
Mich anvertrau’n zu dürfen. Lieber Gott,
Sein Ruhm!... Sein echter Ruhm,
der still und mit der Zeit
Sich um ihn legte wie ein Feierkleid;
Sollt’ er dafür wohl gar noch dankbar sein?
Ein Heiliger für seinen Heil’genschein?
Und was hat denn sein Ruhm ihm eingebracht,
Als der Kollegen Neid und offne Niedertracht?
Sein einz’ges Menschenglück:
Familie, Ehe, Verbannte ihn
aus Papstes Gunst und Nähe.
Vor grösster Armut ist er kaum geschützt;
Nun sag mir doch, was dies Phantom ihm nützt:
er Ruhm, den andre fälschlich sich
erschleichen, die meinem Vater
nicht das Wasser reichen?
Und glaubst du,
dass er jemals etwas sagt,
Ein Hauch der Lippe je sein Los beklagt?
Ein Menschenalter schuf und schuf er Werke
In unvermindert wunderbarer Stärke.
Bis dass ihn endlich traf der schwerste Schlag,

(tritt vor das Bild)

Bis meine Mutter auf der Bahre lag.
Sie starb, die nie der Gram darob verliess,
Dass man ihn ihretwegen
aus dem Amt verstiess,
Da ward es still in ihm und leer.
Seit ihrem Tode schrieb er keine Note mehr!
Er scheint nicht mehr zu leben, altert früh,
Kaum, dass er manchmal lächelt
– Silla, sieh’:
Ich selbst bin fröhlich, hab’ das Leben lieb,
Doch nun erscheint mir alles auch so trüb’.

(Pause. Silla setzt sich auf den Schemel und nimmt Ighinos Hand)

Ist so zu reden, meinst du, wirklich Sünde? –
Ach Gott – vielleicht sind all das nicht die Gründe.
Hast du vom Leid der Welt noch nicht gehört,
Davon die Dichter sagen?

SILLA
Nun, und was?

IGHINO
Man geht und weint, weil man geboren ist –
Ich glaub’ – im Vater ist etwas davon.

(kurzt bedrückende Stille)

SILLA
(springt auf)
Lass jetzt das Leid der Welt! – ’s wird alles besser,
Und hör’ – damit du wieder lustig wirst:
Mir liegt’s schon lange auf, dass ich dir spiel
Ein Liedchen in dem allerneusten Stil: Hör’ zu!

(nimmt die Geige)

IGHINO
Ach lass!

SILLA
(Er sieht verwundert auf Ighino)
Du wirst doch nicht versagen,
Wenn Kunstgenossen um dein Urteil fragen!

(Er setzt sich auf den Stuhl vor der Hausorgel, mit dem Rücken zum Hintergrund; Ighino hört ihm, halb auf der Lehne des grossen Stuhles sitzend, zu.)

„Schönste, ungnäd’ge Dame,
Nymphe mit Sternenaugen,
Des treuesten Schäfers Klagen
Lass erweichen dein Herz.
Im elysischen Haine
Von Hyazinthen ein Regen,
Nymphe mit Sternenaugen,
Fliesse auf dich und mich.
Schönste, ungnäd’ge Dame,
Goldenhaarige“...

Dritte Szene

(Kardinal Borromeo und, hinter ihm, Palestrina sind eingetreten. Ighino hatte die Eintretenden zuerst bemerkt, Silla mit leisem Schrei und Anstoss aufmerksam gemacht, und sinkt nun, und mit ihm der erschreckte Silla, auf die Knie; Borromeo hält in der Tür an; Palestrina steht nun neben ihm. Kardinal Borromeo ist ein grosser Mann zwischen 40 und 50 Jahren, mit intelligentem Gesicht und leidenschaftlichen Augen; Palestrina hat die 50 überschritten; er ist leicht ergraut, zumal an den Schläfen. Ighino hat die ängstlichen Augen auf die beiden Männer gerichtet)

SILLA
Schönste, ungnäd’ge Dame,
Goldenhaarige“...

(Kardinal nagelte seine Augen auf Stuhl; es fährt Ihnen, mit einer furchtbaren Geste und ein unterdrücktes Lachen; Ighino, beunruhigt, hat seine Augen auf die beiden Männer festgelegt)

BORROMEO
(Nach einem schweren Stille)
Seltsamliche Geräusche hört man hier
Im Haus des strengen Meisters!

(zu Palestrina)

Ist das die Kunst, Praeneste, die Ihr lehrt?

PALESTRINA
(Leise)
Das frag’ ich, Silla, dich!

(da dieser betreten schweigt)

Geht beide nun hinein
Und morgen mit dem frühsten seid bereit
Den Psalm zu üben – Seiner Heiligkeit
Küsst nun die Hand.
Seid fromm und still.

(Silla und Ighino, erster mit Geige und Bogen, gehen, nachdem sie Borromeo die Hand geküsst haben, leise und schnell links ab)

PALESTRINA
(begütigend zu Borromeo)
Das ist die neue Zeit, die in ihm gärt;
Sie macht ihn toll, doch glücklich.
Verzeiht es, bitt’ ich, ihm nach Eurer Güte!

BORROMEO
Doch – wenn ich’s nur verstünd’!
Was hat der Knabe?
Wie klangen diese Töne sündig doch!
Und Ihr –
Ihr scheint nicht sonderlich erstaunt.
So wisst Ihr denn davon?
was ist es – sprecht!

PALESTRINA
Ich weiss –
doch Silla glaubt, nichts wüsst’ ich noch.

(Siehe mit Zuneigung, woher es kam Silla)

Es ist ein Junge, voll von Gottesgabe,
Zu wehren ihm fühl’ ich in mir kein Recht.

BORROMEO
(ereifert sich)
Ihr droht ihm nicht einmal?
so mild gelaunt?
Ihr nehmt es, scheint mir, allzuwenig schwer!

PALESTRINA
Ach, der Bedrohte bin nur ich, nicht er!

(ernster)

Die Kunst der Meister vieler hundert Jahre,
Geheimnisvoll verbündet durch die Zeiten
Zum Wunderdom sie stetig aufzubau’n,
Der sie ihr Leben schenkten, ihr Vertrau’n,
Und der auch ich mein armes Dasein bot:
Ihm dünkt sie abgegriff’ne alte Ware,
Er glaubt sie überwunden, glaubt sie tot. –
Nun haben Dilettanten in Florenz
Aus heidnischen, antiken Schriften
Sich Theorien künstlich ausgedacht,
Nach denen wird fortan Musik gemacht.
Und Silla drängt begeistert sich zu jenen
Und denkt und lebt nur in den neuen Tönen.
Vielleicht wohl hat er recht! Wer kann es wissen,
Ob jetzt die Welt nicht ungeahnte Wege geht,
Und was uns ewig schien, nicht wie
im Wind verweht? –
Zwar trüb’ ist’s zu denken –
kaum zu fassen.

BORROMEO
Und Ihr wollt’s so ruhig
gehen lassen?!
Vergesst Ihr, auf welchen Fels ist gebaut
Eure eig’ne Kunst, der Ihr selbst nicht vertraut?
Vergesst Ihr die starke Kirche? – Fürwahr,
Eure Müdigkeit gibt mir Ärgernis gar!

(nach einer Pausem milder; tritt zu Palestrina)

Ihr scheint mir krank
in eurer Seele
Seit langem schon; besorgnisvoll
Fand ich, worauf ich einzig zähle,
Das Mittel, das Euch heilen soll.
Ihr habt von Eures Geistes Gaben
Viel Jahre nicht Gebrauch gemacht.
Bedenkt: Die Engel halten Wacht
Und wollen Lobgesänge haben;
Gott selbst hat nun die neue Tat
Vor Tausenden Euch zuerteilet;
Weshalb anjetzt ich verweilet
Und heimlich Euer Haus betrat.

PALESTRINA
Die Gnade, die Ihr mir gewährt,
Drängt mich, demütig Euch zu sagen,
Wie dankbar ich – wie hochgeehrt!

BORROMEO
Nun setzt Euch zu mir her und hört.

(Er nimmt in dem grossen Lehnstuhl Platz. Palestrina setzt sich auf den Stuhl rechts.)

Es drohet nicht von eitlen Dilettanten,
Von frechen Schülern dem wohl nicht Gefahr,
Woran die zweimalhundert guten Jahr
Christliche Meister ihre Mühe wandten.
Wir fürchten uns da nicht so sehr.
Doch der Sturm, er kommt! nur anderswoher;
Und was der gesamten Kunst er droht,
Auf einen Streich ist’s sicherer Tod.
Ihr wisst, das heil’ge Konzil zu Trident
Neigt sich zum gottgefälligen End’,
Nachdem es achtzehn Jahre lang
Gestört, bedroht und unterbrochen
Mühsam durch Sturm
und Not sich rang.
Nun hat der Papst ein strenges Wort gesprochen;
Und eh’ dies Jahr noch zu Ende mag geh’n,
Will das Konzil er beendet seh’n.
Demnach ist nun die letzte Session
Am kommenden dritten Dezember schon.
Es fehlt auch nur noch ein Dekret,
Das auf manche inn’re Reformen geht.
Da wird endgültig zum letzten Mal
Beschlossen über das Ritual,
Katechismus, Brevier, Fasten, Gebet,
Vornehmlich aber über das Missal,
Ach, unsre süsse, heil’ge Messe!
Die neuen Irrungen, unhold dem Ohre,
Wem lägen sie schmerlicher wohl im Sinn
Als dem einstigen päpstlichen Kompositore
Und mir, der ein Freund der Künste ich bin?
Profane Texte, – gar lascive!
Üppig weltliche Liedmotive!
Überladenes Stimmgefüge,
Das den echten Text unverständlich macht,
Wie vielen hat’s Ärgernis schon gebracht!
Wir kennen das Übel zur Genüge.
Anstatt nun mit Eifer und klug zu sichten,
Die faulen Glieder zu trennen vom Rumpf,
Will Pius nun mit Stiel und Stumpf
Den ganzen Körper auf einmal vernichten.
Zum Gregorianischen Choral
Soll alles wiederkehren.
Die ganze Misuca figural
Die Meisterwerke ohne Zahl,
Die soll die Flamme verzehren!
Als ich zuerst davon gehört,
Wie kam da Schmerz in mein Gemüte!
Kleingläubig, wer von Gottes Güte
Wohl glaubt, dass sie dem Menschen wehrt
Die Freude an der Schönheit Blüte;
Es irrt wohl der, der solches lehrt,
Der Sorge einzig zugekehrt
Dass er die Seele hüte!
Wohl müht’ ich jüngst
im Konsistorium
Mit Reden mich, ich bat die Kardinäle,
Dass man kein gar so hartes Mittel wähle;
Doch alle blieben meinen
Bitten stumm.
Nun aber hört das Glück,
von dem ich euch erzähle!

