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ERSTES BILD


(Bei Paul. Ein kleines Gemach von geringer Tiefe mit alten schweren Möbeln. Der düstere Eindruck langer Unbenütztheit und Unbewohntheit liegt darüber. Die rückwärtige Wand bildet zwei vorspringende Ecken; den Raum zwischen diesen Ecken nehmen drei bis vier zur allgemeinen Auftrittstüre führende Stufen ein, deren oberste so breit ist, daß sie eine Art Podium darstellt. Links (vom Zuschauer) ein in die Wand eingebauter Schrank mit Spiegel. Gestelle mit alten Nippes und Photographien in Rahmen. Auf einem Tischchen eine Glastruhe mit abhebbarem Deckel, in der Art der Glasstürze alter Uhren, darin eine Haarflechte. Links die Türe, die in Mariens Zimme führend zu denken ist. Die linke vorspringende Wand nimmt ein blumenbekränztes, lebensgroßes auf den Boden reichendes Portrait Mariens mit Shawl und Laute ein; davor ein Vorhang (in einer Messingstange, die nur an einem Ende befestigt ist, so daß sie mit dem Vorhang leicht nach vorne zu drehen ist und das Bild sichtbar wird. Blumen auch an Türe und den übrigen Photographierahmen. Breites Fenster rechts nach der Straße mit alten Spitzengardinen. In dessen Nähe ein Fauteuil. In der Ecke (im Vordergrund) Tisch mit Sofagarnitur. Eine Laute an der Wand - Sonniger Spätherbstnachmittag)

Erste Szene

BRIGITTA
(schliesst von außen auf und läßt Frank eintreten)
Behutsam! Hier ist alles alt
Und gespenstig.

(Sie zieht die Gardine hoch. Die Sonne dringt in einem breiten Strahl ins Zimmer)

Bis gestern drang keiner
In diese Stube außer ihm und mir
Die Jahre durch, die er in Brügge lebt.

FRANK
Und gestern?

BRIGITTA
Sie sind sein Freund, Her Frank,
So seis gesagt.
Gestern schien er ganz gewandelt.
Er bebte vor Erregung,
schluchzt' und lachte.
"Türen auf!" so sagte er,
"Licht in meinen Tempel!
Die Toten stehen auf!

FRANK
Dies hab' ich nie von ihm gehört.
Sonderbar!

BRIGITTA
Seht, Rosen und Levkojen an den Rahmen

(zeigt auf die Türe links)

Und an der Türe zu ihrem Zimmer,
In dem sie starb.

(weist auf das verhängte Bild und dreht den Vorhang zur Seite)

Besonders aber dies Bild hat er schön
Geschmückt.

FRANK
Ist sie das? Marie?

BRIGITTA
Ja, das war sie. In dem hellen, weichen
Kleide
Das er so liebte.

FRANK
(betrachtet das Bildnis)
Schön!
Herrgott! Wie leuchtet dies Haar!

BRIGITTA
(zeigt auf die Kristalltruhe)
Da drunter liegt ein Strähn von diesem Haar.
Flüssige Dukaten, nicht wahr?

FRANK
Er hat es aufbewahrt?
Seltsam.

BRIGITTA
Und hier

(mit einer Bewegung über den ganzen Raum hin)

Kein Fleck, der nicht von seiner Toten spräche.
Er nennt's: Kirche des Gewesenen.

(Sie hat Frank langsam umhergeführt, der sinnend all die Bilder, Andenken und Reliquien betrachtet.)

FRANK
So lebt er stets?

BRIGITTA
Bis gestern immer so.
Er sagte: "Brügge und ich, wir sind eins.
Wir beten Schönstes an:
Vergangenheit."

FRANK
Und du, Brigitt? Erträgst Du das?
Du, eine Frau?
Lockts dich ins Leben nicht hinaus?

BRIGITTA
Was das Leben ist, weiß ich nicht, Herr Frank,
Denn ich bin allein. Hier aber, hier ist Liebe,
Herr Frank, das weiß ich. Und wo Liebe,
Dort dient eine arme Frau zufrieden.

(es schellt draußen)

Da ist er!

Zweite Szene

(Paul tritt ein, nervös von einem Erlebnis erregt)

PAUL
Frank! Freund!

FRANK
(lächelnd)
Brigitta führte mich in die "Kirche des Gewesenen."

PAUL
(lebhaft)
Des Gewesenen? Nein!

(zu Brigitta)

Lauf schnell hinab zum Gärtner,
Hol' Rosen. Zwei Arme voll!
Es soll erglühn hier von roten Rosen.

(er hat Brigitta hinausgedrängt. Zu Frank)

Du sahst ihr Bild?

FRANK
Ja, sie war schön,
Und viel hast du verloren.

PAUL
(in das Bild versunken)
Marie, Marie, dein Atem, deine Augen!

(zu Frank)

Wie sagst du? Sie war schön?

FRANK
Gewiß.

PAUL
Sie war schön, sagst du?
Sie ist schön! Sie ist! Sie ist!

FRANK
(blickt ihn forschend an)
In deiner Phantasie?

