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ZWEITER AKT


Vorspiel

(Trident; eine grosse, saalartige Vorhalle im Palast des Fürstbischofs Madruscht. Schönen und sonnigen Tag im Spätherbst, die Morning. Die Halle ist nahezu fertig zu der Abhaltung einer letzten gemeinsamen Vorberatung vor einer feierlichen Session, zu einer sogenannten „Generalkongregation“ hergerichtet. Auf beiden Seiten der Bühne laufen zwei Halbkreise von Bänken und Stühlen, die für die Kardinäle, Kardinallegaten und Nuntien bestimmt sind. Auf der Bühne sind zunächst Kardinallegat Bernardo Novagerio, in seiner Nähe, der Zeremonienmeister Ercole Severolus)

Erste Szene

(Eine Anzahl italienischer und deutscher Diener sind damit beschäftigt, die Herrichtung des Saales zu beendigen)

SEVEROLUS
(zu den Dienern)
Noch eine Bank!
Und schnell!
Die Italiener alle hier!

(er weist mit dem Stab auf die linke Seite der Bühne)

Sind heut’ in grosser Mehrzahl!

NOVAGERIO
(winkt den Zeremonienmeister näher zu sich heran)
Den Tisch des Massarell’
In meine nächste Nähe!

(Er zeigt mit den Augen auf ein Tischen mit daraufstehendem, kleinem, tragbarem Schreibpult, das noch in der Mitte der Bühne herumsteht)

SEVEROLUS
Es soll gescheh’n; verstehe.

(mit Vertraulichkeit)

Und sagt: des Grafen Luna Thron

(er zeigt auf den Stuhl, auf dem Novagerio sitzt)

Steht er auch recht zur Stell’?

NOVAGERIO
(behaglich im Stuhl)
Ercole, sieh, ich prüf’ ihn schon!
Doch, dünkt dich nicht vermessen,
Dass ich den stolzen Ehrensitz
Des Spaniers warmgesessen?
Und wirst mich nicht verraten?

SEVEROLUS
(auf den Ton plump eigehend)
O Gott! gefährlich wäre das;
Dem Spanier, den Herrn Legaten!

NOVAGERIO
Doch, ohne Scherz: kein Rangstreit heut!
Noch morgen bei der Session.
Ihn zu vermeiden, dulden wir
Die Farce mit dem Stuhl,
Die, sorge ich, die Völker
Nur zum Gelächter reizen wird
Und die Franzosen gar zum Zorn.

SEVEROLUS
Ja, ja, ich sag’s, die Spanischen!
Stets Hindernis und Dorn.

(Er gibt nun den Dienern die Anweisung, den Tisch nah zu den Stühlen der Legaten zu stellen, was sogleich geschieht)

NOVAGERIO
(erinnernd)
Und die Parole: „Schnell zum Schluss!“

SEVEROLUS
(kommt wieder nah zu Novagerio)
Zwei Stunden sprach Lainez jüngst;
Wenn wir zum Ende wollen,
Und wieder sie so lange sprechen:
Soll ich dann unterbrechen?

NOVAGERIO
Das tu!
Doch kommt es heute
Von selbst wohl nicht dazu.
Nun ruf mir noch die Diener her!

SEVEROLUS
(winkt den Dienern)
Hierher! Der hochehrwürdge Herr
Hat euch etwas zu sagen.

(Die Diener kommen und stellen sich vor Novagerius auf)

NOVAGERIO
(mit Schad Ton)
Kennt ihr den grünen Turm?
Und kennt ihr auch die Wiege drin?
Die Kinder, die darin man wiegt,
Schreien sehr laut, und gar nicht vergnügt,
Wenn ihr wieder euch stecht und haut,
Wie neulich erst auf der Strasse,
Dass mancher der frommen Väter
Vor Angst sich nicht aus dem Hause getraut,
So wisst ihr nun, wie’ euch ergeht:
Christof Madruscht keinen Spass versteht!
Da kommt er selbst.

(er steht auf)

– Haltet ihr Ruh’, Gelobt ihr mir’s?

DIE DIENER
Wir schwören’s zu.

Zweite Szene

(Es tritt der Fürstbischof Kardinal Chr. Madruscht auf, ein starker Mann, der trotz seiner geistlichen Kleidung mehr den Eindruck des Kriegsmannes, des Edelmannes macht. Er ist ernst und verstimmt; Novagerio geht ihm, der nun die Stufen herabgestiegen ist, sehr heiter und freundlich entgegen. Begrüssung und Händedruck: sie kommen nach vorn)

NOVAGERIO
Morone ist von Innsbruck schon herein?

MADRUSCHT
(ernst)
Noch nicht. Für eine blosse Höflichkeit,
Versicherungen, Grüsse an den Kaiser
Vom Papst gesendet – einunddreissig Tage –
Traun – eine lange Zeit!

NOVAGERIO
(immer sehr verbindlich und heiter)
Zu langen Reden ist ja gar kein Grund.
Was soll’s denn noch?
Wir sind ja einig, Freund;
Und hat dem Kaiser, seinem liebsten Sohn,
Der Heil’ge Vater alles nicht gewährt?
Nicht in Bologna, seiner lieben Stadt,
Nein, in Trident, der deutschen, unbequemen,
Schliesst das Konzil;
und dass es schliesse, ist
Der Wunsch, der heisse, von uns allen;
ach, Der Euere doch auch!
Die ganze Christenheit
Seufzt nach dem endlichen Beschluss.
Ich hoffe nicht, dass Ungemach der Reise
Morone aufhält –

(er sieht nach dem Wetter)

MADRUSCHT
(zeigt höhnisch nach dem draussen zunehmenden Sonnenschein)
Nun, die Witterung
Der letzten Tage kann nicht Ursach’ sein.

NOVAGERIO
(begeistert)
Ach ja, ein schöner Tag! Ein Gottestag,
Ein wunderschöner! Möge diese Sonne,
Wie sie durch Herbstesnebel siegreich bricht,
Für uns’re Hoffnungen symbolisch sein!

MADRUSCHT
(will ärgerlich auf sein Thema zurückkommen)
Doch was Morone und den Kaiser angeht,
So muss ich doch wohl sagen –

NOVAGERIO
(hat schon Borromeo erblickt, der soeben, von einigen italienischen Bischöfen und Theologen umgeben, langsam vom Hintergrunde her auftritt.)
Borromeo!

(Er eilt ihm entgegen und begrüsst ihn.)

MADRUSCHT
(für sich)
Ein Italiener mehr!
Verdammt, und nicht der Dümmste!

(Novagerio kommt mit Borromeo vor. Madruscht und Borromeo begrüssen sich nun auch.)

NOVAGERIO
(zu Borromeo)
Nun, wie verbrachtet Ihr die erste Nacht
Nach langer Reise,
angestrengtem Ritt?

BORROMEO
(freundlich)
Ich bin schon ausgeruht.

(zu Madruscht)

’s ist eine schöne Stadt
Und wohlgehalten. Wahrlich, sehr verdient
Macht Ihr Euch doch, Hochwürden, um das Werk,
Um dessen guten Ausgang all’ wir beten.

MADRUSCHT
(immer ernst)
Ein jeder tut dazu, soviel er kann.

NOVAGERIO
Allzu bescheiden seid Ihr, Freund Madrucci!

BORROMEO
Das ist besonderes Verdienst ja immer.

MADRUSCHT
(zu Borromeo)
Wollt Ihr Euch nicht erfrischen?
Wein und Früchte?

BORROMEO
Die Segnungen des schönen Fleckchens Erde,
So freundlich mir geboten, will ich nicht
Zurücke weisen.

MADRUSCHT
(zu den noch umherstehenden Dienern)
He, Früchte, roten Wein!

(zu Novagerio und Borromeo)

Doch mich entschuldigt jetzt.

NOVAGERIO
Wie ungern!

BORROMEO
O, warum?

MADRUSCHT
Verzeiht – Neuangekommene
In grosser Zahl, Ihr seht, muss ich begrüssen.

(Er geht in den Hintergrund des Saales, wo sich schon eine Anzahl Geistlicher, namentlich Italiener, eingefunden haben. Novagerio und Borromeo im Vordergrund.)

Dritte Szene

BORROMEO
(leise sondierend zu Novagerio)
Ein liebreich würd’ger Herr, der Fürstbischof.

NOVAGERIO
(sieht Borromeo an)
Dem Kaiser zugetan mit Seel’ und Leib.

BORROMEO
(begegnet dem Blick)
Empfindlich wohl, was Majestät betrifft?

NOVAGERIO
(sicher)
Wie diese selbst: misstrauisch und verstimmt.

BORROMEO
(lächelnd)
Ein wenig wohl mit Grund?

NOVAGERIO
(verständnisvoll bejahend)
Damit es ganz gelinge
Wär’ es wohl gut, da wir allein,
Dass diesen Augenblick wir nützen!
Drum lasst uns niedersitzen;

(inzwischen haben vier Diener ein kleines Tischchen, zwei Stühle, reichlich Früchte, roten Wein in schöner Kristallkaraffe und Gläser gebracht; sie setzen alles ganz vorne ins Gärtchen und entfernen sich wieder. Novagerio und Borromeo nehmen an dem Tischchen Platz.)

Und hier bei Früchten, rotem Wein
Vernehmt die heutige Parole:
„Schnell zum Beschluss.“ Das soll sie sein.

BORROMEO
(schenkt den Wein in die Gläser)
Der frommen Christenheit zum Wohle!
Mög’ so das Blut der Ketzer fliessen.

NOVAGERIO
(bedient Borromeo und sich mit Früchten)
Und dass die Früchte, lang gereift,
Wir endlich brechen und geniessen!

(sie trinken und naschen von den Früchten)

BORROMEO
Beim Kaiser doch, was tut Morone?

NOVAGERIO
Je nun – von hier ihn fernehalten
Und glätten alle Stirnesfalten
Des Unmuts, der sich ihm gehäuft.
Von Rom die Königskrone
Bestätigt er auf Papstes Treu’
Dem jungen Max, des Kaisers Sohne,
Der heimlich neigt zur Ketzerei.

BORROMEO
Schlimm wär’ es, wenn er überträte.

NOVAGERIO
Oh, die Gefahr nicht abzuseh’n;
Ein Schirmherr würde da ersteh’n
Der Lutherpest, der Teufelskröte.
Doch so –

(leiser)

Der spanische Königsthron,
Mit ihm der Traum der Weltherrschaft
Über alles katholische Land,
Lockt jetzt den Vater und den Sohn,
Steht vor der beiden lüsternem Blick
Und hält den heftigen Ferdinand
Von übereiltem Schritte zurück.
Viel hat er uns zedieren müssen;
Doch seine Rache, des Sohnes Glauben,
Sind dem alten Fuchse die sauren Trauben.

(er hebt eine Traube und lässt sie wieder fallen)

Er lässt sie hängen, die schönen, – süssen!

BORROMEO
Die christkatholische Weltherrschaft
Ein Ziel für höchsten Herrschers Kraft;
Fürwahr! Und mit Rom ein gewaltiges Band!

NOVAGERIO
Doch trau’ ich nicht seinem hitzigen Groll;
Und dass die Deutschen, die so ihn lieben,
Von der Synode sind fortgeblieben,
Das wurmt ihn mehr, als man merken soll.
Drum gilt es: was an Besserungen
Und Wünschen sonst er ausbedungen
Ihm unbedenklich zu gewähren.

BORROMEO
(bedenklich)
Gewicht’ge Punkte sind dabei:
Reform an Papst und Klerisei.
Der Laienkelch,
und Kompromisse noch sonst –

NOVAGERIO
Ei, muss ich Euch belehren?
Wisst doch: Auslegung der Beschlüsse
Behält der Papst sich vor allein.
Zur Sorge hierin ist kein Grund;
Die Dogmen, seht Ihr, stehen fest.
Und was wir sonst erreicht zur Stund’,
Verschlingt den leicht gewog’nen Rest.
Darum zum Schluss – nur schnell zum Schluss!
Der Papst, der will – der Kaiser muss.

BORROMEO
So wird, was in den letzten Wochen
Er neu begehrte, heut’ besprochen,
Und so der ersehnte Schluss erreicht?
Womit beginnt man?

