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DRITTES BILD


(Die Türe öffnet sich: Marietta erscheint in weißem Morgengewande und verharrt kurze Zeit regungslos auf der obersten Stufe. Dann stürzt sie mit wilder Bewegung vor das Bild, das so unverhüllt ist wie zum Schluß des 1. Bildes)

Erste Szene

MARIETTA
Dich such ich, Bild!
Mit dir hab ich zu reden!
Schön bist du und gleichst mir,
Sag, gleichst du mir noch?
Sag, wo ist deine Macht?
Zum zweitenmal starbst du,
Du stolze Tote, an mir,
An mir der Lebenden
Liebesnacht!
Ihr, die ihr abgeschieden,
Brecht nicht den Frieden,
Drängt nicht ins Leben,
Laßt uns, die wir atmen und leben,
Die wir leiden und streben,
Laßt uns die springenden Bronnen,
Laßt uns die Stürme, Sonnen und Wonnen,
Laßt uns das trunkne Getriebe
Von Lust und von Liebe!

(Es ist hell geworden. Vereinzelte Glockentöne. Aus der Ferne dringt leise in unbestimmten Klängen eine mysteriös - traumhafte Marschweise, dazu der Gesang der Kinder, die sich zum Ausgangspunkt der Prozession begeben.)

KINDER
(draußen)
O süßer Heiland mein,
Einst werd ich um dich sein.
In deiner Liebe Hut
Werd ruhen ich so gut.

MARIETTA
Kinder sinds. Sie sammeln sich
Zur heiligen Prozession
Und rufen mit des Lebens Wort
Mich von der Toten fort.

KINDER
(draußen)
Einst sagst du: komm zu mir
Ins selige Revier,
Zu blühn am Himmelsrain,
Ein leuchtend Blümelein.

MARIETTA
Der Kinder Sang, er schwingt und schwillt,
Bestärkt des Lebens Drang.

Zweite Szene

PAUL
(stürzt verstört herein)
Du hier?

MARIETTA
(die Schmollende spielend)
Als ich erwachte, warst du fort.

PAUL
(düster, den Blick zu Boden gerichtet, von Gewissensangst gequält vor sich hin)
Mich Triebs in die Straßen,
Die Andacht und Gebet erfüllt.

MARIETTA
Und ich hatt Langeweile ohne dich.
Da stieg ich ins untere,
Ins intressantre Stockwerk,
Besuchte deine Tote.

PAUL
(aufschreckend)
Fort von hier! Fort, fort!

MARIETTA
Empfingst du selber mich nicht hier,
Das erste Mal?

PAUL
Ja, damals.

(faßt sie bei der Hand)

Doch heut, komm fort!

MARIETTA
(sich losmachend)
Nein, ich bleib da.
Sehn wir doch auch den Umzug besser hier.

PAUL
Komm, ich beschwöre dich!

MARIETTA
Den kleinsten Wunsch versagst du mir!
Vergißt so rasch du, was du schwurst?

(schmiegt sich schmeichelnd an ihn)

PAUL
O schweig.

(Draußen hat die traumhafte Marschmusik wieder eingesetzt, die das Nahen des Zuges ankündigt. Sie erklingt gedämpft während des Folgenden.)

MARIETTA
(zum Fenster eilend und die Hände zusammen - schlagend)
Die Menschen!
Das ist nicht Brügge heut,
Die tote Stadt.

(will das Fenster öffnen)

Die Menschen!

PAUL
(halt sie zurück)
Was fällt dir ein!
Wenn man dich säh!

MARIETTA
Schon wieder!
Schämst dich noch immer meiner!

(wendet sich erzürnt ab)

PAUL
(nachgebend)
Ich öffne halb, stell dich zur Seite,
Gedeckt durch mich.

MARIETTA
(wirft sich ärgerlich in einen Stuhl)
Nun will ich gar nichts sehn!

PAUL
(beschwichtigend)
Sei klug! Sei gut!

(sich erinnernd)

Doch ich vergaß der Lichter,
Die landesüblich.

(geht in den Hintergrund, öffnet einen Schrank und entnimmt ihm zwei Leuchter mit Wachskerzen, die er anzündet und aufs Fensterbrett stellt.)

MARIETTA
(für sich)
Mein Sehnen, mein Wähnen,
Es träumt sich zurück.
Im Tanze gewann ich,
Verlor ich mein Glück.
Im Tanze am Rhein,
Bei Mondenschein
Gestand mirs aus Blauaug…
Lieb sang er das, mein Pierrot.
Ja, der brennt lichterloh!