PAUL
Nein, nein, sie lebt!
Bald ist sie hier, sie kehrt zurück.
O hör ein Märchen, ein Wunder!
Du Weißt, das ich in Brügge blieb,
um allein zu sein mit meiner Toten.
Die tote Frau, die tote Stadt,
flossen zu geheimnisvollem Gleichnis.
Und täglich schritt ich gleichen Weg,
mit ihrem Schatten Arm in Arm,
zum Minnewasser,
auf die Fläche starrend,
ihr teures Bild mit Tränen mir ersehnend,
den süßen, sanft in sich gekehrten Blick,
den Schimmer ihres goldnen Haars.
Und gestern wieder träumt ich am Gitter
von der Entschwundenen, von ihr, Marie.
Holt mir ihr Antlitz aus der Tiefe,
hold und rein,
so ganz war sie mir nah, wie einst
in den Tagen des Glücks - sehnend, liebend.
In meines Schauns Versunkenheit
schallen Schritte.
Ich horche…
ein Schatten gleitet übers Wasser
Ich blicke auf;
vor mir steht eine Frau im Sonnenlicht.
Frank! Frank! Eine Frau. Im Mittagsglast
erglänzt Mariens Gold Haar, den Lippen
entschwebt Mariens Lächeln.
Nicht Ähnlichkeit mehr - nein, ein Wunder,
Begnadigung!
Es schien sie selbst, sie mein Weib!
Ja, mein lebend, mein atmend Weib!
Ein Fieber faßte mich nach altem Glück.
"Gott", schrie ich, "wenn du mir gnädig bist,
gib sie mir zurück!"
Und heute Mittag sprach ich sie,
bebenden Herzens, zweifelswund und
der Wunder größtes:
Mariens Stimme klang aus ihrem Mund!

FRANK
Im öden Brügge eine Unbekannte?

PAUL
Ich weiß nicht, wer sie ist,
Lud sie zu mir in meine Einsamkeit.
Und sie Kommt, und in ihr kommt
Meine Tote, kommt Marie.

FRANK
(ernst)
Hör, Paul,
du wagst gefährlich Spiel.
Du bist ein Träumer,
Bist ein Geisterseher.
Ich seh die Dinge, seh die Frauen
So wie sie sind.
Willst du zum Herrn dich über Tod und Lebe
Schwingen? Ein lebend Sein zur Puppe
Des Verstorbenen zwingen?
Bescheide dich! Zu lang warst du allein,
Dein Blut murrt gegen diese Trauer.
Seis drum, umarm eine schöne Frau,
Doch Tote laß mir schlafen.

PAUL
(wie einer der nicht zugehört hat, ekstatisch)
Ich will den Traum der Wiederkehr vertiefen,
Will sie durch diese Türe schreiten,
Den Raum durchleuchten sehn,
In dem ihr holder Duft noch schwebt,
Der Rhythmus ihres süßen Wesens webt.
In ihr die kommt, kommt Marie, Kommt meine Tote.

FRANK
Du schwärmst für ein Phantom!
Zu rechter Zeit
Hat diese Reise mich zu dir geführt.
Mein Freund, dein tief Gefühl Hat dich verwirrt.
Dein tief Gefühl muß dich auch heilen.
Ich geh, doch bald kehr ich zurück.
Das Trugbild weicht,
Der Nebel wird sich teilen.

(schüttelt Paul mit freundschaftlicher Gebärde die Hand, ihm herzlich ins Auge blickend. Paul begleitet ihn zur Türe.)


Dritte Szene

PAUL
(zum Bilde zurückgehkehrt)
Nur deiner harr ich, niemals Verlorne!
Wer kann ihn denn verstehen,
Unsrer Seelen tief geheimnisvollen Bund?

(dreht den Vorhang wieder zurück. Sein Blick fällt auf die Haarreliquie; er hebt inbrünstig den Glasschrein hoch, der in voller Sonne funkelt.)

Du Überlebendes von ihrer Schönheit,
So wirst du wieder hold erstehn?
So werd ich wieder
Schimmernd auf weißer Stirn
Das Goldgelocke leuchten sehn?

Vierte Szene

(Brigitta tritt ein, auf beiden Armen Blumen)

PAUL
(stellt rasch den Schrein nieder)
Rosen, so ists recht!

(er nimmt ihr die Blumen ab, füllt die Vasen, läuft hin und her)

BRIGITTA
(zögernd)
Gnädger Herr, verschleiert, eine Dame.

PAUL
(fast schreiend)
Und du sagst es nicht?
Führ sie herein.

BRIGITTA
(wie protestierend)
Herr Paul, bedenken Sie, die Welt…

PAUL
Wenn du mich liebst, schweig und gehorche!

(Brigitta bestürzt ab. Inmitten des Zimmers stehend, die Augen schließend)

Marie!
Noch einmal saug ich deine Züge, In mich ein.
Ich sehe dich… ich fühle dich…
Jetzt, Gott, jetzt gib sie mir zurück!

Fünfte Szene

(Die Türe öffnet sich, Marietta Schläg den Schleier zurück und tritt in heiterer Unbefangenheit, lächelnd, mit dem Anstand und der Würde der sich ihrer Schönheit bewußten Frau und mit der Grazie der Tänzerin herein. Sie fällt in der Folge öfters aus damenhafter Haltung in das freie Gehaben der Kulissenwelt. Naiv-verderbtes, eitles, schlüchsiges, aber immer liebenswürdiges Wesen; wiederholt bricht ein leidenschaftliches erotisches Temperament hervor. Paul wendet sich um, öffnet die Augen)

PAUL
(von der Ähnlichkeit ergriffen, unwillkürlich)
Wunderbar!

(bleibt unbeweglich und starrt sie wie eine Erscheinung an)

MARIETTA
(leicht)
Ja, wunderbar, ich staune selbst,
Weiß selbst, kaum, was mich hergelockt.
Gar dringlich wußten Sie zu bitten,
Und jetzt kein Wort des Danks, kein Gruß?

(reicht ihm Hut und Schleier und wirft sich in ein Fauteuil, umherblickend)

Recht schön bei Ihnen,
Sie sind Wohl reich?

(ergreift einen Rosenstrauß und riecht daran)

Und Rosen!
Sie glühen rotem Feuer gleich!

(Paul hat Hut und Schirm, ohne das Auge abzuwenden, in Empfang genommen)

Noch immer steif und stumm?
Wie das nach Brügge paßt!
In dieses tote Nest mit seiner düstern Starre!
Auch hier ists dumpf wie in einer Gruft!
Uff, ich ersticke.

(aufspringend)

Doch mich kriegt ihr nicht unter!
Ich bin vergnügt, und liebe daß Vergnügen,
Lieb tolle Freuden, lieb die Sonne!

