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ZWEITER AUFZUG

ERSTE SZENE
Gleiches Zimmer. Nachmittag des nächsten Tages

MOROSUS
in silberseidenen Hosen, noch ohne Rock, richtet sich unter Hilfe der Haushälterin in grossen Staat zusammen
Den Paraderock mit den vergoldeten Schnüren!

HAUSHÄLTERIN
ihm hineinhelfend
Hier, Euer Gnaden! Doch lasst Euch nur raten ...

MOROSUS
über sie hinweg
Den Dreispitz mit den Knüpfen!

HAUSHÄLTERIN
Er ist schon bereit. Ach, wollt' mich nur hören ...


MOROSUS
wie vordem
Den Ehrendegen Seiner Königlichen Majestät!

HAUSHÄLTERIN
eifrig
Zur Stelle, zur Stelle, frisch, blank und gescheuert ... Oh, es drückt mir die Seele, gnädigster Herr! Wie könnt Ihr so eilen, nur weil dieser Bader,
grimmig
dieser verfluchte, vermaledeite Pinselhalter des Teufels Euch zuschwatzt ...

MOROSUS
Den Stock mit dem goldenen Knauf!

HAUSHÄLTERIN
Hier, hier, Euer Gnaden . . . Oft wollt doch bedenken, oh, lasst Euch warnen ... Sie spielen mit Euch ein tückisches Spiel!

MOROSUS
noch immer über sie hinweg
Bin ich nun ordentlich angetan? Keinen Fehler? Keine Falten? Sehe ich stattlich aus?

HAUSHÄLTERIN
Oh Jesus, wie könnten Euer Gnaden anders aussehn denn vortrefflich! Madonna Maria, dass so ein vornehmer, so ein gütiger, edler Mann zum Spott wird für einen Schaumschläger, oh, - es zerreisst mir die Seele!

MOROSUS
Lass sie flicken beim nächsten Schuster und dir gleichPechdraht durch den Mund ziehn! Kannst du nicht schweigen einen Atemzug lang? Gott sei Dank, bald werd' ich erlöst sein von diesem Gesabber ...

HAUSHÄLTERIN
Erlöst? Nein, geschmort und gebraten, gerupft und gepfeffert von diesem Erzkoch des Teufels!
In die Knie fallend
Oh Herr, glaubt einer treuen Dienerin, sie treiben ein Narrenspiel mit Euch, sie führen Euch wie einen Bären am Halfter. Ich habe allerlei gehört an den Türen, ich ...

MOROSUS
wütend
Was, an den Türen klebst du? Dass ich dir dort einmal die Nase einklemmen könnte! Fort jetzt und am Tore gewartet, bis der Bader kommt mit dem Mädchen!

HAUSHÄLTERIN
Ha, das wird gut gebadert sein und mit allen Wassern gewaschen, was dieser Preiskuppler Euch als Jungfer zuschwätzt ...

MOROSUS
Hinaus, Kanaille!
Es pocht
Ach, - da ist er schon!
Zur Haushälterin
Bin ich stattlich? Ist alles in Ordnung?

HAUSHÄLTERIN
Das Kleid schon, aber der Kopf, Euer Gnaden …

MOROSUS
stürzt auf sie zu - die Haushälterin flüchtet hinaus - allein, tritt vor den Spiegel, sieht sich an, macht einige feste Schritte


ZWEITE SZENE
Der Barbier tritt ein, gleichfalls feierlich angetan, wie ein Brautwerber

BARBIER
Euer Gnaden gehorsamster Diener!

MOROSUS
Nun, hast du sie gefunden? Hast du das Mädchen gebracht?

BARBIER
Nicht nur eine, sondern drei, mein gnädigster Herr.

MOROSUS
Drei ? Bin ich ein Türke? Schon eine ist vielleicht zu viel. Aber werden sie keinen Lärm machen, mir schmerzen die Ohren noch von gestern. Sind sie schweigsam und still?

BARBIER
Das Stillste, das Schweigsamste der ganzen Grafschaft, jede auf ihre Art. Ihr könnt wählen unter ihnen wie weiland Paris unter den Göttinnen, und den Consensus der Eltern und des Vormunds hab' ich bereits in der Tasche. Ach, was für Mädchen, was für knusprige, keusche Dinger! Wäre ich nicht vermählt, Gott sei's geklagt, vermählt seit neunzehn Jahren, ich hätte mir selber eine ausgesucht, so still sind sie, so sanft und taubenhaft!

MOROSUS
Und den Pfarrer, den Notarius?

BARBIER
Verständigt, verständigt und die Pergamente sauber ausgeschrieben. Nur der Name fehlt noch und Euer Gnaden giltiges Signum.

MOROSUS
Vortrefflich! Ich will meinem Neveu einen Pfropf in die Kehle stecken, dass er das Singen verlernt. Führ' sie herein!

BARBIER
Sogleich, Euer Liebden!
Er geht zur Tür, wendet sich noch einmal um und kommt zurück

MOROSUS
schon ungeduldig
Was soll's? Keine Federlesen!

BARBIER
tritt an ihn heran, leise, vertraulich, mit gespielter Besorgnis
Nur das eine lasst Euch bitten,
Fasst sie nicht zu stürmisch an!
Mädchen sind's von feinen Sitten,
Kinder fast noch nach den Jahren,
Zart und scheu und unerfahren -
Keiner nahte je ein Mann.

Wenn sie stocken, wenn sie schaudern,
Spröde tun beim ersten Wort,
Nicht vermögen frei zu plaudern,
Lächelt nicht der Scham in Nöten,
Denn ein Scherz macht sie erröten
Und ein Spott scheuchte sie fort.

Zart muss man mit Zartem handeln.
Ach, ein Mädchenherz ist scheu,
Nur Vertrauen kann es wandeln,
Dass es sacht beginnt zu spriessen,
Sich zu öffnen, zu erschliessen
Und der Liebe offen sei.

Darum lasst Euch nochmals bitten,
Fasst sie nicht zu stürmisch an.
Mädchen sind's von feinen Sitten,
Kinder fast noch nach den Jahren,
Zart und scheu und unerfahren -
Und voll Angst vor jedem Mann.