(von hier ab mit steigender Wärme)

Es hat der Kaiser Ferdinand
Sich selbst für die Musik verwandt;
In einem langen Schreiben
Wünscht er: es möchte bleiben
Aus grosser Meister Zeit
Das wohlerfund’ne Alte,
Weil es den Geist der Frömmligkeit
Erwecke und erhalte.
Nun können die Herren nicht umhin,
Zu handeln nach des Kaisers Sinn.
Und nun auf einmal war mir’s leicht,
Mit meinen Wünschen durchzudringen
Und selbst den Papst dahin zu bringen,
Dass er sich meinem Plane neigt;
Vernehmt, wohin meine Gedanken gingen,
Und was ich hab’ erreicht.
Die Gegensätze all’ zu einen,
Die dieser Zeiten Fährnis bringt,
Geläng’ wohl nur dem liebend-reinen,
Dem Künstlergeist, der sie umschlingt.
Dass nun die Andacht im Gefühle,
Die unsert Geist zum Höchsten hebt,
Mit holder Lust am Wunderspiele
Der Töne sich zu eins verwebt:
Dies soll ein Meisterwerk beweisen,
Das allen Streit in sich versöhnt,
Das, Gottes Herrlichkeit zu preisen,
In künstlich reichen Formen tönt.
Es fuhr wie Leuchten der Gedanke
Mir durch den Sinn in höchster Not;
Nun endlich fiel die letzte Schranke
Des Widerstands, den man mir bot.
Wenn denn ein solches Werk gelänge
– Dies hat der Papst mir zuerkannt –
Dann sei gelöst des Fluches Strenge,
Der die gesamte Kunst noch bannt;
Der neuen Messe Stil und Haltung,
Sie sei fortan die feste Norm.
So brächte dieses Werks Gestaltung
Der Tonkunst Rettung und Reform.

(Borromeo, während seines Vortrages immer begeisterter geworden, steht hier auf; mit ihm erhebt sich auch Palestrina)

Und Ihr sollt diese Messe schreiben!
Wer könnte solchen reinen Stil
Wohl einem Werke einverleiben
Zugleich mit kirchlichem Gefühl?
Auf, Meister! Euch zum ew’gen Ruhme,
Zur Rettung der Musik in Rom,
Der höchsten Spitze Kreuzesblume
Setzt auf der Töne Wunderdom!

(Palestrina, der ruhig und aufmerksam, aber ohne sonderliche Anteilnahme zugehört hat, beginnt nun nach einer kleinen Pause)

PALESTRINA
Wie schön ist, was Ihr sagt!
Und welchen Blick gewährt es mir
In Eure grosse Seele.
Wie wünscht’ ich, dass Euch nimmer fehle
Der Mann, der dieses Grosse wagt. –
Doch zürnt nicht, wenn ich nicht verhehle:
Wenn ich’s auch noch so gerne wär’ –
Ich bin der Rechte nicht – bin’s nimmermehr!

BORROMEO
(ernüchtert, bezwingt seine Verstimmung)
So wenig inne seid Ihr Eurer Sendung?
Gewiss – auch mag es sein,
Dass von den grossen Meistern Roms
Wohl mehr als einer leicht zu finden wäre,
Gewachsen Euch an Wissenschaft und Geist,
Der, hochbeglückt, und eingedenk der Ehre,
Das Werk hinführte zur Vollendung,
Das undankbar Ihr von Euch weist
In töricht – unbegreiflicher Verblendung!
Die Freundschaft, die ich für Euch fühle,
Das Lob des Kenners Eurem Stile:
Ihr schätzt sie wahrlich niedrig –
lohnt mir schlecht!

PALESTRINA
(bescheiden)
Schlecht lohnt’ ich Euch, erhab’ner Kardinal,
Wenn ich Gedanken spriessend höchstem Sinn,
Der gnädig lenkte nun auf mich die Wahl
Zur Tat zu machen mich erdreisten wollte
In dem Gefühl, dass ich unwürdig bin.
Denkt: wenn der Augenblick nun da,
Und Ihr das hochersehnte Werk nicht schaut,
Wie mir derselbe Sinn dann grolllte,
Der mir vorher so sehr vertraut!

BORROMEO
(vorwurfsvoll und betont)
Ist das Pierluigi Palestrina,
Der unermüdlich schaffensfrohe Mann?

PALESTRINA
(leise – wie für sich)
Er ist’s nicht mehr. – Das Leben schlingt der Tod,
Das graue Alter trinkt der Schönheit Rot,
Wie wäre Künstlers schaffendes Organ
Nicht auch dem Zeitlich – Trüben untertan?

BORROMEO
(heftig)
Ich kann Euch nicht verstehn!
Nicht mit Euch fühlen!
Ihr gebt Euch auf – nun gut! Doch eins bedenkt:
Die toten Meister heben ihre Hände,
Sie rufen aus dem Grabe:
„Rette, rette,
Ach, wer errettet unsere Musik?!
Unheilig und vernichtet sie wie wir!
Mit unsern Werken schwindet
unsre Seligkeit!“
Lässt Euch das auch in Ruh’?

PALESTRINA
(leise lächelnd)
Ach, hoher Freund,
Wer weiss gewiss, was tote Menschen fühlen?

BORROMEO
Ei hört – ei hört! Bedenklich war der Satz!

(immer gereizter, da Palestrina schweigt)

Wenn denn in Eurem Herzen keine Liebe
Für jene, denen Ihr so viel verdankt,
So wisst nun fernerhin:
auch Eure Werke
Sind der Vernichtung Raub;
der Scheiterhaufen
Steht schon bereit für alle!

PALESTRINA
(immer gleich ruhig)
Sei’s darum.

BORROMEO
(kurz und scharf)
Und wenn’s der Papst befiehlt?

PALESTRINA
(wie vorhin)
Er kann befehlen,
Doch niemals meinem Genius –
nur mir.

BORROMEO
(schlägt die Hände zusammen)
So spricht denn Gott nicht mehr in Eurer Seele!

PALESTRINA
(leise)
Ich glaube – nein!

BORROMEO
(völlig unbeherrscht)
So also steht’s mit Euch!
Der fromme Meister lästert!
Hört doch! Hört!
Nun, nun, ich sag’s Euch, dass ihr’s noch bereut!
Mit solcher Bosheit lohnt Ihr treues Sorgen!
Nun – Ihr bereut es noch! –
Ich reise morgen!
Eilpferde stehen schon für mich bereit,
Um nach Trident zu jagen. Nun, ich geh’!
Nach Schwefel riecht’s in Eurer Näh’!

(geht in heftigstem Zorn ab)

Vierte Szene

(Palestrina hat dem letzten Ausbruch, der ihm doch unvermutet kam, bestürzt zugehört, es sieht dem Borromeo eine Weile gedankenvoll nach; dann wendet er sich zurück traurig – gefasst)

PALESTRINA
Der letzte Freund,
der mir noch wohlgesinnt,
Nun geht auch er –
und hat nur Groll um das,
Was widerstrebend ihm mein Leid gestand.
O wüsstest du, du wohlgeborg’ne Seele,

(auf seine Brust deutend)

Was hier noch alles flüstert,
reden möchte,
Welch dunklere Gedanken, unheimliche –
Für mich der Holzstoss wär’ dir noch zu mild!
Wie fremd und unbekannt
sind sich die Menschen!
Das Innerste der Welt ist Einsamkeit.
Man fühlt es nicht im frohen Rausch
der Jugend,
Im Taumel der Gewohnheit; der Bewegung,
Zu der das Leben unaufhörlich peitscht.
Doch wer verwundet an der Strecke liegt,
Sich nicht mehr rühren kann,
und nur noch schaut, –
Dem rasen sie vorüber, fremde Larven,
Verfolgend halb und fliehend, Wut und Angst
Im ziellos aufgeriss’nen Blick. –
Wie schrecklich,
Sich plötzlich einsam tief im Wald zu finden,
Wo in der Finsternis kein Ausweg ist.
So in der Mitte find’ ich mich des Lebens,
Verstehe nicht, wie je ich schaffen konnte
Wie je ich mich erfreute, wie je ich liebte.

(Er steht vor dem Bild der Lukrezia)

Lukrezia! – Als du mir noch im Leben,
War ich geborgen. Ja, da sprang der Quell,
Und weil er sprang, war mir das Leben wert.
Warum war stark genug mein Lieben nicht,
In meiner Nähe ewig dich zu halten?
Armseliges Gefühl! – Mit Trauer weiss ich,
Dass auch Ighinos Liebe mich nicht hielte.

(Er setzt sich langsam und innerlich müde in den grossen Lehnstuhl am Tisch Jetzt werden sichtbar ersten Auftritte)

Mein guter Knabe – ach, wie lieb’ ich ihn!
Und doch – den allerletzten,
finstern Schritt Nicht, weil er sündig,
unterliess’ ich ihn,
Nur, weil er sinnlos – gänzlich sinnlos ist.