PAUL
(auf ihr Haar weisend)
Die Sonne lacht in diesem Haar…

MARIETTA
(Marietta hat sich mit geschmeidiger Beweglichkeit im Zimmer herumgedreht, ihr Blick fällt flüchtig auf die rings aufgestellten Bilder- und Photographierahmen.)
Und hier bescheint sie Bilder schöner Damen.

(mit dem Finger drohend)

Die Galerie der Fraun, die Sie geliebt?

PAUL
(wie für sich)
Der Stimme Silberglanz,
Der Schultern melodisch Neigen.

MARIETTA
Den Mantel fort.

(legt den Mantel ab)

Bin ich nicht schön?

(stellt sich vor ihn hin, kokett)

Schöner als die?

PAUL
All das war schön, Sie sinds!

(für sich)

Bei Gott, ihr Kleid,
Die gleiche Farbe, fast der gleichebSchnitt.

(von einem Gedanken erfaßt, wie in unwiderstehlicher Sehnsucht)

Zu diesem Kleide paßt ein alter Shawl,
Der hier verwahrt ist.
Darf ich ihn um die schönen Schultern hängen?

MARIETTA
(übermütig)
Sie wollen mich noch schöner? Gut!

(Paul hat aus dem Schrank, der offen bleibt, einen Shawl geholt und legt ihn ihr zart um.)

Wie weich die alte Seide!
Sie macht so wohlig schauern,
Zum Spiegel, rasch! Zum Spiegel!

(beschaut sich im Spiegel)

PAUL
(unwillkürlich, wenn Marietta, die einen Moment durch den Spiegel gedeckt war, wieder sichtbar wird)
Marie!

MARIETTA
Marie? Ich heiße Marietta.

(kleine Pause)

Was haben Sie?

PAUL
Nichts, nichts…
Verzeihn Sie… ich bitte, verzeihn
Sie…

(nimmt die Laute von der Wand. Mit zarter Bitte)

Und, nehmen Sie noch das.

MARIETTA
Die Alte Laute?
Sie sind wohl Maler, brauchen ein Modell?

(nimmt lächelnd und achselzuckend, wie um auch diesen Gefallen zu tun, die Laute; dann einer plötzlichen Laune folgend)

Nun, zu der alten Laute
Gehört ein altes Lied.

PAUL
(überrascht)
Wie, Sie singen?

MARIETTA
Erträglich, sagt man,
Wenns auch mein Fach nicht ist.
Und Trauriges am liebsten
Wohl weil ich sonst so übermütig bin.
Soll ich?

PAUL
Ja, bitte.

MARIETTA
Nun, hören Sie.

(singt)

Gluck, das mir verblieb,
Rück zu mir, mein treues Lieb.
Abend sinkt im Haag
Bist mir Licht und Tag.
Bange pochet Herz an Herz.
Hoffnung schwingt sich himmelwärts.

PAUL
(wie verloren)
Wie wahr, ein traurig Lied.

MARIETTA
Das Lied vom treuen Lieb,
Das sterben muß.

(wird aufmerksam)

Was haben Sie?

PAUL
Ich kenne das Lied.
Ich hört es oft in jungen,
In Schöneren Tagen…
Es hat noch eine Strophe,
Weiß ich sie noch?

(er setzt mechanisch fort. Sie spielt die Laute und fällt ein. Die Strahlen der untergehenden Sonne überfluten beide.)

Naht auch Sorge trüb,
Rück zu mir, mein treues Lieb.
Neig dein blaß Gesicht,
Sterben trennt uns nicht.
Mußt du einmal von mir gehn,
Glaub, es gibt ein Auferstehn.

(läßt erschüttert das Haupt auf die Brust sinken. Marietta blickt ihn erst befremdet, dann spöttisch an. Pause.)

MARIETTA
Das dumme Lied,
Es hat Sie ganz verzaubert.

(Von der Straße lustiges Trällern. Gaston, Lucienne und Juliette flanieren draußen vor dem Fenster vorbei, eventuell im Marschtakt mit Spazierstock und Schirmen aufs Pflaster schlagend.)

GASTON
(draußen)
Was soll es, daß du säumig bist!
Hab dich ja heut noch nicht geküßt.

(Lucienne und Juliette fallen bei der letzten Zeile ein)

Diridi, diridon, schön Marion.

MARIETTA
Ah, horch,
Da singt man andre Liedchen,
Singt aus anderm Ton,
nicht sentimental.
Gaston ist's, wie er drollig singt!

GASTON
(draußen)
Nicht gilt der schönste Tag mir gelebt,
Wenn im Arme du mir nicht gebebt,
Mir im Arm nicht gebebt.

GASTON, JULIETTE, LUCIENNE
(draußen)
Diridi, diridon, schön Marion.

MARIETTA
(Eilt zum Fenster und will hinauswinken)
Bravo! Bravo!

PAUL
(hält sie zurück)
Die Leute, Brügge,
Man darf Sie hier nicht sehn.

MARIETTA
Er geht mit Juliette et Lucienne,
Schlingt Arm in Arm,

(plötzlich vergnügt, mit Beziehung und Genugtuung)

Un denkt an Marion!
Die Freunde sinds,
Die vor der Probe bummeln.
Auch ich muß ins Theater.

PAUL
(blickt sie verständnislos an)
Sie.

MARIETTA
Nun ja, wir spielen hier.
Bin Tänzerin.

PAUL
Sie, Tänzerin?

MARIETTA
Gewiß, mein werter Griesgram!
Ich komm aus Lille und tanz in Brügge!
Erstaunt Sie das?

