オペラ作曲家別索引

オペラ対訳完成

その他対訳完成

対訳一部完成

このサイトについて

アクセス数

  • 今日  -
  • 昨日  -
  • 累計  -

翻訳エンジン


bose_soundlink_color_ii



DIREKTOR
Holà, ihr Streiter in Apoll! Ihr verhöhnt und beschimpft mein festliches Theater?! Was gibt euch ein Recht, so überlieblich zu sprechen und mich zu schmähn, den wissenden Fachmann?! Euch, die ihr noch nichts für das Theater geleistet?! (zu Olivier) Deine Verse in Ehren, - wenn Clairon sie spricht! Aber die magere Handlung deiner Dramen - ihr dramatischer Aufbau? - Sehr bedürftig meiner szenischen Hilfe! (zu Flamand) Deine kleinen Ensembles für Streichinstrumente: - graziöse Kammermusik! Sie entzückt den Salon. Die heutige habe ich leider verschlafen. Elegische Romanzen kannst du wohl singen, aber Musik der Leidenschaften, wie die Bühne sie fordert, sie ist dir bisher noch nicht gelungen! - Nein, nein, euer Veto macht mich nicht erzittern! Was wisst ihr Knaben von meinen Sorgen? Seht hin auf die niederen Possen, an denen unsere Hauptstadt sich ergötzt. Die Grimasse ist ihr Wahrzeichen - die Parodie ihr Element - ihr Inhalt sittenlose Frechheit! Tölpisch und rüde sind ihre Spässe! Die Masken zwar sind gefallen, doch Fratzen seht ihr statt Menschenantlitze! Ihr verachtet dies Treiben, und doch, ihr duldet es! Ihr macht euch schuldig durch euer Schweigen. Nicht gegen mich richtet eure Phalanx! Ich diene den ewigen Gesetzen des Theaters. Ich bewahre das Gute, das wir besitzen, die Kunst unsrer Väter halte ich hoch. Voll Pietät hüte ich das Alte, harre geduldig des fruchtbaren Neuen, erwarte die genialischen Werke unserer Zeit! Wo sind die Werke, die zum Herzen des Volkes sprechen, die seine Seele widerspiegeln? Wo sind Sie? - Ich kann sie nichtfinden, so sehr ich auch suche. Nur blasse Ästheten blicken mich an: sie verspotten das Alte und schaffen nichts Neues! In ihren Dramen stolzieren papierne Helden, zücken die Schwerter und schwingen Tiraden, die wir längst schon kennen. In der Oper das gleiche: Greise Priester und griechische Könige aus grauer Vorzeit, Druiden, Propheten schreiten gleich Scheinen aus den Kulissen. - Ich will meine Bühne mit Menschen bevölkern! Mit Menschen, die uns gleichen, die unsere Sprache sprechen! Ihre Leiden sollen uns rühren und ihre Freuden uns tief bewegen! Auf! Erhebt euch und schafft die Werke, die ich suche! Kraftvoll führ auf meiner Bühne ich sie zum stolzen Erfolg. Schärft euren Witz, gebt dem Theater neue Gesetze -neuen Inhalt!! Wo nicht - so lasst mich in Frieden mit eurer Kritik. Heute im Zenith meiner ruhmreichen Lauf bahn darf ich es wagen, von mir zu sprechen, - von mir, dem Entdecker grosser Talente - dem weisen Erzieher, dem Inspirator! Ohne meinesgleichen, wo wäre das Theater? Ohne meinen kühnen Wagemut und schliesslich - ohne meine hilfreiche Hand? Ein Vorschuss im richtigen Augenblick kann aus tiefster Depression erheben und die entschwundene Tatkraft wieder erwecken. Ein Beispiel für viele: der berühmte Lekain, einst ein lebensmüder Statist, heute ein Führer des »Palais Royal«, ist mein Werk, ging durch mich seinen Weg. Gebt euch geschlagen, ihr Schwärmer, ihr Träumer! Achtet die Würde meiner Bühne! Meine Ziele sind lauter, unauslöschlich meine Verdienstel Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte! »Sicitur ad astra!« Auf meinem Grabstein werdet Ihr die Inschrift lesen: »Hier ruht La Roche, der unvergessliche, der unsterbliche Theaterdirektor. Der Freund der heitren Muse, der Förderer der ernsten Kunst. Der Bühne ein Vater, den Künstlern ein Schutzgeist. Die Götter haben ihn geliebt, die Menschen haben ihn bewundert! « - Amen.
Stürmischer Applaus

CLAIRON
läuft auf den Direktor zu und drückt ihm begeistert einen Kuss auf die Wange
La Roche, du bist gross, du bist monumental!

OLIVIER und FLAMAND

A - men, A - men!

DIE ITALIENISCHE SÄNGERIN
leicht angeheitert vom vielen Portweintrinken, schluchzt laut auf
Hu! Hu!

DER TENOR
Che cosa c'è? Non è mica morto!
ärgerlich
Mach doch hier keine Szene!
Er führt die laut weinende Sängerin in den Theatersaal ab

GRAF
Bravissimo! Bravissimo!

GRÄFIN
tritt in die Mitte
Ihr hörtet die mahnende Stimme unseres Freundes! Sie soll nicht verklingen, beherzigt sein Wort. Stellt ihm die Aufgabe, die er verlangt, damit seine Kunst der euren dient. Schafft gemeinsam ein Werk für unser Fest!

GRAF
zu Clairon
Schauder erfasst mich, sie bestellt eine Oper!

GRÄFIN
fortfahrend
In scharfem Disput habt ihr ei-ich bekämpft, vergeblich versucht, euch zu widerlegen. Verlasst die Irrwege des Denkens! Fühlt es mit mir, dass allen Künsten nur eine Heimat eigen ist: Unser nach Schönheit dürstendes Herz! Ein zarter Keim ist heute entsprossen - ich sehe ihn wachsen zum starken Baum, sein Blütenmeer Über uns ergiessend!

CLAIRON
fährt Dichter und Musikerfeierlich vor die Gräfin. Mit theatralischem Pathos
Die Göttin Harmonie steigt züi uns hernieder. Einigt euch, ihr Kunste, sie wUrdig zu empfangen!

GRÄFIN
zum Musiker
Der süssen Regung, die Apoll in Euch getragen, auf Olivier deutend schenke der Dichter den edlen Gedanken! zum Dichter) Was herrlich begonnen der dichtende Geist, (auf Flamand deutend) die Macht der Töne soll es verklären! auf den Direktor deutend Auf seiner Bühne gewinn' es Gestalt, in Anmut und Würde die Herzen zu rühren. (zu allen dreien) Der schöne Bund vereint alle Künste, sie neigen sich liebend zueinander, bereiten sich freudig züi festlichem Spiel!