NOVAGERIO
Was man leicht
Und sicher durchzusetzen gedenkt:
Zuerst kommt die Frage der Kirchenmusik,
Dann wird zu Wicht’gerem eingelenkt.
Nun, würd’ger Freund, das ist ja Eu’r Fall!
Als Ihr damals erfochtet den Sieg
Über unsere Meinungen all,
Nicht ahnt’ ich da, wie um den Kirchenton
Die Sorg’ einer ganzen Situation
Zu Hilfe noch käm’; nun könnt Ihr Euch freu’n!
Führwahr, Eu’r Verdienst ist kein geringes,
Ihr seid der Retter des Kunstgesinges
Und verbindet Euch die Kirch’ und den Thron!
Die Messe muss
nun auch fertig sein;
Wie steht es mit der Komposition?
Es ist schon alles herum verbreitet
Und Eurer Beschützung der Mehrstimmigkeit
Ein einstimmiges „placet“ verbereitet.

BORROMEO
Da seht Ihr mich nun in Verlegenheit.
Mit der Messe ist’s noch nicht so weit.

NOVAGERIO
(erstaunt)
Stand alles doch fest schon, wie das Amen –
Der Mann war gefunden –

(suchend)

Ihr nanntet den Namen –

BORROMEO
’s ist Palestrina – er leitet den Chor
Zu Rom in Santa Maria Maggior’;
Kaum mag ich es sagen,
nie hätt’ ich’s vermeint –
Meinen Plan, meinen Wunsch –
er hat ihn verneint.
Ich selbst kam zu ihm – ich tat ihm die Ehr’
Und stellte des hohen Auftrags Begehr.
Doch hat ihn der herrliche Ruhm nicht gelockt,
Er blieb wie vom Teufel besessen – verstockt.
Selbst, dass es der Heilige Vater begehrt,
Erschien ihm nicht der Fleissigung wert.
Und meinem Vertrauen beschert er zum Lohn
Nur schweigenden Trotz – nur bösen Hohn!

NOVAGERIO
(empört)
Der Musikus – was, der Chorist?
Da seht, wie alle Kunst vom Teufel ist!
So zwingt ihn doch!

BORROMEO
(leidenschaftlich)
Meint Ihr, ich lasse spassen
Mit mir? Ich hab ihn greifen lassen!
Und täglich nun erwart’ ich den Bericht,
Ob das Gefängnis seinen Trotz wohl bricht.

NOVAGERIO
So recht! Doch nun voran, denn seht:
Der heilge Pius, der Euch so gewogen,
Er würde rasen, wenn Ihr ihn betrogen.
Und gar die Kaiserliche Majestät!
Das Werk muss da sein zur gewünschten Frist!

BORROMEO
Ich zweifle sehr, dass er zu zwingen ist.

NOVAGERIO
So müsst Ihr einen andern Mann ernennen,
Und er als Schöpfer sich des Werks bekennen.
Er muss – er muss! Ei, Widersetzlichkeit!
Die ganze Sache ist jetzt schon soweit,
Das kleine Menschenwerklein muss entstehn!
Vom heiligen Konzil wird es bestellt,
Es wünschen es die Grossen dieser Welt, –
Wenn solche Mächte wollen, muss es gehn!

BORROMEO
Ihr kennt ihn nicht! Es ist mir nicht gelungen,
Ihn eines Schrittes Breite zu bewegen.

NOVAGERIO
Mein Freund – wir haben andere gezwungen!
Bei Christi Marterholz! Ich steh dafür Euch gut.
Für solche Leute ist ein wahrer Segen
Des alten vierten Paulus Institut!

BORROMEO
Das Äusserste – wie schrecklich anzuwenden!

NOVAGERIO
(kalt)
Ihr habt das Werk begonnen – müsst es enden!

BORROMEO
(nicht ohne Schmerz)
Er war ein Meister – wie beklag ich ihn!

NOVAGERIO
Ei Freund, das Unverdauliche –

(spuckt graziös eine Traubenschale hinter sich ins Gärtchen)

Wird ausgespien.

(Inzwischen haben sich geistliche und weltliche Teilnehmer aller Nationen und jeden Ranges versammelt und füllen die Bühne. Sie stehen in Gruppen, meist nach Nationen geordnet. Im Vordergrunde, sehr sichtbar, stehen jetzt Madruscht und der Kardinal von Lothringen im Gespräch. Leise zu Borromeo)

Doch seht, der Lothringer, der Kardinal,
Der uns so oft durch Widerspruch gepeinigt;
Steht mit dem deutschen Bären hold vereinigt;
Das darf nicht sein – kommt, gehn wir in den Saal!

(Sie begeben sich hinauf und halten sich in der Nähe von Madruscht und dem Lothringer. Tischchen und Stühle usw. werden von Dienern wieder fortgetragen.)

Vierte Szene

(Von hier an füllt sich die Bühne immer mehr)

DER LOTHRINGER
(zu Madruscht)
Zahlreicht wird heut’ die heilige Versammlung.

MADRUSCHT
Mehr eilig als wie heilig, dünkt mich fast.

DER LOTHRINGER
Da habt Ihr allzu recht!

MADRUSCHT
Ich sag’, ’s ist eine unanständige Hast!
Wer da noch glaubt, dass sie es ernstlich meinen!

DER LOTHRINGER
Mit dem, was unsern Ländern not tut – nicht.

MADRUSCHT
Bei Gott – wir sollten uns doch mehr vereinen!
Und grad’ heraus: ich muss es sehr beklagen,
Dass Ihr, der Stärkste sonst im Widerstand,
Euch doch nun habt mit diesen
Päpstlern vertragen.

DER LOTHRINGER
Das könnte man mit mehr Recht und Fug
Von Eurem Kaiser Ferdinand sagen.
Hört nur, wie er sich mit Morone vertrug!

(Novagerio kommt bei dem Namen „Morone“ rasch und wie unwillkürlich dazu. Borromeo ebenfalls.)

NOVAGERIO
Morone ist endlich hier eingetroffen?

DER LOTHRINGER
Vor kurzem stieg müde er ab vom Pferd.

BORROMEO
(entschuldigend zum Lothringer)
Verzeiht, dass wir so ohne Zeremonie –

NOVAGERIO
(ebenso)
Wir hörten den Namen;
so können wir hoffen, dass die Sitzung beginne?
’s ist nicht mehr früh.

DER LOTHRINGER
(fein)
So lasst uns – das Stück zu Ende spielen.

MADRUSCHT
(grob)
Oder, um es anders zu sagen:
Da eine christliche Einigung nicht zu erzielen,
Lasst uns, da wir denn doch nun müssen,
Getrost das Ding zu Grabe tragen!

NOVAGERIO
(lächelnd)
Wie bitter Ihr sprecht!

(wendet sich zum Gehen)

Will Morone begrüssen.

(Geht oben ab. Borromeo fordert den Lothringer auf, ebenfalls zur Begrüssung Morones mit ihm zu gehen. Beide ab. Bald nach Novagerio und Borromeo war auch Anton Brus v. Müglitz, Erzbischof von Prag, zu der Gruppe getreten. Jetzt, nachdem die drei fort sind, tritt er näher zu Madruscht. Dieser ergreift unwillkürlich seine Hand)

BRUS
(schüttelt traurig den Kopf)
Wie verwickelt und kalt hier alles geschieht.

MADRUSCHT
(ergrimmt)
Sie woll’n die Reformen nicht!

BRUS
Und des Kaisers Wille – wird er schon müd’?

MADRUSCHT
(Er zuckt mit den Schultern)
Des Kaisers Wille –
ist jetzt unsre Pflicht.

(Sie folgen den Legaten und Borromeo. Die Bühne hat sich jetzt stark angefüllt, die Väter sind fast vollzählig versammelt. Rechts vorn hat sich eine kleine Gruppe spanischer Geistlicher aufgestellt; sie stecken die Köpfe zusammen und deuten auf die Italiener, die in grosser Anzahl nun die linke Seite der Bühne, bis zum Vordergrund, erfüllen)

DIE SPANIER
Die Italiener dort seht!
Wie Ameisen wimmeln sie daher.
Die Franzosen gewannen sie schon.
Der Lothringer hielt sich nicht länger mehr.
Vom Papst kommt ihm der ersehnte Lohn.
Was stünde fest,
wenn nicht Spaniens Ehr’!
Ja, Spaniens Ehr’,
den Päpstlern zum Hohn!
Die Italiener dort seht!
Man merkt an der Majorität,
Dass die Abstimmung nicht nach der Nation,
Sondern nur nach der Anzahl der Köpfe geht.
Die Köpfe, die Köpfe, die Köpfe seht!
Geölte, geschminkte, geschorene Köpfe,
Päpstliche Larven! Pius Geschöpfe!

(Graf Luna tritt dazu; ihn begleitet der immer sehr ernst bleibende Bischof Avosmediano von Cadix.)

GRAF LUNA
Saht Ihr die Boten aus Rom
Mit dem Felleisen auf dem Rücken gereist?

(mit Hohn)

Sie bringen den Heiligen Geist,
Der gibt ihnen dann die Beschlüsse ein.

DIE SPANIER
(lachend)
Ha ha, ha ha,
Auf dem Eselein
Kommt der Heilige Geist
Aus Rom im kleinen Tornister gereist!

(Zu einer Gruppe Italiener links vorn gesellt sich soeben ein neuangekommener Trupp italienischer Geistlicher; unter ihnen und vorne dran der Bischof von Budoja, ein lustig aussehender Prälat mit pfiffigem Gesicht)

BISCHOF VON BUDOJA
(lebhaft und vergnügt zu der ersten Gruppe)
Geliebte Brüder, seid gegrüsst im Herrn!
Landsleute!

EININGE AUS DER GRUPPE
Lob sei Jesus Christ!

BISCHOF VON BUDOJA
(zu einem etwas verhungert und dumm aussehenden Bischof)
Seid Ihr von Sanfelice nicht? Euch kenn ich doch!

EIN BISCHOF
Theophilus von Imola –

BISCHOF VON BUDOJA
Da war ich nie.
Man kommt ja nie aus seiner Diözes.
Ich bin der Bischof von Budoja.

EIN ANDERER BISCHOF
Dandini von Grosseto ich.

EINER AUS DER ERSTEN GRUPPE
Bischof von Feltre.

EIN ANDERER
Ich von Fiesoli.

BUDOJA
So ein Konzilium lob ich mir;
Man sieht doch etwas von der Welt
Und hat noch freie Reise;

THEOPHILUS
Man muss die Feste feiern, wie sie fallen.

BUDOJA
Ich muss gestehn, ich hätte nichts dagegen,
Wenn’s etwas länger dauerte!
Doch leider wird ja Schluss gemacht.

GROSSETO
’s ist unsre heil’ge Pflicht,
Für den Beschluss zu stimmen.

THEOPHILUS
Dafür sind wir ja hier.

BUDOJA
Zu schade ist’s, ich bliebe länger!
Man ist kaum angelangt
Und muss schon wieder fort.

EIN JUNGER DOKTOR
Wenn nur mein Geld noch reichte,
So blieb ich gerne auch.

BUDOJA
Das ist das Wenigste, mein Freund,
Bei längrem Aufenthalt
Muss man uns doch entschädigen.

BISCHOF VON FELTRE
Doch ist uns nichts versprochen –

EIN JUNGER DOKTOR
Hab von Diäten nichts gehört –

BISCHOF VON FIESOLE
Nichts von Verlängerung –

BUDOJA
Ei was,
Rom muss schon dafür sorgen.
Verlangen wird man nicht,
Dass wir Dukaten machen.
Das mach ich schon, das mach ich schon!

(Hier treten langsam wieder aus dem Palaste auf: Madruscht und Brus; sie verweilen einen Moment und nehmen dann ihre Plätze ein; einige Zeit hierauf der Lothringer allein, immt auch seinen Platz ein)

BISCHOF VON FIESOLE
Wer ist denn das neben
dem Fürstbischof, sag!

BISCHOF VON FELTRE
’s ist der Drakowitz.

GROSSETO
Nein, ’s ist der Erzbischof von Prag.

EIN JUNGER DOKTOR
Prag – liegt das in Deutschland? –

GROSSETO
In Böhmen liegt’s eh’r.
Da kommen die meisten Häretiker her.