MOROSUS
Zum Teufel, ich werde sie nicht fressen! Ich wusste schon mit Weibern umzugehn, als du noch einen Bart nicht unterscheiden konntest von einem Flederwisch! Presto jetzt, ich habe keine Zeit.


DRITTE SZENE
Der Barbier geht zur Türe und führt Carlotta, Isotta und Aminta herein, die alle verkleidet sind, durch veränderte Haartracht nicht leicht erkennbar. Carlotta kommt als Landmädchen mit grellen Strümpfen, buntem Mieder, einem Strohhut, den sie verlegen in der Hand hält, Isotta ist als junge Edeldame etwas affektiert angezogen, Aminta ganz einfach wie ein armes Bürgermädchen. Alle verneigen sich tief und demütig

BARBIER
pathetisch zu ihnen
Wohl tut ihr, das Haupt zu neigen,
Denn ihr weilt in edlem Haus,
Gross ist der Herr, der euch erwartet,
Gross die Ehre, die euch teil wird,
Gross das Schicksal, das euch ruft.
Auf Morosus deutend
Dieses ist der hochgeborne,
Hochberühmte, unbesiegte
Sir Morosus, Admiral
Seiner Majestät des Königs,
Wohlbekannt auf allen Meeren,
Hochgeehrt an allen Höfen!

Schämt euch nicht, vor ihm zu zagen,
Denn auch unerschrockne Männer,
Türken, Spanier und Piraten
Schauerten vor seiner Flagge,
Zitterten vor seinem Schwert.
Neigt nur, neigt das Haupt zur Erde:
Dieser Mann ist Ehrfurcht wert.

MOROSUS
galant
Werte Damen, seid willkommen!
Mein die Ehre, mein die Ehrfurcht!
Jugend hat das höh're Anrecht,
Schönheit adelt jedes Haus.

BARBIER
Gestattet, hochedler Herr, Euch die Damen zu präsentieren und das Wort für ihre Schüchternheit zu nehmen.
Er führt Carlotta heran

CARLOTTA
bäuerisches Entsetzen heuchelnd
Ui je, i hab' an Angst! I fürcht' mi tamisch vor so an noblen Herrn!

BARBIER
Dies Mädchen reiner Unschuld
Stammt vom Lande,
Schlichter Bauern einzig Kind,
Unbelehrt in allen Künsten,
Fremd der Lüge, der Verstellung,
Wuchs sie zwischen sanften Lämmern
Auf den Wiesen, auf den Weiden
Selbst wie eine Blume auf.

MOROSUS
Und wie heisst du?

BARBIER
für sie antwortend
Katharina

CARLOTTA
grob
Ka Spur! Was lügst denn, Bazi! Kathi rufen's mich alleweil.
zum Barbier, der ihr Zeichen macht, still zu sein
No, weil's wahr is! I wer doch net mogeln vor so ein aufputzten Herrn!

MOROSUS
Tritt nur näher!

CARLOTTA
Oh mei! Was will er denn von mir? Wie der mi anglurt genau wie bei uns der Jud die trächtige Sau. Was wiil er denn von mir? Ah mei, da geh i net zu!

MOROSUS
ärgerlich zum Barbier
Die ist bei ihren Kälbern selbst zum Kalb geworden. Schaff' sie weg!

BARBIER
schiebt Carlotta mit dem Ellenbogen an

CARLOTTA
blöd
Derf i scho wieder gehn?

MOROSUS
zornig
Ja, du derfst!

BARBIER
Isotta heranführend
Dieses ist ein junges Fräulein,
Arm, doch edel ihre Eltern.
Tag und Nacht in ihrer Kammer,
Abgewandt von allen Spielen
ernte sie die hohen Künste,
Die dem Geiste Macht verleihn.
Wie eine Litanei, rasch

Sie kann Latein, Griechisch, Hebräisch, Aramäisch wie ihre Muttersprache, sie macht Verse, Charaden, sie zeichnet und stickt Tapisserien, sie liest auswendig von vorn und rückwärts die Kommentare zur Heiligen Schrift und die Pandekten der Kirchenväter, sie versteht Astronomie, Astrologie, Trigonometrie, Chiromantie, sie spielt Schach wie ein Perser und schlägt die Laute ...

MOROSUS
aufschreckend
Schlägt die Laute??

BARBIER
Nein, nein, ich meine, sie liest die Tabulatur, beherrscht den Generalbass und den Kontrapunkt, aber nur in der Theorie, nie in der practica. Sie weiss ferners ...

MOROSUS
Schon gut und genug!
Zu Isotta
Tretet nur näher, edles Fräulein, habt keine Angst!

ISOTTA
leicht und geschwind
Wie soll ich Scheu haben, da meine Kenntnis der Physiognomia mir Eure Sternenbeschattung kenntlich macht. Ihr seid, ich ersehe es aus Eurer Komplexion, im Zeichen des Mars geboren, sanguinischen Bluts, gefährlich den Männern im Zorn, doch wohlgeneigt den Frauen und gerne von ihnen gelitten. Eure Leibes-haltung zeigt Grossmut, der Bogen der Stirne Festig-keit des Entschlusses, die dunkle Pupille männische Kraft, eine sympathische Aura strahlt von ihr aus, wie sollte man da nicht Zutrauen haben, die Hand ... erlaubt mir Eure Hand ...
sie fasst nach seiner Hand

MOROSUS
ganz betroffen, kann sich nicht wehren
Mein Fräulein!

ISOTTA
Welch glücksel'ge Formation! Der Fortuna Linie ungebrochen, die Rune des Herzens, die Mensalis, frei überschnitten von der Linie der Sonne, das besagt nach Coclenius glücksel'ge Signatur in allen Abenteuern der Venus! Ihr braucht nur wollen und Ihr habt, was Ihr begehrt, so deutet's Agrippa von Nettesheim in seiner Chirosophia. Die Lebenslinie weist starken Ast, ah, vortrefflich, vortrefflich, kein Spalt, keine Abzweigung. Ihr habt keine Nachfahren und werdet lange leben! In klarer Quadrangel die Wurzeln der Temperamente, ach, was für eine treffliche Hand Ihr habt, Sir Morosus, was für eine edle, sprechende Hand ...