OLIVIER
Welch reine Melodien bezaubern unser Ohr.

FLAMAND
Was hebt sich göttergleich aus hohen Wolkengründen?

FLAMAND und OLIVIER
Die Göttin Harmonie, sie stieg zu uns hernieder! Wir wollen huldigend ihr entgegentreten und rauschend grüssen ihre Erdenfahrt.

CLAIRON
Welch ungeahntes Glück lenkt hierher ihren Schritt? Die hohe Göttin selbst bemüht sich, euren Streit zu schlichten!

DIREKTOR
Wer könnte ihrem Walten sich entziehen?

FLAMAND und OLIVIER
Zu Ende sei der unfruchtbare Kampf!

DIREKTOR
Sie schreite uns voran auf unsrem Weg.

CLAIRON
Sie soll euch begleiten auf euren Wegen und nimmer scheiden aus eurem Kreis!

FLAMAND, OLIVIER, DIREKTOR
Wir wollen vergessen, was uns entzweite, versöhnt beginnen das befohl'ne Werk.

GRAF
Das ist mehr als eine Versöhnung, das ist eine Verschwörung! Und ich bin das Opfer - meine Ahnung erfüllt sich.

GRÄFIN
Eine neue Oper wird uns geschenkt, du kannst es nicht hindern. Ertrag' dein Geschick als Philosoph!

GRAF
Was bleibt mir übrig, als mich zu fügen!
Das Unvermeidliche nimmt seinen Lanf, eine
Oper bricht liber mich herein!

CLAIRON
zum Grafen Ihre Stossseufzer verhallen ohne jede merkliche Wirkung.

GRÄFIN
zur Clairon
Mein Bruder ist nicht sehr musikalisch. Er hat eine Vorliebe für Einzugsmärsche und betrachtet in der Oper die Komponisten als »Wortmörder«.

CLAIRON
Vielleicht hat er recht.

DIREKTOR
Nun gleich an die Arbeit, wir wollen keine Zeit verlieren. (zum Musiker) Der Arie ihr Recht! Auf die Sänger nimm Rücksicht -nicht züi laut das Orchester! Im grossen Ballett, da tobe dich aus.

OLIVIER
ironisch
Schon öffnet er wieder den Schrein seiner reichen Erfahrung.

DIREKTOR
zum Dichter Die Szene der Primadonna nicht zu Anfang des Stückes. Verständliche Verse, (zum Musiker) und oft wiederholt, dann hast du die Chance, dass man sie versteht.

FLAMAND
Lass deine ehrwürd'gen Regeln beiseite. Neue Wege wollen wir suchen!

DIREKTOR
Macht euch nicht wichtig! In meiner Hand ruht schliesslich euer Erfolg. Gleichviel - wir wollen die Arbeit redlich teilen.zum Dichter Bei dir liegt der Anfang, liberlege den Stoff!

OLIVIER
zur Gräfin Wie würde Euch »Ariadne auf Naxos« gefallen?

FLAMAND
Schon zu oft komponiert.

DIREKTOR
Die bekannte Gelegenheit züi sehr vielen, langen Trauerarien.

FLAMAND
Mich würde »Daphne« weit mehr interessieren.

OLIVIER
Eine verlockende Fabel, doch äusserst schwierig darzustellen: Daphnes Verwandlung zum ewigen Baum des Gottes Apollo -

FLAMAND
Das Wunder der Töne kann sie gestalten!

GRÄFIN
Ein schöner Stoff, ich lieb' ihn ganz besonders.

DIREKTOR
Schon wieder Nymphen und Schäfer, Götter und Griechen! Ihr wart doch selbst gegen die Mythologie.

GRAF
Alltägliche Dinge - - - Es fehlte nur noch der
Trojanische Krieg!

DIREKTOR
Auch Ägypter und Juden, Perser und Römer haben wir genug in unseren Opern. Wählt doch einen Vorwurf, der Konflikte schildert, die auch uns bewegen.

GRAF
Ich wüsste ein äusserst fesselndes Thema! Schreibt eine Oper, wie er sie sich wünscht. Schildert Konflikte, die uns bewegen. Schildert euch selbst! Die Ereignisse des heutigen Tages - was wir alle erlebt - dichtet und komponiert es als Oper!

DIREKTOR
sprachlos
Ha!

OLIVIER
sehr Überrascht
Ein verblüffender Einfall -

FLAMAND
 - das ist nicht zu leugnen.

GRAF
Das wäre ein Thema, das auch uns interessierte!

GRÄFIN
Ein entzückender Vorschlag!

CLAIRON
Wir fallen aus einer überraschenden Situation in die andere.

DIREKTOR
Ein wahres Problem, so etwas aufzuführen.

OLIVIER
Überlegend
Wenig Handlung...

GRAF
Zeigt uns, dass ihr etwas Apartes schaffen könnt.

FLAMAND
Für Musik ist gesorgt.

GRAF
Wir sind die Personen eurer Oper. Wir alle spielen mit in eurem Stück.

GRÄFIN
Wird das nun eine heitere Oper?

DIREKTOR
einwerfend
Ich sehe mich schon als Bassbuffo umherirren!

GRAF
der Gräfin antwortend
Jedenfalls eine Oper ohne »Helden«!

DIREKTOR
Wer ist der Liebhaber?

CLAIRON
Ich glaube, es gibt nur wenige Personen, die es nicht sind.

OLIVIER
zum Musiker
Und wen wählst du von uns zum Tenor?

GRAF
Verratet nicht zu früh die Geheimnisse eurer Werkstatt.

CLAIRON
Sehr fein pariert! Ich gratuliere, Herr Graf. Sie stellen den dreien eine schwierige Aufgabe!

GRÄFIN
Ein wenig boshaft ist dein Vorschlag.

OLIVIER
Der Einfall ist köstlich, was sagst du, La Roche?
Da hat wieder einmal ein blindes Huhn - -

DIREKTOR
ein Ei gelegt!

OLIVIER
Wieso?

DIREKTOR
Warum nicht!

GRÄFIN
Sie scheinen mir ganz bestürzt, La Roche!

DIREKTOR
Diesen Vorschlag hätte ich allerdings nicht erwartet!

GRÄFIN
Finden Sie ihn schlecht?

DIREKTOR
Nein, nein, aber bedenken Sie, Frau Gräfin - - Ich fürchte, das Ganze wird eine einzige grosse Indiskretion!

GRÄFIN
Es wird von eurem Geschmack abhängen, sie graziös auf die Bühne zu bringen.

LAIRON
Nur indiskrete Theaterstücke haben Erfolg!

OLIVIER
Ich finde den Einfall ganz ausgezeichnet und werde sogleich das Szenarium entwerfen.

CLAIRON
Es ist spät geworden, ich muss nach Paris.