PAUL
(sich vom Fenster aus umwendend, wie beschwörend)
Der fromme Zug!

MARIETTA
(ohne hinzublicken)
Laß mich zufrieden!
Behalt sie, deine fromme Maskerade!

(mit den Füßen wippend)

Wie fade!
Bleib du in deiner Loge,
Ich sing mir eins.
Was soll es, daß du ferne bist?
Hab dich ja heut doch noch nicht geküßt.
Diridi, diridi, diridon, Gaston, Gaston!

(springt auf)

Gaston, Gaston! Zu ihm, zu ihm!

PAUL
(sie brutal auf den Sitz niederdrückend)
Du schweigst und bleibst mir, wo du bist!

(Marietta blickt ihn halb überrascht, halb trotzig an und folgt ihm mit den Blicken, während er zum Fenster geht. Von der Straße her dringt dumpfes Geräusch: Die Menschenmenge, die sich angesammelt hat, um die Prozession zu erwarten. Die Marschmusik wird lauter. Der sich nahende Zug bannt Pauls Aufmerksamkeit. Er gibt sich der feinen seelischen Zwiespalt beschwichtigenden frommen Zeremonie hin, so daß er die Anwesenheit Mariettas zu vergessen scheint. Aus der Marschmusik, die immer weiter geht, löst sich der Gesang der Kinder los.)

KINDER
(draußen)
O süßer Heiland mein
Wir, deine Kindelein,
Geleiten treu und gut
Dein kostbar heilig Blut.

PAUL
(beim Fenster)
Die Kinder sinds an der Spitze.
In ihren silbern schimmernden Kleidchen,
Unschuldsvoll, erglänzen sie wie Sterne am Firmament.
Komm und schau!
Statuen jetzt und Kirchenbanner,
Von Mönchen vor sich hergetragen.

PROZESSION
(draußen)
Pange lingua gloriosi,
Corporis mysterium, etc.
Pange lingua, etc.

PAUL
Nun die historische Gruppe!
Patrizier stellen sie dar von Brügge,
In alten Prachtkostümen.
Erwacht sind zum Leben, alle Straßen.

(zu Marietta)

So komm doch, Marietta, komm und schau!

(Marietta verharrt in finsterer Ruhe.)

Ein flutend Meer von goldnen
Meßgewändern!
Und zwischendurch,
Blutstropfen gleich versprengt,
Das Chorhemdrot der Sängerknaben,
Die Weihrauchfässer schwenken,
Den heilgen Duft kredenzen.
Berauschend wogt die farbige Flut.
Und unter schwankem Baldachin
Ein Bischof trägt den goldenen Schrein,
Den goldenen Dom, besetzt mit Edelstein.
Inbrunst ergießt sich durch die Straßen.
Des Glaubens selig süße Frenesie,
Zwingt alles auf die knie!

(neigt sich, unwillkürlich mitgerissen, tief zur Erde. Der Hintergrund des Zimmers wird transparent. Ein gespenstig Traumbild: Der Zug, die Kinder, dann die Kreuzritter die Geistlichkeit und die Chorknaben, wie es Paul beschrieben hat, scheinen im Hintergrunde vorbeizuschreiten)

PROZESSION
(Gemurmel)
Mysterium corporis, corporis, etc.

MARIETTA
(sieht Paul halb ironisch, halb wie mit neuerwachtem Interesse an)
Du bist ja fromm!
Ja wer dich liebt, der muß teilen
Mit Toten und mit Heiligen.

(plötzlich)

Ich aber, Hör mich,
Ich will dich gar nicht, oder ganz!

(umfaßt ihn und zieht ihn vorn Fenster weg)

Geh, laß das Schaugepränge!
Komm, setz dich zu mir.
Dann bin ich wieder gut.
Wie hübsch dir
Die Verklärtheit steht!
Küß mich, mein Junge.

PAUL
(abwehrend)
Nicht jetzt, nicht hier.

MARIETTA
Gerade jetzt, gerade hier.

(Der Marsch setzt voll dräuender Dissonanzen ein. Der Zug erscheint neuerlich im Hintergrunde in rotafflammendem Licht, diesmal in bewegungsloser Erstarrung; alle, wie im Schreiten begriffen, die Körper nach vorwärts geneigt, die Augen drohend auf Paul gerichtet, die Arme gegen ihn erhoben.)

PAUL
(entsetzt auffahrend, taumelt rückwärts)
Der fromme Zug,
Er dringt herein ins Zimmer,
Dringt drohend ins Zimmer,
Furchtbar Gesicht! Furchtbar!
Laß mich, laß mich, laß mich!