MOROSUS
ängstlich verärgert die Hand zurückziehend, sich den Schweiss abwischend
Sehr erkenntlich für Eure gute Meinung, mein Fräulein.
zum Barbier
Schaff sie mir vom Hals, sonst schwätzt sie mich tot.

BARBIER
Zu lsotta
Sir Morosus wird Euch dankbar sein, wenn Ihr ihm später Eure Kenntnisse ausführlich erläutert.
Zu Morosus
Gestattet, dass ich Euch noch dieses edle Fräulein präsentiere!

MOROSUS
zu Aminta, mit Wohlgefallen
Tretet näher, edles Fräulein!

AMINTA
natürlich scheu
Wenn's erlaubt ist ...

MOROSUS
Euer Name?

AMINTA
Timida.

BARBIER
leise dazwischen
Das kommt nicht von Timotheus, sondern ist Latein, . . heisst die Schüchterne, so nannten die frommen Schwestern sie um ihrer Bescheidenheit willen.

MOROSUS
Ein schöner Name! Er macht Eurer Anmut Ehre! Wollt Ihr Euch nicht an meine Seite setzen?

AMINTA
Ach Herr, dass ich es offen sag',
Ich tät' es nur zu gern.
Aber ich möchte nicht, dass es Euch später gereut
Und Ihr Euch ärgert über die verlorene Zeit;
Nicht dass mir's an Ehrfurcht vor Euch gebricht,
Aber versteht, ich fühl' mich recht ungeschickt,
Die Worte zu setzen,
Und hör' ich andere plaudern und schwätzen,
So spür' ich bedrückt,
Wie wenig ich weiss und die andern wie viel.
Zutraulich
Freilich, ich war immer allein,
Wuchs auf ohne Eltern und ohne Gespiel,
Hatt' niemand, mit ihm vertraulich zu reden,
So blieb nun die Scheu vor allem und jedem,
Werd' allemal töricht und roten Gesichts,
Wenn ein Fremder gütig die Red' an mich richt'.

MOROSUS
zum Barbier
Wie offen! Wie rein! - Ein liebliches Kind!
Zu Aminta
Und so seid Ihr tagsüber immer allein?

AMINTA
Ach Herr, wie sollt' es denn anders sein,
Leb' doch bei den frommen Schwestern im Haus,
Seh' oft wochenlang nicht auf die Strasse hinaus,
Aber ich trag' es schon so.
Mich erschreckt der Gassen Geschrei und Gesumm,
Am liebsten sitze ich still und stumm
An meinem Nähtisch den ganzen Tag,
Sticke mir all' meine Träumerei'n
In den runden weissen Rahmen hinein.
Und plötzlich hebt es dort an zu blühn
Von Blumen, von Sternen, von zartem Grün,
Und ich freu' mich, wie das neue Gebild'
Mit buntem Geleucht mir entgegenquillt.
Da wird mir plötzlich die Seele weit.
Ich spür' nicht die Welt, ich spür' nicht die Zeit,
Und mir ist,
Als ging ich über blüh'nde Wiesen hin
Und hörte aussen die Vögel singen
Und das Blau des Himmels sich niederschwingen
plötzlich sich unterbrechend
Doch verzeiht,
Ich spreche zuviel von mir törichtem Ding,
Solch kindischer Schwatz ist für Euch zu gering.

MOROSUS
zum Barbier
Wie bescheiden! Bezaubernd ist sie, bezaubernd!
Zu Aminta
Doch Sonntags wenigstens verlasst Ihr Eure enge Stube!

AMINTA
Ach Herr, da Ihr mich so offen fragt,
Fühl' ich mich schuldig und arg verzagt,
Denn am Ende mag's grosse Sünde sein,
Was ich tu, und Hochmut vor Gott dem Herrn.
Aber ich will's Euch offen gestehn:
ch lieb's nicht, mit den andern zur Kirche zu gehn.
Nicht, dass ich je meine Pflicht vergesse,
Die Beichte versäum' und die heilige Messe.
Am liebsten bin ich mit Gott allein.
Hat erst die Glocke sich ausgeschwungen,
Sind die andern fort und die Stimmen verklungen,
Dann erst schleich' ich in die Kirche mich ein,
Setz' still mich auf eine einsame Bank
Und sag' meinem Herrgott Liebe und Dank
Und hoffe, der alles verzeiht und ermisst,
Wird mir verzeihn,
Wenn dies Hochmut von mir oder Sünde ist.

MOROSUS
ganz wild zum Barbier
Sie ist die Rechte! Diese, diese und nur sie allein!

AMINTA
sich erschrocken stellend
Oh Gott, ich habe wohl töricht gesprochen, ich sehe, der gnädige Herr ist erregt. Verzeiht mir, Sir, wenn ich gefehlt habe.

MOROSUS
zum Barbier
Sag es ihr! Dich habe ich zum Werber bestellt. Tu deine Pflicht!

BARBIER
behutsam zu Aminta
Mitnichten hast du Sir Morosus missfallen,
Im Gegenteil, Kind,
Von allen Frauen, die hier sind,
Ist seine Wahl auf dich gefallen.
Tu auf dein Herz und öffne dein Ohr,
Grosse Ehre steht dir bevor:
Sir Morosus, obzwar von adligem Stand,
Wirbt durch mich bei dir um dein Herz und deine Hand.

AMINTA
Erschrecken heuchelnd
Oh Herr, was hab' ich denn Böses getan, dass Ihr meiner spottet und Scherz treibt mit einem armen Mädchen ?

MOROSUS
Nein, er hat die Wahrheit gesprochen. Ich frage dich, Timida, willst meine Gattin werden vor Gott und den Menschen ?

AMINTA
wie vor Ehrfurcht schauernd, in die Knie sinkend
Oh hohe Ehr!
Wollte Gott, dass ich ihrer auch würdig wär!

CARLOTTA
Ah, da schaugts her. So a Luder 1 Wie die ihn umkriegt hat. Heiraten tut ers. Dös wann i gewusst hätt.

ISOTTA
Eine so ungebildete Person. Aber sie kriegt einen Rüpel, der nach Tran stinkt und Branntwein. Mich hätt' er nicht bekommen.