(Tanz und Wort auf der Laute)

O Tanz, o Rausch!
Lust quillt aus mir,
Braust in mir,
Jagt den Puls
Und dehnt die Nüstern.
Der Wink der Hand,
Des Fußes Scham
Verbergen den Wunsch
Und verraten ihn lüstern.
Ein Dämon erhitzt mich,
Beherrscht misch, besitzt mich.
Toll und toller schwillt der Reigen,
Faßt mich Taumel im Beugen und Neigen!
Heiß kreist das Blut mir,
Erglühn die Triebe.
O Tanz, o Rausch!
Ich tanz die letzte Glut,
Ich tanz den letzten Kuß der Liebe!

(innehaltend, wie zu sich kommend, leicht, noch in der letzten Pose verharrend)

Und jetzt, mein Herr,
Tanz ich in die Probe.

PAUL
(Paul, erst befremdet und abgestohen durch das bacchan-tische Gehaben Mariettas, das ihm Laute und Kleidungs-stück der Toten zu entweihen scheint, dann immer mehr der Verführung erliegend, seiner nicht mächtig, ein Opfer der Sinne.)
Nein, Marietta!
Geh nicht von mir,
Gib Dauer dieser Stunde Traum!
Vom Himmel bist du mir geschenkt!
Erloschnes Glück flammt auf
Und reißt mich dir entgegen!
Marietta! Marietta!

(breitet die Arme nach ihr aus)

MARIETTA
Wie stürmisch! Macht der Tanz
Dem düstern Herrn so heiß?

(wieder Tanzbewegungen)

O Tanz, o Rausch!

(Paul will auf sie zu, um sie zu umfassen. Marietta im Tanze ausweichend, verfängt sich im Bildervorhang, so daß er sich zur Seite bewegt und das Bild sichtbar wird. Erblickt verdutzt das Bild.)

Oho, das bin ja ich!
Der selbe Shawl!
Wen spiel ich da?

PAUL
(stürzt vor das Bild und deckt es mit einer unwillkürlichen Bewegung des gegen Marietta abwehrend ausgestreckten Armes)
O lassen Sie, 's ist eine Tote.

(den Kopf sinken lassend, dumpf vor sich hin)

Sie mahnt…

GASTON
(hinter der Szene)
Diridi, diridon, schön Marion!

(Marietta Shawl langsam vom Halse und wirft ihn nebst der Laute mit einer zornigen Geste auf den Tisch. Dann, da sie Paul in seiner Versunkenheit verharren sieht, lacht sie laut auf)

MARIETTA
Ah, Gaston.

PAUL
Sie müssen in die Probe, Marietta…

MARIETTA
Ah, Er ist gut, Er schickt mich fort!
Ja, ich muß in die Probe, werter Herr…

GASTON
(hinter der Szene)
Diridi, diridon, schön Marion.
Was soll es, das du säumig bist?
Hab dich ja heut noch nicht geküßt.

MARIETTA
… Tanz die Hélène in "Robert le Diable"

(nimmt den Mantel, setzt den Hut auf)

Mein Zauber, rasch scheint er verflogen,
Ein anderer wirkt stärker…
Nun, mir recht,
's ist höchste Zeit, muß fort.

(werbend, nicht ohne Anmut)

Die mich lieben, wissen mich zu finden.
Es gibt ein Wiedersehen im Theater.

(ab)

PAUL
O Traum der Wiederkehr, entweiche nicht!
In dir, die kam, kam meine Tote,
Kam Marie…

(von Begehren erfaßt, außer sich)

Marietta!

(beschwörend die Arme)

Marietta!


Sechste Szene

(Plötzliche Verdunkelung. Nur Paul und der Porträtrahmen links bleiben beleuchtet. Aus dem Rahmen tritt die Gestalt Mariens im Kleide des Bildes mit Shawl und Laute und schwebt - Erscheinung seines Gewissens und seiner Nerven - auf Paul zu, der sich, durch die Vision gebannt, starren Blickes erhebt, ohne den Platz zu verlassen)

MARIE
Paul… Paul…

PAUL
Da bist du ja, Marie, ich wußte es.

MARIE
Bist du gewiß,
Hältst du mir noch die Treu?

PAUL
Ich halt sie dir.
Nie schwandest du aus diesem Raum.

MARIE
Drum nahm ich auch nicht mein Haar mit,
Als ich fort mußt,
Ließ dir den goldnen Schatz,
Den du so geliebt.

PAUL
Ich weiß, ich weiß…

MARIE
Mein Haar stirbt nicht,
Es wacht in deinem Haus.
Unsre Liebe war, ist und wird sein.

PAUL
Du bist bei mir, bists immer, ewig.
Bist es in dieser toten Stadt,
Du tönst in ihren Glocken,
Steigst aus ihren Wassern…

MARIE
Und doch wirst du vergessen,
Was neben dir nicht lebt und atmet.

PAUL
(angstvoll)
Die andre, die Andere,
Nur dich seh ich in ihr.

MARIE
Da ich dir sichtbar, liebst du mich.

PAUL
Ich lieb nur dich.
Sag, daß du mir vergibst.

MARIE
Du liebst mich doch…
Unsre Liebe war, ist und wird sein.

PAUL
(elastisch, wie von einer furchtbaren Last befreit)
Unsre Liebe war, ist und wird sein…

(Marie beginnt dem dunklen Hintergrunde zuzuschreiten, in Nebelschleier hinein.)

Ewig Geliebte, warum seh ich dich nicht mehr?
Warum ist mirs, als könnt, ich's nicht mehr?

MARIE
(aus den Nebelschleiern)
Gehe ins Lebe, dich lockt die andre,
Schau, schau und erkenne…

(Verschwindet ganz. Paul sinkt auf einen Stuhl zurück, visionär die Arme erhoben. Seine erregte Phantasie spiegelt ihm eine neue Erscheinung vor. Der Hinter grund erhellt sich; man sieht plötzlich an Stelle Mariens Marietta auf dem Theater in wallendem Phantasietanzkostüm, prächtig geschmückt, verführerisch lockend tanzen. Dazu orgiastische Tanzrhythmen.)