MARIETTA
(gereizt)
Du siehst Gespenster.
Das macht der Moder dieses Raums,
Dein dumpfer Aberglaube.

PAUL
(sich fassend)
Aberglaube? Nein, kein Aberglaube!
Mein Glaube ist die Treu,
Mein Glaube ist der Liebe ewge Weih.
Und heilig, heilig dieser Glaube!
Er weiht diesen Raum,
Und erfüllet ihn mit seligem Traum.
Und unsichtbar erbauet
Ragt mir ein Altar,
Vor dem sich niederwirft
Mein Schmerz um die war.

MARIETTA
Und wieder die Tote,
O, wie du mich erniedrigst!
Sie schläft doch und fühlt ja nicht
Untreu, nicht Liebe.
Ich aber lebe, fühle die Kränkung.
Ich gab mich frei dir,
Sie war deine Gattin,
Lebte geborgen,
Ich kam aus der Gosse,
Getreten, gehöhnt!
Und der Erste, der Lieb mich gelehrt,
Er wars, der mich zerstört.
Ich litt, ich stritt, ich wagt, gewann, verlor,
Rang unter Qualen mich empor,
Die Zähne biß im Trotz ich zusammen,
Entwand mich einer Hölle Flammen,
Sprengte kämpfend das verschlossne Tor
Zum Garten jauchzender Lust,
Errang mir an mich selbst den Glauben…
Soll, darf die Tote ihn mir rauben?

PAUL
Rein war sie, rein,
Vergleich dich nicht mit ihr.

MARIETTA
Du Heuchler!
Vor wenig Stunden noch,
Da hast du mein
Laster angebetet
Und ihrer Reinheit nicht gedacht!
Und wenn ich will,
Liegst wieder du zu Füßen mir,
Mir, ja mir, die du unrein schiltst.

PAUL
Verruchte, schweig und geh!

MARIETTA
Gierst nach geschmähter Lüste freier Macht,
Stöhnst nach wild durchraster Liebesnacht,
Und teilst mich mit deinem Freund,
Und mit Pierrot und jedem ersten Besten
Der mir gefällt!

PAUL
(drohend auf sie zu, ihr die Türweisend)
Verworfne, fort von hier.

MARIETTA
Nein!

PAUL
Fort aus dem geweihten Raum!

MARIETTA
Narr!

PAUL
Fort!

MARIETTA
Narr!

PAUL
Hinweg!

MARIETTA
Ihr weichen? Nie!
Zum Kampf mit ihr!

(stürzt leidenschaftlich vor das Bild)

Und offnen Augs, Weib gegen Weib,
Heissatmend Leben gegen Tod!
Bin ich nicht schön,
Strafft Jugend nicht der Glieder Pracht?

(deutet auf das Bild)

Nehm ichs nicht auf mit ihr.

PAUL
Schweige und laß das!

MARIETTA
Bin ich nicht schön
Und macht mich meine Kunst nicht stark?

(greift nach einer der Photographien)

Und hebt sie mich nicht über blasses
Abbild von dem, was war?

PAUL
(entreißt ihr heftig die Photographie)
Laß das und geh!

MARIETTA
(wild)
Wo steckt ihr Zauber
In dieser öden Trödelkammer?
Ich werde mit ihm fertig
Ich schwörs, ich schwörs.

(ihr Bild fällt auf die Kristalltruhe, sie eilt auf diese zu, öffnet sie rasch und zieht die Haarflechte hervor)

Ah, was ist das?

PAUL
(stürzt auf sie zu)
Rühr das nicht an!
Das ist geheiligt!

(Marietta lacht mit jähem Stimmungswechsel schrill auf, läuft vor Paul um den Tisch herum davon, die Flechte in der Hand hoch empohaltend, Paul ihr nach)

MARIETTA
Ihr Haar?
Gewiß, gewiß, ihr Haar!
Laß mich vergleichen,
Tot ists, tot und ohne Glanz.
Ist meins nicht seidiger, nicht weicher?

PAUL
Nimm dich in Acht!
Mein Heiligtum, entweih es nicht!

MARIETTA
(lachend)
Der tote Tand, ein Heiligtum?
Du phantasierst ja!

PAUL
Gib her, gib her,
Das Haar, es wacht und droht.

MARIETTA
(immer lachend)
Du schenkst mir das, nicht wahr?

PAUL
(keuchend)
Das Haar, das Haar,
Der goldne Schatz, den sie mir ließ,
Es wacht in meinem Hause,
Es wacht un rächt!
Nimm dich in Acht!