THEOPHILUS
(ängstlich)
Die Ketzer? o Jesus!
Da kommen am End’
Die Ketzer hierher? hierher nach Trident?

BUDOJA
(fasst den Theophilus unter den Arm)
Fern hielt Gottes Güte, mein teurer Theophil,
Die lutherischen Schweine vom italienischen Konzil;
Im Übermass doch wir gesegnet
noch sind Mit französischer Krätze
und dem spanischen Grind.

(Die Bischöfe lachen und wenden sich; gleichzeitig erscheint aus dem Palast Novagerio mit Morone.)

MORONE
Die Instriktionen schickten wir beizeiten;
Mein Amt gelang mit Gottes Hilfe gut.

NOVAGERIO
Nur unterschätzt mir nicht die Schwierigkeiten!

MORONE
(drückt Novagerio die Hand)
Ich habe Hoffnung und den besten Mut.

(Gleichzeitig mit Morone und Novagerio ist unten im Saal mit einem kleinen Gefolge der Patriarch von Assyrien, Abdisu, erschienen. Er ist sehr alt, mit schneeweissen Haaren und Bart, eine fremdartige Erscheinung. Er wird gleich umringt, auch die Italiener gesellen sich zu ihm.)

ABDISU
Von weither wandert ich, durch Mühsal
und Beschwerde,
Doch meine Füsse trugen froh mich her.
Dass ich den Tag des Herrn erleben darf,
Dass meine alten Augen dieses Werk
noch schau’n:
Die Neugeburt der ganzen Christenheit –
Des freuet sich und jubiliert mein Herz.
Und gerne scheid’ ich nun
von dieser schönen Erde.

(Alle wollen ihn geleiten; der Bischof von Budoja drängt sich zu ihm und führt ihn.)

BISCHOF VON BUDOJA
Stützt Euch auf mich, lasst mir die Ehre, Herr.

(Die meisten haben schon ihre Plätze eingenommen. Jetzt tritt der Zeremonienmeister in die Mitte und hebt den Stab.)

SEVEROLUS
Ich, Ercole Severolus
Zeremonienmeister der Synode,
Ersuche kraft des mir verliehenen Amtes
Die Väter dieser christlichen Versammlung:
Die hochehrwürd’gen Erzbischöfe und Prälaten,
Die hochansehnlichen Botschafter und Gesandten,
Die hochgelehrten Theologen und Doctores,
Nach Ordnung und Gebühr die Plätze einzunehmen,
Weil die Kongregation beginnen soll.

(Alle nehmen während des folgenden Musikstückes die Plätze ein.)

Und nun erhebt sich zur Begrüssung
Des Papstes erster Kardinallegat.

(Morone erhebt sich.)

Fünfte Szene

MORONE
(faltet die Hände, mit ihm die Versammlung)
Den Heil’gen Geist, der die Konzilien leitet,
Der auch die heutige Versammlung lenkt,
Wir bitten ihn, dass er auf uns sich senkt
Und unserm Werk ein gutes End’ bereitet.

(Löst die Hände)

Dess’ Diener die Legaten sind, der hohe Papst
Er sprach zu uns:
„Engel des Friedens seid!“
Dies Wort im Herzen tragend, bitt’ ich Gott,
Dass mir das Friedenswerk bei Euch gelinge,
So wie ich treulich mich bemühte,
ein Amt bei jenem zu erfüllen,
Auf dessen Haupt wir Gottes Segen flehen:
Bei Deutschlands grossem Kaiser Ferdinand.
Ehrwürd’ge Väter! Liebe Brüder!
Bei aller Demut, die den Christen ziert,
Seid heute eingedenk:
Wir sind die Blüte alles Menschentums.
Wir sind berufen, ihm zum Heile
Den Turm zu bau’n, der allen Zeiten trotzt.
Wir, vor dem Herrn zwar klein,
Doch vor den Menschen aller Völker gross.
Verschliesst dem Heil’gen Geist nicht Eure Herzen,
Er kommt zu uns!

(Mit echter Begeisterung)

Ja, ja – er kommt zu uns!
Er gibt uns Weisheit, Frieden, Einigkeit,
Erkenntnis, Liebe, Wahrheit.
All’ dieses – alles ist bei uns!

(grenz eine Mahnwache von Soldaten bewachen die Szene eine Gruppe von Häretikern unter den Qualen der Inquisition)

Seht hin auf jene Armen, Irrgeführten,
Auf jene Ketzer –

BISCHOF VON BUDOJA
(ruft laut sich hin:)
Gott erkeuchte sie!

(Strafende Blicke treffen ihn, nach kurzer Störung fährt Morone fort.)

MORONE
Spaltung und böse Unruh ist ihr Teil:
Die Frucht des Irrwahns
und des Hochmuts Strafe,
Der eig’nem sündigem Ermessen traut.
Seht hin!
sie werden selber sich zerfleischen
Und ruhmlos und verflucht vernichtet sein!

RUFE, GEMURMEL
Fluch ihnen! Fluch den Ketzern!
Den teufelischen Ketzern Fluch!

(Die Soldaten durchgeführt Ketzer)

MORONE
Das grosse Werk glorreich zur Ehre Gottes
Hinauszuführen steht uns heute an.
Denn schon zu lange und zum Ärgernis
Der ganzen Christenheit ward es verzögert.
Drum, liebe Väter seid auf Eurer Hut,
Auf dass der Windhauch schwellender Gelehrsamkeit
Des Redeschiffleins allzuleichte Segel
Der Demut stillem Hafen nicht entführe!

BISCHOF VON BUDOJA
Ein schönes Bild!
Habt Ihr’s verstanden, Theophil?

SEVEROLUS
(hebt gegen ihn den Stab)
Kein lauter Zwischenruf! ich muss ersuchen!

MORONE
Von Wunsch erfüllt, den Fürsten zu gewähren,
Was ihren Völkern frommt, und friedbereit,
Tat jetzt der Herr von allen jenen Heeren,
Die auf dem Erdenrund das Kreuz verehren,
Den letzten Schritt zu vollster Einigkeit.
Und jeder gute Fürst er will ja auch
Dem grossen Kind, dem Volke, seinen Glauben
Solchergestalt zu üben gern erlauben,
Wie es durch dessen Sonderheit und Art,
Durch Angewöhnung, Sitte und Gebrauch
Zum Wunsche ihm und zum Bedürfnis ward. –
Zur Sendung an den Kaiser jüngst beehrt
Und wieder angelangt nach langem Ritt,
Des Friedens Ölblatt hin und her zu tragen,
Kann ich die frohste Kunde nun Euch sagen:
Soweit es nicht der Ehr zu nahe tritt
Von Petri Stuhl, und dient zu Gottes Kränkung,
Ist alles Wesentliche ihm gewährt.

GRAF LUNA
(zu den Spaniern)
Beachtet wohl, Ihr Herren, die Beschränkung!

MORONE
(fährt nun in leichterem Tone fort)
Ihr wisst, von des Kaisers Propositionen,
Den zweiundvierzig, ist schon das meiste
Besprochen, geprüft und erledigt.
Ist’s Euch gefällig, Väter, über das,
Was jetzt noch übrig, kurz mit ja und nein
Schlüssig zu werden, und die nähere
Ausfertigung der Weisheit dann des Papstes
Zu überlassen? Ist’s Euch gefällig?

DIE VÄTER
Placet, placet!

AVOSMEDIANO
(Er steht auf)
Non placet!

SEVEROLUS
Avosmediano, Bischof von Cadix!

AVOSMEDIANO
Dazu ist die Synode einberufen,
Dass sie mit Fleiss die Fragen alle prüfe
Bis die Materie bezwungen ist.

DER LOTHRINGER
(sitzend)
Doch gibt es klare – minder klare Punkte,
Die sich wohl scheiden lassen; lasst uns doch
Nach jedem einzeln’ Punkt die Frage wiederholen.

MORONE
Ist’s Euch gefällig, Väter?

ALLE VÄTER
Placet!

MORONE
Die Messgebräuche dann zuerst!
So kommen wir mit jenem dreissigsten Artikel
Zum Lieblingswunsch des grossen Ferdinand,
Der jeder frommen Kunst Beschützer ist.
Er will darin vor völliger Verbannung
Die Figuralmusik gerettet sehn;
Weil doch, schrieb er,
„aus grosser Meister Zeit das wohlerfund’ne Alte
„so oft den Geist der Frömmigkeit
„erwecke und erhalte“.
Mit Papstes Einverständnis: ist es Euch
Gefällig der Erhaltung zuzustimmen?

DIE ITALIENER UND VIELE ANDRE
Placet, placet, placet!

ANDRE
Non placet!

SEVEROLUS
Wer meldet sich zum Wort?

(Avosmediano steht auf)

SEVEROLUS
(mit leiser Beimischung von Hohn)
Avosmediano, Bischof von Cadix!

AVOSMEDIANO
Ein “Aber” war dabei, ein “Wenn” vom Papste,
was ist’s mit dem?

NOVAGERIO
(liebenswürdig)
Ein Probestück soll erst Geliefert werden.

(Spricht leise einige Worte mit Borromeo)

BRUS
Eine Messe war’s.

MADRUSCHT
Ja, eine Messe war’s.

DER LOTHRINGER
Die Probemesse.

BISCHOF VON BUDOJA
(zum Bischof von Imola)
Theophilus! Der Patriarch schläft ein!

(Der Kopf des Patriarchen von Assyrien senkt sich hier langsam auf die Brust. Er schläft allmählich ein)

AVOSMEDIANO
Ich frage: wird des Papstes Wunsch beachtet?

SEVEROLUS
Es spricht der hochehrwürd’ge Kardinal von Borromeo!

BORROMEO
(ruhig und kalt)
Die Messe wird geschrieben.

NOVAGERIO
Das Werk, Ihr hört es, wird bereits verfasst,
Von Palestrina, dem berühmten Mann.

DIE VÄTER
Wer schreibt sie – wohl in Rom –
Von wem – wie heisst er –
Der Name ist bekannt –
Ein frommer Meister.

NOVAGERIO
Geprüft sodann im päpstlichen Palast.
Beliebt Ihr zuzustimmen – zeigt es an!

DIE VÄTER
“Placet”! “Placet”! “Placet”!

MORONE
Die nächsten zu beredenden Artikel
Sind kurz zu endigen; es sind:
Gebrauch der Landessprache bei der Messe
Und das Brevier –

SEVEROLUS
(zu Brus wurde aufgehoben)
Erzbischof Brus von Prag!

BRUS
(hatte sich erhoben)
Darf ich die Frage stellen
Warum nicht nach der Reih
Und alles einzelne für sich verhandelt wird?
Auch wär es zu empfehlen,
Bei wenig Zeit und vieler Eil’,
Dass man das Wichtigste zuerst erledigte.
Am meisten liegt dem Kaiser doch am Herzen
Das Abendmahl in beiderlei Gestalt.

EIN SPANISCHER BISCHOF
Dem Kaiser nicht. Den Böhmen um so mehr!

SEVEROLUS
(hebt gegen ihn den Stab)
Kein Zwischenruf!

MORONE
Ihr hörtet ja, nur, wenn die Väter nicht einig,
Was wohl nicht sein wird, was ich nicht hoffe,
Dann wird zur Prüfung geschritten; doch sonst
Alles der Weisheit des Papsts überlassen.

NOVAGERIO
Die Durcharbeitung der ganzen Materie
Die Prüfung und Sichtung und Durchberatung
Ein ganzes Jahr erforderte sie
Und die Verhandlungen schlössen nie.

BRUS
Nun, um so mehr, das Wichtigste zuerst.

(Count Luna aufgeht)

SEVEROLUS
Des Königs von Spanien Orator
Der Graf von Luna spricht!

LUNA
Soll denn, so frag’ ich, das Konzil
Zu End’ gehetzt wohl werden?
Ich dringe auf die gründlichste
Ausführlichste Besprechung!

DER LOTHRINGER
Ihr hörtet doch, Herr Graf,
Die fromme Rede des Legaten.

LUNA
(herausfordernd)
Herr Kardinal – dem Einfluss nach
Seid Ihr schon längst Legat.
Doch seid Ihr’s faktisch nicht
und somit nicht gefragt!

