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Clairon und der Graf deklamieren aus dem Theaterstück des Dichters. Sie lesen aus ihren Rollen. Clairon beginnt

CLAIRON
Ihr geht.
Entliess Euch schon die Macht,
die Euch an meine Spur gebunden,
der Weg, der Euch herangebracht, ist er so leicht zurückgefunden?
Dies Auge, das auf mir geruht
in glückerfülltem, stillen Feuer,
sprüht Blitze schnell vor Übermut
nach unruhvollem Abenteuer!

GRAF
Ich geh.
Doch da ich gehen muss,
den Feind im Streite zu erreichen,
Entbiet' ich Euch zum Abschiedsgruss
der ungeteilten Treue Zeichen:
der Seele Glut zum sichern Pfand,
ein liebend Herz zum Angebinde, -
und wahre Kopf mir nur und Hand,
dass schnell und stark ich überwinde.

CLAIRON
Doch bunte Welt, bewegt und gross,
entrückt Euch abgelebten Zeiten ...

GRAF
0 Göttin, nur in Euren Schoss
wird Kampf und Sieg mich heimgeleiten.

CLAIRON
Wie rasch nach andrem Ihr verlangt!
Begier ist Nahrung dem Vergessen.
Vor dem, wonach Ihr sehnend bangt,
verblasst, was liebend Ihr besessen.

GRAF
Welch Bangen, Sehnen, welch Begehren
Verglimmte nicht im Flammenschein,
den Ihr entfacht!

CLAIRON
Das sollt Ihr schwören,
und lasst des Schwurs mich Zeuge sein!

GRAF
Kein Andres, das mir so im Herzen loht,
Nein, Schöne, nichts auf dieser ganzen Erde,
Kein andres, das ich so wie dich begehrte,
Und käm' von Venus mir ein Angebot.

Dein Auge beut mir himmlisch-süsse Not,
Und wenn ein Aufschlag alle Qual vermehrte,
Ein andrer Wonne mir und Lust gewährte, -
Zwei Schläge sind dann Leben oder Tod.

Und trüg' ich's fünfmalhunderttausend Jahre,
Erhielte ausser dir, du Wunderbare,
Kein andres Wesen über mich Gewalt.

CLAIRON
den Grafen, der sehr in Feuer geraten ist, unterbrechend

Bravo, Bravo! Sie sind wirklich kein Laie. Ich bin fest entschlossen, zu Ihrem theatralischen Talent in nähere Beziehung zu treten.

Sie nimmt das Manuskript und überreicht es in feierlich-zeremonieller Weise dem Direktor

Hier nimm das Drama
und setz es in Szene!
Bestimm unsren Auftritt,
Prüf unsre Geste!
Geleit uns zur Probe
und sei unser Mentor!

DIREKTOR
auf ihren Ton eingehend, bläht sich auf
Der Theatersaal ist hell erleuchtet.
Folgt mir, ihr Freunde!
zum Dichter, der folgen will, mit Grabesstimme
Du bleibst!
Mein Zartgefühl verbietet mir, dem Autor zu erlauben, bei der szenischen Einrichtung seines Stückes zugegen zu sein. Harre und vertraue!

CLAIRON
Schon küsst ihn die Muse!

DIREKTOR
Ungehemmt und ohne Fessel sei das Walten meiner Phantasie!

CLAIRON
Mein lieber La Roche, Du bist ein Genie!
Direktor ab in den Theatersaal, Clairon folgt ihm am Arme des Grafen

GRÄFIN
dem Grafen nachblickend
Ein Philosoph schreitet seiner Bekehrung entgegen.

FLAMAND
Er deklamierte eindringlich und recht natürlich.

GRÄFIN
zum Dichter
Der Liebhaber in Eurem Theaterstück drückt seine Gefühle für die Angebetete wahrhaft erschöpfend aus.

OLIVIER
Der Vortrag des Grafen war eine Improvisation an eine falsche Adresse. Gestattet, dass ich den Missbrauch wende!
Er wendet sich zur Gräfin und rezitiert sein Sonett
Kein andres, das mir so im Herzen loht,
Nein, Schöne, nichts auf dieser ganzen Erde,
Kein andres, das ich so wie dich begehrte,
Und käm' von Venus mir ein Angebot.

GRÄFIN
Eine schnöde Methode, die angeredete Person nach Belieben zu vertauschen!

OLIVIER
fährt fort, ohne sich im Ausdruck unterbrechen zu lassen
Dein Auge beut mir himmlisch-süsse Not,
Und wenn ein Aufschlag alle Qual vermehrte,
Ein andrer Wonne mir und Lust gewährte, -
Zwei Schläge sind dann Leben oder Tod.

Der Musiker geht hier an das Clavecin und beginnt auf diefolgenden Worte die Melodie eines Liedes zu improvisieren

Und trüg' ich's fünfmalhunderttausend Jahre,
Erhielte ausser dir, du Wunderbare,
Kein andres Wesen über mich Gewalt.
Durch neue Adern müsst' mein Blut ich giessen,
In meinen, voll von dir zum Überfliessen,
Fänd' neue Liebe weder Raum noch Halt.

GRÄFIN
Ein schönes Gedicht! Wie eine Feuergarbe schlägt es empor. Doch wie grausam geht Ihr mit ihm um! Ihr gebt es fremden Ohren preis und verlangt, dass ich Zutrauen zu ihm gewinne. Ach! Man sollte Liebesschwüre nicht öffentlich vortragen. Finden Sie nicht auch, Flamand?

FLAMAND
Seine Verse sind von vollendeter Schönheit.
Schon höre ich sie als Musik in mir.
Er eilt ab in den Salon links vorne

OLIVIER
dem Musiker nachrufend
Was tust du, was willst du?