(Pause; er greift verstört und zerstreut nach den Notenblättern auf dem Tisch vor ihm)

– Soll wieder Noten schrerben – eine Messe, –
Ein grosses Werk, – ein „ew’ges“, wie man sagt.
Ob ich’s vermag? –
Der Priester drohte mir
Vernichtung meinen Werken! Ob die Flamme
Sie rasch, oder die Zeit sie langsam frisst,
All’ eins, und sinnlos alles, alles, alles!
Wozu das ganze Schaffen,
Freuen, Leiden, Leben?
Ob ich’s vermöchte? – Nein, ach nein! Wozu,
Wozu das alles – ach wozu – wozu?

(Er vergräbt in tiefer Verzweiflung den Kopf in die vor sich auf den Tisch gestreckten Arme. Mittlerweile sind in dem geisterhaft violetten Licht, welches die einbrechende Nacht in dem Raum verbreitet hat, Gestalten aufgetaucht; sie kamen lautlos und langsam aus dem – ganz dunklen – Hintergrund geschritten und umgeben nun stehend Palestrina. Sie sind in verschiedenen – spanischen, niederländischen, italienischen, deutschen, französischen – Trachten und scheinen aus verschiedenen Jahrhunderten den Vor-Palestrina Zeit zu stammen. Das älteste – etwa 13. – Jahrhundert ist durch eine Erscheinung im Mönchskleid repräsentiert. Dabei sind sie in verschiedenen Lebensaltern, vom Jüngling bis zum Greis; auch in vornehmen und geringen Kleidungen: Es sind die verstorbenen Meister der onkunst vergangener Epochen, Palestrinas grosse Vorgänger)

Fünfte Szene

(Bei den letzten Worten Palestrinas schon einige Zeit angelangt, unbeweglich stehend, und den fremd lächelnden Blick auf ihn geheftet, beantworten sie sein laut ausgerufenes: „Ach wozu – wuzu.“)

DIE MEISTER
Für Ihn, – Sein Wesen will’s.
Er muss; so musst auch du.

PALESTRINA
(fährt mit dem Kopf in die Höhe; beim Anblick der Erscheinungen erschrickt er kaum; das erste Anstarren verwandelt sich bald in eine glücklichere, weichere Miene; er flüstert, immer noch von ihrem Anblick gebannt)
Vertraut – von je vertraut –
Aus unversunk’ner Zeit! –

DIE MEISTER
(lächeln, leise zustimmend, mit kaum merkbarem Kopfnicken)
Vertraut – vertraut auch du –
Auch du uns – uns vertraut.

PALESTRINA
(in Aufregung)
Mir ist – ich lebe –
und ihr schwindet nicht? –
Dies Lächeln noch –
im Ohr der Worte Ton –
Einst war mir doch – – mir war –
starbt ihr nichr schon?

(Die Meister lächeln und nicken. Palestrina zu einem der Meister)

Ich kenne dich – Josquin, du Herrlicher,
Lass deine Hand mich –

EIN MEISTER
(in höfischer, burgundischer Tracht, 15. Jahrhundert; unbeweglich)
Gruss dir, Pierluigi!

PALESTRINA
(fast lebhaft, zu einem anderen)
Und du
Tedesc’ Enrico nannt’ ich dich
So gern!

EIN ANDERER MEISTER
(deutsche Tracht, 15. Jahrhundert, unbeweglich)
Mein Bruder, sei gegrüsst!

ALLE MEISTER
(leise)
Wir grüssen dich, Pierluigi!

PALESTRINA
In welches Reich denn, welches wunderbare
Bin ich getaucht? – – Vergraben nun schon lang,
Doch einst so heiss: ein jugendlich Verlangen
Erfüllt sich mir in dieser Stunde Grau’n.
Euch darf ich schau’n,
Geliebte Götter meiner Blütenjahre,
Ihr Meister! Freunde meiner Manneszeit.
Ach, wenn ihr ihm verständlich seid:
Enthüllt dem armen Geist, in Sterblichkeit befangen,
Ihr Schatten, ob ihr wirklich – wirklich – seid!

DIE MEISTER
Wir sind – wir sind, Pier – wir sind.

PALESTRINA
(traurig)
Ach wohl! – mein Blick ist schattenhaft, ich weiss!
Was trennt mich doch die harte Todeswand
Zu sein wie Ihr – mit Euch
– in Eurem Land,
Zu treten in der Hochgestimmten Kreis!

DIE MEISTER
Aus weiter Ferne sehen wir dir zu;
Dein Werden freuet uns, dein Wachsen, Dehnen.
Der Kreis der Hochgestimmten ist voll Sehnen
Nach jenem, der ihn schliesst: Erwählter du!

PALESTRINA
(schmerzlich)
Nicht ich – nicht ich –
schwach bin ich, voller Fehler.
Und um ein Werden ist’s in mir getan.
Ich bin ein alter,
todesmüder Mann
Am Ende einer grossen Zeit.
Und vor mir seh’ ich nichts als Traurigkeit –
Ich kann es nicht mehr zwingen aus der Seele.

DIE MEISTER
(lachen still zueinander)
Hm – hm – hm – hm
Er weiss noch nicht – er weiss nicht, dass er muss,
Er weiss es besser –

EIN MEISTER IM MÖNCHSKLEID
Pierluigi, löcken
Wider den Stachel ist Vermessenheit!

PALESTRINA
(ergriffen)
Wohl weiss ich, dass auch
ihr einstmals in Nöten
Und bitterem Verzicht auf Erden rangt.
Der neuen Kraft war mir’s oft einz’ge Quelle,
Und mehr hab’ innigem Versenken ich verdankt
In gleicher Seelen ähnliches Erleiden
Als je mir Glauben, Hoffen half und Beten.
Doch nun ist reif der Wunsch,
von hier zu scheiden.
Wo’s in mir blühte, ist jetzt tote Stelle
Und meine Harfe hing ich in die Weiden.
Ihr lebtet stark in einer starken Zeit
Die dunkel noch im Unbewusstsein lag
Als wie ein Korn in Mutter Erde Schoss.
Doch des Bewusstseins Licht, das tödlich grelle,
Das störend aufsteigt wie der freche Tag
Ist feind dem süssen Traumgewirk,
Dem Künsteschaffen;
Der Stärkste streckt vor solcher
Macht die Waffen.
Entschwunden ist die Kraft, die einst so gross;
Mit off’nen Augen in des Lebens Rachen
Will flieh’n ich aus der Zeit und von dem Tross
Der Menschen, welche mit der Zeit erschwachen.

DIE MEISTER
(lachen wieder, wie vorhin)
Hm – hm – hm – hm – – Er weiss noch nicht –
er weiss nicht, dass er kann.
Er weiss es besser – erdbefang’ner Mann,
Dein Erdenpensum ist noch nicht getan!

PALESTRINA
(stark, aufbäumend)
Ich will nicht – will nicht! Hört! Ich will es nicht!

DIE MEISTER
(nicken bedeutend zueinander, einzeln)
Die Wachstumsschmerzen sind’s! –
Es kommt vom Werden.
Die letzte Häutung – ’s ist die Mutation.

PALESTRINA
(ruhiger für sich)
Was einst mir höchstes Glück –
nun dumpfe Pflicht.
Kein Trost im Himmel –
keiner auf der Erden.

DIE MEISTER
(zu Palestrina)
Nicht in dem Himmel, auf der Erde nicht
Kann jemand Trost dem Andern geben,
Als durch sein Sein; und, liebes Kind,
Wir sind, – wir sind, –
wir sind.
Und so, wie du nun musst,
so mussten wir im Leben.
Du wirst und musst!

PALESTRINA
Und wer befiehlt’s?

DIE MEISTER
Der alte Weltenmeister
Der ohne Namen ist;
der gleichfalls untertan
Uraltem Wort am Rand der Ewigkeit.
Er schafft sein Werk, wie du das deine,
Er schmiedet Ringe sich, Figuren, Steine
Zu der schimmernden Kette der Zeiten
Der Weltbegebenheiten.

PALESTRINA
(nach einer Pause, leise)
Wann endlich wird auch mir Vollendung sein?

DIE MEISTER
In dir, Pierluigi
Ist noch ein hellstes Licht;
Das erstrahlte noch nicht.
Ein letzter Ton noch fehlet
Zum klingenden Akkord;
Als der ertönst du dort.
Den Schlusstein zum Gebäue
Zu fügen sei bereit;
Das ist der Sinn der Zeit.
Wenn du dein ganzes Bild aufweist,
Wenn dein’ Gestalt vollkommen,
So, wie sie war entglommen
Von Anbeginn im Schöpfergeist:
Dann strahlst du hell, dann klingst du rein,
Pierluigi du,
An seiner schönen Ketten
Der letzte Stein.

PALESTRINA
(wieder nach einer Pause; mit leisem Schauer)
Warum das ganze Spiel? –
Wenn das nicht wäre,
Was wäre dann? – Warum das ganze Spiel?

DIE MEISTER
(strecken wie zur Abwehr dieser Frage die Hände aus hart)
Dein Erdenpensum, Palestrina,
Dein Erdenpensum schaff’!

(Sie verschwinden langsam in dem Hintergrunde)

PALESTRINA
(erschrocken)
Weh’ – lasst mich nicht
Allein in dieser rätselvollen Leere! –
Wie schwindet ihr so bleich –

DIE MEISTER
(im Verschwinden, milder, fast traurig)
Dein Erdenpensum, Palestrina –
dein Erdenpensum –

(Sie verschwinden völlig)

Sechste Szene

(Der diese ganze (fünfte) Szene im Stuhl verblieben, sitzt nun aufrecht, nicht angelehnt, mit geschlossenen Augen; es ist vollständig dunkel; alsbald nach Verschwinden der Geister beginnt er, leise und von Schauer umfangen)

PALESTRINA
Allein in dunkler Tiefe Voll Angst ich armer
Mensch Rufe laut nach oben.