(Marietta springt katzenartig auf die podiumartige Erhöhung, schlingt sich die Flechte wie eine Kette um den Hals und hält sie mit beiden Händen fest. Beginnt dann hohnlachend zu tanzen.)

MARIETTA
Ich tanz, ich tanz
Die letzte Glut der Liebe,
Den letzten Kuß,
Ich tanz, ich tanz
Des Lebens siegende Macht!

(der eine Zeitlang wie fasziniert, starr zugesehen, erfaßt sie, zerrt sie in den Vordergrund und wirft sie zu Boden)

PAUL
Gib oder stirb!

MARIETTA
Du tust mir weh! Nein! Nein!
Du bist verrückt.

(Paul erdrosselt sie im Ringen mit der Haarflechte. Aufschreiend)

Ah!

(fällt entseelt zurück. Kurze Pause)

PAUL
(starrt entsetzt die Tote an)
Jetzt gleicht sie ihr ganz,
Marie!

(Dunkelheit wie zum Schluß des ersten Bildes. Kurzes Zwischenspiel. Aus dem Dunkel hat zuerst allein die Gestalt Pauls hervorzutreten, der in eben derselben Stellung wie zum Schluß des ersten Bildes zu sehen ist; dann erhellt sich allmählich die ganze Umgebung. Das Zimmer genau wie im ersten Bild.)

Dritte Szene

PAUL
Die Tote, wo, lag sie nicht hier,
Verzerrt, gebrochnen Augs?

(erblickt die Kristalltruhe, die ein Mondstrahl beleuchtet)

Und hier das Haar,
Unangetastet leuchtets wie zuvor,
Wie wird mir, was hab ich erlebt,
Nein, was hab ich geschaut?

BRIGITTA
(öffnet die Tür im Hintergrund und stellt sachte eine brennende Lampe vorn auf den Tisch)
Die Dame von vorher, Herr Paul,
Sie kehrte an der Ecke um.

PAUL
(sie liebevoll anblickend)
Brigitta, du, in alter Lieb und Treu

(tritt herein, in Erscheinung und Haltung genau wie sie zu Ende des 1. Bildes fortging, leicht und liebenswürdig)

MARIETTA
Da bin ich wieder,
Kaum daß ich sie verlassen,
Vergaß den Schirm und meine Rosen.

(lächelnd, mit Beziehung)

Man sollt es für ein Omen nehmen,
Ein Wink, als ob ich bleiben sollte.

(Da Paul stumm und in sich gekehrt bleibt, wendet sie sich nach einer Pause - deutliches pantomimisches Spiel - die Achsel zuckend, mit feinem ironischem Lächeln, kokett den Schirm schwingend und an dem Rosenstrauch riechend, zur Türe. Dort trifft sie mit dem eintretenden Frank zusammen, der sich stumm vor ihr verbeugt. Sie nickt ihm liebenswürdig lächelnd zu. Ab.)

FRANK
Das also war das Wunder?

(auf Paul zu, dessen beide Hände fassend und ihm ins Auge blickend)

Es war das Wunder,
Ich les in deinem Aug,
Ist es nicht mehr.

PAUL
O Freund, ich werde
Sie nicht wiedersehn.
Ein Traum hat mir den Traum Zerstört,
Ein Traum der bittren Wirklichkeit
Den Traum der Phantasie.
Die Toten schicken solche Träume,
Wenn wir zu viel mit
Und in ihnen leben.
Wie weit darf sie es,
Ohn' uns zu entwurzeln?
Schmerzlicher Zwiespalt des Gefühls!

FRANK
(herzlich)
Ich reise wieder ab.
Sag, willst du mit mir?
Fort aus der Stadt des Todes?

PAUL
Ich wills, ich wills versuchen…

(Frank gibt Brigitta ein Zeichen sich mit ihm zurückzuziehen und Paul allein zu lassen. Allein vor sich hin)

Glück, das mir verblieb,
Lebe wohl, mein treues Lieb.
Leben trennt von Tod,
Grausam Machtgebot.
Harre mein in lichten Höhn,
Hier gibt es kein Auferstehn.