DIREKTOR
Auch wir müssen aufbrechen
zum Dichter und Musiker
Ihr fahrt doch mit mir?

GRÄFIN
zu Clairon
Wir haben Sie hier allzu lange festgehalten.

CLAIRON
Oh - in Ihrem Salon vergehen die Stunden, ohne dass die Zeit älter wird. Frau Gräfin!

GRÄFIN
Mademoiselle Clairon! Adieu La Roche! Schreiben Sie mir eine gute Rolle, Olivier! Auf Wiedersehen, Flamand!

FLAMAND
Auf Wiedersehen!
Die Gräfin geht ab. Dichter und Musikerfolgen ihr bis zur Tür und blicken ihr nach


ZEHNTE SZENE

DIREKTOR
hat die beiden italienischen Sänger aus dem Theatersaal geholt und bringt sie zum Ausgang durch die Galerie im Hintergrunde links
Gut in eure Mäntel gehüllt, damit ihr euch auf der Fahrt nicht erkältet.
Der Sänger will ihm etwas sagen
Ja, ja, euer Vorschuss - er ist morgen bereit.

GRAF
zu einem Diener
Ist angespannt?

DIENER
Zu dienen. Vier Pferde.

CLAIRON
den Arm des Grafen nehmend
Ich hätte wenigstens sechs erwartet.
Beide gehen lebhaft ab

FLAMAND
zum Dichter
Prima le parole, dopo la musica. Dem Worte der Vorrang!

OLIVIER
Nein, der Musik, - doch geboren aus dem Wort.

FLAMAND
halb für sich
Prima la musica -
zum Dichter, mit Beziehung auf die Gräfin
Sie hat entschieden!
Geht ab. Der Theaterdirektor tritt auf

DIREKTOR
Kommt, kommt, lasst mich nicht warten.

OLIVIER
Ja - für das Wort! Prima le parole.

DIREKTOR
Trennt euch doch endlich vom heutigen Tag! Auf der Fahrt können wir noch manches für unsere Oper besprechen.
zum Dichter
Vergiss nicht meine Hauptszene in deinem Szenarium: wie ich im Theatersaal die Probe leite. Ein Marschall der Bühne! Sie kann zum Höhepunkt deines Stückes werden. Und vor allem: Sorge für gute Abgänge in meiner Rolle! Du weisst, der wirkungsvolle Abgang - ein entscheidendes Moment!


ELFTE SZENE

Acht Diener treten auf. Sie beginnen den Salon aufzuräumen

DIE DIENER
Das war ein schöner Lärm - und alle durcheinander!

1.DIENER
Die Italienerin hat einen gesunden Appetit, von der Torte ist nichts mehr übrig.

2. DIENER
Was wollte der Direktor mit seiner langen Rede?

3.DIENER
Er sprach sogar griechisch!

4. DIENER
Ich habe nichts verstanden.

5. DIENER
Es handelt sich um Reformen bei den Schaustücken, die er noch vor seinem Tod einführen will.

6. DIENER
Ich vermute, sie wollen jetzt auch Domestiken in den Opern auftreten lassen.

ALLE
Die ganze Welt ist närrisch, alles spielt Theater. Uns machen sie nichts vor, wir sehen hinter die Kulissen. Dort sieht die Sache ganz anders aus. Der Graf sucht ein zärtliches Abenteuer, die Gräfin ist verliebt und weiss nicht in wen.

1. DIENER
Vielleicht in alle beide ...

2. DIENER
Um sich darüber klar zu werden, lässt sie sich eine Oper schreiben.

4. DIENER
Wie kann man aus einer Oper klug werden?

5.DIENER
Verworrenes Zeug!

1.DIENER
Man singt, damit man den Text nicht versteht.

4. DIENER
Das ist auch sehr notwendig, sonst zerbricht man sich über den verworrenen Inhalt den Kopf.

5. DIENER
Lass dein vorlautes Geschwätz!

3. DIENER
Ich lob' mir die Seiltänzer und ihre Spektakels. Ihre Truppe ist vom König privilegiert. Ich habe sie in Versailles gesehen.

4. DIENER
Ich auch! Grossartig, sage ich euch. Und nachher das grausige Stück: Coriolan, der die eigene Tochter ersticht!

.2. DIENER
Mir sind die Marionetten lieber.

3. DIENER
Der Arlecchino ist noch lustiger!

1.DIENER
Wollen wir am Geburtstag unserer Gräfin nicht auch etwas Lustiges spielen? So eine Geschichte mit Masken? Ich kenne den Brighella von der italienischen Truppe, der hilft uns sicher.

5.DIENER
Seid still, der Maître kommt.

HAUSHOFMEISTER
tritt ein
Macht schnell hier fertig, dann richtet alles zum Souper! Nachher seid ihr frei.

ALLE DIENER
Welch Vergnügen, ein Abend ohne Gäste! Nun in die Küche, zu sehen, was es gibt. Das Souper steht bevor und nachher sind wir frei! Gloria! Gloria! Welch Vergnügen, ein Abend ohne Gäste! Der Graf sucht ein zärtliches Abenteuer, die Gräfin ist verliebt und weiss nicht in wen ...

Die Diener sind in heiterer Stimmung abgegan-gen. Es ist dunkel geworden. Der Haushofmeister beschäftigt sich damit, einen Armleuchter anzuzünden. Als auch er abgehen will, hört man aus dem Theatersaal lebhaftes Gepolter u nd eine ängstliche Stimme » Herr Direktor! Herr Direktor!« rufen


ZWÖLFTE SZENE

MONSIEUR TAUPE
rufend
Herr Direktor ...

HAUSHOFMEISTER
Wo kommen Sie her? Wer sind Sie?

MONSIEUR TAUPE
Erschrecken Sie nicht! Woher sollten Sie mich auch kennen? Ich bewege mich selten auf der Erdoberfläche.

HAUSHOFMEISTER
Was wollen Sie damit sagen?

MONSIEUR TAUPE
Ich verbringe -mein Leben unter der Erde. Unsichtbar -

HAUSHOFMEISTER
Für mich sind Sie aber sehr sichtbar.

MONSIEUR TAUPE
Ich bin der unsichtbare Herrscher einer magischen Welt.

HAUSHOFMEISTER
Wieso kommen Sie dort aus dem finsteren Saal ?

MONSIEUR TAUPE
Ich war eingeschlafen. Sie haben mich da drin vergessen.

HAUSHOFMEISTER
Wollen Sie mir nicht endlich sagen, wer Sie sind?

MONSIEUR TAUPE
Ich bin der Souffleur - man nennt mich Monsieur Taupe.

HAUSHOFMEISTER
Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen, Monsieur Taupe, und Sie in unserer wirklichen Welt begrüssen zu dürfen.