PAUL
Marietta!
ERSTES BILD


(Bei Paul. Ein kleines Gemach von geringer Tiefe mit alten schweren Möbeln. Der düstere Eindruck langer Unbenütztheit und Unbewohntheit liegt darüber. Die rückwärtige Wand bildet zwei vorspringende Ecken; den Raum zwischen diesen Ecken nehmen drei bis vier zur allgemeinen Auftrittstüre führende Stufen ein, deren oberste so breit ist, daß sie eine Art Podium darstellt. Links (vom Zuschauer) ein in die Wand eingebauter Schrank mit Spiegel. Gestelle mit alten Nippes und Photographien in Rahmen. Auf einem Tischchen eine Glastruhe mit abhebbarem Deckel, in der Art der Glasstürze alter Uhren, darin eine Haarflechte. Links die Türe, die in Mariens Zimme führend zu denken ist. Die linke vorspringende Wand nimmt ein blumenbekränztes, lebensgroßes auf den Boden reichendes Portrait Mariens mit Shawl und Laute ein; davor ein Vorhang (in einer Messingstange, die nur an einem Ende befestigt ist, so daß sie mit dem Vorhang leicht nach vorne zu drehen ist und das Bild sichtbar wird. Blumen auch an Türe und den übrigen Photographierahmen. Breites Fenster rechts nach der Straße mit alten Spitzengardinen. In dessen Nähe ein Fauteuil. In der Ecke (im Vordergrund) Tisch mit Sofagarnitur. Eine Laute an der Wand - Sonniger Spätherbstnachmittag)

Erste Szene

BRIGITTA
(schliesst von außen auf und läßt Frank eintreten)
Behutsam! Hier ist alles alt
Und gespenstig.

(Sie zieht die Gardine hoch. Die Sonne dringt in einem breiten Strahl ins Zimmer)

Bis gestern drang keiner
In diese Stube außer ihm und mir
Die Jahre durch, die er in Brügge lebt.

FRANK
Und gestern?

BRIGITTA
Sie sind sein Freund, Her Frank,
So seis gesagt.
Gestern schien er ganz gewandelt.
Er bebte vor Erregung,
schluchzt' und lachte.
"Türen auf!" so sagte er,
"Licht in meinen Tempel!
Die Toten stehen auf!

FRANK
Dies hab' ich nie von ihm gehört.
Sonderbar!

BRIGITTA
Seht, Rosen und Levkojen an den Rahmen

(zeigt auf die Türe links)

Und an der Türe zu ihrem Zimmer,
In dem sie starb.

(weist auf das verhängte Bild und dreht den Vorhang zur Seite)

Besonders aber dies Bild hat er schön
Geschmückt.

FRANK
Ist sie das? Marie?

BRIGITTA
Ja, das war sie. In dem hellen, weichen
Kleide
Das er so liebte.

FRANK
(betrachtet das Bildnis)
Schön!
Herrgott! Wie leuchtet dies Haar!

BRIGITTA
(zeigt auf die Kristalltruhe)
Da drunter liegt ein Strähn von diesem Haar.
Flüssige Dukaten, nicht wahr?

FRANK
Er hat es aufbewahrt?
Seltsam.

BRIGITTA
Und hier

(mit einer Bewegung über den ganzen Raum hin)

Kein Fleck, der nicht von seiner Toten spräche.
Er nennt's: Kirche des Gewesenen.

(Sie hat Frank langsam umhergeführt, der sinnend all die Bilder, Andenken und Reliquien betrachtet.)

FRANK
So lebt er stets?

BRIGITTA
Bis gestern immer so.
Er sagte: "Brügge und ich, wir sind eins.
Wir beten Schönstes an:
Vergangenheit."

FRANK
Und du, Brigitt? Erträgst Du das?
Du, eine Frau?
Lockts dich ins Leben nicht hinaus?

BRIGITTA
Was das Leben ist, weiß ich nicht, Herr Frank,
Denn ich bin allein. Hier aber, hier ist Liebe,
Herr Frank, das weiß ich. Und wo Liebe,
Dort dient eine arme Frau zufrieden.

(es schellt draußen)

Da ist er!

Zweite Szene

(Paul tritt ein, nervös von einem Erlebnis erregt)

PAUL
Frank! Freund!

FRANK
(lächelnd)
Brigitta führte mich in die "Kirche des Gewesenen."

PAUL
(lebhaft)
Des Gewesenen? Nein!

(zu Brigitta)

Lauf schnell hinab zum Gärtner,
Hol' Rosen. Zwei Arme voll!
Es soll erglühn hier von roten Rosen.

(er hat Brigitta hinausgedrängt. Zu Frank)

Du sahst ihr Bild?

FRANK
Ja, sie war schön,
Und viel hast du verloren.

PAUL
(in das Bild versunken)
Marie, Marie, dein Atem, deine Augen!

(zu Frank)

Wie sagst du? Sie war schön?

FRANK
Gewiß.

PAUL
Sie war schön, sagst du?
Sie ist schön! Sie ist! Sie ist!

FRANK
(blickt ihn forschend an)
In deiner Phantasie?