ERSTER ENGEL
(auf der Rücklehne des Stuhles, von Palestrina ungesehen,von hellem Schein beleuchtet, sitzend)
Kyrie – Kyrie eleison!

PALESTRINA
(ergreift mechanisch die Feder und singt)
Kyrie eleison.
Ist wo ein Liebesquell?
Wenn nicht auf Erden
Er warm ins Herz mehr fliesst,
Ach, wo ergiesst
Er lind sich dem Müden?
Was erschliesst,
Was sich dem suchenden Blick?
Wer bringt der Frieden?

ZWEITER, DRITTER ENGEL
(auf der kleinen Hausorgel, hellbeleuchtet, sitzend)
Christe – Christe eleison.

PALESTRINA
(lässt die Feder nicht mehr aus der Hand schreibt und singt)
Christe eleison.

(Von hier ab bevölkert sich die Stube mit Engelsgestalten. Alle erscheinen in Beleuchtung. Palestrina sind sie wie alle folgenden Erscheinungen nicht sichtbar)

CHOR DER ENGEL
Credo in unum Deum,
Patrem omnipotentem.

PALESTRINA
Allmächtig ... geheimnisvolle Kraft!
Wie durch die eigne Brust
Selig nun zieht
Allmächt’ge Schöpferlust,
Ewiges Hohelied!
Wunder ist Möglichkeit,
Allwo sie weit Welten erschafft!

(Es erscheint die Gestalt der Lukrezia; sie schmiegt sich nah an Palestrina. Mit Zuneigung befindet erscheint)

LUKREZIA
Nah war ich dir
In Nöten des Lebens;
Nah bin ich dir
Im Frieden des Lichts;
Frieden auch dem auf Erden,
Der guten Willens ist.

ERSTER, ZWEITER, DRITTER ENGEL
In terra pax hominibus bonae voluntatis.

PALESTRINA
Liebes Mysterium!
Fühle durch tiefe Nacht
Durch Wonnen der Geistesmacht
Seliges Meschentum
Innig vertraut.
Liebender Laut –

LUKREZIA
Frieden auch dem auf Erden,
Der guten Willens ist.

ERSTER, ZWEITER, DRITTER ENGEL
In terra pax hominibus bonae voluntatis

(Die Decke scheint sich zu öffnen; die Hinterwand schwindet; man sieht eine ganze Glorie von Engeln und Himmel, die die ganze Bühne füllt, so dass nur eigentlich Palestrina dunkel bleibt)

LUKREZIA
Frieden!

(Hier beginnt die Gestalt der Lukrezia zu verbleichen.)

PALESTRINA
Zu überschwenglichem Glück
Bin ich erhoben!
Erdenruhm bleibt tief zurück.
Selig nur den Dankesblick
Send’ ich nach oben,
Innig zu loben
Die ewige Liebesmacht,
Die den Frieden gebracht.
Den Frieden –

CHOR DER ENGEL
(Die drei Solisten mit den Sopranistinnen)
Gloria in excelsis Deo,
Gratias tibi!
Laudamus te!
Glorificamus te!
Dona nobis pacem!

(Nach dem Höhepunkt der Steigerung, beim „Gloria in excelsis“, hat zugleich mit der Stärke des Gesanges die Helligkeit der Beleuchtung nachgelassen. Während der letzten Gesangstakte schon verschwinden alle Erscheinungen, auch die der Lukrezia, gänzlich dem Blick. Das Zimmer ist wieder wie vorher, doch nicht wie am Anfang dieser Szene finstere Nacht, sondern anbrechender Morgen. Von ferne hört man mit zunehmender Stärke die Glocken des erwachenden Roms. Palestrina war nach den letzten Noten der Messe wie erschöpft in den Sessel zurückgesunken; der rechte Arm hängt herunter, die Feder ist seiner Hand entfallen;die Notenblätter liegen auf dem Tisch und Boden zerstreut. Er schläft tief. So verbleibt er bis zum Schluss des Aktes)

Siebente Szene

(Dann erscheint plötzlich Silla an der Türe, er winkt, nachdem sein Blick auf den schlafenden Meister gefallen, dem noch nicht sichtbaren Ighino, beide wollen mit Singebüchern zur Morgenübung kommen)

SILLA
(Leise)
Ighino, sieh doch, komm herein!

IGHINO
(tritt auf, erschrickt beim Anblick des Vaters)
Mein Vater – Silla, was geschah?

SILLA
Nichts, nichts! – Du siehst, er schlief nur ein.
Ighino, aber sieh’ doch da!

(Er hat die beschriebenen Notenblätter bemerkt und sammelt sie leise vom Tisch und Boden auf.)

IGHINO
Ach Silla, welches Glück!
Er hat etwas geschrieben!

SILLA
Die ganze Nacht wohl ist er wach geblieben!

(Sie gehen mit den Blättern ans Fenster, um beim Scheine des Morgenlichts das Geschriebene zu lesen; sie blättern und lesen eifrig.)

Die alte Art – doch nicht so schwer.

IGHINO
Es scheint mir ganz besonders schön.
Aus jeder Note spricht doch er!

SILLA
(bedenklich)
Jedoch – kaum ist es zu versteh’n –
’ne ganze Messe, wie ich merk’!
Der alte Mann, und eine einz’ge Nacht –
Ich glaube nicht, dass grade dieses Werk
Dem alten Meister grosse Ehre macht.

(Die Glocken klingen stark)
ERSTER AKT


(Zimmer im Wohnhause Palestrinas. Der Raum ist nicht gross, ziemlich dunkel; dunkelbraune alte Möbel. Alles einfach, fast ärmlich. In der Mitte der Arbeitstisch, darauf unbeschriebenes Notenpapier. An der Hinterwand ein grosses Bild, eine schöne Frau in mittleren Jahren darstellend: Lukrezia, Palestrinas verstorbene Gemahlin. Rechts ein grosses (das einzige) Fenster mit Blick auf Rom in ziemlicher Entfernung. Am Fenster ein Stuhl mit Lehne. Es ist gegen Abend; im Verlaufe der ersten Szene, zumal der dritten und vierten, wird es ganz dunkel)

Erste Szene

(Beim Aufgehen des Vorhanges sitzt in dem grossen Lehnstuhl am Tisch Silla, ein 17jähriger Mensch. Er verschwindet fast in dem geräumigen Sitz; das rechte Bein liegt mit dem Knöchel auf dem linken Knie, in den Händen hält er eine grosse Geige in einer der willkürlichen Formen jener Zeit. Er probiert, sich oft unterbrechend, eine eigene Komposition)

SILLA
(Proben mit leiser Stimme)
„Schönste, ungnäd’ge Dame…“

(unterbricht sich)

Lang bleib’ ich nimmermehr beim alten Meister;
das steht nun fest.

(fährt wieder fort)

„Nymphe mit Sternenaugen.
Des treuesten Schäfers Klagen
Lass erweichen... lass erweichen...“

(unterbricht sich wieder)

Ighino merkt noch nichts;
Ob ich’s ihm heut’ wohl sage?

(spielt weiter)

„Von Hyazinthen ein Regen
Fliesse auf dich...“

(bricht wieder ab)

Dass mich der Alte willig lässt,
Das ist doch sehr die Frage!

(fährt wieder fort)

„Schönste, ungnäd’ge Dame,
Nymphe mit Sternenaugen...“

(hält wieder ein)

Er hat mich wahrlich gern,
fast tut mir’s leid –

(er wirft Geige und Bogen auf den Tisch und steht vom Stuhl auf)

Welch herrlich freier Zug
Geht doch durch unsre Zeit!

(durchmisst das Zimmer mit elastisch- Hoffnungsfreudigen Bewegungen)

Ist’s nicht bei dem Gedanken schon
Ans heitere Florenz,
Als dürfte sich mein eig’nes Wesen
Vom dummen Joch der Allgemeinheit lösen
Und die höchste Stufe erklimmen.
Wie in meiner lieben Kunst
die Singestimmen,
Abhängig von jeher, erbärmlich polyphon,
Sich dort befrei’n zur Einzelexistenz. –

(steht jetzt vor dem Fenster und sieht hinaus)

Da liegt mein Rom! –
Ehrwürd’ges Nest, behalte
Alt, wie du selber bist, getrost das Alte!
Bewach’ mit Feu’r und Schwert, wie deine Religion,
So in der schönen Kunst die alte Tradition.
Die lass vom alten Palestrina hüten,
Da treibt sie gar noch neue Blüten.
Mich aber zieht es fort nach
all dem Schönen, Neuen,
Und wie ich Ruhm und Leben
leuchtend vor mir seh,
So steigt gewiss in stetigem Befreien
Die ganze Menschheit noch zu ungeahnter Höh!

(Ighino tritt ein; er scheint traurig)

Zweite Szene

SILLA
Ighino, gut, dass ich dich seh’!
Muss dir was Neues sagen –
Doch erst ein heiteres Gesicht!

IGHINO
Soll ich erst lange fragen?

SILLA
Wenn mein Ighino mir verspricht,
Dem Vater nichts zu klagen –

IGHINO
(schnell und besorgt)
Schlimm für den Vater ist’s doch nicht?

SILLA
Für mich ist’s sicherlich nur schön!

IGHINO
So freu’ ich mich und wünsch’ dir Glück.

(er setzt sich auf den Schemelsitz am großen Stuhl)

SILLA
Sag – ist für sich allein zu stehn
Nicht schöner, denn als kleines Stück
Von einem Ganzen sich zu sehn?