DIE SPANIER
(unter sich)
Er wird es noch, und bald,
Der Papst hat’s ihm versprochen!

DER LOTHRINGER
(wütend)
Doch frag’ ich Euch jetzt, Graf!
Wie kommt Ihr in den Stuhl,
Der ausser aller Ordnung steht?

(Luna reckt sich lachend im Stuhl)

NOVAGERIO
(zum Lothringer)
Dies Mittel wählten wir, damit
Von beiden grossen Nationen
Nicht eine nachstehn soll.

DER LOTHRINGER
Da protestier’ ich morgen
In feierlicher Session!
Ich mache Anspruch absolut
Auf Vorrang, wie er mir gebührt!

LUNA
(sehr laut)
icht einen Finger breit
Weicht Spaniens grosser König
Dem minderjährigen von Euch!

DER LOTHRINGER
(wendet sich zornig an die Legaten)
Wenn morgen nicht zuerst
Nicht vor dem Spanier
Ich Räucherfass und Friedenskuss –

SEVEROLUS
(hebt den Stab)
Der Bischof von Budoja!

BISCHOF VON BUDOJA
(hat sich gemeldet; er stellt sich langsam zurecht und beginnt)
Weh! – Weh!
Frieden ist nicht mehr unter den Völkern
Und die Fürsten entzweit; Spricht der Prophet. –

(schattig)

Weh – weh!
All’ deine Feinde sperren ihr Maul auf,
Pfeifen dich an – blecken die Zähne –

SEVEROLUS
Wie lange gedenkt Ihr zu reden,
Herr Bischof? – Ich muss Euch ersuchen,
Was Ihr zu sagen habt, kurz zu sagen,
Denn länger als fünfzehn Minuten
Ist nach dem Beschluss des Legaten
Niemand zu reden erlaubt.

MORONE
(mit verhaltenem Ärger zu Budoja)
Ihr tätet besser, gar nicht zu reden,
Als Interjektionen zu bringen,
Die ohne Sinn und nicht förderlich!

(Budoja setzt sich wieder hin, aber nicht etwa beschämt.)

Beliebt’s Euch, Väter, nun die Messe
Und das Brevier zusammen zu erledigen?

DIE ITALIENER
Placet, placet!

ALLE ANDEREN
Non placet, non placet!

AVOSMEDIANO
(erhebt sich; ruhig, aber scharf)
Wenn das Konzil die Freiheit nicht gewährt,
Mit Ernst und Liebe alle Punkte zu bereden,
Und die Reformartikel nur berührt
Und nicht erwogen werden,
So trag’ ich neuerlich Verläng’rung an
Und protestiere feierlich wider den Schluss!

DIE ITALIENER
(wild)
’s ist ein Schismatiker!
Werft ihn hinaus! Verbrennt ihn!

MORONE
(zu Avosmediano)
Den, welcher heute nicht von ganzer Seele
Den schleun’gen Ausgang
der Verhandlung wünscht,
Den nenn’ ich keinen frommen Christen!

(Novagerio macht Morone ein Zeichen)

DER LOTHRINGER
(laut)
Das ist die Freiheit der Synode!

(Luna steht zur Entgegnung auf. Unterdessen hat der Bischof von Budoja auf den Patriarchen, der von dem Lärm erwacht ist, eingesprochen; er veranlasst ihn, sich zu erheben. Der Zeremonienmeister hebt den Stab und ruft laut, gerade, als Luna anfangen will.)

SEVEROLUS
Der hochehrwürdigste und fromme Herr,
Assyriens Patriarch will reden!

(pause)

ABDISU
(mit leiser, friedlicher Stimme)
Der Wunsch des frommen Papstes
Soll doch beachtet werden;
Aufzeichnen soll die feierliche Melodie
In Rom der grosse Sänger

(er stockt; Budoja flüstet ihm zu)

Trinas-pa-les –

(Er setzt sich und schläft langsam wieder ein; unterdrücktes Lachen; zur Ruhe weisende Rufe; Budoja will bersten vor lautlosem Lachen; er hält sich den Bauch)

MORONE
(leise aber grimmig zu Novagerio)
Das war ein Streich von dem Budojer Narren;
Ich werd’ es merken!

LUNA
(erhebt sich wieder)
Die frommen Christen aller Welt,
Sie wünschen eher die Verlängerung!

DER LOTHRINGER
(heftig)
Nur Spanien wünscht es! Nicht die ganze Welt!

LUNA
(schreit)
Wenn Spanien es will, so will’s die Welt!

(Allgemeines Gelächter und Rufe)

ALLE AUSSER DEN SPANIERN
Haha, so,
Spanien ist die Welt?
Ein guter Geograph!

BISCHOF VON BUDOJA
(ruft dem Grafen laut zu)
Lest doch den Ptolemäus!

DIE ITALIENER
(lachend)
Ja, lest den Ptolemäus!

LUNA
(rasend)
Ich werde stimmen, noch zur Schlussberatung
Die Protestanten einzuladen.

(Eine wilde Empörung des ganzen Saales antwortet. Nur Novagerio, Morone, Madruscht, Brus und die Spanier nehmen nicht daran teil. Letztere stehen erregt auf. Der Patriarch Abdisu erwacht wieder von dem Lärm. Morone hat sich mit Novagerio beraten. Er erhebt sich und hält die Hände auf, um sich Gehör zu verschaffen, da das Stabaufhalten des Zeremonienmeisters nichts mehr nützt. Zugleich schlägt es laut zwölf)

MORONE
(nachdem etwas Stille eingetreten ist)
In der Verfassung des Gemüts
Kann nicht mit Segen fortgefahren werden.
Auch schlug es Mittag; mit Bekümmernis
Und Scham heb’ ich die Sitzung auf.
Doch hört, was ich nun ernstlich sag’,
Was der Legat Euch jetzt muss künden:
Die zweite Stunde nach Mittag
Muss uns hier neu versammelt finden;
Und währte es bis tief zur Nacht:
Heut wird das Werk zu End gebracht!
Euch, liebe Väter, mahn’ ich nun,
Insonderheit den edlen Grafen,
Das Kleid der Sanftmut anzutun;
Die Bitterkeiten lasset schlafen.
Der Einigkeit gilt mein Gebet.
Geliebte Väter! In Frieden geht!

(In grosser Aufregung, disputierend, drohend, gestikulierend, geht alles dem Ausgang zu. Zuerst, und in Geschlossenem Trupp, die Spanier. Einige italienische Geistliche, unter ihnen Budoja, verweilen noch am längsten im Hintergrunde)

Sechste Szene

(Morone und Novagerio sind im Vordergrunde zusammengetreten. Der Lothringer, Madruscht und Brus bilden für sich, etwas zurück, eine Gruppe)

MORONE
(verzweifelt zu Novagerio)
Was nun! Was nun! Glaubt Ihr noch dran,
Dass wir zu Ende kommen?

NOVAGERIO
(kaltblütig)
Ohne Spanien,Wenn’s denn sein muss;
wir müssen und wir werden.

(Der Bischof von Budoja hat sich jetzt an Morone herangepircht; die übrigen seines Trupps haben zerstreut.)

BISCHOF VON BUDOJA
(zu Morone)
Ehrwürden, sagt, ist’s wirklich ganz gewiss,
Dass morgen Schluss ist?
Ganz unwiderruflich?

MORONE
(beachtet ihn nicht; er wendet sich zum Lothringer, der nun allein geblieben ist, da Madruscht und Brus ins Innere des Palastes verschwinden.)
Was musstet Ihr den Spanier auch reizen!

DER LOTHRINGER
(Vehement)
Ihr reizet ihn noch mehr!
Ihn und uns alle!
Avosmediano war im Recht! Und wäre,
Was ihm geschah, einem Franzosen widerfahren,
Beim ew’gen Gott! Ich reiste ab
Und appellierte an ein freieres Konzil!

BISCHOF VON BUDOJA
Wenn doch nun morgen nicht geschlossen wird
Und wir nun bleiben müssen –

(Morone dreht ihm den Rücken)

NOVAGERIO
(zum Lothringer)
Lasst dem Gecken.
Dem Spanier, doch den Vortritt! Dieses will er,
Und dann ist alles gut

DER LOTHRINGER
(zu Novagerio)
Glaubt das nur nicht!
Ich weiche keinen Zoll
Vor diesem Spanier!

BUDOJA
(zu Morone)
Bei länger’m Aufenthalt
Wird man doch Anspruch haben auf Diäten –

MORONE
(zum Lothringer)
Nun, so wird die ganze
Zeremonie wohl unterbleiben müssen.

DER LOTHRINGER
Tragt die Folgen dann!

BUDOJA
Man hat wohl Anspruch –

(er tippt den Morone an. Dieser heftet einen wütend fragenden Blick auf ihn. Vorsichtig, langsam)
Ich meine auf Diäten – Wegzehrung –

MORONE
(schreit)
Auszehrung an den Hals Euch, Herr!
Euch kommt schon was von Rom,
doch nicht Diäten,
Des’ seid versichert! Gott befohlen, Herr!

(Bischof von Budoja dreht sich stillschweigend herum und macht sich davon.)

NOVAGERIO
(lacht)
Ein Freihart ist’s, ein richtiger Hanswurst.

(gemütlich zu beiden)

So haltet Frieden doch,

(zum Lothringer)

Denkt an den Papst,

(er fasst beider Hände und bringt sie wie scherzend zusammen)

Und jetzt kommt mit mir in mein Haus; auf ein
Bescheid’nes Mahl. Ist’s Euch gefällig, Väter?

(Er zieht sie, beide schon halb bezwungen und versöhnt, mit sich fort.)

Siebente Szene

(Italienische, deutsche und spanische Diener)

DIE SPANISCHEN DIENER
(zischeln zueinander)
Habt ihr’s gesehn? Habt ihr’s gehört?

(indem sie auf die italienischen Diener zeigen)

Der edle Graf und der fromme Herr
Beleidigt von dem Teufelsvolk!
Die Hunde da –

(lauter)

Ihr Hunde da!

ITALIENISCHEN UND DEUTSCHEN DIENER
(zueinander)
Was will denn das Gesindel dort –

(zu den Spaniern)

Hinaus! Habt nichts zu schaffen hier!

DIE SPANIER
Sie eilen sich – die Kreaturen –
Zum End, zum End! – ha ha ha ha.
– Teufelsparole!

DIE ITALIENER
(zueinander)
Lasst euch nicht ein – der Warnung denkt.

(zu den Spaniern)

Fort auf die Strasse! Wir rufen den Herrn!

(Allerlei Lumpenpack hat sich von der Strasse her angesammelt und dringt jetzt mit den Spaniern zusammen tiefer in den Saal.)

DIE SPANIER
Die Feiglinge – haha, haha –
Ihr Schufte, ihr! Italienische Hunde!

EIN ITALIENISCHER DIENER
Ich schlag’ ihn tot!

DIE SPANIER
Dreckige Schufte!

DIE ITALIENER
Spanische Schelme!

DIE SPANIER
Teufelszagel!

DIE ITALIENER
Krätz’ges Getier!

DIE SPANIER
Mein Eingeweide!

DIE ITALIENER
Stinkender Höllendreck!

DIE SPANIER
Bohrt ihnen doch die hündische
Parole mit Eisen in den Bauch!

(Die Spanier stürzen sich mit dem stets wiederholten Ruf: „Zum End, zum End“ mit Dolchen auf die Gleichfalls Dolche ziehenden Italiener und Deutschen. Erbitterte Stecherei, an der das Volk ebenfalls mit Johlen und Schreien teilnimmt. Nach kurzer Zeit erscheint, von einem Trupp Stadtsoldaten begleitet, am Eingang hinten Madruscht.)

MADRUSCHT
(mit Donnerstimme)
Gebt Feuer! Schiesst und schlagt!

(Eine mehrfache Salve ertönt; die meisten sind getroffen.)

Und was noch zappelt, auf die Folter!

(Die Soldaten stürzen sich auf die am Boden liegenden stöhnenden, zum Teil fliehen wollenden Gestalten.)