(Er erhebt sich, schliesst mit langsamer Feierlichkeit die zum Zimmer der Toten führende Tür ab, nimmt die sie schmückenden Blumen ab, verhüllt das Bild und nimmt auch hier die Blumen an sich, sie an die Brust drückend. Dann läßt er die Gardine des Fensters herab, ergreift die Tischlampe und schreitet gesenkten Hauptes auf die Ausgangstüre im Hintergrunde zu. Wenn er sie erreicht hat, öffnet und Abschied nehmend zurückblickt, fällt langsam der Vorhang.)
DRITTES BILD


(Die Türe öffnet sich: Marietta erscheint in weißem Morgengewande und verharrt kurze Zeit regungslos auf der obersten Stufe. Dann stürzt sie mit wilder Bewegung vor das Bild, das so unverhüllt ist wie zum Schluß des 1. Bildes)

Erste Szene

MARIETTA
Dich such ich, Bild!
Mit dir hab ich zu reden!
Schön bist du und gleichst mir,
Sag, gleichst du mir noch?
Sag, wo ist deine Macht?
Zum zweitenmal starbst du,
Du stolze Tote, an mir,
An mir der Lebenden
Liebesnacht!
Ihr, die ihr abgeschieden,
Brecht nicht den Frieden,
Drängt nicht ins Leben,
Laßt uns, die wir atmen und leben,
Die wir leiden und streben,
Laßt uns die springenden Bronnen,
Laßt uns die Stürme, Sonnen und Wonnen,
Laßt uns das trunkne Getriebe
Von Lust und von Liebe!

(Es ist hell geworden. Vereinzelte Glockentöne. Aus der Ferne dringt leise in unbestimmten Klängen eine mysteriös - traumhafte Marschweise, dazu der Gesang der Kinder, die sich zum Ausgangspunkt der Prozession begeben.)

KINDER
(draußen)
O süßer Heiland mein,
Einst werd ich um dich sein.
In deiner Liebe Hut
Werd ruhen ich so gut.

MARIETTA
Kinder sinds. Sie sammeln sich
Zur heiligen Prozession
Und rufen mit des Lebens Wort
Mich von der Toten fort.

KINDER
(draußen)
Einst sagst du: komm zu mir
Ins selige Revier,
Zu blühn am Himmelsrain,
Ein leuchtend Blümelein.

MARIETTA
Der Kinder Sang, er schwingt und schwillt,
Bestärkt des Lebens Drang.

Zweite Szene

PAUL
(stürzt verstört herein)
Du hier?

MARIETTA
(die Schmollende spielend)
Als ich erwachte, warst du fort.

PAUL
(düster, den Blick zu Boden gerichtet, von Gewissensangst gequält vor sich hin)
Mich Triebs in die Straßen,
Die Andacht und Gebet erfüllt.

MARIETTA
Und ich hatt Langeweile ohne dich.
Da stieg ich ins untere,
Ins intressantre Stockwerk,
Besuchte deine Tote.

PAUL
(aufschreckend)
Fort von hier! Fort, fort!

MARIETTA
Empfingst du selber mich nicht hier,
Das erste Mal?

PAUL
Ja, damals.

(faßt sie bei der Hand)

Doch heut, komm fort!

MARIETTA
(sich losmachend)
Nein, ich bleib da.
Sehn wir doch auch den Umzug besser hier.

PAUL
Komm, ich beschwöre dich!

MARIETTA
Den kleinsten Wunsch versagst du mir!
Vergißt so rasch du, was du schwurst?

(schmiegt sich schmeichelnd an ihn)

PAUL
O schweig.

(Draußen hat die traumhafte Marschmusik wieder eingesetzt, die das Nahen des Zuges ankündigt. Sie erklingt gedämpft während des Folgenden.)

MARIETTA
(zum Fenster eilend und die Hände zusammen - schlagend)
Die Menschen!
Das ist nicht Brügge heut,
Die tote Stadt.

(will das Fenster öffnen)

Die Menschen!

PAUL
(halt sie zurück)
Was fällt dir ein!
Wenn man dich säh!

MARIETTA
Schon wieder!
Schämst dich noch immer meiner!

(wendet sich erzürnt ab)

PAUL
(nachgebend)
Ich öffne halb, stell dich zur Seite,
Gedeckt durch mich.

MARIETTA
(wirft sich ärgerlich in einen Stuhl)
Nun will ich gar nichts sehn!

PAUL
(beschwichtigend)
Sei klug! Sei gut!

(sich erinnernd)

Doch ich vergaß der Lichter,
Die landesüblich.

(geht in den Hintergrund, öffnet einen Schrank und entnimmt ihm zwei Leuchter mit Wachskerzen, die er anzündet und aufs Fensterbrett stellt.)

MARIETTA
(für sich)
Mein Sehnen, mein Wähnen,
Es träumt sich zurück.
Im Tanze gewann ich,
Verlor ich mein Glück.
Im Tanze am Rhein,
Bei Mondenschein
Gestand mirs aus Blauaug…
Lieb sang er das, mein Pierrot.
Ja, der brennt lichterloh!