MONSIEUR TAUPE
müde
Nur ein Besuch, Herr, - ein kurzer Besuch. Machen Sie kein Aufhebens davon.

HAUSHOFMEISTER
Sie sind ein merkwürdiger Mann - und wie mir scheint, von einiger Wichtigkeit.

MONSIEUR TAUPE
Schon gut, schon gut. - Sie haben recht. Erst wenn ich in meinem Kasten sitze, beginnt das Weltenrad der Bühne sich zu drehen!

HAUSHOFMEISTER
Sie setzen also sozusagen - es in Bewegung?

MONSIEUR TAUPE
Die tiefen Gedanken unserer Dichter, ich flüstere sie leise vor mich hin - und alles beginnt zu leben. Unheimlich-schattenhaft spiegelt sich vor mir die Wirklichkeit. - Mein eigenes Flüstern schläfert mich ein.
bedeutungsvoll
Wenn ich schlafe, werde ich zum Ereignis! Die Schauspieler sprechen nicht weiter - das Publikum erwacht!

HAUSHOFMEISTER
Ha! Ha! Gut gesagt, gut gesagt!

MONSIEUR TAUPE
Nur mein Schlaf rettet mich vor Vergessenheit.

HAUSHOFMEISTER
Diesmal hat man sie aber doch vergessen.

MONSIEUR TAUPE
Wie schlecht man mich behandelt!

HAUSHOFMEISTER
Dies Los teilen Sie mit allen Herrschern!

MONSIEUR TAUPE
Sie liessen mich im Stich und sind davon gefahren. Wie soll ich jetzt nach Paris zurückkommen?

HAUSHOFMEISTER
Zu Fuss ist es zu weit. Kommen Sie mit in die Anrichte, stärken Sie sich ein wenig. Ich werde inzwischen einen Wagen anspannen lassen.

MONSIEUR TAUPE
Sie sind sehr gütig!

HAUSHOFIMEISTER
Folgen Sie mir!

MONSIEUR TAUPE
Ist das nun alles ein Traum! - Oder bin ich schon wach? ...
Er schüttelt den Kopf, gähnt und folgt dem Haus-hofmeister nach


LETZTE SZENE

Die Bühne bleibt eine Zeit lang leer. Der Salon liegt im Dunkeln. Mondlicht auf der Terrasse. Die Gräfin tritt auf, in grosser Abendtoilette und tritt hinaus auf die Terrasse. Orchester-Zwischenspiel. Nach einiger Zeit tritt der Haushofmeister auf und entzündet die Lichter im Salon. Der Salon ist alsbald hell erleuchtet

GRÄFIN
Wo ist mein Bruder?

HAUSHOFMEISTER
Der Herr Graf hat Madeirnoiselle Clairon nach Paris begleitet. Er lässt sich für heute abend entschuldigen.

GRÄFIN
So werde ich allein soupieren. - Ein beneidenswertes Naturell! Das Flüchtige lockt ihn. Wie sagte er heute? »Heiter entscheiden - sorglos besitzen. Glück des Augenblicks - Weisheit des Lebens!« Ach! Wie einfach!
zum Haushofmeister
Was noch?

HAUSHOFMEISTER
Herr Olivier wird morgen nach dem Frühstück seine Aufwartung machen, um von Fran Gräfin den Schluss der Oper zu erfahren.

GRÄFIN
Den Schluss der Oper? Wann will er kommen?

HAUSHOFMEISTER
Er wird in der Bibliothek warten.

GRÄFIN
In der Bibliothek? Wann?

HAUSHOFMEISTER
Morgen mittag um elf.
geht mit einer Verbeugung ab

GRÄFIN
Morgen mittag um elf! Es ist ein Verhängnis. Seit dem Sonett sind sie unzertrennlich. Flamand wird ein wenig enttäuscht sein, statt meiner Ilerrn Olivier in der Bibliothek zu finden. Und ich? Den Schluss der Oper soll ich bestimmen, soll -wählen - entscheiden? Sind es die Worte, die mein Herz bewegen, oder sind es die Töne, die stärker sprechen -
Sie nimmt das Sonett zur Hand, setzt sich an die Harfe und beginnt, sich selbst begleitend, das Sonett zu singen

Kein andres, das mir so im Herzen loht,
Nein Schöne, nichts auf dieser ganzen Erde,
Kein andres, das ich so wie dich begehrte,
Und käm' von Venus mir ein Angebot.

Dein Auge beut mir himmlisch-süsse Not,
Und wenn ein Aufschlag alle Qual vermehrte,
Ein andrer Wonne mir und Lust gewährte,
Zwei Schläge sind dann Leben oder Tod.
sich unterbrechend

Vergebliches Müh'n, die beiden zu trennen. In eins verschmolzen sind Worte und Töne - zu einem Neuen verbunden. Geheimnis der Stunde. Eine Kunst durch die andere erlöst!

Und trüg' ich's fünfmalhunderttausend Jahre,
Erhielte ausser dir ' du Wunderbare,
Kein andres Wesen über mich Gewalt.

Durch neue Adern müsst' mein Blut ich giessen,
In meinen, voll von dir zum Überfliessen,
Fänd' neue Liebe weder Raum noch Halt.

Sie erhebt sich und geht leidenschaftlich bewegt auf die andere Seite der Bühne

Ihre Liebe schlägt mir entgegen, zart gewoben aus Versen und Klängen. Soll ich dieses Gewebe zerreissen? Bin ich nicht selbst in ihm schon verschlungen? Entscheiden für einen? Für Flamand, die grosse Seele mit den schönen Augen - Für Olivier, den starken Geist, den leidenschaftlichen Mann? -
Sie sieht sich plötzlich im Spiegel
Nun, liebe Madeleine, was sagt deinHerz? Du wirst geliebt und kannst dich nicht schenken. Du fandest es süss, schwach zu sein, - Du wolltest mit der Liebe paktieren, nun stehst du selbst in Flammen und kannst dich nicht retten! Wählst du den einen - verlierst du den andern! Verliert man nicht immer, wenn man gewinnt?
zu ihrem Spiegelbild
Ein wenig ironisch blickst du zurück? Ich will eine Antwort und nicht deinen prüfenden Blick! Du schweigst? - O, Madeleinel Madeleine! Willst du zwischen zwei Feuern verbrennen? Du Spiegelbild der verliebten Madeleine, kannst du mir raten, kannst du mir helfen den Schluss zu finden für ihre Oper? Gibt es einen, der nicht trivial ist? -

HAUSHOFMEISTER
Frau Gräfin, das Souper ist serviert.