Zur schärfsten Folter mit den Hunden,
Die so die christliche Versammlung höhnen!
Ist das der Sinn des heiligen Konzils?
ZWEITER AKT


Vorspiel

(Trident; eine grosse, saalartige Vorhalle im Palast des Fürstbischofs Madruscht. Schönen und sonnigen Tag im Spätherbst, die Morning. Die Halle ist nahezu fertig zu der Abhaltung einer letzten gemeinsamen Vorberatung vor einer feierlichen Session, zu einer sogenannten „Generalkongregation“ hergerichtet. Auf beiden Seiten der Bühne laufen zwei Halbkreise von Bänken und Stühlen, die für die Kardinäle, Kardinallegaten und Nuntien bestimmt sind. Auf der Bühne sind zunächst Kardinallegat Bernardo Novagerio, in seiner Nähe, der Zeremonienmeister Ercole Severolus)

Erste Szene

(Eine Anzahl italienischer und deutscher Diener sind damit beschäftigt, die Herrichtung des Saales zu beendigen)

SEVEROLUS
(zu den Dienern)
Noch eine Bank!
Und schnell!
Die Italiener alle hier!

(er weist mit dem Stab auf die linke Seite der Bühne)

Sind heut’ in grosser Mehrzahl!

NOVAGERIO
(winkt den Zeremonienmeister näher zu sich heran)
Den Tisch des Massarell’
In meine nächste Nähe!

(Er zeigt mit den Augen auf ein Tischen mit daraufstehendem, kleinem, tragbarem Schreibpult, das noch in der Mitte der Bühne herumsteht)

SEVEROLUS
Es soll gescheh’n; verstehe.

(mit Vertraulichkeit)

Und sagt: des Grafen Luna Thron

(er zeigt auf den Stuhl, auf dem Novagerio sitzt)

Steht er auch recht zur Stell’?

NOVAGERIO
(behaglich im Stuhl)
Ercole, sieh, ich prüf’ ihn schon!
Doch, dünkt dich nicht vermessen,
Dass ich den stolzen Ehrensitz
Des Spaniers warmgesessen?
Und wirst mich nicht verraten?

SEVEROLUS
(auf den Ton plump eigehend)
O Gott! gefährlich wäre das;
Dem Spanier, den Herrn Legaten!

NOVAGERIO
Doch, ohne Scherz: kein Rangstreit heut!
Noch morgen bei der Session.
Ihn zu vermeiden, dulden wir
Die Farce mit dem Stuhl,
Die, sorge ich, die Völker
Nur zum Gelächter reizen wird
Und die Franzosen gar zum Zorn.

SEVEROLUS
Ja, ja, ich sag’s, die Spanischen!
Stets Hindernis und Dorn.

(Er gibt nun den Dienern die Anweisung, den Tisch nah zu den Stühlen der Legaten zu stellen, was sogleich geschieht)

NOVAGERIO
(erinnernd)
Und die Parole: „Schnell zum Schluss!“

SEVEROLUS
(kommt wieder nah zu Novagerio)
Zwei Stunden sprach Lainez jüngst;
Wenn wir zum Ende wollen,
Und wieder sie so lange sprechen:
Soll ich dann unterbrechen?

NOVAGERIO
Das tu!
Doch kommt es heute
Von selbst wohl nicht dazu.
Nun ruf mir noch die Diener her!

SEVEROLUS
(winkt den Dienern)
Hierher! Der hochehrwürdge Herr
Hat euch etwas zu sagen.

(Die Diener kommen und stellen sich vor Novagerius auf)

NOVAGERIO
(mit Schad Ton)
Kennt ihr den grünen Turm?
Und kennt ihr auch die Wiege drin?
Die Kinder, die darin man wiegt,
Schreien sehr laut, und gar nicht vergnügt,
Wenn ihr wieder euch stecht und haut,
Wie neulich erst auf der Strasse,
Dass mancher der frommen Väter
Vor Angst sich nicht aus dem Hause getraut,
So wisst ihr nun, wie’ euch ergeht:
Christof Madruscht keinen Spass versteht!
Da kommt er selbst.

(er steht auf)

– Haltet ihr Ruh’, Gelobt ihr mir’s?

DIE DIENER
Wir schwören’s zu.

Zweite Szene

(Es tritt der Fürstbischof Kardinal Chr. Madruscht auf, ein starker Mann, der trotz seiner geistlichen Kleidung mehr den Eindruck des Kriegsmannes, des Edelmannes macht. Er ist ernst und verstimmt; Novagerio geht ihm, der nun die Stufen herabgestiegen ist, sehr heiter und freundlich entgegen. Begrüssung und Händedruck: sie kommen nach vorn)

NOVAGERIO
Morone ist von Innsbruck schon herein?

MADRUSCHT
(ernst)
Noch nicht. Für eine blosse Höflichkeit,
Versicherungen, Grüsse an den Kaiser
Vom Papst gesendet – einunddreissig Tage –
Traun – eine lange Zeit!

NOVAGERIO
(immer sehr verbindlich und heiter)
Zu langen Reden ist ja gar kein Grund.
Was soll’s denn noch?
Wir sind ja einig, Freund;
Und hat dem Kaiser, seinem liebsten Sohn,
Der Heil’ge Vater alles nicht gewährt?
Nicht in Bologna, seiner lieben Stadt,
Nein, in Trident, der deutschen, unbequemen,
Schliesst das Konzil;
und dass es schliesse, ist
Der Wunsch, der heisse, von uns allen;
ach, Der Euere doch auch!
Die ganze Christenheit
Seufzt nach dem endlichen Beschluss.
Ich hoffe nicht, dass Ungemach der Reise
Morone aufhält –

(er sieht nach dem Wetter)

MADRUSCHT
(zeigt höhnisch nach dem draussen zunehmenden Sonnenschein)
Nun, die Witterung
Der letzten Tage kann nicht Ursach’ sein.

NOVAGERIO
(begeistert)
Ach ja, ein schöner Tag! Ein Gottestag,
Ein wunderschöner! Möge diese Sonne,
Wie sie durch Herbstesnebel siegreich bricht,
Für uns’re Hoffnungen symbolisch sein!

MADRUSCHT
(will ärgerlich auf sein Thema zurückkommen)
Doch was Morone und den Kaiser angeht,
So muss ich doch wohl sagen –

NOVAGERIO
(hat schon Borromeo erblickt, der soeben, von einigen italienischen Bischöfen und Theologen umgeben, langsam vom Hintergrunde her auftritt.)
Borromeo!

(Er eilt ihm entgegen und begrüsst ihn.)

MADRUSCHT
(für sich)
Ein Italiener mehr!
Verdammt, und nicht der Dümmste!

(Novagerio kommt mit Borromeo vor. Madruscht und Borromeo begrüssen sich nun auch.)

NOVAGERIO
(zu Borromeo)
Nun, wie verbrachtet Ihr die erste Nacht
Nach langer Reise,
angestrengtem Ritt?

BORROMEO
(freundlich)
Ich bin schon ausgeruht.

(zu Madruscht)

’s ist eine schöne Stadt
Und wohlgehalten. Wahrlich, sehr verdient
Macht Ihr Euch doch, Hochwürden, um das Werk,
Um dessen guten Ausgang all’ wir beten.

MADRUSCHT
(immer ernst)
Ein jeder tut dazu, soviel er kann.

NOVAGERIO
Allzu bescheiden seid Ihr, Freund Madrucci!

BORROMEO
Das ist besonderes Verdienst ja immer.

MADRUSCHT
(zu Borromeo)
Wollt Ihr Euch nicht erfrischen?
Wein und Früchte?

BORROMEO
Die Segnungen des schönen Fleckchens Erde,
So freundlich mir geboten, will ich nicht
Zurücke weisen.

MADRUSCHT
(zu den noch umherstehenden Dienern)
He, Früchte, roten Wein!

(zu Novagerio und Borromeo)

Doch mich entschuldigt jetzt.

NOVAGERIO
Wie ungern!

BORROMEO
O, warum?

MADRUSCHT
Verzeiht – Neuangekommene
In grosser Zahl, Ihr seht, muss ich begrüssen.

(Er geht in den Hintergrund des Saales, wo sich schon eine Anzahl Geistlicher, namentlich Italiener, eingefunden haben. Novagerio und Borromeo im Vordergrund.)

Dritte Szene

BORROMEO
(leise sondierend zu Novagerio)
Ein liebreich würd’ger Herr, der Fürstbischof.

NOVAGERIO
(sieht Borromeo an)
Dem Kaiser zugetan mit Seel’ und Leib.

BORROMEO
(begegnet dem Blick)
Empfindlich wohl, was Majestät betrifft?

NOVAGERIO
(sicher)
Wie diese selbst: misstrauisch und verstimmt.

BORROMEO
(lächelnd)
Ein wenig wohl mit Grund?

NOVAGERIO
(verständnisvoll bejahend)
Damit es ganz gelinge
Wär’ es wohl gut, da wir allein,
Dass diesen Augenblick wir nützen!
Drum lasst uns niedersitzen;

(inzwischen haben vier Diener ein kleines Tischchen, zwei Stühle, reichlich Früchte, roten Wein in schöner Kristallkaraffe und Gläser gebracht; sie setzen alles ganz vorne ins Gärtchen und entfernen sich wieder. Novagerio und Borromeo nehmen an dem Tischchen Platz.)

Und hier bei Früchten, rotem Wein
Vernehmt die heutige Parole:
„Schnell zum Beschluss.“ Das soll sie sein.

BORROMEO
(schenkt den Wein in die Gläser)
Der frommen Christenheit zum Wohle!
Mög’ so das Blut der Ketzer fliessen.

NOVAGERIO
(bedient Borromeo und sich mit Früchten)
Und dass die Früchte, lang gereift,
Wir endlich brechen und geniessen!

(sie trinken und naschen von den Früchten)

BORROMEO
Beim Kaiser doch, was tut Morone?

NOVAGERIO
Je nun – von hier ihn fernehalten
Und glätten alle Stirnesfalten
Des Unmuts, der sich ihm gehäuft.
Von Rom die Königskrone
Bestätigt er auf Papstes Treu’
Dem jungen Max, des Kaisers Sohne,
Der heimlich neigt zur Ketzerei.

BORROMEO
Schlimm wär’ es, wenn er überträte.

NOVAGERIO
Oh, die Gefahr nicht abzuseh’n;
Ein Schirmherr würde da ersteh’n
Der Lutherpest, der Teufelskröte.
Doch so –

(leiser)

Der spanische Königsthron,
Mit ihm der Traum der Weltherrschaft
Über alles katholische Land,
Lockt jetzt den Vater und den Sohn,
Steht vor der beiden lüsternem Blick
Und hält den heftigen Ferdinand
Von übereiltem Schritte zurück.
Viel hat er uns zedieren müssen;
Doch seine Rache, des Sohnes Glauben,
Sind dem alten Fuchse die sauren Trauben.

(er hebt eine Traube und lässt sie wieder fallen)

Er lässt sie hängen, die schönen, – süssen!

BORROMEO
Die christkatholische Weltherrschaft
Ein Ziel für höchsten Herrschers Kraft;
Fürwahr! Und mit Rom ein gewaltiges Band!

NOVAGERIO
Doch trau’ ich nicht seinem hitzigen Groll;
Und dass die Deutschen, die so ihn lieben,
Von der Synode sind fortgeblieben,
Das wurmt ihn mehr, als man merken soll.
Drum gilt es: was an Besserungen
Und Wünschen sonst er ausbedungen
Ihm unbedenklich zu gewähren.

BORROMEO
(bedenklich)
Gewicht’ge Punkte sind dabei:
Reform an Papst und Klerisei.
Der Laienkelch,
und Kompromisse noch sonst –

NOVAGERIO
Ei, muss ich Euch belehren?
Wisst doch: Auslegung der Beschlüsse
Behält der Papst sich vor allein.
Zur Sorge hierin ist kein Grund;
Die Dogmen, seht Ihr, stehen fest.
Und was wir sonst erreicht zur Stund’,
Verschlingt den leicht gewog’nen Rest.
Darum zum Schluss – nur schnell zum Schluss!
Der Papst, der will – der Kaiser muss.

BORROMEO
So wird, was in den letzten Wochen
Er neu begehrte, heut’ besprochen,
Und so der ersehnte Schluss erreicht?
Womit beginnt man?