FÜNFTE SZENE

GRÄFIN
Lassen Sie ihn gewähren. Wie Sie sehen, ist auch Musik eine Sache der Inspiration.

OLIVIER
will dem Musiker nacheilen
Mein Sonett, mein schönes Sonett!

GRÄFIN
Stören Sie ihn nicht! Was kann er Böses tun?

OLIVIER
Schrecklich, ich fürchte, er komponiert mich.

GRÄFIN
Ist das so schlimm? Wartet doch ab.

OLIVIER
Neue Entstellung! Er zerstört meine Verse.

GRÄFIN
Vielleicht schenkt er ihnen höheres Leben.

OLIVIER
Mein schönes Gedicht, mit Musik übergossen!

GRÄFIN
So voller Besorgnis um Eure Verse? Jetzt in dem Augenblick, wo wir allein? Habt Ihr mir nichts in Prosa zu sagen?

OLIVIER
Meine Prosa verstummt.
stürmisch auf sie eindringend
Ihr wisst, dass ich glühe -

GRÄFIN
Bedenklicher Zustand! Fasst mich nicht an! Ein wenig Geduld würd' ich herzlich begrüssen.

OLIVIER
Immer Geduld - niemals Erfüllung!

GRÄFIN
ruhig
Hoffnung ist süss, Gewährung vergänglich.

OLIVIER
So darf ich hoffen? Soll nicht fürchten?

GRÄFIN
Jegliches Feuer braucht stete Bewegung, soll es bestehen. Ein Brand ist die Liebe! Ohne Hoffen oder Fürchten erlischt ihr Leben.

OLIVIER
Ihr quält mich, Madeleine! Euer leuchtendes Auge macht mich zum Sklaven nur eines Gedankens: Mit all meinem Fühlen und all meinem Dichten Euer Herz zu erobern!

GRÄFIN
Auch er wirbt da drinnen - seht doch hin - am Schreibtisch … Die Feder fliegt!

OLIVIER
Der Töne Sprache wollt Ihr verstehen?

GRÄFIN
Dunkle Träume wecken sie - unaussprechlich - Ein Meer von Empfindung - beglückend schön!

OLIVIER
Wachen Geistes innre Klarheit - denkt Ihr wirklich davon gering?

GRÄFIN
Die Worte der Dichter schätze ich hoch -, doch sagen sie nicht alles, was tief verborgen.

OLIVIER
Ihr weicht mir aus, bekennt doch offen: eine schlanke Gestalt, ein glattes Gesicht wecken die Sinne und haben den Vorrang vor Geist und Witz!

GRÄFIN
Eine nüchterne Weisheit! Doch Ihr vergesst, dass hier männliche Anmut gepaart mit Talent.

OLIVIER
Ein entwaffnender Einwand. Habt doch Erbarmen!

GRÄFIN
Mit Euch? - Mit ihm? Mit zweien zugleich?

OLIVIER
So krönt den Sieger!

FLAMAND
(mit einem Notenblatt in der Hand hereinstürzend, hat die letzten Worte gehört)
Hier ist er!
setzt sich ans Clavecin

GRÄFIN
Wir hören ...


SECHSTE SZENE

Flamand singt und spielt das soeben von ihm komponierte Sonett

SONETT

FLAMAND
Kein andres, das mir so im Herzen loht,
Nein, Schöne, nichts auf dieser ganzen Erde,
Kein andres, das ich so wie dich begehrte,
Und käm' von Venus mir ein Angebot.

Dein Auge beut mir himmlisch-süsse Not,
Und wenn ein Aufschlag alle Qual vermehrte,
Ein andrer Wonne mir und Lust gewährte
Zwei Schläge sind dann Leben oder Tod.

Und trüg' ich's fünfmalhunderttausend Jahre,
Erhielte ausser dir, du Wunderbare,
Kein andres Wesen über mich Gewalt.

Durch neue Adern müsst' mein Blut ich giessen,
In meinen, voll von dir zum Überfliessen,
Fänd' neue Liebe weder Raum noch Halt.

TERZETT

GRÄFIN
gleichzeitig
Des Dichters Worte, wie leuchten sie klar!

OLIVIER
Ich wusste es ja, er zerstört meine Verse.

GRÄFIN
Doch was er selbst nicht geahnt, der andere vollbringt's. Wo liegt der Ursprung?

OLIVIER
Das schöne Ebenmass ist dahin.

GRÄFIN
Haben ihm die Worte die Melodie vorgesungen? War diese schon harrend bereit, die Worte liebend zu umfangen? Trägt die Sprache schon Gesang in sich, oder lebt der Ton erst getragen
von ihr? Eins ist im andern und will zum andern. Musik weckt Gefühle, die drängen zum Worte. Im Wort lebt ein Sehnen nach Klang und Musik.

OLIVIER
gleichzeitig
Vernichtet der Reim - die Sätze zerstückelt, willkürlich zerlegt in einzelne Silben, in kurz und lang ausgehaltene Töne! Sie nennen es »Phrase«, die Herren Musikanten! Wer achtet nun noch auf den Sinn des Gedichts? Die schmeichelnden Töne, sie triumphieren! Der Glückliche! Auf meiner Worte Stufen steigt er zu leichtem Sieg.

GRÄFIN
zum Dichter
Wie schön die Worte, kaum kenn' ich sie wieder! Wie innig ihr Ausdruck und stürmisch ihr Werben! Nun, Olivier, Sie schweigen - Sie denken?
ruhig
Sind Sie mit meiner Kritik nicht zufrieden?