Die Gräfin blickt lächelnd ihr Spiegelbild an und verabschiedet sich von diesem graziös mit einem tiefen Knix. - Dann geht sie in heiterster Laune, die Melodie des Sonetts summend, an dem Haushofmeister vorbei langsam in den Speisesaal
DIREKTOR
Holà, ihr Streiter in Apoll! Ihr verhöhnt und beschimpft mein festliches Theater?! Was gibt euch ein Recht, so überlieblich zu sprechen und mich zu schmähn, den wissenden Fachmann?! Euch, die ihr noch nichts für das Theater geleistet?! (zu Olivier) Deine Verse in Ehren, - wenn Clairon sie spricht! Aber die magere Handlung deiner Dramen - ihr dramatischer Aufbau? - Sehr bedürftig meiner szenischen Hilfe! (zu Flamand) Deine kleinen Ensembles für Streichinstrumente: - graziöse Kammermusik! Sie entzückt den Salon. Die heutige habe ich leider verschlafen. Elegische Romanzen kannst du wohl singen, aber Musik der Leidenschaften, wie die Bühne sie fordert, sie ist dir bisher noch nicht gelungen! - Nein, nein, euer Veto macht mich nicht erzittern! Was wisst ihr Knaben von meinen Sorgen? Seht hin auf die niederen Possen, an denen unsere Hauptstadt sich ergötzt. Die Grimasse ist ihr Wahrzeichen - die Parodie ihr Element - ihr Inhalt sittenlose Frechheit! Tölpisch und rüde sind ihre Spässe! Die Masken zwar sind gefallen, doch Fratzen seht ihr statt Menschenantlitze! Ihr verachtet dies Treiben, und doch, ihr duldet es! Ihr macht euch schuldig durch euer Schweigen. Nicht gegen mich richtet eure Phalanx! Ich diene den ewigen Gesetzen des Theaters. Ich bewahre das Gute, das wir besitzen, die Kunst unsrer Väter halte ich hoch. Voll Pietät hüte ich das Alte, harre geduldig des fruchtbaren Neuen, erwarte die genialischen Werke unserer Zeit! Wo sind die Werke, die zum Herzen des Volkes sprechen, die seine Seele widerspiegeln? Wo sind Sie? - Ich kann sie nichtfinden, so sehr ich auch suche. Nur blasse Ästheten blicken mich an: sie verspotten das Alte und schaffen nichts Neues! In ihren Dramen stolzieren papierne Helden, zücken die Schwerter und schwingen Tiraden, die wir längst schon kennen. In der Oper das gleiche: Greise Priester und griechische Könige aus grauer Vorzeit, Druiden, Propheten schreiten gleich Scheinen aus den Kulissen. - Ich will meine Bühne mit Menschen bevölkern! Mit Menschen, die uns gleichen, die unsere Sprache sprechen! Ihre Leiden sollen uns rühren und ihre Freuden uns tief bewegen! Auf! Erhebt euch und schafft die Werke, die ich suche! Kraftvoll führ auf meiner Bühne ich sie zum stolzen Erfolg. Schärft euren Witz, gebt dem Theater neue Gesetze -neuen Inhalt!! Wo nicht - so lasst mich in Frieden mit eurer Kritik. Heute im Zenith meiner ruhmreichen Lauf bahn darf ich es wagen, von mir zu sprechen, - von mir, dem Entdecker grosser Talente - dem weisen Erzieher, dem Inspirator! Ohne meinesgleichen, wo wäre das Theater? Ohne meinen kühnen Wagemut und schliesslich - ohne meine hilfreiche Hand? Ein Vorschuss im richtigen Augenblick kann aus tiefster Depression erheben und die entschwundene Tatkraft wieder erwecken. Ein Beispiel für viele: der berühmte Lekain, einst ein lebensmüder Statist, heute ein Führer des »Palais Royal«, ist mein Werk, ging durch mich seinen Weg. Gebt euch geschlagen, ihr Schwärmer, ihr Träumer! Achtet die Würde meiner Bühne! Meine Ziele sind lauter, unauslöschlich meine Verdienstel Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte! »Sicitur ad astra!« Auf meinem Grabstein werdet Ihr die Inschrift lesen: »Hier ruht La Roche, der unvergessliche, der unsterbliche Theaterdirektor. Der Freund der heitren Muse, der Förderer der ernsten Kunst. Der Bühne ein Vater, den Künstlern ein Schutzgeist. Die Götter haben ihn geliebt, die Menschen haben ihn bewundert! « - Amen.
Stürmischer Applaus

CLAIRON
läuft auf den Direktor zu und drückt ihm begeistert einen Kuss auf die Wange
La Roche, du bist gross, du bist monumental!

OLIVIER und FLAMAND

A - men, A - men!

DIE ITALIENISCHE SÄNGERIN
leicht angeheitert vom vielen Portweintrinken, schluchzt laut auf
Hu! Hu!

DER TENOR
Che cosa c'è? Non è mica morto!
ärgerlich
Mach doch hier keine Szene!
Er führt die laut weinende Sängerin in den Theatersaal ab

GRAF
Bravissimo! Bravissimo!

GRÄFIN
tritt in die Mitte
Ihr hörtet die mahnende Stimme unseres Freundes! Sie soll nicht verklingen, beherzigt sein Wort. Stellt ihm die Aufgabe, die er verlangt, damit seine Kunst der euren dient. Schafft gemeinsam ein Werk für unser Fest!

GRAF
zu Clairon
Schauder erfasst mich, sie bestellt eine Oper!

GRÄFIN
fortfahrend
In scharfem Disput habt ihr ei-ich bekämpft, vergeblich versucht, euch zu widerlegen. Verlasst die Irrwege des Denkens! Fühlt es mit mir, dass allen Künsten nur eine Heimat eigen ist: Unser nach Schönheit dürstendes Herz! Ein zarter Keim ist heute entsprossen - ich sehe ihn wachsen zum starken Baum, sein Blütenmeer Über uns ergiessend!

CLAIRON
fährt Dichter und Musikerfeierlich vor die Gräfin. Mit theatralischem Pathos
Die Göttin Harmonie steigt züi uns hernieder. Einigt euch, ihr Kunste, sie wUrdig zu empfangen!

GRÄFIN
zum Musiker
Der süssen Regung, die Apoll in Euch getragen, auf Olivier deutend schenke der Dichter den edlen Gedanken! zum Dichter) Was herrlich begonnen der dichtende Geist, (auf Flamand deutend) die Macht der Töne soll es verklären! auf den Direktor deutend Auf seiner Bühne gewinn' es Gestalt, in Anmut und Würde die Herzen zu rühren. (zu allen dreien) Der schöne Bund vereint alle Künste, sie neigen sich liebend zueinander, bereiten sich freudig züi festlichem Spiel!

OLIVIER
Welch reine Melodien bezaubern unser Ohr.

FLAMAND
Was hebt sich göttergleich aus hohen Wolkengründen?