IGHINO
Du weisst, ich bin so weit zurück
Im klugen Denken gegen dich,
Weiss deiner Frage nicht Bescheid.
Das eine doch empfinde ich:
Die liebliche Gemeinsamkeit
Von guten Menschen unter sich
Ist doch das Schönste allezeit.

SILLA
(lächelnd)
Gut ist, mein Jung’ dein Sprüchelein
Für sanfte Kinder oder Greise.

IGHINO
Ist denn nicht jeder doch allein
Nur eben auf seine Weise?

SILLA
Des Starken Art ist: Herrscher sein
Und Mittelpunkt im Kreise!

(sitzt in der Nähe Ighino auf dem Stuhl)

Ighino – wenn im Chor wir singen,
– Den Altus ich, du den Diskant,
Und schwitzen bei den schweren Dingen,
Die die Gelehrsamkeit erfand:
Ist’s nicht, als ob die Esel gingen
Gemeinsam in ein Joch gespannt?

IGHINO
Das kann mein Herz nicht so empfinden.
Just für den Starken ist’s doch schön,
Wenn viele, innig sich verbinden,
In einem Ganzen aufzugehn,
Der Arbeit und des Opfers wert.
Sind wir durch Vater des nicht belehrt?
Und nichts mag mehr den Sinn erheben,
Gibt mehr auf Erden Heimlichkeit,
Als in dem All, dem Ganzen zu leben,
Nicht bloss im gegenwärt’gen „Heut“.
Die Mühen werden meine Freuden,
Wenn das Gefühl mich ganz entzückt,
Dass junges Leben alter Zeiten
Uns wie durch Zauber nahe rückt.
Ja, Silla, – lässt du das nicht gelten,
So musst du auch den Vater schelten;
Denn was ich sprach, das meint auch er. –

SILLA
(lächelnd)
Das zu bemerken war nicht schwer!
’s ist aber doch ein Unterschied:
Wir sind noch jung, der Meister alt.
Das gäbe keinen lust’gen Wald,
Pfiff jeder Vogel dasselbe Lied!

IGHINO
(nach einigem Schweigen)
Warum tun deine Worte mir
So weh? und, Silla, sprich, was ist’s,
Das du mir sagen wolltest und
Der Vater nicht erfahren soll?

SILLA
(ausweichend, steht vom Stuhl auf)
Das ist nichts Wichtiges!

IGHINO
(lebhaft)
Nein, nein, Du musst’s mir sagen!

SILLA
Sag mir lieber
Zuerst, was dich bedrückt; du scheinst
Mir trüb gestimmt und gar nicht froh.

IGHINO
Ach, Silla! – Kann ich dir’s denn sagen?
Du wirst mich sicher nicht verstehn.

SILLA
(ungeduldig)
So sprich!

IGHINO
(mit Tränen kämpfend)
Der Gram des alten Vaters –
Ich kann ihn nicht so leiden sehn!

SILLA
Ist er denn krank?

IGHINO
Nein, nein; das ist es nicht.

SILLA
Was ist’s denn sonst? Ein Unglück –

IGHINO
(schüttelt den Kopf)
Weiss ich’s denn?
Ich seh nur, wie er stumm verzweifelt ist.

(steht vom Schemel auf)

SILLA
(im Zimmer gehend)
Ich glaub’, Ighino, das siehst du allein!
Bei Gott – ich hab noch nichts davon gemerkt.

(Ighino zuckt die Achseln)

Und wenn du selbst den Grund davon
nicht weisst –
Die Trauer muss doch eine Ursach haben.

IGHINO
(schüchtern)
Ist dir sein Lebenslauf nicht Grund genug?

SILLA
Das ist nun beinah Sünde, lieber Junge,
Von Unglück da zu sprechen:
ein jeder Mensch Hat auf der Welt
sein kleines Kreuz zu tragen.
Er ist nicht krank, er leidet keine Not,
Und hat vor andern Menschen noch voraus:
Er ist berühmt! was will er denn noch mehr?
Wenn ich’s bedenk, so ist er selten glücklich.

IGHINO
(ruhig und schmerzlich)
Ich wusste wohl, du würdest also reden;
Drum sprach ich nie ein Wort mit dir davon,
Wie sehr ich mich auch sehnte, einer Seele
Mich anvertrau’n zu dürfen. Lieber Gott,
Sein Ruhm!... Sein echter Ruhm,
der still und mit der Zeit
Sich um ihn legte wie ein Feierkleid;
Sollt’ er dafür wohl gar noch dankbar sein?
Ein Heiliger für seinen Heil’genschein?
Und was hat denn sein Ruhm ihm eingebracht,
Als der Kollegen Neid und offne Niedertracht?
Sein einz’ges Menschenglück:
Familie, Ehe, Verbannte ihn
aus Papstes Gunst und Nähe.
Vor grösster Armut ist er kaum geschützt;
Nun sag mir doch, was dies Phantom ihm nützt:
er Ruhm, den andre fälschlich sich
erschleichen, die meinem Vater
nicht das Wasser reichen?
Und glaubst du,
dass er jemals etwas sagt,
Ein Hauch der Lippe je sein Los beklagt?
Ein Menschenalter schuf und schuf er Werke
In unvermindert wunderbarer Stärke.
Bis dass ihn endlich traf der schwerste Schlag,

(tritt vor das Bild)

Bis meine Mutter auf der Bahre lag.
Sie starb, die nie der Gram darob verliess,
Dass man ihn ihretwegen
aus dem Amt verstiess,
Da ward es still in ihm und leer.
Seit ihrem Tode schrieb er keine Note mehr!
Er scheint nicht mehr zu leben, altert früh,
Kaum, dass er manchmal lächelt
– Silla, sieh’:
Ich selbst bin fröhlich, hab’ das Leben lieb,
Doch nun erscheint mir alles auch so trüb’.

(Pause. Silla setzt sich auf den Schemel und nimmt Ighinos Hand)

Ist so zu reden, meinst du, wirklich Sünde? –
Ach Gott – vielleicht sind all das nicht die Gründe.
Hast du vom Leid der Welt noch nicht gehört,
Davon die Dichter sagen?

SILLA
Nun, und was?

IGHINO
Man geht und weint, weil man geboren ist –
Ich glaub’ – im Vater ist etwas davon.

(kurzt bedrückende Stille)

SILLA
(springt auf)
Lass jetzt das Leid der Welt! – ’s wird alles besser,
Und hör’ – damit du wieder lustig wirst:
Mir liegt’s schon lange auf, dass ich dir spiel
Ein Liedchen in dem allerneusten Stil: Hör’ zu!

(nimmt die Geige)

IGHINO
Ach lass!

SILLA
(Er sieht verwundert auf Ighino)
Du wirst doch nicht versagen,
Wenn Kunstgenossen um dein Urteil fragen!

(Er setzt sich auf den Stuhl vor der Hausorgel, mit dem Rücken zum Hintergrund; Ighino hört ihm, halb auf der Lehne des grossen Stuhles sitzend, zu.)

„Schönste, ungnäd’ge Dame,
Nymphe mit Sternenaugen,
Des treuesten Schäfers Klagen
Lass erweichen dein Herz.
Im elysischen Haine
Von Hyazinthen ein Regen,
Nymphe mit Sternenaugen,
Fliesse auf dich und mich.
Schönste, ungnäd’ge Dame,
Goldenhaarige“...

Dritte Szene

(Kardinal Borromeo und, hinter ihm, Palestrina sind eingetreten. Ighino hatte die Eintretenden zuerst bemerkt, Silla mit leisem Schrei und Anstoss aufmerksam gemacht, und sinkt nun, und mit ihm der erschreckte Silla, auf die Knie; Borromeo hält in der Tür an; Palestrina steht nun neben ihm. Kardinal Borromeo ist ein grosser Mann zwischen 40 und 50 Jahren, mit intelligentem Gesicht und leidenschaftlichen Augen; Palestrina hat die 50 überschritten; er ist leicht ergraut, zumal an den Schläfen. Ighino hat die ängstlichen Augen auf die beiden Männer gerichtet)

SILLA
Schönste, ungnäd’ge Dame,
Goldenhaarige“...

(Kardinal nagelte seine Augen auf Stuhl; es fährt Ihnen, mit einer furchtbaren Geste und ein unterdrücktes Lachen; Ighino, beunruhigt, hat seine Augen auf die beiden Männer festgelegt)

BORROMEO
(Nach einem schweren Stille)
Seltsamliche Geräusche hört man hier
Im Haus des strengen Meisters!

(zu Palestrina)

Ist das die Kunst, Praeneste, die Ihr lehrt?

PALESTRINA
(Leise)
Das frag’ ich, Silla, dich!

(da dieser betreten schweigt)

Geht beide nun hinein
Und morgen mit dem frühsten seid bereit
Den Psalm zu üben – Seiner Heiligkeit
Küsst nun die Hand.
Seid fromm und still.

(Silla und Ighino, erster mit Geige und Bogen, gehen, nachdem sie Borromeo die Hand geküsst haben, leise und schnell links ab)

PALESTRINA
(begütigend zu Borromeo)
Das ist die neue Zeit, die in ihm gärt;
Sie macht ihn toll, doch glücklich.
Verzeiht es, bitt’ ich, ihm nach Eurer Güte!

BORROMEO
Doch – wenn ich’s nur verstünd’!
Was hat der Knabe?
Wie klangen diese Töne sündig doch!
Und Ihr –
Ihr scheint nicht sonderlich erstaunt.
So wisst Ihr denn davon?
was ist es – sprecht!

PALESTRINA
Ich weiss –
doch Silla glaubt, nichts wüsst’ ich noch.

(Siehe mit Zuneigung, woher es kam Silla)

Es ist ein Junge, voll von Gottesgabe,
Zu wehren ihm fühl’ ich in mir kein Recht.