PAUL
(sich vom Fenster aus umwendend, wie beschwörend)
Der fromme Zug!

MARIETTA
(ohne hinzublicken)
Laß mich zufrieden!
Behalt sie, deine fromme Maskerade!

(mit den Füßen wippend)

Wie fade!
Bleib du in deiner Loge,
Ich sing mir eins.
Was soll es, daß du ferne bist?
Hab dich ja heut doch noch nicht geküßt.
Diridi, diridi, diridon, Gaston, Gaston!

(springt auf)

Gaston, Gaston! Zu ihm, zu ihm!

PAUL
(sie brutal auf den Sitz niederdrückend)
Du schweigst und bleibst mir, wo du bist!

(Marietta blickt ihn halb überrascht, halb trotzig an und folgt ihm mit den Blicken, während er zum Fenster geht. Von der Straße her dringt dumpfes Geräusch: Die Menschenmenge, die sich angesammelt hat, um die Prozession zu erwarten. Die Marschmusik wird lauter. Der sich nahende Zug bannt Pauls Aufmerksamkeit. Er gibt sich der feinen seelischen Zwiespalt beschwichtigenden frommen Zeremonie hin, so daß er die Anwesenheit Mariettas zu vergessen scheint. Aus der Marschmusik, die immer weiter geht, löst sich der Gesang der Kinder los.)

KINDER
(draußen)
O süßer Heiland mein
Wir, deine Kindelein,
Geleiten treu und gut
Dein kostbar heilig Blut.

PAUL
(beim Fenster)
Die Kinder sinds an der Spitze.
In ihren silbern schimmernden Kleidchen,
Unschuldsvoll, erglänzen sie wie Sterne am Firmament.
Komm und schau!
Statuen jetzt und Kirchenbanner,
Von Mönchen vor sich hergetragen.

PROZESSION
(draußen)
Pange lingua gloriosi,
Corporis mysterium, etc.
Pange lingua, etc.

PAUL
Nun die historische Gruppe!
Patrizier stellen sie dar von Brügge,
In alten Prachtkostümen.
Erwacht sind zum Leben, alle Straßen.

(zu Marietta)

So komm doch, Marietta, komm und schau!

(Marietta verharrt in finsterer Ruhe.)

Ein flutend Meer von goldnen
Meßgewändern!
Und zwischendurch,
Blutstropfen gleich versprengt,
Das Chorhemdrot der Sängerknaben,
Die Weihrauchfässer schwenken,
Den heilgen Duft kredenzen.
Berauschend wogt die farbige Flut.
Und unter schwankem Baldachin
Ein Bischof trägt den goldenen Schrein,
Den goldenen Dom, besetzt mit Edelstein.
Inbrunst ergießt sich durch die Straßen.
Des Glaubens selig süße Frenesie,
Zwingt alles auf die knie!

(neigt sich, unwillkürlich mitgerissen, tief zur Erde. Der Hintergrund des Zimmers wird transparent. Ein gespenstig Traumbild: Der Zug, die Kinder, dann die Kreuzritter die Geistlichkeit und die Chorknaben, wie es Paul beschrieben hat, scheinen im Hintergrunde vorbeizuschreiten)

PROZESSION
(Gemurmel)
Mysterium corporis, corporis, etc.

MARIETTA
(sieht Paul halb ironisch, halb wie mit neuerwachtem Interesse an)
Du bist ja fromm!
Ja wer dich liebt, der muß teilen
Mit Toten und mit Heiligen.

(plötzlich)

Ich aber, Hör mich,
Ich will dich gar nicht, oder ganz!

(umfaßt ihn und zieht ihn vorn Fenster weg)

Geh, laß das Schaugepränge!
Komm, setz dich zu mir.
Dann bin ich wieder gut.
Wie hübsch dir
Die Verklärtheit steht!
Küß mich, mein Junge.

PAUL
(abwehrend)
Nicht jetzt, nicht hier.

MARIETTA
Gerade jetzt, gerade hier.

(Der Marsch setzt voll dräuender Dissonanzen ein. Der Zug erscheint neuerlich im Hintergrunde in rotafflammendem Licht, diesmal in bewegungsloser Erstarrung; alle, wie im Schreiten begriffen, die Körper nach vorwärts geneigt, die Augen drohend auf Paul gerichtet, die Arme gegen ihn erhoben.)

PAUL
(entsetzt auffahrend, taumelt rückwärts)
Der fromme Zug,
Er dringt herein ins Zimmer,
Dringt drohend ins Zimmer,
Furchtbar Gesicht! Furchtbar!
Laß mich, laß mich, laß mich!