NOVAGERIO
Was man leicht
Und sicher durchzusetzen gedenkt:
Zuerst kommt die Frage der Kirchenmusik,
Dann wird zu Wicht’gerem eingelenkt.
Nun, würd’ger Freund, das ist ja Eu’r Fall!
Als Ihr damals erfochtet den Sieg
Über unsere Meinungen all,
Nicht ahnt’ ich da, wie um den Kirchenton
Die Sorg’ einer ganzen Situation
Zu Hilfe noch käm’; nun könnt Ihr Euch freu’n!
Führwahr, Eu’r Verdienst ist kein geringes,
Ihr seid der Retter des Kunstgesinges
Und verbindet Euch die Kirch’ und den Thron!
Die Messe muss
nun auch fertig sein;
Wie steht es mit der Komposition?
Es ist schon alles herum verbreitet
Und Eurer Beschützung der Mehrstimmigkeit
Ein einstimmiges „placet“ verbereitet.

BORROMEO
Da seht Ihr mich nun in Verlegenheit.
Mit der Messe ist’s noch nicht so weit.

NOVAGERIO
(erstaunt)
Stand alles doch fest schon, wie das Amen –
Der Mann war gefunden –

(suchend)

Ihr nanntet den Namen –

BORROMEO
’s ist Palestrina – er leitet den Chor
Zu Rom in Santa Maria Maggior’;
Kaum mag ich es sagen,
nie hätt’ ich’s vermeint –
Meinen Plan, meinen Wunsch –
er hat ihn verneint.
Ich selbst kam zu ihm – ich tat ihm die Ehr’
Und stellte des hohen Auftrags Begehr.
Doch hat ihn der herrliche Ruhm nicht gelockt,
Er blieb wie vom Teufel besessen – verstockt.
Selbst, dass es der Heilige Vater begehrt,
Erschien ihm nicht der Fleissigung wert.
Und meinem Vertrauen beschert er zum Lohn
Nur schweigenden Trotz – nur bösen Hohn!

NOVAGERIO
(empört)
Der Musikus – was, der Chorist?
Da seht, wie alle Kunst vom Teufel ist!
So zwingt ihn doch!

BORROMEO
(leidenschaftlich)
Meint Ihr, ich lasse spassen
Mit mir? Ich hab ihn greifen lassen!
Und täglich nun erwart’ ich den Bericht,
Ob das Gefängnis seinen Trotz wohl bricht.

NOVAGERIO
So recht! Doch nun voran, denn seht:
Der heilge Pius, der Euch so gewogen,
Er würde rasen, wenn Ihr ihn betrogen.
Und gar die Kaiserliche Majestät!
Das Werk muss da sein zur gewünschten Frist!

BORROMEO
Ich zweifle sehr, dass er zu zwingen ist.

NOVAGERIO
So müsst Ihr einen andern Mann ernennen,
Und er als Schöpfer sich des Werks bekennen.
Er muss – er muss! Ei, Widersetzlichkeit!
Die ganze Sache ist jetzt schon soweit,
Das kleine Menschenwerklein muss entstehn!
Vom heiligen Konzil wird es bestellt,
Es wünschen es die Grossen dieser Welt, –
Wenn solche Mächte wollen, muss es gehn!

BORROMEO
Ihr kennt ihn nicht! Es ist mir nicht gelungen,
Ihn eines Schrittes Breite zu bewegen.

NOVAGERIO
Mein Freund – wir haben andere gezwungen!
Bei Christi Marterholz! Ich steh dafür Euch gut.
Für solche Leute ist ein wahrer Segen
Des alten vierten Paulus Institut!

BORROMEO
Das Äusserste – wie schrecklich anzuwenden!

NOVAGERIO
(kalt)
Ihr habt das Werk begonnen – müsst es enden!

BORROMEO
(nicht ohne Schmerz)
Er war ein Meister – wie beklag ich ihn!

NOVAGERIO
Ei Freund, das Unverdauliche –

(spuckt graziös eine Traubenschale hinter sich ins Gärtchen)

Wird ausgespien.

(Inzwischen haben sich geistliche und weltliche Teilnehmer aller Nationen und jeden Ranges versammelt und füllen die Bühne. Sie stehen in Gruppen, meist nach Nationen geordnet. Im Vordergrunde, sehr sichtbar, stehen jetzt Madruscht und der Kardinal von Lothringen im Gespräch. Leise zu Borromeo)

Doch seht, der Lothringer, der Kardinal,
Der uns so oft durch Widerspruch gepeinigt;
Steht mit dem deutschen Bären hold vereinigt;
Das darf nicht sein – kommt, gehn wir in den Saal!

(Sie begeben sich hinauf und halten sich in der Nähe von Madruscht und dem Lothringer. Tischchen und Stühle usw. werden von Dienern wieder fortgetragen.)

Vierte Szene

(Von hier an füllt sich die Bühne immer mehr)

DER LOTHRINGER
(zu Madruscht)
Zahlreicht wird heut’ die heilige Versammlung.

MADRUSCHT
Mehr eilig als wie heilig, dünkt mich fast.

DER LOTHRINGER
Da habt Ihr allzu recht!

MADRUSCHT
Ich sag’, ’s ist eine unanständige Hast!
Wer da noch glaubt, dass sie es ernstlich meinen!

DER LOTHRINGER
Mit dem, was unsern Ländern not tut – nicht.

MADRUSCHT
Bei Gott – wir sollten uns doch mehr vereinen!
Und grad’ heraus: ich muss es sehr beklagen,
Dass Ihr, der Stärkste sonst im Widerstand,
Euch doch nun habt mit diesen
Päpstlern vertragen.

DER LOTHRINGER
Das könnte man mit mehr Recht und Fug
Von Eurem Kaiser Ferdinand sagen.
Hört nur, wie er sich mit Morone vertrug!

(Novagerio kommt bei dem Namen „Morone“ rasch und wie unwillkürlich dazu. Borromeo ebenfalls.)

NOVAGERIO
Morone ist endlich hier eingetroffen?

DER LOTHRINGER
Vor kurzem stieg müde er ab vom Pferd.

BORROMEO
(entschuldigend zum Lothringer)
Verzeiht, dass wir so ohne Zeremonie –

NOVAGERIO
(ebenso)
Wir hörten den Namen;
so können wir hoffen, dass die Sitzung beginne?
’s ist nicht mehr früh.

DER LOTHRINGER
(fein)
So lasst uns – das Stück zu Ende spielen.

MADRUSCHT
(grob)
Oder, um es anders zu sagen:
Da eine christliche Einigung nicht zu erzielen,
Lasst uns, da wir denn doch nun müssen,
Getrost das Ding zu Grabe tragen!

NOVAGERIO
(lächelnd)
Wie bitter Ihr sprecht!

(wendet sich zum Gehen)

Will Morone begrüssen.

(Geht oben ab. Borromeo fordert den Lothringer auf, ebenfalls zur Begrüssung Morones mit ihm zu gehen. Beide ab. Bald nach Novagerio und Borromeo war auch Anton Brus v. Müglitz, Erzbischof von Prag, zu der Gruppe getreten. Jetzt, nachdem die drei fort sind, tritt er näher zu Madruscht. Dieser ergreift unwillkürlich seine Hand)

BRUS
(schüttelt traurig den Kopf)
Wie verwickelt und kalt hier alles geschieht.

MADRUSCHT
(ergrimmt)
Sie woll’n die Reformen nicht!

BRUS
Und des Kaisers Wille – wird er schon müd’?

MADRUSCHT
(Er zuckt mit den Schultern)
Des Kaisers Wille –
ist jetzt unsre Pflicht.

(Sie folgen den Legaten und Borromeo. Die Bühne hat sich jetzt stark angefüllt, die Väter sind fast vollzählig versammelt. Rechts vorn hat sich eine kleine Gruppe spanischer Geistlicher aufgestellt; sie stecken die Köpfe zusammen und deuten auf die Italiener, die in grosser Anzahl nun die linke Seite der Bühne, bis zum Vordergrund, erfüllen)

DIE SPANIER
Die Italiener dort seht!
Wie Ameisen wimmeln sie daher.
Die Franzosen gewannen sie schon.
Der Lothringer hielt sich nicht länger mehr.
Vom Papst kommt ihm der ersehnte Lohn.
Was stünde fest,
wenn nicht Spaniens Ehr’!
Ja, Spaniens Ehr’,
den Päpstlern zum Hohn!
Die Italiener dort seht!
Man merkt an der Majorität,
Dass die Abstimmung nicht nach der Nation,
Sondern nur nach der Anzahl der Köpfe geht.
Die Köpfe, die Köpfe, die Köpfe seht!
Geölte, geschminkte, geschorene Köpfe,
Päpstliche Larven! Pius Geschöpfe!

(Graf Luna tritt dazu; ihn begleitet der immer sehr ernst bleibende Bischof Avosmediano von Cadix.)

GRAF LUNA
Saht Ihr die Boten aus Rom
Mit dem Felleisen auf dem Rücken gereist?

(mit Hohn)

Sie bringen den Heiligen Geist,
Der gibt ihnen dann die Beschlüsse ein.

DIE SPANIER
(lachend)
Ha ha, ha ha,
Auf dem Eselein
Kommt der Heilige Geist
Aus Rom im kleinen Tornister gereist!

(Zu einer Gruppe Italiener links vorn gesellt sich soeben ein neuangekommener Trupp italienischer Geistlicher; unter ihnen und vorne dran der Bischof von Budoja, ein lustig aussehender Prälat mit pfiffigem Gesicht)

BISCHOF VON BUDOJA
(lebhaft und vergnügt zu der ersten Gruppe)
Geliebte Brüder, seid gegrüsst im Herrn!
Landsleute!

EININGE AUS DER GRUPPE
Lob sei Jesus Christ!

BISCHOF VON BUDOJA
(zu einem etwas verhungert und dumm aussehenden Bischof)
Seid Ihr von Sanfelice nicht? Euch kenn ich doch!

EIN BISCHOF
Theophilus von Imola –

BISCHOF VON BUDOJA
Da war ich nie.
Man kommt ja nie aus seiner Diözes.
Ich bin der Bischof von Budoja.

EIN ANDERER BISCHOF
Dandini von Grosseto ich.

EINER AUS DER ERSTEN GRUPPE
Bischof von Feltre.

EIN ANDERER
Ich von Fiesoli.

BUDOJA
So ein Konzilium lob ich mir;
Man sieht doch etwas von der Welt
Und hat noch freie Reise;

THEOPHILUS
Man muss die Feste feiern, wie sie fallen.

BUDOJA
Ich muss gestehn, ich hätte nichts dagegen,
Wenn’s etwas länger dauerte!
Doch leider wird ja Schluss gemacht.

GROSSETO
’s ist unsre heil’ge Pflicht,
Für den Beschluss zu stimmen.

THEOPHILUS
Dafür sind wir ja hier.

BUDOJA
Zu schade ist’s, ich bliebe länger!
Man ist kaum angelangt
Und muss schon wieder fort.

EIN JUNGER DOKTOR
Wenn nur mein Geld noch reichte,
So blieb ich gerne auch.

BUDOJA
Das ist das Wenigste, mein Freund,
Bei längrem Aufenthalt
Muss man uns doch entschädigen.

BISCHOF VON FELTRE
Doch ist uns nichts versprochen –

EIN JUNGER DOKTOR
Hab von Diäten nichts gehört –

BISCHOF VON FIESOLE
Nichts von Verlängerung –

BUDOJA
Ei was,
Rom muss schon dafür sorgen.
Verlangen wird man nicht,
Dass wir Dukaten machen.
Das mach ich schon, das mach ich schon!

(Hier treten langsam wieder aus dem Palaste auf: Madruscht und Brus; sie verweilen einen Moment und nehmen dann ihre Plätze ein; einige Zeit hierauf der Lothringer allein, immt auch seinen Platz ein)

BISCHOF VON FIESOLE
Wer ist denn das neben
dem Fürstbischof, sag!

BISCHOF VON FELTRE
’s ist der Drakowitz.

GROSSETO
Nein, ’s ist der Erzbischof von Prag.

EIN JUNGER DOKTOR
Prag – liegt das in Deutschland? –

GROSSETO
In Böhmen liegt’s eh’r.
Da kommen die meisten Häretiker her.