OLIVIER
Ich überlege, ob das Sonett nun von ihm ist oder von mir. Ist es nun ihm eigen, oder noch mein?

GRÄFIN
Wenn Sie erlauben, gehört es jetzt mir! Als schönes Geschenk des heutigen Tages.

FLAMAND
enthusiastisch
Es ist für ewige Zeit nur für Sie!
Olivier erhebt sich unwillig
Deiner Verse Licht scheint mir heller zu strahlen!

OLIVIER
Du raubst meine Worte und schmeichelst dem Ohr!

GRÄFIN
In edler Melodie der schöne Gedanke - Ich denke, es gibt keinen besseren Bund!
zum Dichter
Wie immer Sie sich auch wehren, lieber Freund:
zu beiden
Unzertrennlich seid Ihr vereint in meinem Sonett!

DIREKTOR
tritt eilig ein
Verzeiht mir, Frau Gräfin, ich muss ihn entführen. Wir brauchen den Autor sogleich auf der Probe - sein Einverständnis zu einer Kürzung.
zum Dichter
Ein genialer Strich aus meiner Feder bringt deinem Stück verblüffende Wirkung!

OLIVIER
La Roche als Chirurg - nun wird's gefährlich!

DIREKTOR
im Abgehen
Das Kind deiner Muse ist wohlgebaut. Nur ein Arm ist zu lang.

OLIVIER
Ich kenn' deinen Vorschlag: Du schneidest ein Stück ab, und die Hand ist weg.
lachend ab mit dem Direktor


SIEBENTE SZENE

FLAMAND
allein mit der Gräfin
Verraten hab' ich meine Gefühle! Von Eurer Schönheit geblendet steh ich vor Euch und erwarte mein Urteil.

GRÄFIN
Ihr beide verwirrt mich, ich zweif le, ich schwanke...

FLAMAND
Entscheidet, entscheidet: Musik oder Dichtkunst? Flamand, Olivier - wem reicht Ihr den Preis?

GRÄFIN
Schon war ich im Bann Eurer holden Töne, sie siegten über das trockene Wort, da erwecket Ihr dieses zu klingendem Leben ... So innig verbunden Eure Künste!

FLAMAND
Ihr selbst seid die Ursache dieser Verstrickung -

GRÄFIN
Alles verwirrt sich -, Worte klingen, Töne sprechen -

FLAMAND
... dass ich Euch liebe! Diese Liebe, plötzlich geboren an jenem Nachmittag, als Ihr eintratet in Eure Bibliothek -Ihr saht mich nicht... Ein Buch nahmt Ihr in Eure schönen Hände. Ich sass versteckt in einem Winkel, lautlos - hielt den Atem an und wagte nicht, mich zu regen. Seite um Seite sah ich Euch lesen ... Dämm'rung brach herein - Verzaubert trank ich Euer Bild und schloss die Augen. - Musik rauschte in mir, unerlöst im Taumel meiner Empfindung. Als ich die Augen aufschlug, wart Ihr verschwunden. - Nur das Buch, in dem Ihr gelesen, lag noch an seinem Platz - aufgeschlagen, wie Ihr es verlassen. Ich nahm es auf und las im Zwielicht: »In der Liebe ist das Schweigen besser als reden. Es gibt eine Beredsamkeit des Schweigens, die durchdringender ist als Worte es sein können. « Pascal Lange blieb ich und spürte noch die Nähe Eurer Gedanken - da wurde es dunkel - ich war allein. - Seit jener Stunde bin ich ein anderer. Ich atme nur noch in Liebe zu Euch!

GRÄFIN
nach einer kleinen Pause
Und jenen Spruch, Ihr beherzigt ihn wenig. Warum nehmt Ihr zu Worten Eure Zuflucht? Ihr borgt von Eurem Freund, vertauscht die Rollen.

FLAMAND
Erklingen hörtet Ihr meine Lieben, doch die Töne, sie fanden den Weg nicht zu Eurem Herzen.

GRÄFIN
Sie erzählten beredsam von Eurem Empfinden.

FLAMAND
So tat ich recht, mein Geständnis zu wagen?

GRÄFIN
»Das Glück der Liebe, die man nicht zu gestehen wagt, hat Dornen, aber auch Süsse. « Pascal

FLAMAND
Ihr zitiert jenes Buch und weicht mir aus. Um Antwort bitt' ich, vernichtende oder beseligende Antwort! Gewährt mir ein Zeichen, ein Wort nur...

GRÄFIN
Nicht jetzt, Flamand, nicht hier!

FLAMAND
Wann?! Wo?!

GRÄFIN
Dort oben, wo Eure Liebe geboren -

FLAMAND
In der Bibliothek, noch heute!

GRÄFIN
Nein, nein, morgen -

FLAMAND
Morgen früh?

GRÄFIN
Morgen mittag um elf.

FLAMAND
Madeleine!
er drückt stürmisch einen Kuss auf ihren Arm und stürzt ab. Die Gräfin bleibt allein zurück, sie ist sichtlich bewegt. Sie blickt Flamand nach und setzt sich nachdenklich in einen Armlehnstuhl. Die Probe im Theatersaal nebenan geht weiter. Man hört Clairon deklamieren, den Grafen antworten, Zwischenrufe des Direktors. Der Souffleur wird angerufen. Er ist eingeschlafen. Heiterkeit. Alles mehr oder weniger undeutlich. - Durch das Gelächter im Theatersaal wird die Gräfin aus ihrer nachdenklichen Stimmung gerissen, sie erhebt sich und klingelt

GRÄFIN
zum eintretenden Haushofmeister
Wir werden die Schokolade hier im Salon einnehmen.
Haushofmeister ab


ACHTE SZENE

Der Graf tritt aus dem Theatersaal sehr lebhaft ein

GRAF
begeistert
Welch' köstliche Begegnung! Sie ist reizend -, bezaubernd!