PAUL
Nein, nein, sie lebt!
Bald ist sie hier, sie kehrt zurück.
O hör ein Märchen, ein Wunder!
Du Weißt, das ich in Brügge blieb,
um allein zu sein mit meiner Toten.
Die tote Frau, die tote Stadt,
flossen zu geheimnisvollem Gleichnis.
Und täglich schritt ich gleichen Weg,
mit ihrem Schatten Arm in Arm,
zum Minnewasser,
auf die Fläche starrend,
ihr teures Bild mit Tränen mir ersehnend,
den süßen, sanft in sich gekehrten Blick,
den Schimmer ihres goldnen Haars.
Und gestern wieder träumt ich am Gitter
von der Entschwundenen, von ihr, Marie.
Holt mir ihr Antlitz aus der Tiefe,
hold und rein,
so ganz war sie mir nah, wie einst
in den Tagen des Glücks - sehnend, liebend.
In meines Schauns Versunkenheit
schallen Schritte.
Ich horche…
ein Schatten gleitet übers Wasser
Ich blicke auf;
vor mir steht eine Frau im Sonnenlicht.
Frank! Frank! Eine Frau. Im Mittagsglast
erglänzt Mariens Gold Haar, den Lippen
entschwebt Mariens Lächeln.
Nicht Ähnlichkeit mehr - nein, ein Wunder,
Begnadigung!
Es schien sie selbst, sie mein Weib!
Ja, mein lebend, mein atmend Weib!
Ein Fieber faßte mich nach altem Glück.
"Gott", schrie ich, "wenn du mir gnädig bist,
gib sie mir zurück!"
Und heute Mittag sprach ich sie,
bebenden Herzens, zweifelswund und
der Wunder größtes:
Mariens Stimme klang aus ihrem Mund!

FRANK
Im öden Brügge eine Unbekannte?

PAUL
Ich weiß nicht, wer sie ist,
Lud sie zu mir in meine Einsamkeit.
Und sie Kommt, und in ihr kommt
Meine Tote, kommt Marie.

FRANK
(ernst)
Hör, Paul,
du wagst gefährlich Spiel.
Du bist ein Träumer,
Bist ein Geisterseher.
Ich seh die Dinge, seh die Frauen
So wie sie sind.
Willst du zum Herrn dich über Tod und Lebe
Schwingen? Ein lebend Sein zur Puppe
Des Verstorbenen zwingen?
Bescheide dich! Zu lang warst du allein,
Dein Blut murrt gegen diese Trauer.
Seis drum, umarm eine schöne Frau,
Doch Tote laß mir schlafen.

PAUL
(wie einer der nicht zugehört hat, ekstatisch)
Ich will den Traum der Wiederkehr vertiefen,
Will sie durch diese Türe schreiten,
Den Raum durchleuchten sehn,
In dem ihr holder Duft noch schwebt,
Der Rhythmus ihres süßen Wesens webt.
In ihr die kommt, kommt Marie, Kommt meine Tote.

FRANK
Du schwärmst für ein Phantom!
Zu rechter Zeit
Hat diese Reise mich zu dir geführt.
Mein Freund, dein tief Gefühl Hat dich verwirrt.
Dein tief Gefühl muß dich auch heilen.
Ich geh, doch bald kehr ich zurück.
Das Trugbild weicht,
Der Nebel wird sich teilen.

(schüttelt Paul mit freundschaftlicher Gebärde die Hand, ihm herzlich ins Auge blickend. Paul begleitet ihn zur Türe.)


Dritte Szene

PAUL
(zum Bilde zurückgehkehrt)
Nur deiner harr ich, niemals Verlorne!
Wer kann ihn denn verstehen,
Unsrer Seelen tief geheimnisvollen Bund?

(dreht den Vorhang wieder zurück. Sein Blick fällt auf die Haarreliquie; er hebt inbrünstig den Glasschrein hoch, der in voller Sonne funkelt.)

Du Überlebendes von ihrer Schönheit,
So wirst du wieder hold erstehn?
So werd ich wieder
Schimmernd auf weißer Stirn
Das Goldgelocke leuchten sehn?

Vierte Szene

(Brigitta tritt ein, auf beiden Armen Blumen)

PAUL
(stellt rasch den Schrein nieder)
Rosen, so ists recht!

(er nimmt ihr die Blumen ab, füllt die Vasen, läuft hin und her)

BRIGITTA
(zögernd)
Gnädger Herr, verschleiert, eine Dame.

PAUL
(fast schreiend)
Und du sagst es nicht?
Führ sie herein.

BRIGITTA
(wie protestierend)
Herr Paul, bedenken Sie, die Welt…

PAUL
Wenn du mich liebst, schweig und gehorche!

(Brigitta bestürzt ab. Inmitten des Zimmers stehend, die Augen schließend)

Marie!
Noch einmal saug ich deine Züge, In mich ein.
Ich sehe dich… ich fühle dich…
Jetzt, Gott, jetzt gib sie mir zurück!

Fünfte Szene

(Die Türe öffnet sich, Marietta Schläg den Schleier zurück und tritt in heiterer Unbefangenheit, lächelnd, mit dem Anstand und der Würde der sich ihrer Schönheit bewußten Frau und mit der Grazie der Tänzerin herein. Sie fällt in der Folge öfters aus damenhafter Haltung in das freie Gehaben der Kulissenwelt. Naiv-verderbtes, eitles, schlüchsiges, aber immer liebenswürdiges Wesen; wiederholt bricht ein leidenschaftliches erotisches Temperament hervor. Paul wendet sich um, öffnet die Augen)

PAUL
(von der Ähnlichkeit ergriffen, unwillkürlich)
Wunderbar!

(bleibt unbeweglich und starrt sie wie eine Erscheinung an)

MARIETTA
(leicht)
Ja, wunderbar, ich staune selbst,
Weiß selbst, kaum, was mich hergelockt.
Gar dringlich wußten Sie zu bitten,
Und jetzt kein Wort des Danks, kein Gruß?

(reicht ihm Hut und Schleier und wirft sich in ein Fauteuil, umherblickend)

Recht schön bei Ihnen,
Sie sind Wohl reich?

(ergreift einen Rosenstrauß und riecht daran)

Und Rosen!
Sie glühen rotem Feuer gleich!

(Paul hat Hut und Schirm, ohne das Auge abzuwenden, in Empfang genommen)

Noch immer steif und stumm?
Wie das nach Brügge paßt!
In dieses tote Nest mit seiner düstern Starre!
Auch hier ists dumpf wie in einer Gruft!
Uff, ich ersticke.

(aufspringend)

Doch mich kriegt ihr nicht unter!
Ich bin vergnügt, und liebe daß Vergnügen,
Lieb tolle Freuden, lieb die Sonne!