THEOPHILUS
(ängstlich)
Die Ketzer? o Jesus!
Da kommen am End’
Die Ketzer hierher? hierher nach Trident?

BUDOJA
(fasst den Theophilus unter den Arm)
Fern hielt Gottes Güte, mein teurer Theophil,
Die lutherischen Schweine vom italienischen Konzil;
Im Übermass doch wir gesegnet
noch sind Mit französischer Krätze
und dem spanischen Grind.

(Die Bischöfe lachen und wenden sich; gleichzeitig erscheint aus dem Palast Novagerio mit Morone.)

MORONE
Die Instriktionen schickten wir beizeiten;
Mein Amt gelang mit Gottes Hilfe gut.

NOVAGERIO
Nur unterschätzt mir nicht die Schwierigkeiten!

MORONE
(drückt Novagerio die Hand)
Ich habe Hoffnung und den besten Mut.

(Gleichzeitig mit Morone und Novagerio ist unten im Saal mit einem kleinen Gefolge der Patriarch von Assyrien, Abdisu, erschienen. Er ist sehr alt, mit schneeweissen Haaren und Bart, eine fremdartige Erscheinung. Er wird gleich umringt, auch die Italiener gesellen sich zu ihm.)

ABDISU
Von weither wandert ich, durch Mühsal
und Beschwerde,
Doch meine Füsse trugen froh mich her.
Dass ich den Tag des Herrn erleben darf,
Dass meine alten Augen dieses Werk
noch schau’n:
Die Neugeburt der ganzen Christenheit –
Des freuet sich und jubiliert mein Herz.
Und gerne scheid’ ich nun
von dieser schönen Erde.

(Alle wollen ihn geleiten; der Bischof von Budoja drängt sich zu ihm und führt ihn.)

BISCHOF VON BUDOJA
Stützt Euch auf mich, lasst mir die Ehre, Herr.

(Die meisten haben schon ihre Plätze eingenommen. Jetzt tritt der Zeremonienmeister in die Mitte und hebt den Stab.)

SEVEROLUS
Ich, Ercole Severolus
Zeremonienmeister der Synode,
Ersuche kraft des mir verliehenen Amtes
Die Väter dieser christlichen Versammlung:
Die hochehrwürd’gen Erzbischöfe und Prälaten,
Die hochansehnlichen Botschafter und Gesandten,
Die hochgelehrten Theologen und Doctores,
Nach Ordnung und Gebühr die Plätze einzunehmen,
Weil die Kongregation beginnen soll.

(Alle nehmen während des folgenden Musikstückes die Plätze ein.)

Und nun erhebt sich zur Begrüssung
Des Papstes erster Kardinallegat.

(Morone erhebt sich.)

Fünfte Szene

MORONE
(faltet die Hände, mit ihm die Versammlung)
Den Heil’gen Geist, der die Konzilien leitet,
Der auch die heutige Versammlung lenkt,
Wir bitten ihn, dass er auf uns sich senkt
Und unserm Werk ein gutes End’ bereitet.

(Löst die Hände)

Dess’ Diener die Legaten sind, der hohe Papst
Er sprach zu uns:
„Engel des Friedens seid!“
Dies Wort im Herzen tragend, bitt’ ich Gott,
Dass mir das Friedenswerk bei Euch gelinge,
So wie ich treulich mich bemühte,
ein Amt bei jenem zu erfüllen,
Auf dessen Haupt wir Gottes Segen flehen:
Bei Deutschlands grossem Kaiser Ferdinand.
Ehrwürd’ge Väter! Liebe Brüder!
Bei aller Demut, die den Christen ziert,
Seid heute eingedenk:
Wir sind die Blüte alles Menschentums.
Wir sind berufen, ihm zum Heile
Den Turm zu bau’n, der allen Zeiten trotzt.
Wir, vor dem Herrn zwar klein,
Doch vor den Menschen aller Völker gross.
Verschliesst dem Heil’gen Geist nicht Eure Herzen,
Er kommt zu uns!

(Mit echter Begeisterung)

Ja, ja – er kommt zu uns!
Er gibt uns Weisheit, Frieden, Einigkeit,
Erkenntnis, Liebe, Wahrheit.
All’ dieses – alles ist bei uns!

(grenz eine Mahnwache von Soldaten bewachen die Szene eine Gruppe von Häretikern unter den Qualen der Inquisition)

Seht hin auf jene Armen, Irrgeführten,
Auf jene Ketzer –

BISCHOF VON BUDOJA
(ruft laut sich hin:)
Gott erkeuchte sie!

(Strafende Blicke treffen ihn, nach kurzer Störung fährt Morone fort.)

MORONE
Spaltung und böse Unruh ist ihr Teil:
Die Frucht des Irrwahns
und des Hochmuts Strafe,
Der eig’nem sündigem Ermessen traut.
Seht hin!
sie werden selber sich zerfleischen
Und ruhmlos und verflucht vernichtet sein!

RUFE, GEMURMEL
Fluch ihnen! Fluch den Ketzern!
Den teufelischen Ketzern Fluch!

(Die Soldaten durchgeführt Ketzer)

MORONE
Das grosse Werk glorreich zur Ehre Gottes
Hinauszuführen steht uns heute an.
Denn schon zu lange und zum Ärgernis
Der ganzen Christenheit ward es verzögert.
Drum, liebe Väter seid auf Eurer Hut,
Auf dass der Windhauch schwellender Gelehrsamkeit
Des Redeschiffleins allzuleichte Segel
Der Demut stillem Hafen nicht entführe!

BISCHOF VON BUDOJA
Ein schönes Bild!
Habt Ihr’s verstanden, Theophil?

SEVEROLUS
(hebt gegen ihn den Stab)
Kein lauter Zwischenruf! ich muss ersuchen!

MORONE
Von Wunsch erfüllt, den Fürsten zu gewähren,
Was ihren Völkern frommt, und friedbereit,
Tat jetzt der Herr von allen jenen Heeren,
Die auf dem Erdenrund das Kreuz verehren,
Den letzten Schritt zu vollster Einigkeit.
Und jeder gute Fürst er will ja auch
Dem grossen Kind, dem Volke, seinen Glauben
Solchergestalt zu üben gern erlauben,
Wie es durch dessen Sonderheit und Art,
Durch Angewöhnung, Sitte und Gebrauch
Zum Wunsche ihm und zum Bedürfnis ward. –
Zur Sendung an den Kaiser jüngst beehrt
Und wieder angelangt nach langem Ritt,
Des Friedens Ölblatt hin und her zu tragen,
Kann ich die frohste Kunde nun Euch sagen:
Soweit es nicht der Ehr zu nahe tritt
Von Petri Stuhl, und dient zu Gottes Kränkung,
Ist alles Wesentliche ihm gewährt.

GRAF LUNA
(zu den Spaniern)
Beachtet wohl, Ihr Herren, die Beschränkung!

MORONE
(fährt nun in leichterem Tone fort)
Ihr wisst, von des Kaisers Propositionen,
Den zweiundvierzig, ist schon das meiste
Besprochen, geprüft und erledigt.
Ist’s Euch gefällig, Väter, über das,
Was jetzt noch übrig, kurz mit ja und nein
Schlüssig zu werden, und die nähere
Ausfertigung der Weisheit dann des Papstes
Zu überlassen? Ist’s Euch gefällig?

DIE VÄTER
Placet, placet!

AVOSMEDIANO
(Er steht auf)
Non placet!

SEVEROLUS
Avosmediano, Bischof von Cadix!

AVOSMEDIANO
Dazu ist die Synode einberufen,
Dass sie mit Fleiss die Fragen alle prüfe
Bis die Materie bezwungen ist.

DER LOTHRINGER
(sitzend)
Doch gibt es klare – minder klare Punkte,
Die sich wohl scheiden lassen; lasst uns doch
Nach jedem einzeln’ Punkt die Frage wiederholen.

MORONE
Ist’s Euch gefällig, Väter?

ALLE VÄTER
Placet!

MORONE
Die Messgebräuche dann zuerst!
So kommen wir mit jenem dreissigsten Artikel
Zum Lieblingswunsch des grossen Ferdinand,
Der jeder frommen Kunst Beschützer ist.
Er will darin vor völliger Verbannung
Die Figuralmusik gerettet sehn;
Weil doch, schrieb er,
„aus grosser Meister Zeit das wohlerfund’ne Alte
„so oft den Geist der Frömmigkeit
„erwecke und erhalte“.
Mit Papstes Einverständnis: ist es Euch
Gefällig der Erhaltung zuzustimmen?

DIE ITALIENER UND VIELE ANDRE
Placet, placet, placet!

ANDRE
Non placet!

SEVEROLUS
Wer meldet sich zum Wort?

(Avosmediano steht auf)

SEVEROLUS
(mit leiser Beimischung von Hohn)
Avosmediano, Bischof von Cadix!

AVOSMEDIANO
Ein “Aber” war dabei, ein “Wenn” vom Papste,
was ist’s mit dem?

NOVAGERIO
(liebenswürdig)
Ein Probestück soll erst Geliefert werden.

(Spricht leise einige Worte mit Borromeo)

BRUS
Eine Messe war’s.

MADRUSCHT
Ja, eine Messe war’s.

DER LOTHRINGER
Die Probemesse.

BISCHOF VON BUDOJA
(zum Bischof von Imola)
Theophilus! Der Patriarch schläft ein!

(Der Kopf des Patriarchen von Assyrien senkt sich hier langsam auf die Brust. Er schläft allmählich ein)

AVOSMEDIANO
Ich frage: wird des Papstes Wunsch beachtet?

SEVEROLUS
Es spricht der hochehrwürd’ge Kardinal von Borromeo!

BORROMEO
(ruhig und kalt)
Die Messe wird geschrieben.

NOVAGERIO
Das Werk, Ihr hört es, wird bereits verfasst,
Von Palestrina, dem berühmten Mann.

DIE VÄTER
Wer schreibt sie – wohl in Rom –
Von wem – wie heisst er –
Der Name ist bekannt –
Ein frommer Meister.

NOVAGERIO
Geprüft sodann im päpstlichen Palast.
Beliebt Ihr zuzustimmen – zeigt es an!

DIE VÄTER
“Placet”! “Placet”! “Placet”!

MORONE
Die nächsten zu beredenden Artikel
Sind kurz zu endigen; es sind:
Gebrauch der Landessprache bei der Messe
Und das Brevier –

SEVEROLUS
(zu Brus wurde aufgehoben)
Erzbischof Brus von Prag!

BRUS
(hatte sich erhoben)
Darf ich die Frage stellen
Warum nicht nach der Reih
Und alles einzelne für sich verhandelt wird?
Auch wär es zu empfehlen,
Bei wenig Zeit und vieler Eil’,
Dass man das Wichtigste zuerst erledigte.
Am meisten liegt dem Kaiser doch am Herzen
Das Abendmahl in beiderlei Gestalt.

EIN SPANISCHER BISCHOF
Dem Kaiser nicht. Den Böhmen um so mehr!

SEVEROLUS
(hebt gegen ihn den Stab)
Kein Zwischenruf!

MORONE
Ihr hörtet ja, nur, wenn die Väter nicht einig,
Was wohl nicht sein wird, was ich nicht hoffe,
Dann wird zur Prüfung geschritten; doch sonst
Alles der Weisheit des Papsts überlassen.

NOVAGERIO
Die Durcharbeitung der ganzen Materie
Die Prüfung und Sichtung und Durchberatung
Ein ganzes Jahr erforderte sie
Und die Verhandlungen schlössen nie.

BRUS
Nun, um so mehr, das Wichtigste zuerst.

(Count Luna aufgeht)

SEVEROLUS
Des Königs von Spanien Orator
Der Graf von Luna spricht!

LUNA
Soll denn, so frag’ ich, das Konzil
Zu End’ gehetzt wohl werden?
Ich dringe auf die gründlichste
Ausführlichste Besprechung!

DER LOTHRINGER
Ihr hörtet doch, Herr Graf,
Die fromme Rede des Legaten.

LUNA
(herausfordernd)
Herr Kardinal – dem Einfluss nach
Seid Ihr schon längst Legat.
Doch seid Ihr’s faktisch nicht
und somit nicht gefragt!