GRÄFIN
ihn verspottend
»Nur Flücht'ges gefällt mir!«

GRAF
Sie lobte meinen Vortrag, fand für mein Spiel begeisterte Worte.

GRÄFIN
Du fühlst dich bewundert und gibst dich gefangen. Eine süsse Schalmei sind die Worte der Schmeichler. Zu lieben geneigt, die uns bewundern, glauben oft wir zu lieben, die wir bewundern.

GRAF
Ein klarer Geist erkennt und beurteilt den Kreis aller Dinge.

GRÄFIN
Bezahl nicht zu teuer, gescheiter Bruder!

GRAF
So traust du mir zu im Spiel der Gefühle den Kopf zu verlieren?

GRÄFIN
Wenn man verliebt ist, so urteilt das Herz!

GRAF
Torheit wär' es zu widerstehen, wo Geist und Schönheit so strahlend regieren.

GRÄFIN
So huldige der Schönheit, du kennst ihren Wert. Meine Lage ist ernster! Denk nur, schon haben die beiden mir ihre heftige Liebe erklärt.

GRAF
Das wird ja lustig! Was gab den Anlass?

GRÄFIN
Die Huldigung des Dichters.

GRAF
Das Sonett aus dem Drama?

GRÄFIN
Er trug es mir vor.

GRAF
Es bewegte dein Herz?

GRÄFIN
Nicht sehr -

GRAF
So liess es dich kalt?

GRÄFIN
Nicht mehr, hör doch nur, seit er -

GRAF
Wer? Flamand?

GRÄFIN
Seit er's komponiert!

GRAF
Wie? Er hat das Sonett komponiert!

GRÄFIN
Zum Entsetzen des Dichters.

GRAF
Und was sagt Olivier?

GRÄFIN
Er schien verdriesslich, dann wurde er nachdenklich. Er war sichtlich bewegt, verblüfft jedenfalls.

GRAF
in höfisch galantem Ton
Und die beiden vereint -

GRÄFIN
auf seinen Ton eingehend
bestürmen mein Herz!

GRAF
Was soll daraus werden?

GRÄFIN
Vielleicht gar - eine Oper!

GRAF
Eine Oper? Charmant! Meine Schwester als Muse!

GRÄFIN
Erspar dir dein Spotten! Triff du, lieber Bruder, da eine Wahl!

GRAF
Wort oder Ton - Ich bleibe beim Wort.

GRÄFIN
Viel Glück bei Clairon!

GRAF
mit einer galanten Verbeugung
Venus - Minerva in einer Person.


NEUNTE SZENE

Clairon, Direktor und Dichter treten fröhlich gelaunt aus dem Theatersaal auf. - Der Musiker bald darauf von der anderen Seite

DIREKTOR
Wir kehren zurück in die Welt des Salons -

OLIVIER
Die Probe ist aus.

DIREKTOR
Wir wechseln das Zeitalter -

CLAIRON
... verwandeln uns aus sagenhaften Gestalten in Menschen, die nach den Gesetzen des Salons ihre Rollen spielen.

GRAF
zu Clairon
Nicht immer dankbare Rollen!

CLAIRON
Hängt das nicht sehr von den Stichworten ab?

GRÄFIN
Waren Sie mit ihrem Partner zufrieden?

CLAIRON
Er zeigte Esprit und Theatertalent. Denken Sie: Der Souffleur war eingeschlafen -

DIREKTOR
Ein schlechtes Zeichen für dein Drama!

OLIVIER
Dein Souffleur schläft immer!

CLAIRON
... und der Graf deklamierte weiter, voll Bravour und ohne aus seiner Rolle zu fallen. Ein seltener Fall von Geistesgegenwart.

GRAF
zu Clairon
Dürfen wir hoffen, dass Sie den heutigen Abend mit uns verbringen?

CLAIRON
Leider muss ich zurück nach Paris. Morgen ist grosses Fest im Palais Luxemburg. Wir spielen den »Tancred« des Herrn Voltaire. Ich habe noch fleissig zu memorieren. Wie Sie gesehen haben, kann der Souffleur auch einschlafen.

Der Haushofmeister tritt auf mit einigen Dienern. Diese beginnen auf einen Wink der Gräfin
Schokolade zu reichen

GRÄFIN
zu Clairon
Bevor Sie fahren, noch eine kleine Erfrischung.

DIREKTOR
Fast wären wie in einem Ozean von Versen ertrunken! Eine Tasse Schokolade wird uns erquicken. - Und nun, verehrte Frau Gräfin, während wir nach den Anordnungen Ihrer Regie diese Schokolade schlürfen, eine kleine Abwechslung für Auge und Ohr: Eine Tänzerin und zwei italienische Sänger!

GRÄFIN
Wir sind geneigt, uns daran zu erfreuen.
Auf einen Wink des Direktors treten aus dem Theatersaal eine junge Tänzerin und drei Musiker auf. Das Clavecin wird in den Hintergrund gerückt. Die Musiker gruppieren sich mit den Pulten um dasselbe. - Die Gräfin hat sich gesetzt - links vorne. In ihrer Nähe steh der Musiker. Rechts im Vordergrund Clairon. Der Dichter setzt sich alsbald zu ihr. - Die Tänzerin beginnt einen graziösen Tanz, von den Musikern auf der Bühne begleitet. - Während des Tanzes werden von den Dienern unauffällig Erfrischungen gereicht
Clairon und der Graf deklamieren aus dem Theaterstück des Dichters. Sie lesen aus ihren Rollen. Clairon beginnt

CLAIRON
Ihr geht.
Entliess Euch schon die Macht,
die Euch an meine Spur gebunden,
der Weg, der Euch herangebracht, ist er so leicht zurückgefunden?
Dies Auge, das auf mir geruht
in glückerfülltem, stillen Feuer,
sprüht Blitze schnell vor Übermut
nach unruhvollem Abenteuer!