CARLOTTA
Schau ma, dass ma weiter kommen. I geh ham.

ISOTTA
Ja, in einem solchen Hause habe ich nichts zu schaffen.
Beide scheinbar zornig ab

MOROSUS
zum Barbier
Und jetzt den Pfarrer, den Notar.

BARBIER
Gleich, gleich, und die Jungfer und mich als Zeugen. Alles geht wie am Schnürchen. Seht, ein Barbier hat den besten Blick und die sicherste Hand.
Ab
Morosus führt Aminta zum Tisch, sie setzt sich nieder und bleibt dort bescheiden und wortlos sitzen, Morosus betrachtet sie lang und bewegt


VIERTE SZENE

MOROSUS
nähert sich ihr langsam
So stumm, mein Kind,
Und noch immer so scheu?
In dieser Stunde, die uns verbindet,
Hätte ich dich lieber froh gesehn,

AMINTA
in ihrer Rolle
Verzeiht mir, Herr, meine törichte Art,
Bin noch bestürzt und ganz benommen,
Hätte nie gewagt, nur im Traum zu denken
Gott wolle mich mit soviel Ehre beschenken.

MOROSUS
Kind, gib dich keiner Täuschung hin,
Dich ruft keine Ehr',
Vor ein grosses Opfer bist du gestellt!
Sieh, Kind,
Erst sah ich's selbst so leicht wie du.
Ich dacht': nimmst dir ein junges Weib,
Als gält's bloss Spiel und Zeitvertreib,
Und meint, eine jede müsst' glücklich sich preisen,
Meine Ehefrau und Gemahlin zu heissen.
Doch blick' ich dich jetzt, du Liebliche, an,
Du halb erst erschlossne, du Gottesblüte,
So bebt mir die Seele, so bebt mir die Hand:
Wie darf ich alter grämlicher Mann
Um soviel sorglose Jugend werben?
Ja, immer schwerer drückt es mich, mein Kind,
Ob wir beide nicht doch zu ungleich sind.

AMINTA
mit gespielter Treuherzigkeit
Ach Herr, ich weiss es nur selbst zu sehr:
Wär besser für Euch, wenn ich älter wär
Und mehr schon verständ' von adliger Art.
Doch ich will mich von Herzen zusammennehmen,
Euer Ansehn nicht vor der Welt zu beschämen.

MOROSUS
Du Kind! Wie sehr du mich missverstehst.
Ich zweifle doch nicht, ich zweifle nicht, nein,
Wie leicht es wär, mit dir glücklich zu sein,
Aber du, aber du,
Wird es dich nicht gereu'n?
Bedenk, ich bin ein alter Mann.

AMINTA
noch immer in der Rolle
Das macht doch nichts,
Das ist doch schön:
Alter bringt Ansehn, Ruhm und Ehr'!

MOROSUS
Wie Jugend doch vom Alter spricht,
Als war's nicht Not und schwer Gewicht!
Kind, hör mich an!
Ein alter Mann ist nur ein halber Mann,
Denn halb bloss steht er in der Zeit,
Sein best' Teil ist Vergangenheit.
Sein Aug' hat längst sich satt geschaut,
Sein Herz geht müd' und schlägt nicht laut.
Ein Frost sitzt ihm zutiefst im Blut
Und lähmt den rechten Lebensmut,
Und weil er selber starr und kalt,
Macht er die ganze Umwelt alt.
Er kann nicht munter sein, nicht lachen,
Nicht andre froh und freudig machen -
Nur eins hat er der Jugend vor
Nur eins, mein Kind, kann er allein:
Ein alter Mann kann besser dankbar sein.
Er fasst sie an der Hand und sieht sie zärtlich an. Aminta wird wider ihren Willen beschämt und bewegt unter seinem Blick
Denn denk,
Wie wenig braucht ein alter Mann,
Um seines Lebens sich zu freu'n!
Ein stiller Tag ist ihm schon Glück,
Ein Wort, ein Lächeln macht ihn froh,
Und blickt ihn einer milde an,
So hat er ihm schon wohlgetan.
Nein, Kind, nichts Grosses will ich mehr,
Nicht Liebe, Glut und Leidenschaft,
Wär glücklich schon,
Wenn du mich nicht als Last empfändst
Und mir ein wenig gut sein könntst! -Wär das zuviel von dir begehrt?

AMINTA
ehrlich ergriffen
Oh Herr, ich schwöre beim heil'gen Sakrament:
Ich fühl', dass ich Euch redlich liebhaben könnt…

MOROSUS
beglückt
Oh Timida!

AMINTA
merkend, dass sie aus ihrer Rolle gefallen und rasch sich fassend
…So wie man einen Vater fromm liebt und verehrt,
Der einem das Liebste im Leben geschenkt.
Was ich auch tu,
Mag's auch Euch erst fremd und feindlich anmuten,
Ich schwör' Euch zu:
Ich mein' es einzig zu Eurem Guten,
Und kann ich Euch von Missmut befrein,
So werd' ich die glücklichste Frau auf Erden sein.

MOROSUS
Oh Kind, wie tief du mich beglückst!
Was Liebe doch für Wunder wirkt -
War eben noch erbost und schwach,
Ein alter Mann, ein kalter Mann,
Und nun blüht's selig auf in mir
Und all dies Glück verdank' ich dir!
Er nähert sich ihr zärtlich und ergriffen und küsst sie auf die Stirn


FÜNFTE SZENE
Der Barbier tritt leise ein

BARBIER
Ei, ei, wie rasch das Arkanum wirkt! Ich sehe, sie hat Euch das Blut flink gemacht und die Augen hell, ich erkenne den düsteren Sir Morosus von gestern kaum und kann beinah' nicht mehr redlich Zeugenschaft ablegen vor Pfarrer und Notar, dass Ihr derselbe seid wie allesonst. Aber sie sind schon auf der Treppe, die ehrwürdigen Herren, haltet also um des Respektes willen ante copulationem zurück mit aller Zärtlichkeit, die post copulationem ein wohlerlaubtes Vergnügen und sogar Pflicht frommer Ehegatten ist und jede Ehe besser würzt als Rosinen den Kuchen.
ZWEITER AUFZUG

ERSTE SZENE
Gleiches Zimmer. Nachmittag des nächsten Tages

MOROSUS
in silberseidenen Hosen, noch ohne Rock, richtet sich unter Hilfe der Haushälterin in grossen Staat zusammen
Den Paraderock mit den vergoldeten Schnüren!