PAUL
(auf ihr Haar weisend)
Die Sonne lacht in diesem Haar…

MARIETTA
(Marietta hat sich mit geschmeidiger Beweglichkeit im Zimmer herumgedreht, ihr Blick fällt flüchtig auf die rings aufgestellten Bilder- und Photographierahmen.)
Und hier bescheint sie Bilder schöner Damen.

(mit dem Finger drohend)

Die Galerie der Fraun, die Sie geliebt?

PAUL
(wie für sich)
Der Stimme Silberglanz,
Der Schultern melodisch Neigen.

MARIETTA
Den Mantel fort.

(legt den Mantel ab)

Bin ich nicht schön?

(stellt sich vor ihn hin, kokett)

Schöner als die?

PAUL
All das war schön, Sie sinds!

(für sich)

Bei Gott, ihr Kleid,
Die gleiche Farbe, fast der gleichebSchnitt.

(von einem Gedanken erfaßt, wie in unwiderstehlicher Sehnsucht)

Zu diesem Kleide paßt ein alter Shawl,
Der hier verwahrt ist.
Darf ich ihn um die schönen Schultern hängen?

MARIETTA
(übermütig)
Sie wollen mich noch schöner? Gut!

(Paul hat aus dem Schrank, der offen bleibt, einen Shawl geholt und legt ihn ihr zart um.)

Wie weich die alte Seide!
Sie macht so wohlig schauern,
Zum Spiegel, rasch! Zum Spiegel!

(beschaut sich im Spiegel)

PAUL
(unwillkürlich, wenn Marietta, die einen Moment durch den Spiegel gedeckt war, wieder sichtbar wird)
Marie!

MARIETTA
Marie? Ich heiße Marietta.

(kleine Pause)

Was haben Sie?

PAUL
Nichts, nichts…
Verzeihn Sie… ich bitte, verzeihn
Sie…

(nimmt die Laute von der Wand. Mit zarter Bitte)

Und, nehmen Sie noch das.

MARIETTA
Die Alte Laute?
Sie sind wohl Maler, brauchen ein Modell?

(nimmt lächelnd und achselzuckend, wie um auch diesen Gefallen zu tun, die Laute; dann einer plötzlichen Laune folgend)

Nun, zu der alten Laute
Gehört ein altes Lied.

PAUL
(überrascht)
Wie, Sie singen?

MARIETTA
Erträglich, sagt man,
Wenns auch mein Fach nicht ist.
Und Trauriges am liebsten
Wohl weil ich sonst so übermütig bin.
Soll ich?

PAUL
Ja, bitte.

MARIETTA
Nun, hören Sie.

(singt)

Gluck, das mir verblieb,
Rück zu mir, mein treues Lieb.
Abend sinkt im Haag
Bist mir Licht und Tag.
Bange pochet Herz an Herz.
Hoffnung schwingt sich himmelwärts.

PAUL
(wie verloren)
Wie wahr, ein traurig Lied.

MARIETTA
Das Lied vom treuen Lieb,
Das sterben muß.

(wird aufmerksam)

Was haben Sie?

PAUL
Ich kenne das Lied.
Ich hört es oft in jungen,
In Schöneren Tagen…
Es hat noch eine Strophe,
Weiß ich sie noch?

(er setzt mechanisch fort. Sie spielt die Laute und fällt ein. Die Strahlen der untergehenden Sonne überfluten beide.)

Naht auch Sorge trüb,
Rück zu mir, mein treues Lieb.
Neig dein blaß Gesicht,
Sterben trennt uns nicht.
Mußt du einmal von mir gehn,
Glaub, es gibt ein Auferstehn.

(läßt erschüttert das Haupt auf die Brust sinken. Marietta blickt ihn erst befremdet, dann spöttisch an. Pause.)

MARIETTA
Das dumme Lied,
Es hat Sie ganz verzaubert.

(Von der Straße lustiges Trällern. Gaston, Lucienne und Juliette flanieren draußen vor dem Fenster vorbei, eventuell im Marschtakt mit Spazierstock und Schirmen aufs Pflaster schlagend.)

GASTON
(draußen)
Was soll es, daß du säumig bist!
Hab dich ja heut noch nicht geküßt.

(Lucienne und Juliette fallen bei der letzten Zeile ein)

Diridi, diridon, schön Marion.

MARIETTA
Ah, horch,
Da singt man andre Liedchen,
Singt aus anderm Ton,
nicht sentimental.
Gaston ist's, wie er drollig singt!

GASTON
(draußen)
Nicht gilt der schönste Tag mir gelebt,
Wenn im Arme du mir nicht gebebt,
Mir im Arm nicht gebebt.

GASTON, JULIETTE, LUCIENNE
(draußen)
Diridi, diridon, schön Marion.

MARIETTA
(Eilt zum Fenster und will hinauswinken)
Bravo! Bravo!

PAUL
(hält sie zurück)
Die Leute, Brügge,
Man darf Sie hier nicht sehn.

MARIETTA
Er geht mit Juliette et Lucienne,
Schlingt Arm in Arm,

(plötzlich vergnügt, mit Beziehung und Genugtuung)

Un denkt an Marion!
Die Freunde sinds,
Die vor der Probe bummeln.
Auch ich muß ins Theater.

PAUL
(blickt sie verständnislos an)
Sie.

MARIETTA
Nun ja, wir spielen hier.
Bin Tänzerin.

PAUL
Sie, Tänzerin?

MARIETTA
Gewiß, mein werter Griesgram!
Ich komm aus Lille und tanz in Brügge!
Erstaunt Sie das?