GRAF
Ich geh.
Doch da ich gehen muss,
den Feind im Streite zu erreichen,
Entbiet' ich Euch zum Abschiedsgruss
der ungeteilten Treue Zeichen:
der Seele Glut zum sichern Pfand,
ein liebend Herz zum Angebinde, -
und wahre Kopf mir nur und Hand,
dass schnell und stark ich überwinde.

CLAIRON
Doch bunte Welt, bewegt und gross,
entrückt Euch abgelebten Zeiten ...

GRAF
0 Göttin, nur in Euren Schoss
wird Kampf und Sieg mich heimgeleiten.

CLAIRON
Wie rasch nach andrem Ihr verlangt!
Begier ist Nahrung dem Vergessen.
Vor dem, wonach Ihr sehnend bangt,
verblasst, was liebend Ihr besessen.

GRAF
Welch Bangen, Sehnen, welch Begehren
Verglimmte nicht im Flammenschein,
den Ihr entfacht!

CLAIRON
Das sollt Ihr schwören,
und lasst des Schwurs mich Zeuge sein!

GRAF
Kein Andres, das mir so im Herzen loht,
Nein, Schöne, nichts auf dieser ganzen Erde,
Kein andres, das ich so wie dich begehrte,
Und käm' von Venus mir ein Angebot.

Dein Auge beut mir himmlisch-süsse Not,
Und wenn ein Aufschlag alle Qual vermehrte,
Ein andrer Wonne mir und Lust gewährte, -
Zwei Schläge sind dann Leben oder Tod.

Und trüg' ich's fünfmalhunderttausend Jahre,
Erhielte ausser dir, du Wunderbare,
Kein andres Wesen über mich Gewalt.

CLAIRON
den Grafen, der sehr in Feuer geraten ist, unterbrechend

Bravo, Bravo! Sie sind wirklich kein Laie. Ich bin fest entschlossen, zu Ihrem theatralischen Talent in nähere Beziehung zu treten.

Sie nimmt das Manuskript und überreicht es in feierlich-zeremonieller Weise dem Direktor

Hier nimm das Drama
und setz es in Szene!
Bestimm unsren Auftritt,
Prüf unsre Geste!
Geleit uns zur Probe
und sei unser Mentor!

DIREKTOR
auf ihren Ton eingehend, bläht sich auf
Der Theatersaal ist hell erleuchtet.
Folgt mir, ihr Freunde!
zum Dichter, der folgen will, mit Grabesstimme
Du bleibst!
Mein Zartgefühl verbietet mir, dem Autor zu erlauben, bei der szenischen Einrichtung seines Stückes zugegen zu sein. Harre und vertraue!

CLAIRON
Schon küsst ihn die Muse!

DIREKTOR
Ungehemmt und ohne Fessel sei das Walten meiner Phantasie!

CLAIRON
Mein lieber La Roche, Du bist ein Genie!
Direktor ab in den Theatersaal, Clairon folgt ihm am Arme des Grafen

GRÄFIN
dem Grafen nachblickend
Ein Philosoph schreitet seiner Bekehrung entgegen.

FLAMAND
Er deklamierte eindringlich und recht natürlich.

GRÄFIN
zum Dichter
Der Liebhaber in Eurem Theaterstück drückt seine Gefühle für die Angebetete wahrhaft erschöpfend aus.

OLIVIER
Der Vortrag des Grafen war eine Improvisation an eine falsche Adresse. Gestattet, dass ich den Missbrauch wende!
Er wendet sich zur Gräfin und rezitiert sein Sonett
Kein andres, das mir so im Herzen loht,
Nein, Schöne, nichts auf dieser ganzen Erde,
Kein andres, das ich so wie dich begehrte,
Und käm' von Venus mir ein Angebot.

GRÄFIN
Eine schnöde Methode, die angeredete Person nach Belieben zu vertauschen!

OLIVIER
fährt fort, ohne sich im Ausdruck unterbrechen zu lassen
Dein Auge beut mir himmlisch-süsse Not,
Und wenn ein Aufschlag alle Qual vermehrte,
Ein andrer Wonne mir und Lust gewährte, -
Zwei Schläge sind dann Leben oder Tod.

Der Musiker geht hier an das Clavecin und beginnt auf diefolgenden Worte die Melodie eines Liedes zu improvisieren

Und trüg' ich's fünfmalhunderttausend Jahre,
Erhielte ausser dir, du Wunderbare,
Kein andres Wesen über mich Gewalt.
Durch neue Adern müsst' mein Blut ich giessen,
In meinen, voll von dir zum Überfliessen,
Fänd' neue Liebe weder Raum noch Halt.

GRÄFIN
Ein schönes Gedicht! Wie eine Feuergarbe schlägt es empor. Doch wie grausam geht Ihr mit ihm um! Ihr gebt es fremden Ohren preis und verlangt, dass ich Zutrauen zu ihm gewinne. Ach! Man sollte Liebesschwüre nicht öffentlich vortragen. Finden Sie nicht auch, Flamand?

FLAMAND
Seine Verse sind von vollendeter Schönheit.
Schon höre ich sie als Musik in mir.
Er eilt ab in den Salon links vorne

OLIVIER
dem Musiker nachrufend
Was tust du, was willst du?