HAUSHÄLTERIN
ihm hineinhelfend
Hier, Euer Gnaden! Doch lasst Euch nur raten ...

MOROSUS
über sie hinweg
Den Dreispitz mit den Knüpfen!

HAUSHÄLTERIN
Er ist schon bereit. Ach, wollt' mich nur hören ...


MOROSUS
wie vordem
Den Ehrendegen Seiner Königlichen Majestät!

HAUSHÄLTERIN
eifrig
Zur Stelle, zur Stelle, frisch, blank und gescheuert ... Oh, es drückt mir die Seele, gnädigster Herr! Wie könnt Ihr so eilen, nur weil dieser Bader,
grimmig
dieser verfluchte, vermaledeite Pinselhalter des Teufels Euch zuschwatzt ...

MOROSUS
Den Stock mit dem goldenen Knauf!

HAUSHÄLTERIN
Hier, hier, Euer Gnaden . . . Oft wollt doch bedenken, oh, lasst Euch warnen ... Sie spielen mit Euch ein tückisches Spiel!

MOROSUS
noch immer über sie hinweg
Bin ich nun ordentlich angetan? Keinen Fehler? Keine Falten? Sehe ich stattlich aus?

HAUSHÄLTERIN
Oh Jesus, wie könnten Euer Gnaden anders aussehn denn vortrefflich! Madonna Maria, dass so ein vornehmer, so ein gütiger, edler Mann zum Spott wird für einen Schaumschläger, oh, - es zerreisst mir die Seele!

MOROSUS
Lass sie flicken beim nächsten Schuster und dir gleichPechdraht durch den Mund ziehn! Kannst du nicht schweigen einen Atemzug lang? Gott sei Dank, bald werd' ich erlöst sein von diesem Gesabber ...

HAUSHÄLTERIN
Erlöst? Nein, geschmort und gebraten, gerupft und gepfeffert von diesem Erzkoch des Teufels!
In die Knie fallend
Oh Herr, glaubt einer treuen Dienerin, sie treiben ein Narrenspiel mit Euch, sie führen Euch wie einen Bären am Halfter. Ich habe allerlei gehört an den Türen, ich ...

MOROSUS
wütend
Was, an den Türen klebst du? Dass ich dir dort einmal die Nase einklemmen könnte! Fort jetzt und am Tore gewartet, bis der Bader kommt mit dem Mädchen!

HAUSHÄLTERIN
Ha, das wird gut gebadert sein und mit allen Wassern gewaschen, was dieser Preiskuppler Euch als Jungfer zuschwätzt ...

MOROSUS
Hinaus, Kanaille!
Es pocht
Ach, - da ist er schon!
Zur Haushälterin
Bin ich stattlich? Ist alles in Ordnung?

HAUSHÄLTERIN
Das Kleid schon, aber der Kopf, Euer Gnaden …

MOROSUS
stürzt auf sie zu - die Haushälterin flüchtet hinaus - allein, tritt vor den Spiegel, sieht sich an, macht einige feste Schritte


ZWEITE SZENE
Der Barbier tritt ein, gleichfalls feierlich angetan, wie ein Brautwerber

BARBIER
Euer Gnaden gehorsamster Diener!

MOROSUS
Nun, hast du sie gefunden? Hast du das Mädchen gebracht?

BARBIER
Nicht nur eine, sondern drei, mein gnädigster Herr.

MOROSUS
Drei ? Bin ich ein Türke? Schon eine ist vielleicht zu viel. Aber werden sie keinen Lärm machen, mir schmerzen die Ohren noch von gestern. Sind sie schweigsam und still?

BARBIER
Das Stillste, das Schweigsamste der ganzen Grafschaft, jede auf ihre Art. Ihr könnt wählen unter ihnen wie weiland Paris unter den Göttinnen, und den Consensus der Eltern und des Vormunds hab' ich bereits in der Tasche. Ach, was für Mädchen, was für knusprige, keusche Dinger! Wäre ich nicht vermählt, Gott sei's geklagt, vermählt seit neunzehn Jahren, ich hätte mir selber eine ausgesucht, so still sind sie, so sanft und taubenhaft!

MOROSUS
Und den Pfarrer, den Notarius?

BARBIER
Verständigt, verständigt und die Pergamente sauber ausgeschrieben. Nur der Name fehlt noch und Euer Gnaden giltiges Signum.

MOROSUS
Vortrefflich! Ich will meinem Neveu einen Pfropf in die Kehle stecken, dass er das Singen verlernt. Führ' sie herein!

BARBIER
Sogleich, Euer Liebden!
Er geht zur Tür, wendet sich noch einmal um und kommt zurück

MOROSUS
schon ungeduldig
Was soll's? Keine Federlesen!

BARBIER
tritt an ihn heran, leise, vertraulich, mit gespielter Besorgnis
Nur das eine lasst Euch bitten,
Fasst sie nicht zu stürmisch an!
Mädchen sind's von feinen Sitten,
Kinder fast noch nach den Jahren,
Zart und scheu und unerfahren -
Keiner nahte je ein Mann.

Wenn sie stocken, wenn sie schaudern,
Spröde tun beim ersten Wort,
Nicht vermögen frei zu plaudern,
Lächelt nicht der Scham in Nöten,
Denn ein Scherz macht sie erröten
Und ein Spott scheuchte sie fort.

Zart muss man mit Zartem handeln.
Ach, ein Mädchenherz ist scheu,
Nur Vertrauen kann es wandeln,
Dass es sacht beginnt zu spriessen,
Sich zu öffnen, zu erschliessen
Und der Liebe offen sei.

Darum lasst Euch nochmals bitten,
Fasst sie nicht zu stürmisch an.
Mädchen sind's von feinen Sitten,
Kinder fast noch nach den Jahren,
Zart und scheu und unerfahren -
Und voll Angst vor jedem Mann.