MARIETTA
(gereizt)
Du siehst Gespenster.
Das macht der Moder dieses Raums,
Dein dumpfer Aberglaube.

PAUL
(sich fassend)
Aberglaube? Nein, kein Aberglaube!
Mein Glaube ist die Treu,
Mein Glaube ist der Liebe ewge Weih.
Und heilig, heilig dieser Glaube!
Er weiht diesen Raum,
Und erfüllet ihn mit seligem Traum.
Und unsichtbar erbauet
Ragt mir ein Altar,
Vor dem sich niederwirft
Mein Schmerz um die war.

MARIETTA
Und wieder die Tote,
O, wie du mich erniedrigst!
Sie schläft doch und fühlt ja nicht
Untreu, nicht Liebe.
Ich aber lebe, fühle die Kränkung.
Ich gab mich frei dir,
Sie war deine Gattin,
Lebte geborgen,
Ich kam aus der Gosse,
Getreten, gehöhnt!
Und der Erste, der Lieb mich gelehrt,
Er wars, der mich zerstört.
Ich litt, ich stritt, ich wagt, gewann, verlor,
Rang unter Qualen mich empor,
Die Zähne biß im Trotz ich zusammen,
Entwand mich einer Hölle Flammen,
Sprengte kämpfend das verschlossne Tor
Zum Garten jauchzender Lust,
Errang mir an mich selbst den Glauben…
Soll, darf die Tote ihn mir rauben?

PAUL
Rein war sie, rein,
Vergleich dich nicht mit ihr.

MARIETTA
Du Heuchler!
Vor wenig Stunden noch,
Da hast du mein
Laster angebetet
Und ihrer Reinheit nicht gedacht!
Und wenn ich will,
Liegst wieder du zu Füßen mir,
Mir, ja mir, die du unrein schiltst.

PAUL
Verruchte, schweig und geh!

MARIETTA
Gierst nach geschmähter Lüste freier Macht,
Stöhnst nach wild durchraster Liebesnacht,
Und teilst mich mit deinem Freund,
Und mit Pierrot und jedem ersten Besten
Der mir gefällt!

PAUL
(drohend auf sie zu, ihr die Türweisend)
Verworfne, fort von hier.

MARIETTA
Nein!

PAUL
Fort aus dem geweihten Raum!

MARIETTA
Narr!

PAUL
Fort!

MARIETTA
Narr!

PAUL
Hinweg!

MARIETTA
Ihr weichen? Nie!
Zum Kampf mit ihr!

(stürzt leidenschaftlich vor das Bild)

Und offnen Augs, Weib gegen Weib,
Heissatmend Leben gegen Tod!
Bin ich nicht schön,
Strafft Jugend nicht der Glieder Pracht?

(deutet auf das Bild)

Nehm ichs nicht auf mit ihr.

PAUL
Schweige und laß das!

MARIETTA
Bin ich nicht schön
Und macht mich meine Kunst nicht stark?

(greift nach einer der Photographien)

Und hebt sie mich nicht über blasses
Abbild von dem, was war?

PAUL
(entreißt ihr heftig die Photographie)
Laß das und geh!

MARIETTA
(wild)
Wo steckt ihr Zauber
In dieser öden Trödelkammer?
Ich werde mit ihm fertig
Ich schwörs, ich schwörs.

(ihr Bild fällt auf die Kristalltruhe, sie eilt auf diese zu, öffnet sie rasch und zieht die Haarflechte hervor)

Ah, was ist das?

PAUL
(stürzt auf sie zu)
Rühr das nicht an!
Das ist geheiligt!

(Marietta lacht mit jähem Stimmungswechsel schrill auf, läuft vor Paul um den Tisch herum davon, die Flechte in der Hand hoch empohaltend, Paul ihr nach)

MARIETTA
Ihr Haar?
Gewiß, gewiß, ihr Haar!
Laß mich vergleichen,
Tot ists, tot und ohne Glanz.
Ist meins nicht seidiger, nicht weicher?

PAUL
Nimm dich in Acht!
Mein Heiligtum, entweih es nicht!

MARIETTA
(lachend)
Der tote Tand, ein Heiligtum?
Du phantasierst ja!

PAUL
Gib her, gib her,
Das Haar, es wacht und droht.

MARIETTA
(immer lachend)
Du schenkst mir das, nicht wahr?

PAUL
(keuchend)
Das Haar, das Haar,
Der goldne Schatz, den sie mir ließ,
Es wacht in meinem Hause,
Es wacht un rächt!
Nimm dich in Acht!