FÜNFTE SZENE

GRÄFIN
Lassen Sie ihn gewähren. Wie Sie sehen, ist auch Musik eine Sache der Inspiration.

OLIVIER
will dem Musiker nacheilen
Mein Sonett, mein schönes Sonett!

GRÄFIN
Stören Sie ihn nicht! Was kann er Böses tun?

OLIVIER
Schrecklich, ich fürchte, er komponiert mich.

GRÄFIN
Ist das so schlimm? Wartet doch ab.

OLIVIER
Neue Entstellung! Er zerstört meine Verse.

GRÄFIN
Vielleicht schenkt er ihnen höheres Leben.

OLIVIER
Mein schönes Gedicht, mit Musik übergossen!

GRÄFIN
So voller Besorgnis um Eure Verse? Jetzt in dem Augenblick, wo wir allein? Habt Ihr mir nichts in Prosa zu sagen?

OLIVIER
Meine Prosa verstummt.
stürmisch auf sie eindringend
Ihr wisst, dass ich glühe -

GRÄFIN
Bedenklicher Zustand! Fasst mich nicht an! Ein wenig Geduld würd' ich herzlich begrüssen.

OLIVIER
Immer Geduld - niemals Erfüllung!

GRÄFIN
ruhig
Hoffnung ist süss, Gewährung vergänglich.

OLIVIER
So darf ich hoffen? Soll nicht fürchten?

GRÄFIN
Jegliches Feuer braucht stete Bewegung, soll es bestehen. Ein Brand ist die Liebe! Ohne Hoffen oder Fürchten erlischt ihr Leben.

OLIVIER
Ihr quält mich, Madeleine! Euer leuchtendes Auge macht mich zum Sklaven nur eines Gedankens: Mit all meinem Fühlen und all meinem Dichten Euer Herz zu erobern!

GRÄFIN
Auch er wirbt da drinnen - seht doch hin - am Schreibtisch … Die Feder fliegt!

OLIVIER
Der Töne Sprache wollt Ihr verstehen?

GRÄFIN
Dunkle Träume wecken sie - unaussprechlich - Ein Meer von Empfindung - beglückend schön!

OLIVIER
Wachen Geistes innre Klarheit - denkt Ihr wirklich davon gering?

GRÄFIN
Die Worte der Dichter schätze ich hoch -, doch sagen sie nicht alles, was tief verborgen.

OLIVIER
Ihr weicht mir aus, bekennt doch offen: eine schlanke Gestalt, ein glattes Gesicht wecken die Sinne und haben den Vorrang vor Geist und Witz!

GRÄFIN
Eine nüchterne Weisheit! Doch Ihr vergesst, dass hier männliche Anmut gepaart mit Talent.

OLIVIER
Ein entwaffnender Einwand. Habt doch Erbarmen!

GRÄFIN
Mit Euch? - Mit ihm? Mit zweien zugleich?

OLIVIER
So krönt den Sieger!

FLAMAND
(mit einem Notenblatt in der Hand hereinstürzend, hat die letzten Worte gehört)
Hier ist er!
setzt sich ans Clavecin

GRÄFIN
Wir hören ...


SECHSTE SZENE

Flamand singt und spielt das soeben von ihm komponierte Sonett

SONETT

FLAMAND
Kein andres, das mir so im Herzen loht,
Nein, Schöne, nichts auf dieser ganzen Erde,
Kein andres, das ich so wie dich begehrte,
Und käm' von Venus mir ein Angebot.

Dein Auge beut mir himmlisch-süsse Not,
Und wenn ein Aufschlag alle Qual vermehrte,
Ein andrer Wonne mir und Lust gewährte
Zwei Schläge sind dann Leben oder Tod.

Und trüg' ich's fünfmalhunderttausend Jahre,
Erhielte ausser dir, du Wunderbare,
Kein andres Wesen über mich Gewalt.

Durch neue Adern müsst' mein Blut ich giessen,
In meinen, voll von dir zum Überfliessen,
Fänd' neue Liebe weder Raum noch Halt.

TERZETT

GRÄFIN
gleichzeitig
Des Dichters Worte, wie leuchten sie klar!

OLIVIER
Ich wusste es ja, er zerstört meine Verse.

GRÄFIN
Doch was er selbst nicht geahnt, der andere vollbringt's. Wo liegt der Ursprung?

OLIVIER
Das schöne Ebenmass ist dahin.

GRÄFIN
Haben ihm die Worte die Melodie vorgesungen? War diese schon harrend bereit, die Worte liebend zu umfangen? Trägt die Sprache schon Gesang in sich, oder lebt der Ton erst getragen
von ihr? Eins ist im andern und will zum andern. Musik weckt Gefühle, die drängen zum Worte. Im Wort lebt ein Sehnen nach Klang und Musik.

OLIVIER
gleichzeitig
Vernichtet der Reim - die Sätze zerstückelt, willkürlich zerlegt in einzelne Silben, in kurz und lang ausgehaltene Töne! Sie nennen es »Phrase«, die Herren Musikanten! Wer achtet nun noch auf den Sinn des Gedichts? Die schmeichelnden Töne, sie triumphieren! Der Glückliche! Auf meiner Worte Stufen steigt er zu leichtem Sieg.

GRÄFIN
zum Dichter
Wie schön die Worte, kaum kenn' ich sie wieder! Wie innig ihr Ausdruck und stürmisch ihr Werben! Nun, Olivier, Sie schweigen - Sie denken?
ruhig
Sind Sie mit meiner Kritik nicht zufrieden?