MOROSUS
Zum Teufel, ich werde sie nicht fressen! Ich wusste schon mit Weibern umzugehn, als du noch einen Bart nicht unterscheiden konntest von einem Flederwisch! Presto jetzt, ich habe keine Zeit.


DRITTE SZENE
Der Barbier geht zur Türe und führt Carlotta, Isotta und Aminta herein, die alle verkleidet sind, durch veränderte Haartracht nicht leicht erkennbar. Carlotta kommt als Landmädchen mit grellen Strümpfen, buntem Mieder, einem Strohhut, den sie verlegen in der Hand hält, Isotta ist als junge Edeldame etwas affektiert angezogen, Aminta ganz einfach wie ein armes Bürgermädchen. Alle verneigen sich tief und demütig

BARBIER
pathetisch zu ihnen
Wohl tut ihr, das Haupt zu neigen,
Denn ihr weilt in edlem Haus,
Gross ist der Herr, der euch erwartet,
Gross die Ehre, die euch teil wird,
Gross das Schicksal, das euch ruft.
Auf Morosus deutend
Dieses ist der hochgeborne,
Hochberühmte, unbesiegte
Sir Morosus, Admiral
Seiner Majestät des Königs,
Wohlbekannt auf allen Meeren,
Hochgeehrt an allen Höfen!

Schämt euch nicht, vor ihm zu zagen,
Denn auch unerschrockne Männer,
Türken, Spanier und Piraten
Schauerten vor seiner Flagge,
Zitterten vor seinem Schwert.
Neigt nur, neigt das Haupt zur Erde:
Dieser Mann ist Ehrfurcht wert.

MOROSUS
galant
Werte Damen, seid willkommen!
Mein die Ehre, mein die Ehrfurcht!
Jugend hat das höh're Anrecht,
Schönheit adelt jedes Haus.

BARBIER
Gestattet, hochedler Herr, Euch die Damen zu präsentieren und das Wort für ihre Schüchternheit zu nehmen.
Er führt Carlotta heran

CARLOTTA
bäuerisches Entsetzen heuchelnd
Ui je, i hab' an Angst! I fürcht' mi tamisch vor so an noblen Herrn!

BARBIER
Dies Mädchen reiner Unschuld
Stammt vom Lande,
Schlichter Bauern einzig Kind,
Unbelehrt in allen Künsten,
Fremd der Lüge, der Verstellung,
Wuchs sie zwischen sanften Lämmern
Auf den Wiesen, auf den Weiden
Selbst wie eine Blume auf.

MOROSUS
Und wie heisst du?

BARBIER
für sie antwortend
Katharina

CARLOTTA
grob
Ka Spur! Was lügst denn, Bazi! Kathi rufen's mich alleweil.
zum Barbier, der ihr Zeichen macht, still zu sein
No, weil's wahr is! I wer doch net mogeln vor so ein aufputzten Herrn!

MOROSUS
Tritt nur näher!

CARLOTTA
Oh mei! Was will er denn von mir? Wie der mi anglurt genau wie bei uns der Jud die trächtige Sau. Was wiil er denn von mir? Ah mei, da geh i net zu!

MOROSUS
ärgerlich zum Barbier
Die ist bei ihren Kälbern selbst zum Kalb geworden. Schaff' sie weg!

BARBIER
schiebt Carlotta mit dem Ellenbogen an

CARLOTTA
blöd
Derf i scho wieder gehn?

MOROSUS
zornig
Ja, du derfst!

BARBIER
Isotta heranführend
Dieses ist ein junges Fräulein,
Arm, doch edel ihre Eltern.
Tag und Nacht in ihrer Kammer,
Abgewandt von allen Spielen
ernte sie die hohen Künste,
Die dem Geiste Macht verleihn.
Wie eine Litanei, rasch

Sie kann Latein, Griechisch, Hebräisch, Aramäisch wie ihre Muttersprache, sie macht Verse, Charaden, sie zeichnet und stickt Tapisserien, sie liest auswendig von vorn und rückwärts die Kommentare zur Heiligen Schrift und die Pandekten der Kirchenväter, sie versteht Astronomie, Astrologie, Trigonometrie, Chiromantie, sie spielt Schach wie ein Perser und schlägt die Laute ...

MOROSUS
aufschreckend
Schlägt die Laute??

BARBIER
Nein, nein, ich meine, sie liest die Tabulatur, beherrscht den Generalbass und den Kontrapunkt, aber nur in der Theorie, nie in der practica. Sie weiss ferners ...

MOROSUS
Schon gut und genug!
Zu Isotta
Tretet nur näher, edles Fräulein, habt keine Angst!

ISOTTA
leicht und geschwind
Wie soll ich Scheu haben, da meine Kenntnis der Physiognomia mir Eure Sternenbeschattung kenntlich macht. Ihr seid, ich ersehe es aus Eurer Komplexion, im Zeichen des Mars geboren, sanguinischen Bluts, gefährlich den Männern im Zorn, doch wohlgeneigt den Frauen und gerne von ihnen gelitten. Eure Leibes-haltung zeigt Grossmut, der Bogen der Stirne Festig-keit des Entschlusses, die dunkle Pupille männische Kraft, eine sympathische Aura strahlt von ihr aus, wie sollte man da nicht Zutrauen haben, die Hand ... erlaubt mir Eure Hand ...
sie fasst nach seiner Hand

MOROSUS
ganz betroffen, kann sich nicht wehren
Mein Fräulein!

ISOTTA
Welch glücksel'ge Formation! Der Fortuna Linie ungebrochen, die Rune des Herzens, die Mensalis, frei überschnitten von der Linie der Sonne, das besagt nach Coclenius glücksel'ge Signatur in allen Abenteuern der Venus! Ihr braucht nur wollen und Ihr habt, was Ihr begehrt, so deutet's Agrippa von Nettesheim in seiner Chirosophia. Die Lebenslinie weist starken Ast, ah, vortrefflich, vortrefflich, kein Spalt, keine Abzweigung. Ihr habt keine Nachfahren und werdet lange leben! In klarer Quadrangel die Wurzeln der Temperamente, ach, was für eine treffliche Hand Ihr habt, Sir Morosus, was für eine edle, sprechende Hand ...