DIE SPANIER
(unter sich)
Er wird es noch, und bald,
Der Papst hat’s ihm versprochen!

DER LOTHRINGER
(wütend)
Doch frag’ ich Euch jetzt, Graf!
Wie kommt Ihr in den Stuhl,
Der ausser aller Ordnung steht?

(Luna reckt sich lachend im Stuhl)

NOVAGERIO
(zum Lothringer)
Dies Mittel wählten wir, damit
Von beiden grossen Nationen
Nicht eine nachstehn soll.

DER LOTHRINGER
Da protestier’ ich morgen
In feierlicher Session!
Ich mache Anspruch absolut
Auf Vorrang, wie er mir gebührt!

LUNA
(sehr laut)
icht einen Finger breit
Weicht Spaniens grosser König
Dem minderjährigen von Euch!

DER LOTHRINGER
(wendet sich zornig an die Legaten)
Wenn morgen nicht zuerst
Nicht vor dem Spanier
Ich Räucherfass und Friedenskuss –

SEVEROLUS
(hebt den Stab)
Der Bischof von Budoja!

BISCHOF VON BUDOJA
(hat sich gemeldet; er stellt sich langsam zurecht und beginnt)
Weh! – Weh!
Frieden ist nicht mehr unter den Völkern
Und die Fürsten entzweit; Spricht der Prophet. –

(schattig)

Weh – weh!
All’ deine Feinde sperren ihr Maul auf,
Pfeifen dich an – blecken die Zähne –

SEVEROLUS
Wie lange gedenkt Ihr zu reden,
Herr Bischof? – Ich muss Euch ersuchen,
Was Ihr zu sagen habt, kurz zu sagen,
Denn länger als fünfzehn Minuten
Ist nach dem Beschluss des Legaten
Niemand zu reden erlaubt.

MORONE
(mit verhaltenem Ärger zu Budoja)
Ihr tätet besser, gar nicht zu reden,
Als Interjektionen zu bringen,
Die ohne Sinn und nicht förderlich!

(Budoja setzt sich wieder hin, aber nicht etwa beschämt.)

Beliebt’s Euch, Väter, nun die Messe
Und das Brevier zusammen zu erledigen?

DIE ITALIENER
Placet, placet!

ALLE ANDEREN
Non placet, non placet!

AVOSMEDIANO
(erhebt sich; ruhig, aber scharf)
Wenn das Konzil die Freiheit nicht gewährt,
Mit Ernst und Liebe alle Punkte zu bereden,
Und die Reformartikel nur berührt
Und nicht erwogen werden,
So trag’ ich neuerlich Verläng’rung an
Und protestiere feierlich wider den Schluss!

DIE ITALIENER
(wild)
’s ist ein Schismatiker!
Werft ihn hinaus! Verbrennt ihn!

MORONE
(zu Avosmediano)
Den, welcher heute nicht von ganzer Seele
Den schleun’gen Ausgang
der Verhandlung wünscht,
Den nenn’ ich keinen frommen Christen!

(Novagerio macht Morone ein Zeichen)

DER LOTHRINGER
(laut)
Das ist die Freiheit der Synode!

(Luna steht zur Entgegnung auf. Unterdessen hat der Bischof von Budoja auf den Patriarchen, der von dem Lärm erwacht ist, eingesprochen; er veranlasst ihn, sich zu erheben. Der Zeremonienmeister hebt den Stab und ruft laut, gerade, als Luna anfangen will.)

SEVEROLUS
Der hochehrwürdigste und fromme Herr,
Assyriens Patriarch will reden!

(pause)

ABDISU
(mit leiser, friedlicher Stimme)
Der Wunsch des frommen Papstes
Soll doch beachtet werden;
Aufzeichnen soll die feierliche Melodie
In Rom der grosse Sänger

(er stockt; Budoja flüstet ihm zu)

Trinas-pa-les –

(Er setzt sich und schläft langsam wieder ein; unterdrücktes Lachen; zur Ruhe weisende Rufe; Budoja will bersten vor lautlosem Lachen; er hält sich den Bauch)

MORONE
(leise aber grimmig zu Novagerio)
Das war ein Streich von dem Budojer Narren;
Ich werd’ es merken!

LUNA
(erhebt sich wieder)
Die frommen Christen aller Welt,
Sie wünschen eher die Verlängerung!

DER LOTHRINGER
(heftig)
Nur Spanien wünscht es! Nicht die ganze Welt!

LUNA
(schreit)
Wenn Spanien es will, so will’s die Welt!

(Allgemeines Gelächter und Rufe)

ALLE AUSSER DEN SPANIERN
Haha, so,
Spanien ist die Welt?
Ein guter Geograph!

BISCHOF VON BUDOJA
(ruft dem Grafen laut zu)
Lest doch den Ptolemäus!

DIE ITALIENER
(lachend)
Ja, lest den Ptolemäus!

LUNA
(rasend)
Ich werde stimmen, noch zur Schlussberatung
Die Protestanten einzuladen.

(Eine wilde Empörung des ganzen Saales antwortet. Nur Novagerio, Morone, Madruscht, Brus und die Spanier nehmen nicht daran teil. Letztere stehen erregt auf. Der Patriarch Abdisu erwacht wieder von dem Lärm. Morone hat sich mit Novagerio beraten. Er erhebt sich und hält die Hände auf, um sich Gehör zu verschaffen, da das Stabaufhalten des Zeremonienmeisters nichts mehr nützt. Zugleich schlägt es laut zwölf)

MORONE
(nachdem etwas Stille eingetreten ist)
In der Verfassung des Gemüts
Kann nicht mit Segen fortgefahren werden.
Auch schlug es Mittag; mit Bekümmernis
Und Scham heb’ ich die Sitzung auf.
Doch hört, was ich nun ernstlich sag’,
Was der Legat Euch jetzt muss künden:
Die zweite Stunde nach Mittag
Muss uns hier neu versammelt finden;
Und währte es bis tief zur Nacht:
Heut wird das Werk zu End gebracht!
Euch, liebe Väter, mahn’ ich nun,
Insonderheit den edlen Grafen,
Das Kleid der Sanftmut anzutun;
Die Bitterkeiten lasset schlafen.
Der Einigkeit gilt mein Gebet.
Geliebte Väter! In Frieden geht!

(In grosser Aufregung, disputierend, drohend, gestikulierend, geht alles dem Ausgang zu. Zuerst, und in Geschlossenem Trupp, die Spanier. Einige italienische Geistliche, unter ihnen Budoja, verweilen noch am längsten im Hintergrunde)

Sechste Szene

(Morone und Novagerio sind im Vordergrunde zusammengetreten. Der Lothringer, Madruscht und Brus bilden für sich, etwas zurück, eine Gruppe)

MORONE
(verzweifelt zu Novagerio)
Was nun! Was nun! Glaubt Ihr noch dran,
Dass wir zu Ende kommen?

NOVAGERIO
(kaltblütig)
Ohne Spanien,Wenn’s denn sein muss;
wir müssen und wir werden.

(Der Bischof von Budoja hat sich jetzt an Morone herangepircht; die übrigen seines Trupps haben zerstreut.)

BISCHOF VON BUDOJA
(zu Morone)
Ehrwürden, sagt, ist’s wirklich ganz gewiss,
Dass morgen Schluss ist?
Ganz unwiderruflich?

MORONE
(beachtet ihn nicht; er wendet sich zum Lothringer, der nun allein geblieben ist, da Madruscht und Brus ins Innere des Palastes verschwinden.)
Was musstet Ihr den Spanier auch reizen!

DER LOTHRINGER
(Vehement)
Ihr reizet ihn noch mehr!
Ihn und uns alle!
Avosmediano war im Recht! Und wäre,
Was ihm geschah, einem Franzosen widerfahren,
Beim ew’gen Gott! Ich reiste ab
Und appellierte an ein freieres Konzil!

BISCHOF VON BUDOJA
Wenn doch nun morgen nicht geschlossen wird
Und wir nun bleiben müssen –

(Morone dreht ihm den Rücken)

NOVAGERIO
(zum Lothringer)
Lasst dem Gecken.
Dem Spanier, doch den Vortritt! Dieses will er,
Und dann ist alles gut

DER LOTHRINGER
(zu Novagerio)
Glaubt das nur nicht!
Ich weiche keinen Zoll
Vor diesem Spanier!

BUDOJA
(zu Morone)
Bei länger’m Aufenthalt
Wird man doch Anspruch haben auf Diäten –

MORONE
(zum Lothringer)
Nun, so wird die ganze
Zeremonie wohl unterbleiben müssen.

DER LOTHRINGER
Tragt die Folgen dann!

BUDOJA
Man hat wohl Anspruch –

(er tippt den Morone an. Dieser heftet einen wütend fragenden Blick auf ihn. Vorsichtig, langsam)
Ich meine auf Diäten – Wegzehrung –

MORONE
(schreit)
Auszehrung an den Hals Euch, Herr!
Euch kommt schon was von Rom,
doch nicht Diäten,
Des’ seid versichert! Gott befohlen, Herr!

(Bischof von Budoja dreht sich stillschweigend herum und macht sich davon.)

NOVAGERIO
(lacht)
Ein Freihart ist’s, ein richtiger Hanswurst.

(gemütlich zu beiden)

So haltet Frieden doch,

(zum Lothringer)

Denkt an den Papst,

(er fasst beider Hände und bringt sie wie scherzend zusammen)

Und jetzt kommt mit mir in mein Haus; auf ein
Bescheid’nes Mahl. Ist’s Euch gefällig, Väter?

(Er zieht sie, beide schon halb bezwungen und versöhnt, mit sich fort.)

Siebente Szene

(Italienische, deutsche und spanische Diener)

DIE SPANISCHEN DIENER
(zischeln zueinander)
Habt ihr’s gesehn? Habt ihr’s gehört?

(indem sie auf die italienischen Diener zeigen)

Der edle Graf und der fromme Herr
Beleidigt von dem Teufelsvolk!
Die Hunde da –

(lauter)

Ihr Hunde da!

ITALIENISCHEN UND DEUTSCHEN DIENER
(zueinander)
Was will denn das Gesindel dort –

(zu den Spaniern)

Hinaus! Habt nichts zu schaffen hier!

DIE SPANIER
Sie eilen sich – die Kreaturen –
Zum End, zum End! – ha ha ha ha.
– Teufelsparole!

DIE ITALIENER
(zueinander)
Lasst euch nicht ein – der Warnung denkt.

(zu den Spaniern)

Fort auf die Strasse! Wir rufen den Herrn!

(Allerlei Lumpenpack hat sich von der Strasse her angesammelt und dringt jetzt mit den Spaniern zusammen tiefer in den Saal.)

DIE SPANIER
Die Feiglinge – haha, haha –
Ihr Schufte, ihr! Italienische Hunde!

EIN ITALIENISCHER DIENER
Ich schlag’ ihn tot!

DIE SPANIER
Dreckige Schufte!

DIE ITALIENER
Spanische Schelme!

DIE SPANIER
Teufelszagel!

DIE ITALIENER
Krätz’ges Getier!

DIE SPANIER
Mein Eingeweide!

DIE ITALIENER
Stinkender Höllendreck!

DIE SPANIER
Bohrt ihnen doch die hündische
Parole mit Eisen in den Bauch!

(Die Spanier stürzen sich mit dem stets wiederholten Ruf: „Zum End, zum End“ mit Dolchen auf die Gleichfalls Dolche ziehenden Italiener und Deutschen. Erbitterte Stecherei, an der das Volk ebenfalls mit Johlen und Schreien teilnimmt. Nach kurzer Zeit erscheint, von einem Trupp Stadtsoldaten begleitet, am Eingang hinten Madruscht.)

MADRUSCHT
(mit Donnerstimme)
Gebt Feuer! Schiesst und schlagt!

(Eine mehrfache Salve ertönt; die meisten sind getroffen.)

Und was noch zappelt, auf die Folter!

(Die Soldaten stürzen sich auf die am Boden liegenden stöhnenden, zum Teil fliehen wollenden Gestalten.)

Zur schärfsten Folter mit den Hunden,
Die so die christliche Versammlung höhnen!
Ist das der Sinn des heiligen Konzils?



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