OLIVIER
Ich überlege, ob das Sonett nun von ihm ist oder von mir. Ist es nun ihm eigen, oder noch mein?

GRÄFIN
Wenn Sie erlauben, gehört es jetzt mir! Als schönes Geschenk des heutigen Tages.

FLAMAND
enthusiastisch
Es ist für ewige Zeit nur für Sie!
Olivier erhebt sich unwillig
Deiner Verse Licht scheint mir heller zu strahlen!

OLIVIER
Du raubst meine Worte und schmeichelst dem Ohr!

GRÄFIN
In edler Melodie der schöne Gedanke - Ich denke, es gibt keinen besseren Bund!
zum Dichter
Wie immer Sie sich auch wehren, lieber Freund:
zu beiden
Unzertrennlich seid Ihr vereint in meinem Sonett!

DIREKTOR
tritt eilig ein
Verzeiht mir, Frau Gräfin, ich muss ihn entführen. Wir brauchen den Autor sogleich auf der Probe - sein Einverständnis zu einer Kürzung.
zum Dichter
Ein genialer Strich aus meiner Feder bringt deinem Stück verblüffende Wirkung!

OLIVIER
La Roche als Chirurg - nun wird's gefährlich!

DIREKTOR
im Abgehen
Das Kind deiner Muse ist wohlgebaut. Nur ein Arm ist zu lang.

OLIVIER
Ich kenn' deinen Vorschlag: Du schneidest ein Stück ab, und die Hand ist weg.
lachend ab mit dem Direktor


SIEBENTE SZENE

FLAMAND
allein mit der Gräfin
Verraten hab' ich meine Gefühle! Von Eurer Schönheit geblendet steh ich vor Euch und erwarte mein Urteil.

GRÄFIN
Ihr beide verwirrt mich, ich zweif le, ich schwanke...

FLAMAND
Entscheidet, entscheidet: Musik oder Dichtkunst? Flamand, Olivier - wem reicht Ihr den Preis?

GRÄFIN
Schon war ich im Bann Eurer holden Töne, sie siegten über das trockene Wort, da erwecket Ihr dieses zu klingendem Leben ... So innig verbunden Eure Künste!

FLAMAND
Ihr selbst seid die Ursache dieser Verstrickung -

GRÄFIN
Alles verwirrt sich -, Worte klingen, Töne sprechen -

FLAMAND
... dass ich Euch liebe! Diese Liebe, plötzlich geboren an jenem Nachmittag, als Ihr eintratet in Eure Bibliothek -Ihr saht mich nicht... Ein Buch nahmt Ihr in Eure schönen Hände. Ich sass versteckt in einem Winkel, lautlos - hielt den Atem an und wagte nicht, mich zu regen. Seite um Seite sah ich Euch lesen ... Dämm'rung brach herein - Verzaubert trank ich Euer Bild und schloss die Augen. - Musik rauschte in mir, unerlöst im Taumel meiner Empfindung. Als ich die Augen aufschlug, wart Ihr verschwunden. - Nur das Buch, in dem Ihr gelesen, lag noch an seinem Platz - aufgeschlagen, wie Ihr es verlassen. Ich nahm es auf und las im Zwielicht: »In der Liebe ist das Schweigen besser als reden. Es gibt eine Beredsamkeit des Schweigens, die durchdringender ist als Worte es sein können. « Pascal Lange blieb ich und spürte noch die Nähe Eurer Gedanken - da wurde es dunkel - ich war allein. - Seit jener Stunde bin ich ein anderer. Ich atme nur noch in Liebe zu Euch!

GRÄFIN
nach einer kleinen Pause
Und jenen Spruch, Ihr beherzigt ihn wenig. Warum nehmt Ihr zu Worten Eure Zuflucht? Ihr borgt von Eurem Freund, vertauscht die Rollen.

FLAMAND
Erklingen hörtet Ihr meine Lieben, doch die Töne, sie fanden den Weg nicht zu Eurem Herzen.

GRÄFIN
Sie erzählten beredsam von Eurem Empfinden.

FLAMAND
So tat ich recht, mein Geständnis zu wagen?

GRÄFIN
»Das Glück der Liebe, die man nicht zu gestehen wagt, hat Dornen, aber auch Süsse. « Pascal

FLAMAND
Ihr zitiert jenes Buch und weicht mir aus. Um Antwort bitt' ich, vernichtende oder beseligende Antwort! Gewährt mir ein Zeichen, ein Wort nur...

GRÄFIN
Nicht jetzt, Flamand, nicht hier!

FLAMAND
Wann?! Wo?!

GRÄFIN
Dort oben, wo Eure Liebe geboren -

FLAMAND
In der Bibliothek, noch heute!

GRÄFIN
Nein, nein, morgen -

FLAMAND
Morgen früh?

GRÄFIN
Morgen mittag um elf.

FLAMAND
Madeleine!
er drückt stürmisch einen Kuss auf ihren Arm und stürzt ab. Die Gräfin bleibt allein zurück, sie ist sichtlich bewegt. Sie blickt Flamand nach und setzt sich nachdenklich in einen Armlehnstuhl. Die Probe im Theatersaal nebenan geht weiter. Man hört Clairon deklamieren, den Grafen antworten, Zwischenrufe des Direktors. Der Souffleur wird angerufen. Er ist eingeschlafen. Heiterkeit. Alles mehr oder weniger undeutlich. - Durch das Gelächter im Theatersaal wird die Gräfin aus ihrer nachdenklichen Stimmung gerissen, sie erhebt sich und klingelt

GRÄFIN
zum eintretenden Haushofmeister
Wir werden die Schokolade hier im Salon einnehmen.
Haushofmeister ab


ACHTE SZENE

Der Graf tritt aus dem Theatersaal sehr lebhaft ein

GRAF
begeistert
Welch' köstliche Begegnung! Sie ist reizend -, bezaubernd!