FLAMAND und OLIVIER
Die Göttin Harmonie, sie stieg zu uns hernieder! Wir wollen huldigend ihr entgegentreten und rauschend grüssen ihre Erdenfahrt.

CLAIRON
Welch ungeahntes Glück lenkt hierher ihren Schritt? Die hohe Göttin selbst bemüht sich, euren Streit zu schlichten!

DIREKTOR
Wer könnte ihrem Walten sich entziehen?

FLAMAND und OLIVIER
Zu Ende sei der unfruchtbare Kampf!

DIREKTOR
Sie schreite uns voran auf unsrem Weg.

CLAIRON
Sie soll euch begleiten auf euren Wegen und nimmer scheiden aus eurem Kreis!

FLAMAND, OLIVIER, DIREKTOR
Wir wollen vergessen, was uns entzweite, versöhnt beginnen das befohl'ne Werk.

GRAF
Das ist mehr als eine Versöhnung, das ist eine Verschwörung! Und ich bin das Opfer - meine Ahnung erfüllt sich.

GRÄFIN
Eine neue Oper wird uns geschenkt, du kannst es nicht hindern. Ertrag' dein Geschick als Philosoph!

GRAF
Was bleibt mir übrig, als mich zu fügen!
Das Unvermeidliche nimmt seinen Lanf, eine
Oper bricht liber mich herein!

CLAIRON
zum Grafen Ihre Stossseufzer verhallen ohne jede merkliche Wirkung.

GRÄFIN
zur Clairon
Mein Bruder ist nicht sehr musikalisch. Er hat eine Vorliebe für Einzugsmärsche und betrachtet in der Oper die Komponisten als »Wortmörder«.

CLAIRON
Vielleicht hat er recht.

DIREKTOR
Nun gleich an die Arbeit, wir wollen keine Zeit verlieren. (zum Musiker) Der Arie ihr Recht! Auf die Sänger nimm Rücksicht -nicht züi laut das Orchester! Im grossen Ballett, da tobe dich aus.

OLIVIER
ironisch
Schon öffnet er wieder den Schrein seiner reichen Erfahrung.

DIREKTOR
zum Dichter Die Szene der Primadonna nicht zu Anfang des Stückes. Verständliche Verse, (zum Musiker) und oft wiederholt, dann hast du die Chance, dass man sie versteht.

FLAMAND
Lass deine ehrwürd'gen Regeln beiseite. Neue Wege wollen wir suchen!

DIREKTOR
Macht euch nicht wichtig! In meiner Hand ruht schliesslich euer Erfolg. Gleichviel - wir wollen die Arbeit redlich teilen.zum Dichter Bei dir liegt der Anfang, liberlege den Stoff!

OLIVIER
zur Gräfin Wie würde Euch »Ariadne auf Naxos« gefallen?

FLAMAND
Schon zu oft komponiert.

DIREKTOR
Die bekannte Gelegenheit züi sehr vielen, langen Trauerarien.

FLAMAND
Mich würde »Daphne« weit mehr interessieren.

OLIVIER
Eine verlockende Fabel, doch äusserst schwierig darzustellen: Daphnes Verwandlung zum ewigen Baum des Gottes Apollo -

FLAMAND
Das Wunder der Töne kann sie gestalten!

GRÄFIN
Ein schöner Stoff, ich lieb' ihn ganz besonders.

DIREKTOR
Schon wieder Nymphen und Schäfer, Götter und Griechen! Ihr wart doch selbst gegen die Mythologie.

GRAF
Alltägliche Dinge - - - Es fehlte nur noch der
Trojanische Krieg!

DIREKTOR
Auch Ägypter und Juden, Perser und Römer haben wir genug in unseren Opern. Wählt doch einen Vorwurf, der Konflikte schildert, die auch uns bewegen.

GRAF
Ich wüsste ein äusserst fesselndes Thema! Schreibt eine Oper, wie er sie sich wünscht. Schildert Konflikte, die uns bewegen. Schildert euch selbst! Die Ereignisse des heutigen Tages - was wir alle erlebt - dichtet und komponiert es als Oper!

DIREKTOR
sprachlos
Ha!

OLIVIER
sehr Überrascht
Ein verblüffender Einfall -

FLAMAND
 - das ist nicht zu leugnen.

GRAF
Das wäre ein Thema, das auch uns interessierte!

GRÄFIN
Ein entzückender Vorschlag!

CLAIRON
Wir fallen aus einer überraschenden Situation in die andere.

DIREKTOR
Ein wahres Problem, so etwas aufzuführen.

OLIVIER
Überlegend
Wenig Handlung...

GRAF
Zeigt uns, dass ihr etwas Apartes schaffen könnt.

FLAMAND
Für Musik ist gesorgt.

GRAF
Wir sind die Personen eurer Oper. Wir alle spielen mit in eurem Stück.

GRÄFIN
Wird das nun eine heitere Oper?

DIREKTOR
einwerfend
Ich sehe mich schon als Bassbuffo umherirren!

GRAF
der Gräfin antwortend
Jedenfalls eine Oper ohne »Helden«!

DIREKTOR
Wer ist der Liebhaber?

CLAIRON
Ich glaube, es gibt nur wenige Personen, die es nicht sind.

OLIVIER
zum Musiker
Und wen wählst du von uns zum Tenor?

GRAF
Verratet nicht zu früh die Geheimnisse eurer Werkstatt.

CLAIRON
Sehr fein pariert! Ich gratuliere, Herr Graf. Sie stellen den dreien eine schwierige Aufgabe!

GRÄFIN
Ein wenig boshaft ist dein Vorschlag.

OLIVIER
Der Einfall ist köstlich, was sagst du, La Roche?
Da hat wieder einmal ein blindes Huhn - -

DIREKTOR
ein Ei gelegt!

OLIVIER
Wieso?

DIREKTOR
Warum nicht!

GRÄFIN
Sie scheinen mir ganz bestürzt, La Roche!

DIREKTOR
Diesen Vorschlag hätte ich allerdings nicht erwartet!

GRÄFIN
Finden Sie ihn schlecht?

DIREKTOR
Nein, nein, aber bedenken Sie, Frau Gräfin - - Ich fürchte, das Ganze wird eine einzige grosse Indiskretion!

GRÄFIN
Es wird von eurem Geschmack abhängen, sie graziös auf die Bühne zu bringen.

LAIRON
Nur indiskrete Theaterstücke haben Erfolg!

OLIVIER
Ich finde den Einfall ganz ausgezeichnet und werde sogleich das Szenarium entwerfen.

CLAIRON
Es ist spät geworden, ich muss nach Paris.

DIREKTOR
Auch wir müssen aufbrechen
zum Dichter und Musiker
Ihr fahrt doch mit mir?

GRÄFIN
zu Clairon
Wir haben Sie hier allzu lange festgehalten.