MOROSUS
ängstlich verärgert die Hand zurückziehend, sich den Schweiss abwischend
Sehr erkenntlich für Eure gute Meinung, mein Fräulein.
zum Barbier
Schaff sie mir vom Hals, sonst schwätzt sie mich tot.

BARBIER
Zu lsotta
Sir Morosus wird Euch dankbar sein, wenn Ihr ihm später Eure Kenntnisse ausführlich erläutert.
Zu Morosus
Gestattet, dass ich Euch noch dieses edle Fräulein präsentiere!

MOROSUS
zu Aminta, mit Wohlgefallen
Tretet näher, edles Fräulein!

AMINTA
natürlich scheu
Wenn's erlaubt ist ...

MOROSUS
Euer Name?

AMINTA
Timida.

BARBIER
leise dazwischen
Das kommt nicht von Timotheus, sondern ist Latein, . . heisst die Schüchterne, so nannten die frommen Schwestern sie um ihrer Bescheidenheit willen.

MOROSUS
Ein schöner Name! Er macht Eurer Anmut Ehre! Wollt Ihr Euch nicht an meine Seite setzen?

AMINTA
Ach Herr, dass ich es offen sag',
Ich tät' es nur zu gern.
Aber ich möchte nicht, dass es Euch später gereut
Und Ihr Euch ärgert über die verlorene Zeit;
Nicht dass mir's an Ehrfurcht vor Euch gebricht,
Aber versteht, ich fühl' mich recht ungeschickt,
Die Worte zu setzen,
Und hör' ich andere plaudern und schwätzen,
So spür' ich bedrückt,
Wie wenig ich weiss und die andern wie viel.
Zutraulich
Freilich, ich war immer allein,
Wuchs auf ohne Eltern und ohne Gespiel,
Hatt' niemand, mit ihm vertraulich zu reden,
So blieb nun die Scheu vor allem und jedem,
Werd' allemal töricht und roten Gesichts,
Wenn ein Fremder gütig die Red' an mich richt'.

MOROSUS
zum Barbier
Wie offen! Wie rein! - Ein liebliches Kind!
Zu Aminta
Und so seid Ihr tagsüber immer allein?

AMINTA
Ach Herr, wie sollt' es denn anders sein,
Leb' doch bei den frommen Schwestern im Haus,
Seh' oft wochenlang nicht auf die Strasse hinaus,
Aber ich trag' es schon so.
Mich erschreckt der Gassen Geschrei und Gesumm,
Am liebsten sitze ich still und stumm
An meinem Nähtisch den ganzen Tag,
Sticke mir all' meine Träumerei'n
In den runden weissen Rahmen hinein.
Und plötzlich hebt es dort an zu blühn
Von Blumen, von Sternen, von zartem Grün,
Und ich freu' mich, wie das neue Gebild'
Mit buntem Geleucht mir entgegenquillt.
Da wird mir plötzlich die Seele weit.
Ich spür' nicht die Welt, ich spür' nicht die Zeit,
Und mir ist,
Als ging ich über blüh'nde Wiesen hin
Und hörte aussen die Vögel singen
Und das Blau des Himmels sich niederschwingen
plötzlich sich unterbrechend
Doch verzeiht,
Ich spreche zuviel von mir törichtem Ding,
Solch kindischer Schwatz ist für Euch zu gering.

MOROSUS
zum Barbier
Wie bescheiden! Bezaubernd ist sie, bezaubernd!
Zu Aminta
Doch Sonntags wenigstens verlasst Ihr Eure enge Stube!

AMINTA
Ach Herr, da Ihr mich so offen fragt,
Fühl' ich mich schuldig und arg verzagt,
Denn am Ende mag's grosse Sünde sein,
Was ich tu, und Hochmut vor Gott dem Herrn.
Aber ich will's Euch offen gestehn:
ch lieb's nicht, mit den andern zur Kirche zu gehn.
Nicht, dass ich je meine Pflicht vergesse,
Die Beichte versäum' und die heilige Messe.
Am liebsten bin ich mit Gott allein.
Hat erst die Glocke sich ausgeschwungen,
Sind die andern fort und die Stimmen verklungen,
Dann erst schleich' ich in die Kirche mich ein,
Setz' still mich auf eine einsame Bank
Und sag' meinem Herrgott Liebe und Dank
Und hoffe, der alles verzeiht und ermisst,
Wird mir verzeihn,
Wenn dies Hochmut von mir oder Sünde ist.

MOROSUS
ganz wild zum Barbier
Sie ist die Rechte! Diese, diese und nur sie allein!

AMINTA
sich erschrocken stellend
Oh Gott, ich habe wohl töricht gesprochen, ich sehe, der gnädige Herr ist erregt. Verzeiht mir, Sir, wenn ich gefehlt habe.

MOROSUS
zum Barbier
Sag es ihr! Dich habe ich zum Werber bestellt. Tu deine Pflicht!

BARBIER
behutsam zu Aminta
Mitnichten hast du Sir Morosus missfallen,
Im Gegenteil, Kind,
Von allen Frauen, die hier sind,
Ist seine Wahl auf dich gefallen.
Tu auf dein Herz und öffne dein Ohr,
Grosse Ehre steht dir bevor:
Sir Morosus, obzwar von adligem Stand,
Wirbt durch mich bei dir um dein Herz und deine Hand.

AMINTA
Erschrecken heuchelnd
Oh Herr, was hab' ich denn Böses getan, dass Ihr meiner spottet und Scherz treibt mit einem armen Mädchen ?

MOROSUS
Nein, er hat die Wahrheit gesprochen. Ich frage dich, Timida, willst meine Gattin werden vor Gott und den Menschen ?

AMINTA
wie vor Ehrfurcht schauernd, in die Knie sinkend
Oh hohe Ehr!
Wollte Gott, dass ich ihrer auch würdig wär!

CARLOTTA
Ah, da schaugts her. So a Luder 1 Wie die ihn umkriegt hat. Heiraten tut ers. Dös wann i gewusst hätt.

ISOTTA
Eine so ungebildete Person. Aber sie kriegt einen Rüpel, der nach Tran stinkt und Branntwein. Mich hätt' er nicht bekommen.