GRÄFIN
ihn verspottend
»Nur Flücht'ges gefällt mir!«

GRAF
Sie lobte meinen Vortrag, fand für mein Spiel begeisterte Worte.

GRÄFIN
Du fühlst dich bewundert und gibst dich gefangen. Eine süsse Schalmei sind die Worte der Schmeichler. Zu lieben geneigt, die uns bewundern, glauben oft wir zu lieben, die wir bewundern.

GRAF
Ein klarer Geist erkennt und beurteilt den Kreis aller Dinge.

GRÄFIN
Bezahl nicht zu teuer, gescheiter Bruder!

GRAF
So traust du mir zu im Spiel der Gefühle den Kopf zu verlieren?

GRÄFIN
Wenn man verliebt ist, so urteilt das Herz!

GRAF
Torheit wär' es zu widerstehen, wo Geist und Schönheit so strahlend regieren.

GRÄFIN
So huldige der Schönheit, du kennst ihren Wert. Meine Lage ist ernster! Denk nur, schon haben die beiden mir ihre heftige Liebe erklärt.

GRAF
Das wird ja lustig! Was gab den Anlass?

GRÄFIN
Die Huldigung des Dichters.

GRAF
Das Sonett aus dem Drama?

GRÄFIN
Er trug es mir vor.

GRAF
Es bewegte dein Herz?

GRÄFIN
Nicht sehr -

GRAF
So liess es dich kalt?

GRÄFIN
Nicht mehr, hör doch nur, seit er -

GRAF
Wer? Flamand?

GRÄFIN
Seit er's komponiert!

GRAF
Wie? Er hat das Sonett komponiert!

GRÄFIN
Zum Entsetzen des Dichters.

GRAF
Und was sagt Olivier?

GRÄFIN
Er schien verdriesslich, dann wurde er nachdenklich. Er war sichtlich bewegt, verblüfft jedenfalls.

GRAF
in höfisch galantem Ton
Und die beiden vereint -

GRÄFIN
auf seinen Ton eingehend
bestürmen mein Herz!

GRAF
Was soll daraus werden?

GRÄFIN
Vielleicht gar - eine Oper!

GRAF
Eine Oper? Charmant! Meine Schwester als Muse!

GRÄFIN
Erspar dir dein Spotten! Triff du, lieber Bruder, da eine Wahl!

GRAF
Wort oder Ton - Ich bleibe beim Wort.

GRÄFIN
Viel Glück bei Clairon!

GRAF
mit einer galanten Verbeugung
Venus - Minerva in einer Person.


NEUNTE SZENE

Clairon, Direktor und Dichter treten fröhlich gelaunt aus dem Theatersaal auf. - Der Musiker bald darauf von der anderen Seite

DIREKTOR
Wir kehren zurück in die Welt des Salons -

OLIVIER
Die Probe ist aus.

DIREKTOR
Wir wechseln das Zeitalter -

CLAIRON
... verwandeln uns aus sagenhaften Gestalten in Menschen, die nach den Gesetzen des Salons ihre Rollen spielen.

GRAF
zu Clairon
Nicht immer dankbare Rollen!

CLAIRON
Hängt das nicht sehr von den Stichworten ab?

GRÄFIN
Waren Sie mit ihrem Partner zufrieden?

CLAIRON
Er zeigte Esprit und Theatertalent. Denken Sie: Der Souffleur war eingeschlafen -

DIREKTOR
Ein schlechtes Zeichen für dein Drama!

OLIVIER
Dein Souffleur schläft immer!

CLAIRON
... und der Graf deklamierte weiter, voll Bravour und ohne aus seiner Rolle zu fallen. Ein seltener Fall von Geistesgegenwart.

GRAF
zu Clairon
Dürfen wir hoffen, dass Sie den heutigen Abend mit uns verbringen?

CLAIRON
Leider muss ich zurück nach Paris. Morgen ist grosses Fest im Palais Luxemburg. Wir spielen den »Tancred« des Herrn Voltaire. Ich habe noch fleissig zu memorieren. Wie Sie gesehen haben, kann der Souffleur auch einschlafen.

Der Haushofmeister tritt auf mit einigen Dienern. Diese beginnen auf einen Wink der Gräfin
Schokolade zu reichen

GRÄFIN
zu Clairon
Bevor Sie fahren, noch eine kleine Erfrischung.

DIREKTOR
Fast wären wie in einem Ozean von Versen ertrunken! Eine Tasse Schokolade wird uns erquicken. - Und nun, verehrte Frau Gräfin, während wir nach den Anordnungen Ihrer Regie diese Schokolade schlürfen, eine kleine Abwechslung für Auge und Ohr: Eine Tänzerin und zwei italienische Sänger!

GRÄFIN
Wir sind geneigt, uns daran zu erfreuen.
Auf einen Wink des Direktors treten aus dem Theatersaal eine junge Tänzerin und drei Musiker auf. Das Clavecin wird in den Hintergrund gerückt. Die Musiker gruppieren sich mit den Pulten um dasselbe. - Die Gräfin hat sich gesetzt - links vorne. In ihrer Nähe steh der Musiker. Rechts im Vordergrund Clairon. Der Dichter setzt sich alsbald zu ihr. - Die Tänzerin beginnt einen graziösen Tanz, von den Musikern auf der Bühne begleitet. - Während des Tanzes werden von den Dienern unauffällig Erfrischungen gereicht


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