BORROMEO
(ereifert sich)
Ihr droht ihm nicht einmal?
so mild gelaunt?
Ihr nehmt es, scheint mir, allzuwenig schwer!

PALESTRINA
Ach, der Bedrohte bin nur ich, nicht er!

(ernster)

Die Kunst der Meister vieler hundert Jahre,
Geheimnisvoll verbündet durch die Zeiten
Zum Wunderdom sie stetig aufzubau’n,
Der sie ihr Leben schenkten, ihr Vertrau’n,
Und der auch ich mein armes Dasein bot:
Ihm dünkt sie abgegriff’ne alte Ware,
Er glaubt sie überwunden, glaubt sie tot. –
Nun haben Dilettanten in Florenz
Aus heidnischen, antiken Schriften
Sich Theorien künstlich ausgedacht,
Nach denen wird fortan Musik gemacht.
Und Silla drängt begeistert sich zu jenen
Und denkt und lebt nur in den neuen Tönen.
Vielleicht wohl hat er recht! Wer kann es wissen,
Ob jetzt die Welt nicht ungeahnte Wege geht,
Und was uns ewig schien, nicht wie
im Wind verweht? –
Zwar trüb’ ist’s zu denken –
kaum zu fassen.

BORROMEO
Und Ihr wollt’s so ruhig
gehen lassen?!
Vergesst Ihr, auf welchen Fels ist gebaut
Eure eig’ne Kunst, der Ihr selbst nicht vertraut?
Vergesst Ihr die starke Kirche? – Fürwahr,
Eure Müdigkeit gibt mir Ärgernis gar!

(nach einer Pausem milder; tritt zu Palestrina)

Ihr scheint mir krank
in eurer Seele
Seit langem schon; besorgnisvoll
Fand ich, worauf ich einzig zähle,
Das Mittel, das Euch heilen soll.
Ihr habt von Eures Geistes Gaben
Viel Jahre nicht Gebrauch gemacht.
Bedenkt: Die Engel halten Wacht
Und wollen Lobgesänge haben;
Gott selbst hat nun die neue Tat
Vor Tausenden Euch zuerteilet;
Weshalb anjetzt ich verweilet
Und heimlich Euer Haus betrat.

PALESTRINA
Die Gnade, die Ihr mir gewährt,
Drängt mich, demütig Euch zu sagen,
Wie dankbar ich – wie hochgeehrt!

BORROMEO
Nun setzt Euch zu mir her und hört.

(Er nimmt in dem grossen Lehnstuhl Platz. Palestrina setzt sich auf den Stuhl rechts.)

Es drohet nicht von eitlen Dilettanten,
Von frechen Schülern dem wohl nicht Gefahr,
Woran die zweimalhundert guten Jahr
Christliche Meister ihre Mühe wandten.
Wir fürchten uns da nicht so sehr.
Doch der Sturm, er kommt! nur anderswoher;
Und was der gesamten Kunst er droht,
Auf einen Streich ist’s sicherer Tod.
Ihr wisst, das heil’ge Konzil zu Trident
Neigt sich zum gottgefälligen End’,
Nachdem es achtzehn Jahre lang
Gestört, bedroht und unterbrochen
Mühsam durch Sturm
und Not sich rang.
Nun hat der Papst ein strenges Wort gesprochen;
Und eh’ dies Jahr noch zu Ende mag geh’n,
Will das Konzil er beendet seh’n.
Demnach ist nun die letzte Session
Am kommenden dritten Dezember schon.
Es fehlt auch nur noch ein Dekret,
Das auf manche inn’re Reformen geht.
Da wird endgültig zum letzten Mal
Beschlossen über das Ritual,
Katechismus, Brevier, Fasten, Gebet,
Vornehmlich aber über das Missal,
Ach, unsre süsse, heil’ge Messe!
Die neuen Irrungen, unhold dem Ohre,
Wem lägen sie schmerlicher wohl im Sinn
Als dem einstigen päpstlichen Kompositore
Und mir, der ein Freund der Künste ich bin?
Profane Texte, – gar lascive!
Üppig weltliche Liedmotive!
Überladenes Stimmgefüge,
Das den echten Text unverständlich macht,
Wie vielen hat’s Ärgernis schon gebracht!
Wir kennen das Übel zur Genüge.
Anstatt nun mit Eifer und klug zu sichten,
Die faulen Glieder zu trennen vom Rumpf,
Will Pius nun mit Stiel und Stumpf
Den ganzen Körper auf einmal vernichten.
Zum Gregorianischen Choral
Soll alles wiederkehren.
Die ganze Misuca figural
Die Meisterwerke ohne Zahl,
Die soll die Flamme verzehren!
Als ich zuerst davon gehört,
Wie kam da Schmerz in mein Gemüte!
Kleingläubig, wer von Gottes Güte
Wohl glaubt, dass sie dem Menschen wehrt
Die Freude an der Schönheit Blüte;
Es irrt wohl der, der solches lehrt,
Der Sorge einzig zugekehrt
Dass er die Seele hüte!
Wohl müht’ ich jüngst
im Konsistorium
Mit Reden mich, ich bat die Kardinäle,
Dass man kein gar so hartes Mittel wähle;
Doch alle blieben meinen
Bitten stumm.
Nun aber hört das Glück,
von dem ich euch erzähle!

(von hier ab mit steigender Wärme)

Es hat der Kaiser Ferdinand
Sich selbst für die Musik verwandt;
In einem langen Schreiben
Wünscht er: es möchte bleiben
Aus grosser Meister Zeit
Das wohlerfund’ne Alte,
Weil es den Geist der Frömmligkeit
Erwecke und erhalte.
Nun können die Herren nicht umhin,
Zu handeln nach des Kaisers Sinn.
Und nun auf einmal war mir’s leicht,
Mit meinen Wünschen durchzudringen
Und selbst den Papst dahin zu bringen,
Dass er sich meinem Plane neigt;
Vernehmt, wohin meine Gedanken gingen,
Und was ich hab’ erreicht.
Die Gegensätze all’ zu einen,
Die dieser Zeiten Fährnis bringt,
Geläng’ wohl nur dem liebend-reinen,
Dem Künstlergeist, der sie umschlingt.
Dass nun die Andacht im Gefühle,
Die unsert Geist zum Höchsten hebt,
Mit holder Lust am Wunderspiele
Der Töne sich zu eins verwebt:
Dies soll ein Meisterwerk beweisen,
Das allen Streit in sich versöhnt,
Das, Gottes Herrlichkeit zu preisen,
In künstlich reichen Formen tönt.
Es fuhr wie Leuchten der Gedanke
Mir durch den Sinn in höchster Not;
Nun endlich fiel die letzte Schranke
Des Widerstands, den man mir bot.
Wenn denn ein solches Werk gelänge
– Dies hat der Papst mir zuerkannt –
Dann sei gelöst des Fluches Strenge,
Der die gesamte Kunst noch bannt;
Der neuen Messe Stil und Haltung,
Sie sei fortan die feste Norm.
So brächte dieses Werks Gestaltung
Der Tonkunst Rettung und Reform.

(Borromeo, während seines Vortrages immer begeisterter geworden, steht hier auf; mit ihm erhebt sich auch Palestrina)

Und Ihr sollt diese Messe schreiben!
Wer könnte solchen reinen Stil
Wohl einem Werke einverleiben
Zugleich mit kirchlichem Gefühl?
Auf, Meister! Euch zum ew’gen Ruhme,
Zur Rettung der Musik in Rom,
Der höchsten Spitze Kreuzesblume
Setzt auf der Töne Wunderdom!

(Palestrina, der ruhig und aufmerksam, aber ohne sonderliche Anteilnahme zugehört hat, beginnt nun nach einer kleinen Pause)

PALESTRINA
Wie schön ist, was Ihr sagt!
Und welchen Blick gewährt es mir
In Eure grosse Seele.
Wie wünscht’ ich, dass Euch nimmer fehle
Der Mann, der dieses Grosse wagt. –
Doch zürnt nicht, wenn ich nicht verhehle:
Wenn ich’s auch noch so gerne wär’ –
Ich bin der Rechte nicht – bin’s nimmermehr!

BORROMEO
(ernüchtert, bezwingt seine Verstimmung)
So wenig inne seid Ihr Eurer Sendung?
Gewiss – auch mag es sein,
Dass von den grossen Meistern Roms
Wohl mehr als einer leicht zu finden wäre,
Gewachsen Euch an Wissenschaft und Geist,
Der, hochbeglückt, und eingedenk der Ehre,
Das Werk hinführte zur Vollendung,
Das undankbar Ihr von Euch weist
In töricht – unbegreiflicher Verblendung!
Die Freundschaft, die ich für Euch fühle,
Das Lob des Kenners Eurem Stile:
Ihr schätzt sie wahrlich niedrig –
lohnt mir schlecht!

PALESTRINA
(bescheiden)
Schlecht lohnt’ ich Euch, erhab’ner Kardinal,
Wenn ich Gedanken spriessend höchstem Sinn,
Der gnädig lenkte nun auf mich die Wahl
Zur Tat zu machen mich erdreisten wollte
In dem Gefühl, dass ich unwürdig bin.
Denkt: wenn der Augenblick nun da,
Und Ihr das hochersehnte Werk nicht schaut,
Wie mir derselbe Sinn dann grolllte,
Der mir vorher so sehr vertraut!

BORROMEO
(vorwurfsvoll und betont)
Ist das Pierluigi Palestrina,
Der unermüdlich schaffensfrohe Mann?

PALESTRINA
(leise – wie für sich)
Er ist’s nicht mehr. – Das Leben schlingt der Tod,
Das graue Alter trinkt der Schönheit Rot,
Wie wäre Künstlers schaffendes Organ
Nicht auch dem Zeitlich – Trüben untertan?