(Tanz und Wort auf der Laute)

O Tanz, o Rausch!
Lust quillt aus mir,
Braust in mir,
Jagt den Puls
Und dehnt die Nüstern.
Der Wink der Hand,
Des Fußes Scham
Verbergen den Wunsch
Und verraten ihn lüstern.
Ein Dämon erhitzt mich,
Beherrscht misch, besitzt mich.
Toll und toller schwillt der Reigen,
Faßt mich Taumel im Beugen und Neigen!
Heiß kreist das Blut mir,
Erglühn die Triebe.
O Tanz, o Rausch!
Ich tanz die letzte Glut,
Ich tanz den letzten Kuß der Liebe!

(innehaltend, wie zu sich kommend, leicht, noch in der letzten Pose verharrend)

Und jetzt, mein Herr,
Tanz ich in die Probe.

PAUL
(Paul, erst befremdet und abgestohen durch das bacchan-tische Gehaben Mariettas, das ihm Laute und Kleidungs-stück der Toten zu entweihen scheint, dann immer mehr der Verführung erliegend, seiner nicht mächtig, ein Opfer der Sinne.)
Nein, Marietta!
Geh nicht von mir,
Gib Dauer dieser Stunde Traum!
Vom Himmel bist du mir geschenkt!
Erloschnes Glück flammt auf
Und reißt mich dir entgegen!
Marietta! Marietta!

(breitet die Arme nach ihr aus)

MARIETTA
Wie stürmisch! Macht der Tanz
Dem düstern Herrn so heiß?

(wieder Tanzbewegungen)

O Tanz, o Rausch!

(Paul will auf sie zu, um sie zu umfassen. Marietta im Tanze ausweichend, verfängt sich im Bildervorhang, so daß er sich zur Seite bewegt und das Bild sichtbar wird. Erblickt verdutzt das Bild.)

Oho, das bin ja ich!
Der selbe Shawl!
Wen spiel ich da?

PAUL
(stürzt vor das Bild und deckt es mit einer unwillkürlichen Bewegung des gegen Marietta abwehrend ausgestreckten Armes)
O lassen Sie, 's ist eine Tote.

(den Kopf sinken lassend, dumpf vor sich hin)

Sie mahnt…

GASTON
(hinter der Szene)
Diridi, diridon, schön Marion!

(Marietta Shawl langsam vom Halse und wirft ihn nebst der Laute mit einer zornigen Geste auf den Tisch. Dann, da sie Paul in seiner Versunkenheit verharren sieht, lacht sie laut auf)

MARIETTA
Ah, Gaston.

PAUL
Sie müssen in die Probe, Marietta…

MARIETTA
Ah, Er ist gut, Er schickt mich fort!
Ja, ich muß in die Probe, werter Herr…

GASTON
(hinter der Szene)
Diridi, diridon, schön Marion.
Was soll es, das du säumig bist?
Hab dich ja heut noch nicht geküßt.

MARIETTA
… Tanz die Hélène in "Robert le Diable"

(nimmt den Mantel, setzt den Hut auf)

Mein Zauber, rasch scheint er verflogen,
Ein anderer wirkt stärker…
Nun, mir recht,
's ist höchste Zeit, muß fort.

(werbend, nicht ohne Anmut)

Die mich lieben, wissen mich zu finden.
Es gibt ein Wiedersehen im Theater.

(ab)

PAUL
O Traum der Wiederkehr, entweiche nicht!
In dir, die kam, kam meine Tote,
Kam Marie…

(von Begehren erfaßt, außer sich)

Marietta!

(beschwörend die Arme)

Marietta!


Sechste Szene

(Plötzliche Verdunkelung. Nur Paul und der Porträtrahmen links bleiben beleuchtet. Aus dem Rahmen tritt die Gestalt Mariens im Kleide des Bildes mit Shawl und Laute und schwebt - Erscheinung seines Gewissens und seiner Nerven - auf Paul zu, der sich, durch die Vision gebannt, starren Blickes erhebt, ohne den Platz zu verlassen)

MARIE
Paul… Paul…

PAUL
Da bist du ja, Marie, ich wußte es.

MARIE
Bist du gewiß,
Hältst du mir noch die Treu?

PAUL
Ich halt sie dir.
Nie schwandest du aus diesem Raum.

MARIE
Drum nahm ich auch nicht mein Haar mit,
Als ich fort mußt,
Ließ dir den goldnen Schatz,
Den du so geliebt.

PAUL
Ich weiß, ich weiß…

MARIE
Mein Haar stirbt nicht,
Es wacht in deinem Haus.
Unsre Liebe war, ist und wird sein.

PAUL
Du bist bei mir, bists immer, ewig.
Bist es in dieser toten Stadt,
Du tönst in ihren Glocken,
Steigst aus ihren Wassern…

MARIE
Und doch wirst du vergessen,
Was neben dir nicht lebt und atmet.

PAUL
(angstvoll)
Die andre, die Andere,
Nur dich seh ich in ihr.

MARIE
Da ich dir sichtbar, liebst du mich.

PAUL
Ich lieb nur dich.
Sag, daß du mir vergibst.

MARIE
Du liebst mich doch…
Unsre Liebe war, ist und wird sein.

PAUL
(elastisch, wie von einer furchtbaren Last befreit)
Unsre Liebe war, ist und wird sein…

(Marie beginnt dem dunklen Hintergrunde zuzuschreiten, in Nebelschleier hinein.)

Ewig Geliebte, warum seh ich dich nicht mehr?
Warum ist mirs, als könnt, ich's nicht mehr?

MARIE
(aus den Nebelschleiern)
Gehe ins Lebe, dich lockt die andre,
Schau, schau und erkenne…

(Verschwindet ganz. Paul sinkt auf einen Stuhl zurück, visionär die Arme erhoben. Seine erregte Phantasie spiegelt ihm eine neue Erscheinung vor. Der Hinter grund erhellt sich; man sieht plötzlich an Stelle Mariens Marietta auf dem Theater in wallendem Phantasietanzkostüm, prächtig geschmückt, verführerisch lockend tanzen. Dazu orgiastische Tanzrhythmen.)

PAUL
Marietta!



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