(Marietta springt katzenartig auf die podiumartige Erhöhung, schlingt sich die Flechte wie eine Kette um den Hals und hält sie mit beiden Händen fest. Beginnt dann hohnlachend zu tanzen.)

MARIETTA
Ich tanz, ich tanz
Die letzte Glut der Liebe,
Den letzten Kuß,
Ich tanz, ich tanz
Des Lebens siegende Macht!

(der eine Zeitlang wie fasziniert, starr zugesehen, erfaßt sie, zerrt sie in den Vordergrund und wirft sie zu Boden)

PAUL
Gib oder stirb!

MARIETTA
Du tust mir weh! Nein! Nein!
Du bist verrückt.

(Paul erdrosselt sie im Ringen mit der Haarflechte. Aufschreiend)

Ah!

(fällt entseelt zurück. Kurze Pause)

PAUL
(starrt entsetzt die Tote an)
Jetzt gleicht sie ihr ganz,
Marie!

(Dunkelheit wie zum Schluß des ersten Bildes. Kurzes Zwischenspiel. Aus dem Dunkel hat zuerst allein die Gestalt Pauls hervorzutreten, der in eben derselben Stellung wie zum Schluß des ersten Bildes zu sehen ist; dann erhellt sich allmählich die ganze Umgebung. Das Zimmer genau wie im ersten Bild.)

Dritte Szene

PAUL
Die Tote, wo, lag sie nicht hier,
Verzerrt, gebrochnen Augs?

(erblickt die Kristalltruhe, die ein Mondstrahl beleuchtet)

Und hier das Haar,
Unangetastet leuchtets wie zuvor,
Wie wird mir, was hab ich erlebt,
Nein, was hab ich geschaut?

BRIGITTA
(öffnet die Tür im Hintergrund und stellt sachte eine brennende Lampe vorn auf den Tisch)
Die Dame von vorher, Herr Paul,
Sie kehrte an der Ecke um.

PAUL
(sie liebevoll anblickend)
Brigitta, du, in alter Lieb und Treu

(tritt herein, in Erscheinung und Haltung genau wie sie zu Ende des 1. Bildes fortging, leicht und liebenswürdig)

MARIETTA
Da bin ich wieder,
Kaum daß ich sie verlassen,
Vergaß den Schirm und meine Rosen.

(lächelnd, mit Beziehung)

Man sollt es für ein Omen nehmen,
Ein Wink, als ob ich bleiben sollte.

(Da Paul stumm und in sich gekehrt bleibt, wendet sie sich nach einer Pause - deutliches pantomimisches Spiel - die Achsel zuckend, mit feinem ironischem Lächeln, kokett den Schirm schwingend und an dem Rosenstrauch riechend, zur Türe. Dort trifft sie mit dem eintretenden Frank zusammen, der sich stumm vor ihr verbeugt. Sie nickt ihm liebenswürdig lächelnd zu. Ab.)

FRANK
Das also war das Wunder?

(auf Paul zu, dessen beide Hände fassend und ihm ins Auge blickend)

Es war das Wunder,
Ich les in deinem Aug,
Ist es nicht mehr.

PAUL
O Freund, ich werde
Sie nicht wiedersehn.
Ein Traum hat mir den Traum Zerstört,
Ein Traum der bittren Wirklichkeit
Den Traum der Phantasie.
Die Toten schicken solche Träume,
Wenn wir zu viel mit
Und in ihnen leben.
Wie weit darf sie es,
Ohn' uns zu entwurzeln?
Schmerzlicher Zwiespalt des Gefühls!

FRANK
(herzlich)
Ich reise wieder ab.
Sag, willst du mit mir?
Fort aus der Stadt des Todes?

PAUL
Ich wills, ich wills versuchen…

(Frank gibt Brigitta ein Zeichen sich mit ihm zurückzuziehen und Paul allein zu lassen. Allein vor sich hin)

Glück, das mir verblieb,
Lebe wohl, mein treues Lieb.
Leben trennt von Tod,
Grausam Machtgebot.
Harre mein in lichten Höhn,
Hier gibt es kein Auferstehn.

(Er erhebt sich, schliesst mit langsamer Feierlichkeit die zum Zimmer der Toten führende Tür ab, nimmt die sie schmückenden Blumen ab, verhüllt das Bild und nimmt auch hier die Blumen an sich, sie an die Brust drückend. Dann läßt er die Gardine des Fensters herab, ergreift die Tischlampe und schreitet gesenkten Hauptes auf die Ausgangstüre im Hintergrunde zu. Wenn er sie erreicht hat, öffnet und Abschied nehmend zurückblickt, fällt langsam der Vorhang.)



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