BORROMEO
(heftig)
Ich kann Euch nicht verstehn!
Nicht mit Euch fühlen!
Ihr gebt Euch auf – nun gut! Doch eins bedenkt:
Die toten Meister heben ihre Hände,
Sie rufen aus dem Grabe:
„Rette, rette,
Ach, wer errettet unsere Musik?!
Unheilig und vernichtet sie wie wir!
Mit unsern Werken schwindet
unsre Seligkeit!“
Lässt Euch das auch in Ruh’?

PALESTRINA
(leise lächelnd)
Ach, hoher Freund,
Wer weiss gewiss, was tote Menschen fühlen?

BORROMEO
Ei hört – ei hört! Bedenklich war der Satz!

(immer gereizter, da Palestrina schweigt)

Wenn denn in Eurem Herzen keine Liebe
Für jene, denen Ihr so viel verdankt,
So wisst nun fernerhin:
auch Eure Werke
Sind der Vernichtung Raub;
der Scheiterhaufen
Steht schon bereit für alle!

PALESTRINA
(immer gleich ruhig)
Sei’s darum.

BORROMEO
(kurz und scharf)
Und wenn’s der Papst befiehlt?

PALESTRINA
(wie vorhin)
Er kann befehlen,
Doch niemals meinem Genius –
nur mir.

BORROMEO
(schlägt die Hände zusammen)
So spricht denn Gott nicht mehr in Eurer Seele!

PALESTRINA
(leise)
Ich glaube – nein!

BORROMEO
(völlig unbeherrscht)
So also steht’s mit Euch!
Der fromme Meister lästert!
Hört doch! Hört!
Nun, nun, ich sag’s Euch, dass ihr’s noch bereut!
Mit solcher Bosheit lohnt Ihr treues Sorgen!
Nun – Ihr bereut es noch! –
Ich reise morgen!
Eilpferde stehen schon für mich bereit,
Um nach Trident zu jagen. Nun, ich geh’!
Nach Schwefel riecht’s in Eurer Näh’!

(geht in heftigstem Zorn ab)

Vierte Szene

(Palestrina hat dem letzten Ausbruch, der ihm doch unvermutet kam, bestürzt zugehört, es sieht dem Borromeo eine Weile gedankenvoll nach; dann wendet er sich zurück traurig – gefasst)

PALESTRINA
Der letzte Freund,
der mir noch wohlgesinnt,
Nun geht auch er –
und hat nur Groll um das,
Was widerstrebend ihm mein Leid gestand.
O wüsstest du, du wohlgeborg’ne Seele,

(auf seine Brust deutend)

Was hier noch alles flüstert,
reden möchte,
Welch dunklere Gedanken, unheimliche –
Für mich der Holzstoss wär’ dir noch zu mild!
Wie fremd und unbekannt
sind sich die Menschen!
Das Innerste der Welt ist Einsamkeit.
Man fühlt es nicht im frohen Rausch
der Jugend,
Im Taumel der Gewohnheit; der Bewegung,
Zu der das Leben unaufhörlich peitscht.
Doch wer verwundet an der Strecke liegt,
Sich nicht mehr rühren kann,
und nur noch schaut, –
Dem rasen sie vorüber, fremde Larven,
Verfolgend halb und fliehend, Wut und Angst
Im ziellos aufgeriss’nen Blick. –
Wie schrecklich,
Sich plötzlich einsam tief im Wald zu finden,
Wo in der Finsternis kein Ausweg ist.
So in der Mitte find’ ich mich des Lebens,
Verstehe nicht, wie je ich schaffen konnte
Wie je ich mich erfreute, wie je ich liebte.

(Er steht vor dem Bild der Lukrezia)

Lukrezia! – Als du mir noch im Leben,
War ich geborgen. Ja, da sprang der Quell,
Und weil er sprang, war mir das Leben wert.
Warum war stark genug mein Lieben nicht,
In meiner Nähe ewig dich zu halten?
Armseliges Gefühl! – Mit Trauer weiss ich,
Dass auch Ighinos Liebe mich nicht hielte.

(Er setzt sich langsam und innerlich müde in den grossen Lehnstuhl am Tisch Jetzt werden sichtbar ersten Auftritte)

Mein guter Knabe – ach, wie lieb’ ich ihn!
Und doch – den allerletzten,
finstern Schritt Nicht, weil er sündig,
unterliess’ ich ihn,
Nur, weil er sinnlos – gänzlich sinnlos ist.

(Pause; er greift verstört und zerstreut nach den Notenblättern auf dem Tisch vor ihm)

– Soll wieder Noten schrerben – eine Messe, –
Ein grosses Werk, – ein „ew’ges“, wie man sagt.
Ob ich’s vermag? –
Der Priester drohte mir
Vernichtung meinen Werken! Ob die Flamme
Sie rasch, oder die Zeit sie langsam frisst,
All’ eins, und sinnlos alles, alles, alles!
Wozu das ganze Schaffen,
Freuen, Leiden, Leben?
Ob ich’s vermöchte? – Nein, ach nein! Wozu,
Wozu das alles – ach wozu – wozu?

(Er vergräbt in tiefer Verzweiflung den Kopf in die vor sich auf den Tisch gestreckten Arme. Mittlerweile sind in dem geisterhaft violetten Licht, welches die einbrechende Nacht in dem Raum verbreitet hat, Gestalten aufgetaucht; sie kamen lautlos und langsam aus dem – ganz dunklen – Hintergrund geschritten und umgeben nun stehend Palestrina. Sie sind in verschiedenen – spanischen, niederländischen, italienischen, deutschen, französischen – Trachten und scheinen aus verschiedenen Jahrhunderten den Vor-Palestrina Zeit zu stammen. Das älteste – etwa 13. – Jahrhundert ist durch eine Erscheinung im Mönchskleid repräsentiert. Dabei sind sie in verschiedenen Lebensaltern, vom Jüngling bis zum Greis; auch in vornehmen und geringen Kleidungen: Es sind die verstorbenen Meister der onkunst vergangener Epochen, Palestrinas grosse Vorgänger)

Fünfte Szene

(Bei den letzten Worten Palestrinas schon einige Zeit angelangt, unbeweglich stehend, und den fremd lächelnden Blick auf ihn geheftet, beantworten sie sein laut ausgerufenes: „Ach wozu – wuzu.“)

DIE MEISTER
Für Ihn, – Sein Wesen will’s.
Er muss; so musst auch du.

PALESTRINA
(fährt mit dem Kopf in die Höhe; beim Anblick der Erscheinungen erschrickt er kaum; das erste Anstarren verwandelt sich bald in eine glücklichere, weichere Miene; er flüstert, immer noch von ihrem Anblick gebannt)
Vertraut – von je vertraut –
Aus unversunk’ner Zeit! –

DIE MEISTER
(lächeln, leise zustimmend, mit kaum merkbarem Kopfnicken)
Vertraut – vertraut auch du –
Auch du uns – uns vertraut.

PALESTRINA
(in Aufregung)
Mir ist – ich lebe –
und ihr schwindet nicht? –
Dies Lächeln noch –
im Ohr der Worte Ton –
Einst war mir doch – – mir war –
starbt ihr nichr schon?

(Die Meister lächeln und nicken. Palestrina zu einem der Meister)

Ich kenne dich – Josquin, du Herrlicher,
Lass deine Hand mich –

EIN MEISTER
(in höfischer, burgundischer Tracht, 15. Jahrhundert; unbeweglich)
Gruss dir, Pierluigi!

PALESTRINA
(fast lebhaft, zu einem anderen)
Und du
Tedesc’ Enrico nannt’ ich dich
So gern!

EIN ANDERER MEISTER
(deutsche Tracht, 15. Jahrhundert, unbeweglich)
Mein Bruder, sei gegrüsst!

ALLE MEISTER
(leise)
Wir grüssen dich, Pierluigi!

PALESTRINA
In welches Reich denn, welches wunderbare
Bin ich getaucht? – – Vergraben nun schon lang,
Doch einst so heiss: ein jugendlich Verlangen
Erfüllt sich mir in dieser Stunde Grau’n.
Euch darf ich schau’n,
Geliebte Götter meiner Blütenjahre,
Ihr Meister! Freunde meiner Manneszeit.
Ach, wenn ihr ihm verständlich seid:
Enthüllt dem armen Geist, in Sterblichkeit befangen,
Ihr Schatten, ob ihr wirklich – wirklich – seid!

DIE MEISTER
Wir sind – wir sind, Pier – wir sind.

PALESTRINA
(traurig)
Ach wohl! – mein Blick ist schattenhaft, ich weiss!
Was trennt mich doch die harte Todeswand
Zu sein wie Ihr – mit Euch
– in Eurem Land,
Zu treten in der Hochgestimmten Kreis!

DIE MEISTER
Aus weiter Ferne sehen wir dir zu;
Dein Werden freuet uns, dein Wachsen, Dehnen.
Der Kreis der Hochgestimmten ist voll Sehnen
Nach jenem, der ihn schliesst: Erwählter du!

PALESTRINA
(schmerzlich)
Nicht ich – nicht ich –
schwach bin ich, voller Fehler.
Und um ein Werden ist’s in mir getan.
Ich bin ein alter,
todesmüder Mann
Am Ende einer grossen Zeit.
Und vor mir seh’ ich nichts als Traurigkeit –
Ich kann es nicht mehr zwingen aus der Seele.

DIE MEISTER
(lachen still zueinander)
Hm – hm – hm – hm
Er weiss noch nicht – er weiss nicht, dass er muss,
Er weiss es besser –

EIN MEISTER IM MÖNCHSKLEID
Pierluigi, löcken
Wider den Stachel ist Vermessenheit!