CARLOTTA
Schau ma, dass ma weiter kommen. I geh ham.

ISOTTA
Ja, in einem solchen Hause habe ich nichts zu schaffen.
Beide scheinbar zornig ab

MOROSUS
zum Barbier
Und jetzt den Pfarrer, den Notar.

BARBIER
Gleich, gleich, und die Jungfer und mich als Zeugen. Alles geht wie am Schnürchen. Seht, ein Barbier hat den besten Blick und die sicherste Hand.
Ab
Morosus führt Aminta zum Tisch, sie setzt sich nieder und bleibt dort bescheiden und wortlos sitzen, Morosus betrachtet sie lang und bewegt


VIERTE SZENE

MOROSUS
nähert sich ihr langsam
So stumm, mein Kind,
Und noch immer so scheu?
In dieser Stunde, die uns verbindet,
Hätte ich dich lieber froh gesehn,

AMINTA
in ihrer Rolle
Verzeiht mir, Herr, meine törichte Art,
Bin noch bestürzt und ganz benommen,
Hätte nie gewagt, nur im Traum zu denken
Gott wolle mich mit soviel Ehre beschenken.

MOROSUS
Kind, gib dich keiner Täuschung hin,
Dich ruft keine Ehr',
Vor ein grosses Opfer bist du gestellt!
Sieh, Kind,
Erst sah ich's selbst so leicht wie du.
Ich dacht': nimmst dir ein junges Weib,
Als gält's bloss Spiel und Zeitvertreib,
Und meint, eine jede müsst' glücklich sich preisen,
Meine Ehefrau und Gemahlin zu heissen.
Doch blick' ich dich jetzt, du Liebliche, an,
Du halb erst erschlossne, du Gottesblüte,
So bebt mir die Seele, so bebt mir die Hand:
Wie darf ich alter grämlicher Mann
Um soviel sorglose Jugend werben?
Ja, immer schwerer drückt es mich, mein Kind,
Ob wir beide nicht doch zu ungleich sind.

AMINTA
mit gespielter Treuherzigkeit
Ach Herr, ich weiss es nur selbst zu sehr:
Wär besser für Euch, wenn ich älter wär
Und mehr schon verständ' von adliger Art.
Doch ich will mich von Herzen zusammennehmen,
Euer Ansehn nicht vor der Welt zu beschämen.

MOROSUS
Du Kind! Wie sehr du mich missverstehst.
Ich zweifle doch nicht, ich zweifle nicht, nein,
Wie leicht es wär, mit dir glücklich zu sein,
Aber du, aber du,
Wird es dich nicht gereu'n?
Bedenk, ich bin ein alter Mann.

AMINTA
noch immer in der Rolle
Das macht doch nichts,
Das ist doch schön:
Alter bringt Ansehn, Ruhm und Ehr'!

MOROSUS
Wie Jugend doch vom Alter spricht,
Als war's nicht Not und schwer Gewicht!
Kind, hör mich an!
Ein alter Mann ist nur ein halber Mann,
Denn halb bloss steht er in der Zeit,
Sein best' Teil ist Vergangenheit.
Sein Aug' hat längst sich satt geschaut,
Sein Herz geht müd' und schlägt nicht laut.
Ein Frost sitzt ihm zutiefst im Blut
Und lähmt den rechten Lebensmut,
Und weil er selber starr und kalt,
Macht er die ganze Umwelt alt.
Er kann nicht munter sein, nicht lachen,
Nicht andre froh und freudig machen -
Nur eins hat er der Jugend vor
Nur eins, mein Kind, kann er allein:
Ein alter Mann kann besser dankbar sein.
Er fasst sie an der Hand und sieht sie zärtlich an. Aminta wird wider ihren Willen beschämt und bewegt unter seinem Blick
Denn denk,
Wie wenig braucht ein alter Mann,
Um seines Lebens sich zu freu'n!
Ein stiller Tag ist ihm schon Glück,
Ein Wort, ein Lächeln macht ihn froh,
Und blickt ihn einer milde an,
So hat er ihm schon wohlgetan.
Nein, Kind, nichts Grosses will ich mehr,
Nicht Liebe, Glut und Leidenschaft,
Wär glücklich schon,
Wenn du mich nicht als Last empfändst
Und mir ein wenig gut sein könntst! -Wär das zuviel von dir begehrt?

AMINTA
ehrlich ergriffen
Oh Herr, ich schwöre beim heil'gen Sakrament:
Ich fühl', dass ich Euch redlich liebhaben könnt…

MOROSUS
beglückt
Oh Timida!

AMINTA
merkend, dass sie aus ihrer Rolle gefallen und rasch sich fassend
…So wie man einen Vater fromm liebt und verehrt,
Der einem das Liebste im Leben geschenkt.
Was ich auch tu,
Mag's auch Euch erst fremd und feindlich anmuten,
Ich schwör' Euch zu:
Ich mein' es einzig zu Eurem Guten,
Und kann ich Euch von Missmut befrein,
So werd' ich die glücklichste Frau auf Erden sein.

MOROSUS
Oh Kind, wie tief du mich beglückst!
Was Liebe doch für Wunder wirkt -
War eben noch erbost und schwach,
Ein alter Mann, ein kalter Mann,
Und nun blüht's selig auf in mir
Und all dies Glück verdank' ich dir!
Er nähert sich ihr zärtlich und ergriffen und küsst sie auf die Stirn


FÜNFTE SZENE
Der Barbier tritt leise ein

BARBIER
Ei, ei, wie rasch das Arkanum wirkt! Ich sehe, sie hat Euch das Blut flink gemacht und die Augen hell, ich erkenne den düsteren Sir Morosus von gestern kaum und kann beinah' nicht mehr redlich Zeugenschaft ablegen vor Pfarrer und Notar, dass Ihr derselbe seid wie allesonst. Aber sie sind schon auf der Treppe, die ehrwürdigen Herren, haltet also um des Respektes willen ante copulationem zurück mit aller Zärtlichkeit, die post copulationem ein wohlerlaubtes Vergnügen und sogar Pflicht frommer Ehegatten ist und jede Ehe besser würzt als Rosinen den Kuchen.



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