CLAIRON
Oh - in Ihrem Salon vergehen die Stunden, ohne dass die Zeit älter wird. Frau Gräfin!

GRÄFIN
Mademoiselle Clairon! Adieu La Roche! Schreiben Sie mir eine gute Rolle, Olivier! Auf Wiedersehen, Flamand!

FLAMAND
Auf Wiedersehen!
Die Gräfin geht ab. Dichter und Musikerfolgen ihr bis zur Tür und blicken ihr nach


ZEHNTE SZENE

DIREKTOR
hat die beiden italienischen Sänger aus dem Theatersaal geholt und bringt sie zum Ausgang durch die Galerie im Hintergrunde links
Gut in eure Mäntel gehüllt, damit ihr euch auf der Fahrt nicht erkältet.
Der Sänger will ihm etwas sagen
Ja, ja, euer Vorschuss - er ist morgen bereit.

GRAF
zu einem Diener
Ist angespannt?

DIENER
Zu dienen. Vier Pferde.

CLAIRON
den Arm des Grafen nehmend
Ich hätte wenigstens sechs erwartet.
Beide gehen lebhaft ab

FLAMAND
zum Dichter
Prima le parole, dopo la musica. Dem Worte der Vorrang!

OLIVIER
Nein, der Musik, - doch geboren aus dem Wort.

FLAMAND
halb für sich
Prima la musica -
zum Dichter, mit Beziehung auf die Gräfin
Sie hat entschieden!
Geht ab. Der Theaterdirektor tritt auf

DIREKTOR
Kommt, kommt, lasst mich nicht warten.

OLIVIER
Ja - für das Wort! Prima le parole.

DIREKTOR
Trennt euch doch endlich vom heutigen Tag! Auf der Fahrt können wir noch manches für unsere Oper besprechen.
zum Dichter
Vergiss nicht meine Hauptszene in deinem Szenarium: wie ich im Theatersaal die Probe leite. Ein Marschall der Bühne! Sie kann zum Höhepunkt deines Stückes werden. Und vor allem: Sorge für gute Abgänge in meiner Rolle! Du weisst, der wirkungsvolle Abgang - ein entscheidendes Moment!


ELFTE SZENE

Acht Diener treten auf. Sie beginnen den Salon aufzuräumen

DIE DIENER
Das war ein schöner Lärm - und alle durcheinander!

1.DIENER
Die Italienerin hat einen gesunden Appetit, von der Torte ist nichts mehr übrig.

2. DIENER
Was wollte der Direktor mit seiner langen Rede?

3.DIENER
Er sprach sogar griechisch!

4. DIENER
Ich habe nichts verstanden.

5. DIENER
Es handelt sich um Reformen bei den Schaustücken, die er noch vor seinem Tod einführen will.

6. DIENER
Ich vermute, sie wollen jetzt auch Domestiken in den Opern auftreten lassen.

ALLE
Die ganze Welt ist närrisch, alles spielt Theater. Uns machen sie nichts vor, wir sehen hinter die Kulissen. Dort sieht die Sache ganz anders aus. Der Graf sucht ein zärtliches Abenteuer, die Gräfin ist verliebt und weiss nicht in wen.

1. DIENER
Vielleicht in alle beide ...

2. DIENER
Um sich darüber klar zu werden, lässt sie sich eine Oper schreiben.

4. DIENER
Wie kann man aus einer Oper klug werden?

5.DIENER
Verworrenes Zeug!

1.DIENER
Man singt, damit man den Text nicht versteht.

4. DIENER
Das ist auch sehr notwendig, sonst zerbricht man sich über den verworrenen Inhalt den Kopf.

5. DIENER
Lass dein vorlautes Geschwätz!

3. DIENER
Ich lob' mir die Seiltänzer und ihre Spektakels. Ihre Truppe ist vom König privilegiert. Ich habe sie in Versailles gesehen.

4. DIENER
Ich auch! Grossartig, sage ich euch. Und nachher das grausige Stück: Coriolan, der die eigene Tochter ersticht!

.2. DIENER
Mir sind die Marionetten lieber.

3. DIENER
Der Arlecchino ist noch lustiger!

1.DIENER
Wollen wir am Geburtstag unserer Gräfin nicht auch etwas Lustiges spielen? So eine Geschichte mit Masken? Ich kenne den Brighella von der italienischen Truppe, der hilft uns sicher.

5.DIENER
Seid still, der Maître kommt.

HAUSHOFMEISTER
tritt ein
Macht schnell hier fertig, dann richtet alles zum Souper! Nachher seid ihr frei.

ALLE DIENER
Welch Vergnügen, ein Abend ohne Gäste! Nun in die Küche, zu sehen, was es gibt. Das Souper steht bevor und nachher sind wir frei! Gloria! Gloria! Welch Vergnügen, ein Abend ohne Gäste! Der Graf sucht ein zärtliches Abenteuer, die Gräfin ist verliebt und weiss nicht in wen ...

Die Diener sind in heiterer Stimmung abgegan-gen. Es ist dunkel geworden. Der Haushofmeister beschäftigt sich damit, einen Armleuchter anzuzünden. Als auch er abgehen will, hört man aus dem Theatersaal lebhaftes Gepolter u nd eine ängstliche Stimme » Herr Direktor! Herr Direktor!« rufen


ZWÖLFTE SZENE

MONSIEUR TAUPE
rufend
Herr Direktor ...

HAUSHOFMEISTER
Wo kommen Sie her? Wer sind Sie?

MONSIEUR TAUPE
Erschrecken Sie nicht! Woher sollten Sie mich auch kennen? Ich bewege mich selten auf der Erdoberfläche.

HAUSHOFMEISTER
Was wollen Sie damit sagen?

MONSIEUR TAUPE
Ich verbringe -mein Leben unter der Erde. Unsichtbar -

HAUSHOFMEISTER
Für mich sind Sie aber sehr sichtbar.

MONSIEUR TAUPE
Ich bin der unsichtbare Herrscher einer magischen Welt.

HAUSHOFMEISTER
Wieso kommen Sie dort aus dem finsteren Saal ?

MONSIEUR TAUPE
Ich war eingeschlafen. Sie haben mich da drin vergessen.

HAUSHOFMEISTER
Wollen Sie mir nicht endlich sagen, wer Sie sind?

MONSIEUR TAUPE
Ich bin der Souffleur - man nennt mich Monsieur Taupe.

HAUSHOFMEISTER
Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen, Monsieur Taupe, und Sie in unserer wirklichen Welt begrüssen zu dürfen.

MONSIEUR TAUPE
müde
Nur ein Besuch, Herr, - ein kurzer Besuch. Machen Sie kein Aufhebens davon.

HAUSHOFMEISTER
Sie sind ein merkwürdiger Mann - und wie mir scheint, von einiger Wichtigkeit.