PALESTRINA
(ergriffen)
Wohl weiss ich, dass auch
ihr einstmals in Nöten
Und bitterem Verzicht auf Erden rangt.
Der neuen Kraft war mir’s oft einz’ge Quelle,
Und mehr hab’ innigem Versenken ich verdankt
In gleicher Seelen ähnliches Erleiden
Als je mir Glauben, Hoffen half und Beten.
Doch nun ist reif der Wunsch,
von hier zu scheiden.
Wo’s in mir blühte, ist jetzt tote Stelle
Und meine Harfe hing ich in die Weiden.
Ihr lebtet stark in einer starken Zeit
Die dunkel noch im Unbewusstsein lag
Als wie ein Korn in Mutter Erde Schoss.
Doch des Bewusstseins Licht, das tödlich grelle,
Das störend aufsteigt wie der freche Tag
Ist feind dem süssen Traumgewirk,
Dem Künsteschaffen;
Der Stärkste streckt vor solcher
Macht die Waffen.
Entschwunden ist die Kraft, die einst so gross;
Mit off’nen Augen in des Lebens Rachen
Will flieh’n ich aus der Zeit und von dem Tross
Der Menschen, welche mit der Zeit erschwachen.

DIE MEISTER
(lachen wieder, wie vorhin)
Hm – hm – hm – hm – – Er weiss noch nicht –
er weiss nicht, dass er kann.
Er weiss es besser – erdbefang’ner Mann,
Dein Erdenpensum ist noch nicht getan!

PALESTRINA
(stark, aufbäumend)
Ich will nicht – will nicht! Hört! Ich will es nicht!

DIE MEISTER
(nicken bedeutend zueinander, einzeln)
Die Wachstumsschmerzen sind’s! –
Es kommt vom Werden.
Die letzte Häutung – ’s ist die Mutation.

PALESTRINA
(ruhiger für sich)
Was einst mir höchstes Glück –
nun dumpfe Pflicht.
Kein Trost im Himmel –
keiner auf der Erden.

DIE MEISTER
(zu Palestrina)
Nicht in dem Himmel, auf der Erde nicht
Kann jemand Trost dem Andern geben,
Als durch sein Sein; und, liebes Kind,
Wir sind, – wir sind, –
wir sind.
Und so, wie du nun musst,
so mussten wir im Leben.
Du wirst und musst!

PALESTRINA
Und wer befiehlt’s?

DIE MEISTER
Der alte Weltenmeister
Der ohne Namen ist;
der gleichfalls untertan
Uraltem Wort am Rand der Ewigkeit.
Er schafft sein Werk, wie du das deine,
Er schmiedet Ringe sich, Figuren, Steine
Zu der schimmernden Kette der Zeiten
Der Weltbegebenheiten.

PALESTRINA
(nach einer Pause, leise)
Wann endlich wird auch mir Vollendung sein?

DIE MEISTER
In dir, Pierluigi
Ist noch ein hellstes Licht;
Das erstrahlte noch nicht.
Ein letzter Ton noch fehlet
Zum klingenden Akkord;
Als der ertönst du dort.
Den Schlusstein zum Gebäue
Zu fügen sei bereit;
Das ist der Sinn der Zeit.
Wenn du dein ganzes Bild aufweist,
Wenn dein’ Gestalt vollkommen,
So, wie sie war entglommen
Von Anbeginn im Schöpfergeist:
Dann strahlst du hell, dann klingst du rein,
Pierluigi du,
An seiner schönen Ketten
Der letzte Stein.

PALESTRINA
(wieder nach einer Pause; mit leisem Schauer)
Warum das ganze Spiel? –
Wenn das nicht wäre,
Was wäre dann? – Warum das ganze Spiel?

DIE MEISTER
(strecken wie zur Abwehr dieser Frage die Hände aus hart)
Dein Erdenpensum, Palestrina,
Dein Erdenpensum schaff’!

(Sie verschwinden langsam in dem Hintergrunde)

PALESTRINA
(erschrocken)
Weh’ – lasst mich nicht
Allein in dieser rätselvollen Leere! –
Wie schwindet ihr so bleich –

DIE MEISTER
(im Verschwinden, milder, fast traurig)
Dein Erdenpensum, Palestrina –
dein Erdenpensum –

(Sie verschwinden völlig)

Sechste Szene

(Der diese ganze (fünfte) Szene im Stuhl verblieben, sitzt nun aufrecht, nicht angelehnt, mit geschlossenen Augen; es ist vollständig dunkel; alsbald nach Verschwinden der Geister beginnt er, leise und von Schauer umfangen)

PALESTRINA
Allein in dunkler Tiefe Voll Angst ich armer
Mensch Rufe laut nach oben.

ERSTER ENGEL
(auf der Rücklehne des Stuhles, von Palestrina ungesehen,von hellem Schein beleuchtet, sitzend)
Kyrie – Kyrie eleison!

PALESTRINA
(ergreift mechanisch die Feder und singt)
Kyrie eleison.
Ist wo ein Liebesquell?
Wenn nicht auf Erden
Er warm ins Herz mehr fliesst,
Ach, wo ergiesst
Er lind sich dem Müden?
Was erschliesst,
Was sich dem suchenden Blick?
Wer bringt der Frieden?

ZWEITER, DRITTER ENGEL
(auf der kleinen Hausorgel, hellbeleuchtet, sitzend)
Christe – Christe eleison.

PALESTRINA
(lässt die Feder nicht mehr aus der Hand schreibt und singt)
Christe eleison.

(Von hier ab bevölkert sich die Stube mit Engelsgestalten. Alle erscheinen in Beleuchtung. Palestrina sind sie wie alle folgenden Erscheinungen nicht sichtbar)

CHOR DER ENGEL
Credo in unum Deum,
Patrem omnipotentem.

PALESTRINA
Allmächtig ... geheimnisvolle Kraft!
Wie durch die eigne Brust
Selig nun zieht
Allmächt’ge Schöpferlust,
Ewiges Hohelied!
Wunder ist Möglichkeit,
Allwo sie weit Welten erschafft!

(Es erscheint die Gestalt der Lukrezia; sie schmiegt sich nah an Palestrina. Mit Zuneigung befindet erscheint)

LUKREZIA
Nah war ich dir
In Nöten des Lebens;
Nah bin ich dir
Im Frieden des Lichts;
Frieden auch dem auf Erden,
Der guten Willens ist.

ERSTER, ZWEITER, DRITTER ENGEL
In terra pax hominibus bonae voluntatis.

PALESTRINA
Liebes Mysterium!
Fühle durch tiefe Nacht
Durch Wonnen der Geistesmacht
Seliges Meschentum
Innig vertraut.
Liebender Laut –

LUKREZIA
Frieden auch dem auf Erden,
Der guten Willens ist.

ERSTER, ZWEITER, DRITTER ENGEL
In terra pax hominibus bonae voluntatis

(Die Decke scheint sich zu öffnen; die Hinterwand schwindet; man sieht eine ganze Glorie von Engeln und Himmel, die die ganze Bühne füllt, so dass nur eigentlich Palestrina dunkel bleibt)

LUKREZIA
Frieden!

(Hier beginnt die Gestalt der Lukrezia zu verbleichen.)

PALESTRINA
Zu überschwenglichem Glück
Bin ich erhoben!
Erdenruhm bleibt tief zurück.
Selig nur den Dankesblick
Send’ ich nach oben,
Innig zu loben
Die ewige Liebesmacht,
Die den Frieden gebracht.
Den Frieden –

CHOR DER ENGEL
(Die drei Solisten mit den Sopranistinnen)
Gloria in excelsis Deo,
Gratias tibi!
Laudamus te!
Glorificamus te!
Dona nobis pacem!

(Nach dem Höhepunkt der Steigerung, beim „Gloria in excelsis“, hat zugleich mit der Stärke des Gesanges die Helligkeit der Beleuchtung nachgelassen. Während der letzten Gesangstakte schon verschwinden alle Erscheinungen, auch die der Lukrezia, gänzlich dem Blick. Das Zimmer ist wieder wie vorher, doch nicht wie am Anfang dieser Szene finstere Nacht, sondern anbrechender Morgen. Von ferne hört man mit zunehmender Stärke die Glocken des erwachenden Roms. Palestrina war nach den letzten Noten der Messe wie erschöpft in den Sessel zurückgesunken; der rechte Arm hängt herunter, die Feder ist seiner Hand entfallen;die Notenblätter liegen auf dem Tisch und Boden zerstreut. Er schläft tief. So verbleibt er bis zum Schluss des Aktes)

Siebente Szene

(Dann erscheint plötzlich Silla an der Türe, er winkt, nachdem sein Blick auf den schlafenden Meister gefallen, dem noch nicht sichtbaren Ighino, beide wollen mit Singebüchern zur Morgenübung kommen)

SILLA
(Leise)
Ighino, sieh doch, komm herein!

IGHINO
(tritt auf, erschrickt beim Anblick des Vaters)
Mein Vater – Silla, was geschah?

SILLA
Nichts, nichts! – Du siehst, er schlief nur ein.
Ighino, aber sieh’ doch da!

(Er hat die beschriebenen Notenblätter bemerkt und sammelt sie leise vom Tisch und Boden auf.)

IGHINO
Ach Silla, welches Glück!
Er hat etwas geschrieben!

SILLA
Die ganze Nacht wohl ist er wach geblieben!

(Sie gehen mit den Blättern ans Fenster, um beim Scheine des Morgenlichts das Geschriebene zu lesen; sie blättern und lesen eifrig.)

Die alte Art – doch nicht so schwer.

IGHINO
Es scheint mir ganz besonders schön.
Aus jeder Note spricht doch er!

SILLA
(bedenklich)
Jedoch – kaum ist es zu versteh’n –
’ne ganze Messe, wie ich merk’!
Der alte Mann, und eine einz’ge Nacht –
Ich glaube nicht, dass grade dieses Werk
Dem alten Meister grosse Ehre macht.

(Die Glocken klingen stark)



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