MONSIEUR TAUPE
Schon gut, schon gut. - Sie haben recht. Erst wenn ich in meinem Kasten sitze, beginnt das Weltenrad der Bühne sich zu drehen!

HAUSHOFMEISTER
Sie setzen also sozusagen - es in Bewegung?

MONSIEUR TAUPE
Die tiefen Gedanken unserer Dichter, ich flüstere sie leise vor mich hin - und alles beginnt zu leben. Unheimlich-schattenhaft spiegelt sich vor mir die Wirklichkeit. - Mein eigenes Flüstern schläfert mich ein.
bedeutungsvoll
Wenn ich schlafe, werde ich zum Ereignis! Die Schauspieler sprechen nicht weiter - das Publikum erwacht!

HAUSHOFMEISTER
Ha! Ha! Gut gesagt, gut gesagt!

MONSIEUR TAUPE
Nur mein Schlaf rettet mich vor Vergessenheit.

HAUSHOFMEISTER
Diesmal hat man sie aber doch vergessen.

MONSIEUR TAUPE
Wie schlecht man mich behandelt!

HAUSHOFMEISTER
Dies Los teilen Sie mit allen Herrschern!

MONSIEUR TAUPE
Sie liessen mich im Stich und sind davon gefahren. Wie soll ich jetzt nach Paris zurückkommen?

HAUSHOFMEISTER
Zu Fuss ist es zu weit. Kommen Sie mit in die Anrichte, stärken Sie sich ein wenig. Ich werde inzwischen einen Wagen anspannen lassen.

MONSIEUR TAUPE
Sie sind sehr gütig!

HAUSHOFIMEISTER
Folgen Sie mir!

MONSIEUR TAUPE
Ist das nun alles ein Traum! - Oder bin ich schon wach? ...
Er schüttelt den Kopf, gähnt und folgt dem Haus-hofmeister nach


LETZTE SZENE

Die Bühne bleibt eine Zeit lang leer. Der Salon liegt im Dunkeln. Mondlicht auf der Terrasse. Die Gräfin tritt auf, in grosser Abendtoilette und tritt hinaus auf die Terrasse. Orchester-Zwischenspiel. Nach einiger Zeit tritt der Haushofmeister auf und entzündet die Lichter im Salon. Der Salon ist alsbald hell erleuchtet

GRÄFIN
Wo ist mein Bruder?

HAUSHOFMEISTER
Der Herr Graf hat Madeirnoiselle Clairon nach Paris begleitet. Er lässt sich für heute abend entschuldigen.

GRÄFIN
So werde ich allein soupieren. - Ein beneidenswertes Naturell! Das Flüchtige lockt ihn. Wie sagte er heute? »Heiter entscheiden - sorglos besitzen. Glück des Augenblicks - Weisheit des Lebens!« Ach! Wie einfach!
zum Haushofmeister
Was noch?

HAUSHOFMEISTER
Herr Olivier wird morgen nach dem Frühstück seine Aufwartung machen, um von Fran Gräfin den Schluss der Oper zu erfahren.

GRÄFIN
Den Schluss der Oper? Wann will er kommen?

HAUSHOFMEISTER
Er wird in der Bibliothek warten.

GRÄFIN
In der Bibliothek? Wann?

HAUSHOFMEISTER
Morgen mittag um elf.
geht mit einer Verbeugung ab

GRÄFIN
Morgen mittag um elf! Es ist ein Verhängnis. Seit dem Sonett sind sie unzertrennlich. Flamand wird ein wenig enttäuscht sein, statt meiner Ilerrn Olivier in der Bibliothek zu finden. Und ich? Den Schluss der Oper soll ich bestimmen, soll -wählen - entscheiden? Sind es die Worte, die mein Herz bewegen, oder sind es die Töne, die stärker sprechen -
Sie nimmt das Sonett zur Hand, setzt sich an die Harfe und beginnt, sich selbst begleitend, das Sonett zu singen

Kein andres, das mir so im Herzen loht,
Nein Schöne, nichts auf dieser ganzen Erde,
Kein andres, das ich so wie dich begehrte,
Und käm' von Venus mir ein Angebot.

Dein Auge beut mir himmlisch-süsse Not,
Und wenn ein Aufschlag alle Qual vermehrte,
Ein andrer Wonne mir und Lust gewährte,
Zwei Schläge sind dann Leben oder Tod.
sich unterbrechend

Vergebliches Müh'n, die beiden zu trennen. In eins verschmolzen sind Worte und Töne - zu einem Neuen verbunden. Geheimnis der Stunde. Eine Kunst durch die andere erlöst!

Und trüg' ich's fünfmalhunderttausend Jahre,
Erhielte ausser dir ' du Wunderbare,
Kein andres Wesen über mich Gewalt.

Durch neue Adern müsst' mein Blut ich giessen,
In meinen, voll von dir zum Überfliessen,
Fänd' neue Liebe weder Raum noch Halt.

Sie erhebt sich und geht leidenschaftlich bewegt auf die andere Seite der Bühne

Ihre Liebe schlägt mir entgegen, zart gewoben aus Versen und Klängen. Soll ich dieses Gewebe zerreissen? Bin ich nicht selbst in ihm schon verschlungen? Entscheiden für einen? Für Flamand, die grosse Seele mit den schönen Augen - Für Olivier, den starken Geist, den leidenschaftlichen Mann? -
Sie sieht sich plötzlich im Spiegel
Nun, liebe Madeleine, was sagt deinHerz? Du wirst geliebt und kannst dich nicht schenken. Du fandest es süss, schwach zu sein, - Du wolltest mit der Liebe paktieren, nun stehst du selbst in Flammen und kannst dich nicht retten! Wählst du den einen - verlierst du den andern! Verliert man nicht immer, wenn man gewinnt?
zu ihrem Spiegelbild
Ein wenig ironisch blickst du zurück? Ich will eine Antwort und nicht deinen prüfenden Blick! Du schweigst? - O, Madeleinel Madeleine! Willst du zwischen zwei Feuern verbrennen? Du Spiegelbild der verliebten Madeleine, kannst du mir raten, kannst du mir helfen den Schluss zu finden für ihre Oper? Gibt es einen, der nicht trivial ist? -

HAUSHOFMEISTER
Frau Gräfin, das Souper ist serviert.

Die Gräfin blickt lächelnd ihr Spiegelbild an und verabschiedet sich von diesem graziös mit einem tiefen Knix. - Dann geht sie in heiterster Laune, die Melodie des Sonetts summend, an dem Haushofmeister vorbei langsam in den Speisesaal

(libretto: Clemens Krauss)


|新しいページ|検索|ページ一覧|RSS|@ウィキご利用ガイド | 管理者にお問合せ
|ログイン|